Kapitel 15

Während Paula mit AJ in dem kleinen Pavillion in Stuttgart saß und ihre Gedanken flüchtig ihr altes zu Hause und die Geschehnisse der Vergangenheit streiften, stand das Monster an eben diesem Ort in Hannover in der Dunkelheit und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf das Haus, in dem vor 20 Jahren sein Leben auf so unrühmliche Weise geendet hatte.
Es hatte sich einiges verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Das ehemals gelbe Haus war nun weiß gestrichen, der kleine Vorgarten, in dem damals bunte Blumen blühten, war nun mit Betonplatten ausgelegt und darauf standen zwei Autos.
Als er angekommen war, hatte er als erstes einen Blick auf das Namesschild an der Klingel geworfen. Natürlich besagte der Name “Kaminsiki” gar nichts, immerhin hätte dieses Miststück inzwischen heiraten, ihren Namen ändern oder wer weiß was anstellen können, doch aus einem ihm unerfindlichen Grund war er sich sicher. Er wußte, dass Paula nicht mehr hier war. Er hätte ihre Anwesenheit gespürt, so wie man es merkte, wenn man von jemandem längere Zeit angestarrt wurde. Ein leises Kribbeln zwischen den Schulterblättern, eine spürbare Präsenz, sie sich über einen legte. Nein, sie war ganz bestimmt nicht mehr hier.
Während er noch von seinem Platz unter der ausladenden Kastanie versonnen auf die Häuserfassade starrte, überlegte er bereits, wie er nun weiter vorgehen sollte. Er war nicht wirklich enttäuscht, denn im Grunde hatte er damit gerechnet, sie hier nicht mehr anzutreffen. Es wäre zu einfach gewesen.
Er entschied, sich erst einmal einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen. Er wußte, dass dies riskant war, denn sein Verschwinden würde spätestens morgen früh entdeckt werden. Andererseits bedurfte der nächste Schritt seines Planes eine gewisse Vorausschau und es würde ihm ebenfalls helfen, wenn er wach und ausgeruht war. Dass sie ihn wirklich wieder schnappen und einsperren könnten, hielt er sowieso für unmöglich. Er war das Monster, er war allmächtig und niemand würde sich ihm freiwillig in den Weg stellen und wenn doch, würde dieser jemand ganz schnell feststellen, dass man sich nicht mit ihm anlegte, egal für wie stark man sich hielt.
Mit einem leisen Lächeln befühlte er den Revolver in seiner Jackentasche. Ja, er war unbesiegbar und auch Paula Sommer würde dies sehr bald feststellen, davon war er überzeugt.
Langsam löste er sich aus dem Schatten des Baumes und warf noch einen letzten Blick hinauf in den ersten Stock, zu dem Fenster, hinter dem vor zwanzig Jahren das elterliche Schlafzimmer gelegen hatte. Wie immer, wenn er an dieses Ereigniss dachte, durchflutete ihn eine Art aufgeregtes Kribbeln, das im nächsten Moment von rasender Wut abgelöst wurde. Bald … bald würde er Paula Sommer zeigen was es hieß, sich mit dem Monster anzulegen.

Es war früh am nächsten Morgen, als er die billige Pension verließ, in der er eine schlaflose Nacht verbracht hatte. Niemand hatte ihm Fragen gestellt, bezahlte bar und war sich ziemlich sicher, dass sich niemand an ihn erinnern würde.
Bei Tag wirkte die Stadt seltsam fremd auf ihn, so viel hatte sich in den letzten zwanzig Jahren verändert. Das begann schon bei dem Erscheinungsbild der Menschen, die anders gekleidet waren, sich sogar anders bewegten und ihn dabei keines Blickes würdigten und das endete bei den Gebäuden, die abgerissen worden waren, neuen Bauten Platz gemacht hatten oder an den undenkbarsten Plätzen wie Pilze aus dem Boden schossen, ohne dass er davon irgendetwas mitbekommen hätte.
Er fühlte sich sicher in dieser neuen Anymität, bewegte sich mit festem Schritt durch die Menschenmengen, die bereits jetzt die Einkaufsmeile befölkerten und steuerte schließlich zielstrebig auf einen Taxistand zu.
Der Fahrer warf einen kurzen, misstrauischen Blick in den Rückspiegel, als er ihm die Adresse in einem der exklusiven Villenviertel nannte, doch schließlich schaltete er wortlos den Taxameter ein und fuhr los.
Das Monster lehnte sich in den Polstern zurück und genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit des Wagens, der sich mit leisem Brummen langsam durch die Innenstadt quälte, bis er schließlich die Bundesstraße erreichte und an Tempo zulegte. Die Wohnblocks und Geschäftsviertel wichen langsam zurück und machten Grünflächen und von hohen Bäumen gesäumten Alleen Platz. Das Monster konnte sich nicht erinnern, jemals hier gewesen zu sein und doch hatte er das Gefühl, sich auf ein lang ersehntes Ziel zuzubewegen. Er war den Antworten auf seine Fragen so nahe wie niemals zuvor und sein Herz begann vor Aufregung und Vorfreude einige Takte schneller zu schlagen.
Er erinnerte sich an die Gerichtsverhandlung, an den Staatsanwalt, dem deutlich anzumerken war, dass er nichts als Verachtung für ihn übrig hatte, an den Richter, der schließlich das Urteil gefällt und in seiner Begründung nicht einmal annähernd an die Wahrheit heran gekommen war.
Das Monster war nicht grausam, er war auch nicht gewissenlos oder gar krank. Sie hatten es einfach nicht begriffen, was bei ihrem beschränkten Horizont sicherlich auch nicht verwunderlich war. Er war ein Segen für die Menschheit! Er war derjenige, der sie daran erinnerte, wie wunderschön ihr beschissenes Leben doch war, wie zerbrechlich und kostbar jede Minute sein konnte und er war es gewesen, der ihnen dies in machtvollen Bildern wieder einmal vor Augen geführt hatte.
Für sie war er nichts weiter als ein Tier, vielleicht noch nicht einmal das, doch in ihrer Borniertheit sahen sie nicht, dass er im Grunde ihr Erlöser war. Der Mensch, der ihnen die Augen öffnete und der ihnen die Lebensqualität zurück gab, die sie zwischen Meetings, Terminen und all den “wichtigen” Dingen in ihrem Altag verloren hatten.
Der schlimmste von allen, derjenige, der mit der größten Verachtung, der größten Respektlosigkeit und, da war sich das Monster absolut sicher, mit einem regelrechten Ekel auf ihn herab geblickt hatte, war der Anwalt dieses Miststücks gewesen. Sie trat als Nebenklägerin auf, wobei er sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekam. Stattdessen hatte sie diesen Oberschlaumeier, diese Ausgeburt der Langeweile, Korrektheit und Überheblichkeit geschickt und genau diesem Menschen würde er jetzt einen Besuch abstatten.
Ben Willmes, damals Anwalt, heute pensionierter Besserwisser, lebte zurück gezogen in einer riesigen Villa in einem der reichsten Viertel der Stadt, zumindest hatte er das dem Telefonbuch entnommen. Nicht zu letzt hatte er dies ihm - dem Monster - zu verdanken. Durch ihn hatte er seine Puplicitiy bekommen, durch ihn waren die Reichen und Schönen dieser Welt auf ihn aufmerksam geworden und ihm hatte er seinen guten Ruf, seine großen “Fälle” und sein Ansehen zu verdanken. Dafür war ihm Ben Willmes etwas schuldig und heute war der Tag der Abrechnung gekommen.
Als das Taxi in die Straße einfuhr, in der Ben Willmes wohnte, bedeutete das Monster dem Fahrer anzuhalten und während er in seiner Hosentasche nach den passenden Scheinen suchte, meldete sich die Stimme des Nachrichtensprechers aus dem Radio.
Wir unterbrechen unsere Sendung für eine Sondermeldung. Wie soeben bekannt wurde, ist Harald H., in den achtzigern bekannt geworden als “Das Monster von Hannover”, aus der psychatrischen Klinik entflohen.
In einem Aufsehen erregenden Prozess wurde Harald H. 1985 für schuldig befunden, das Ehepaar Maria und Frank S. auf bestialische Weise ermordert zu haben. Die Tochter der beiden, Paula S., konnte nur mit knapper Not dem Tot entrinnen.
Die Polizei warnt in diesem Zusammenhang dringend, im Großraum Hannover keine Anhalter mitzunehmen. Der Täter gilt als bewaffnet und äußerst gefährlich. Sachdienliche Hinweise werden an jeder Polizeidienststelle entgegen genommen.

“Es ist wirklich eine Schande,” murmelte der Taxifahrer, während er die Scheine in einer großen, schwarzen Brieftasche verstaute. “Heutzutage kann man sich niergends mehr sicher fühlen, wenn sie schon erlauben, dass solche Verbrecher frei herum laufen.”
“Da haben sie recht,” nickte das Monster und öffnete die Wagentür. Seine Knöchel traten weiß hervor, als er den Türgriff fest umklammerte um sich nicht nach vorne zu beugen und dem Fahrer zu zeigen, was hier wirklich eine Schande war. Doch was sollte er schon von so einem Kleingeist erwarten? Niemand erkannte die Größe, die in ihm steckte und von so einem Wicht, einem Nichts, einem Niemand konnte er das erst recht nicht erwarten.
Also stieg er aus und blieb einen Moment am Straßenrand stehen, während er dem davon fahrenden Taxi nachsah. Kaum waren die Rücklichter um die nächste Ecke verschwunden setzte er sich in Bewegung.
Seine Augen suchten die Hausnummern, arbeiteten sich von 52 über 50 und 48 weiter und hielt schließlich vor der Hausnummer 30 an. Das Haus lag etwas zurück gesetzt von der Straße, ein baumbestandener Vorgarten versperrte teilweise die Sicht auf die weiße Fassade, ein gläserner Giebel schaute über den Baumwipfeln hervor und trotz der frühen Uhrzeit waren die Fensterläden geöffnet.
Das Monster drückte die Klinke des schmiedeeisernen Tores hinunter und war beinahe überrascht, dass nicht abgeschlossen war. Nachdem er sich mit einem schnellen rundum Blick vergewissert hatte, dass ihn niemand beobachtete, schob sich das Monster lautlos in den Vorgarten und lief geduckt von Baum zu Baum, während er das Haus keine Sekunde aus den Augen lies.
Die Eingangstür befand sich an der linken Seite des Hauses, weiter hinten konnte er eine Garage erkennen, vor der ein dunkler Mercedes parkte, vor ihm ragte die makellos weiße Hauswand empor, hinter deren Fenster sich nichts tat. Alles war ungewöhnlich still, nicht einmal ein Vogel zwitscherte.
Als wüssten sie, was die Stunde geschlagen hat dachte das Monster und mußte unwillkürlich grinsen. Mit schnellen Schritten umrundete er geduckt das Haus. Auf der Rückseite befand sich eine Terrasse, von der einige Stufen hinunter auf eine weite Rasenfläche führte, die am Waldrand endete. Von dort drohte ihm also keine Gefahr entdeckt zu werden.
Er schob sich an das erste Fenster zu seiner Linken heran, duckte sich unter dem Fensterbrett und hob dann langsam den Kopf. Sein Blick fiel in ein Arbeitszimmer, die Zimmertür befand sich direkt gegenüber und war geschlossen, prall gefüllte Bücherregale zogen sich vom Boden bis zur Decke über drei Seiten des Raumes, ein dunkler Schreibtisch stand direkt unter dem Fenster und in der hinteren Ecke konnte er einen altmodischen, mit rotem Leder bezogenen Ohrensessel erkennen.
Nett hatte es der Herr Anwalt, wirklich nett. Aber auch der ganze Reichtum würde ihm am Ende nicht das Leben retten, soviel war sicher.
Plötzlich wurde die Tür mit Schwung aufgerissen und das Monster duckte sich blitzschnell. Er hörte durch das nur gekippte Fenster eilige Schritte auf dem Dielenboden, das leise Klappern des Telefonhörers, als dieser abgehoben wurde und das hastige Tippen auf der Tastatur.
Das Monster presste sich noch dichter an die Hauswand und schob sich etwas näher an das Fenster heran. Diesen Anruf wollte er um nichts in der Welt verpassen. Er bildete sich ein, beinahe den Wählton des Telefons zu hören, doch das war sicherlich nur Einbildung.
Schließlich meldete sich der Anwalt mit barscher Stimme. “Guten Tag, mein Name ist Ben Willmes. Bitte verbinden sie mich mit Komissar Stelter.”
Für einen Augenblick blieb es still, dann hörte er die aufgebrachte Stimme des Anwalts erneut.
“Es interessiert mich nicht, ob er beschäftigt ist. Sagen sie ihm, es ist dringend … Hören sie junge Frau, ich verstehe ja, dass im Moment viel los ist, aber ich muß unbedingt mit Stelter wegen Harald Hanthes sprechen, haben sie das verstanden? … Nein, verdammt nochmal! Ich bin der Anwalt von Paula Sommer und ich will Komissar Stelter auf der Stelle sprechen, sonst verklage ich sie und das ganze Komissariat gleich mit!”
In der Bibliothek wurde es erneut still, dann vernahm das Monster das leise Gemurmel von Willmes “na bitte, geht doch”.
Selbst dem Monster kam es wie eine Ewigkeit vor, doch schließlich hörte er die erleichterte Stimme von Willmes erneut.
“Gott sei Dank. Komissar Stelter, erinnern sie sich an mich? Mein Name ist Ben Willmes und ich bin der Anwalt von Paula Sommer. Bitte sagen sie mir, was hier eigentlich los ist. Im Radio reden sie davon, dass Hanthes aus der Klinik geflohen ist … Ich weiß, dass die Ermittlungen noch laufen sonst wäre dieses Monster bereits wieder hinter Gittern … ,” Willmes wirkte schon wieder aufgebracht. “… aber ich muß wissen, welche Gefahren meiner Mandantin drohen. Hat er die Stadt bereits verlassen? Wie ist er überhaupt aus der Anstalt heraus gekommen? …. Was heißt, sie wissen es nicht? … Verdammt noch mal, sind sie die Polizei oder nur ein Karnevalsverein? … Hm … ja, aber … ,”
Willmes schwieg eine Weile und schien angstrengt zu zu hören. Das Monster schob sich vorsichtig ein Stückchen höher und linste über den Fenstersims. Willmes stand mit dem Rücken zu ihm vor seinem Schreibtisch, hatte sich den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und notierte etwas auf einem Notizblock, während er immer wieder beinahe unmerklich nickte oder den Kopf schüttelte.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Monsters. Das kleine Miststück und der Anwalt hatten also immer noch Kontakt, genau so hatte er sich das vorgestellt. Leise verließ er seinen Posten unter dem Fenster und wandte sich der Terrase zu. Vorsichtig pirschte er sich an die großen Schiebetüren heran und war nicht überrascht, als er eine von ihnen offen stehend vorfand. Nun gut Ben Willmes, kommen wir zum Geschäftlichen dachte er, dann schlüpfte er ins Haus und schloss lautlos die Terrassentür hinter sich.

Kapitel 16