Kapitel 13
Während das Monster durch die dunklen Gänge der Anstalt schlich, stand Paula vor dem deckenhohen Spiegel in ihrem Hotelzimmer und musterte sich ausgiebig von allen Seiten. Die heutige Show war hervorragend gelaufen und es herrschte eine ausgelassene Stimmung unter der Crew, da der nächste Auftritt erst in fünf Tagen in Mannheim auf dem Programm stand. Zur Feier des Tages hatte sie bereits vor drei Wochen eine kleine Party im Keller des Hotels organisiert. Ein DJ sollte für Musik sorgen, das Hotel hatte ein üppiges Buffet gezaubert und eine Bar mit zwei Cocktailmixern bereitgestellt.
Paula hatte sich vor einer Stunde davon überzeugt, dass alles bereit und nach ihren Vorstellungen gerichtet war, hatte hier und dort noch eine kleine Veränderung vorgenommen und war wieder zurück auf ihr Zimmer gegangen.
Eine ganze Weile hatte sie überlegt, ob sie tatsächlich an dieser Party teilnehmen sollte. Wie sie AJ bereits erklärt hatte, mochte sie diese Zusammenkünfte nicht besonders, bei denen es doch nur darum ging wer am schnellsten das meiste trinken konnte.
Doch heute Abend verspürte sie ein gewisses Prickeln wenn sie daran dachte in diese dämmrige Welt einzutauchen, die den Konturen auf angenehme Weise die Schärfe nahm, und sich wenigstens ein bisschen bei der Musik zu amüsieren. Sie gestand sich nur ungern ein, dass das durchaus auch an diesem Mann liegen konnte, dessen braune Augen sie am heutigen Tag mehrmals auf ihrem Rücken oder Gesicht gespürt hatte. Das Gefühl ihm nahe sein zu wollen war sehr stark, wenn sie sich auch bisher dagegen wehrte. Aber konnte es schaden, einen netten Abend mit ihren Arbeitgebern zu verbringen?
Also stand sie nun in einem schwarzen, kurzen Kleid mit tiefem Ausschnitt, hochhackigen Schuhen und dem Silberschmuck ihrer Mutter vor dem Spiegel und überlegte, ob ihr Hintern in diesem Kleid schon das letzte Mal so riesig ausgesehen hatte und ob es nicht eine komplett idiotische Idee war sich in diesem Outfit dort unten zu zeigen. Das sah nun ganz und gar nicht geschäftsmäßig aus.
Schließlich griff sie entschlossen nach der Codekarte, löschte das Licht und trat hinaus auf den Flur. Sie musste ja nicht ewig bleiben. Nur mal gucken und dann wieder verschwinden.
AJ saß auf einem der gepolsterten Hockern, hatte sich entspannt an die Wand gelehnt und lies seinen Blick durch den niedrigen Raum schweifen. Das Hotel hatte sich wirklich Mühe gegeben. Das Licht war gedämpft und zudem hinter dunkelroten Stoffbahnen versteckt. Auf der kleinen Tanzfläche hatten sich bereits einige Menschen versammelt und bewegten sich zum Rhythmus der Musik, die Barkeeper hinter der Theke wirbelten die Flaschen gekonnt in der Luft herum, warfen sich gegenseitig Eiswürfel zu um sie geschickt mit dem Mixbecher aufzufangen und bedankten sich mit einer kleinen Verbeugung bei ihrem begeisterten Publikum.
Um AJs Tisch herum saßen einige Tänzer, die die Mitglieder ihrer Crew auf der Tanzfläche lautstark anfeuerten, Marcus, sein persönlicher Bodyguard, der für für seine massige Gestalt gleich zwei Hocker benötigte und am anderen Ende konnte er Nicks blonden Haarschopf erkennen, während er offensichtlich mit Lyn in eine hitzige Diskussion vertieft war.
Alle schienen sich wohl zu fühlen, jeder amüsierte sich köstlich, nur er kam sich auf eine schwer zu erklärende Art verloren vor. Eigentlich sollte er glücklich sein. Bisher hatte sich die Tour als eine entspannte Reise heraus gestellt, nicht zu vergleichen mit den Mammuttouren, die sie vor einigen Jahren noch unternommen hatten und bei denen ihm kaum Zeit zum Atmen geblieben war.
Es war ihnen dieses Mal wichtig gewesen die Tour zwar ausdauernd und straff zu organisieren, sich aber Lücken zu lassen um zwischendurch einfach mal wieder runter zu kommen und sich dem Rest der Welt und ihrem eigenen Leben bewusst zu werden. Gerade für ihn war dies sehr wichtig.
Er musste zugeben, dass er ein bisschen Angst gehabt hatte, als es vor einigen Monaten in den USA losging. Er wusste nicht, wie stark er inzwischen geworden war, ob er dem Druck und der Hektik tatsächlich standhalten konnte. Überraschender Weise war bis jetzt alles prima gelaufen.
Er hatte sich bereits vorab über Städte informiert, die Treffen der anonymen Alkoholiker für Durchreisende wie ihn anboten, hatte mehrere Male mit Lyn telefoniert um zu hören, wie eng der Terminplan gestrickt wurde und last but not least hatte ihn bisher jeder auf dieser Tour tatkräftig dabei unterstützt, trocken zu bleiben und sich nicht wieder in den dunklen Schlund der Depressionen hinunter ziehen zu lassen. So weit so gut.
Doch heute Abend spürte er das erste Mal so etwas wie Heimweh. Die Sehnsucht nach seinem Haus hoch oben auf den Klippen über dem Meer, nach seinen Freunden, einem entspannten Abend zu Hause auf der Couch und einfach ein bisschen Ruhe wurde in ihm beinahe übermächtig.
Vielleicht überlegte er sollte ich einfach hinauf auf mein Zimmer gehen, die Glotze einschalten und früh schlafen gehen. Vielleicht tut es mir gut mal eine Weile allein zu sein.
Dann schaute er sich um und grimmig stellte er fest, dass er sich hier trotz der vielen, ihm vertrauten Gesichtern auch alleine fühlte. Was machte es da also für einen Unterschied ob er auf seinem Zimmer oder hier saß?
Als er von seinem alkoholfreien Bier aufsah und noch einmal einen Blick in die Runde warf, blieben seine Augen am Eingangsbereich hängen. Paula kam gerade herein und sein Herz machte einen freudigen Satz in seiner Brust. Sie sah einfach umwerfend in diesem Kleid aus, mit den Händen fuhr sie sich unsicher durch das Haar und leise lächelnd schaute sie sich um. Ob sie ihn entdecken würde?
Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr und als er den Kopf ein wenig drehte, sah er Kevin mit dem Rücken an der Bar lehnen, lässig aus einer Flasche Bier trinken, während seine Augen ihn aufmerksam musterten. Er deutete leicht mit dem Kopf zu Paula hinüber und machte eine auffordernde Geste in AJs Richtung. Doch der schüttelte den Kopf. Er wollte nicht auf Paula zustürzen, als hätte er den ganzen Abend nichts anderes getan, als hier zu sitzen und auf ihre Ankunft zu warten. Wenn er jetzt so darüber nachdachte, kam es ihm allerdings selbst so vor, als hätte er die ganze Zeit nur nach ihr Ausschau gehalten.
Kevin zuckte mit den Achseln, stieß sich dann von der Bar ab und ging auf Paula zu. AJ sah, wie sie sich kurz umarmten, Kevin Paula links und rechts einen Kuß auf die Wange gab, sie irgendetwas zu ihm sagte, was ihn breit grinsen lies, und sie dann aufforderte, mit ihm zu kommen. Zielstrebig steuerten sie auf AJs Tisch zu und er verfluchte innerlich seinen Freund dafür. Was sollte das? Spielte Kevin nun den Kuppler?
Hier ist er, sagte Kevin grinsend, als sie ihn schließlich erreicht hatten.
Ich danke dir, lächelte Paula und heftete dann ihre Augen auf AJ. Hi, sagte sie und sah sich suchend nach einer Sitzgelegenheit um. Allerdings war es beinahe unmöglich in dem Gedränge einen freien Hocker zu finden.
Ich werde dann mal wieder, hörte er Kevin dicht an Paulas Ohr sagen, sie nickte, tätschelte ihm noch einmal den Arm und machte dann einen Schritt auf AJ zu. Rutschst du ein Stück? fragte sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und ganz automatisch machte er ein wenig für sie Platz.
Wow, das nenne ich eine Party, was? fragte sie ihn, wobei sie sich dicht zu ihm hinüber beugen musste, damit er sie über die laute Musik hinweg verstand.
Hm, brachte er nur heraus, unglaublich verwirrt zum einen über ihre Nähe und ihren Duft und zum anderen über den Umstand, dass der Saum ihres Rockes über ihrem Knie endete und somit wesentlich mehr von ihren langen Beinen preisgab, als ihm gut tat.
Sie musterte ihn einen Moment, dann lehnte sie sich wieder so weit zu ihm hinüber, dass ihn ihr warmer Atem am Hals streifte als sie sagte du bist heute nicht sehr gesprächig, kann das sein?
Sie rückte ein Stück von ihm ab, um ihn anzusehen und er hatte keine Ahnung was er jetzt sagen sollte.
Ich bin nur ein bisschen müde, erklärte er. Ich überlege gerade, ob ich nicht lieber nach oben in mein Bett gehen sollte.
Achso, entgegnete sie und er war überrascht über den enttäuschten Ausdruck auf ihrem Gesicht. Der war es dann wohl auch, der ihn weiter sprechen lies.
Ich glaube, ich bin heute Abend einfach nicht in Partystimmung. Irgendwie habe ich das Gefühl ... ich weiß auch nicht ... , er brach ab, schüttelte den Kopf und nippte an seinem Bier, einfach um irgendetwas zu tun zu haben.
Ja, manchmal passt es einfach nicht, hörte er sie sagen.
Es war beinahe lächerlich. Da saß er hier, spürte, wie sein Herz vor Aufregung schneller schlug und versuchte ihr vorzumachen, dass es ihm absolut egal war, dass sie hier so nahe neben ihm saß und dass er lieber in sein Bett wollte. Wirklich lächerlich.
Wenn du möchtest ... , hörte er sie sagen und als er in ihre Augen aufsah, lag ein unsicherer Zug darum können wir auch wo anders hingehen.
Wo anders? fragte er und kam sich dabei wie ein totaler Vollidiot vor.
Ja. Ich ... nun ja ... vielleicht hättest du Lust auf einen kleine Spaziergang.
Spaziergang? echote er erneut wie ein Papagei und wünschte sich ein Loch, in dem er verschwinden konnte.
Tut mir leid, war ne blöde Idee, nickte sie und stand auf. Ich ... uhm ... lass dich dann mal lieber alleine.
Schon hatte sie sich herum gedreht und strebte dem Ausgang zu und er hatte nichts besseres zu tun, als ihr wie ein hypnotisiertes Schaf hinterher zu starren.
Also echt Kumpel, Marcus riesige Pranke legte sich auf seine Schulter. Ich habe dich schon charmanter mit Frauen umgehen sehen.
AJ starrte seinen langjährigen Freund überrascht an, dann nickte er und stand entschlossen auf. Du hast Recht. Ich bin ein Idiot. Danke, sagte er und hastete Paula hinterher.