Kapitel 12

Um kurz nach Mitternacht schob sich das Monster lautlos aus seinem Bett. Den ganzen Tag hatte er auf diesen Moment hingefiebert, hatte versucht, sich so normal wie möglich zu verhalten und gehofft, dass man ihm seine aufgewühlten Gefühle und seine Unruhe nicht ansah. Aber bisher war alles glatt gegangen.
Am späten Nachmittag hatte er im Speisesaal gehört, wie zwei der Pfleger sich über das Verschwinden von Adriana unterhielten. Noch vermutete man lediglich, dass sie etwas früher nach Hause gegangen war und dabei vergessen hatte, die Stechuhr zu betätigen. Das Monster hatte die Ohren gespitzt und mit unbändigem Vergnügen der Unterhaltung gelauscht.
Scheinbar war einer von Adrianas Kollegen den Park abgegangen um nachzusehen, ob sie sich dort vielleicht noch irgendwo aufhielt, ein anderer hatte das Gebäude unter die Lupe genommen. Beide hatten sie nichts gefunden.
Um das Protokoll der Sicherheitskarten abzufragen, in dem man genau ablesen konnte wer wann mit welcher Karte das Gebäude betreten oder verlassen hatte, benötigten sie eine Genehmigung des Anstaltsleiters und der war ausgerechnet heute auf einer Tagung in Berlin.
Man hatte also beschlossen, bis morgen abzuwarten. Aber dann würde es zu spät sein, doch das wussten diese dummen Schafe natürlich nicht.
Bevor das Monster zu Bett gegangen war, hatte er sich die Kleidung für die Nacht zurecht gelegt: Saubere Jeans, zwei T-Shirts, einen dicken Pullover und seine Lederjacke. Dann tastete er zwischen den Socken in der obersten Schublade der Kommode herum, bis er das kleine Bündel Geldscheine zu fassen bekam.
Geld war in diesem Haus beinahe schwerer zu bekommen als eine Waffe. Wenn man erst einmal hier drin war, brauchte man kein Geld mehr. Alles was man as, alles was man benutzte, verwendete, benötigte, wurde von einem Konto abgebucht, das in den meisten Fällen von den Steuerzahlern regelmäßig aufgefüllt wurde.
Hinzu kam, dass nach der Währungsreform vor ein paar Jahren, die alten Geldscheine ihre Gültigkeit verloren und das Monster wochenlang vor Wut darüber innerlich gekocht hatte. Eine Möglichkeit, seinen illegal angehäuften Reichtum umzutauschen bestand nicht und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit den Scheinen den Hintern ab zu wischen und sie nach und nach in der Toilette hinunter zu spülen. Für den Arsch, genau das waren diese Scheine, nicht einmal mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt waren.
Also hatte er angefangen in den letzten vier Jahren eine neue Sammlung anzulegen. Auf viel hatte er es allerdings nicht gebracht. Er wusste immer, wie viel Geld sich in der Kommodenschublade befand. Im Moment genau 235 Euro. Wirklich weit würde er damit sicherlich nicht kommen, aber immerhin stand er nicht ganz mittellos da.
Er verstaute die Scheine in der Hosentasche seiner Jeans und legte diese dann wieder feinsäuberlich über den Stuhl.
Jetzt, mitten in der Nacht, als das Monster sich seines Pyjamas entledigte und sich in der Dunkelheit lautlos anzog, hatte sich die Hektik und Betriebsamkeit in der Anstalt gelegt, das Pflegepersonal war, bis auf ein paar wenige Ausnahmen die Nachtdienst hatten, nach Hause gegangen und eine gespenstige Stille lag über dem gesamten Haus.
Vorsichtig öffnete das Monster seine Zimmertür und spähte hinaus. Der Gang lag offen und verlassen, nur von einem kleinen Notlicht beleuchtet, vor ihm. Auf seiner Seite des Ganges gingen etliche Türen ab, hinter denen die anderen Insassen dieser Irrenanstalt hoffentlich tief und fest schliefen, auf der anderen Seite waren Getränke- und Essensausgabewägen aufgestellt und am Ende wies eine helle Lichtinsel auf das Büro der Nachtaufsicht hin.
Auf Zehenspitzen schlich das Monster aus seinem Zimmer und drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Er wagte kaum zu atmen, während er sich immer weiter den Gang hinunter schob, dabei auf jedes Geräusch lauschte und den Tresen des Stationszimmers nicht aus den Augen lies. Geräusche des Fernsehers kamen von dort. Es hörte sich nach einer wilden Verfolgungsjagt an und das Monster hoffte, dass das Pflegepersonal dadurch entsprechend abgelenkt sein würde.
Kurz vor dem Büro der Nachtaufsicht, das durch eine hell erleuchtete Theke vom Gang abgetrennt war, wechselte er auf die andere Seite und spähte vorsichtig und unendlich langsam um die Ecke.
Der Tresen war nicht besetzt. Vor dem dunklen Bildschirm des Computermonitors stand ein verlassener Bürostuhl, neben der Tastatur eine halbvolle Tasse Kaffee, die allerdings schon kalt zu sein schien. Dahinter führte eine schmale Tür, die weit offen stand, in einen angrenzenden Aufenthaltsraum, der durch das bläuliche Schimmern des Fernsehgerätes erhellt wurde. Zwei Männer in weißen Kitteln saßen mit dem Rücken zu ihm nebeneinander auf einer Couch und starrten in die Glotze, während sie eine Zigarette rauchten und sich leise unterhielten.
Das Monster duckte sich und huschte unter dem Tresen hindurch weiter den Gang hinunter, dann bog er um eine Ecke und richtete sich auf, wobei er die angehaltene Luft langsam entweichen lies. So weit so gut. Bis hierher hatte alles bestens geklappt, auch wenn ihm klar war, dass dies noch der leichteste Part gewesen war.
Er tastete nach der Codekarte in seiner Hosentasche. Dieses winzige Kleinod würde ihm Tür und Tor öffnen. Die kleinen Lesegeräte waren erst vor fünf Jahren eingebaut worden. So lange hatte sich die Anstalt der modernen Technik verschlossen und es dem Monster damit unmöglich gemacht, von hier zu verschwinden. Leise schlich er weiter, zog dabei die Karte hervor und schloss fest seine Hand darum. Dieses Mal musste es einfach klappen!
Er ging noch um zwei weitere Ecken, ohne dass ihn jemand entdeckte, laut hinter ihm herrief und damit Alarm auslöste. Dann erreichte er die erste Sicherheitssperre. Es handelte sich hier um eine Tür aus bruchsicherem Glas, die zudem noch mit einem Drahtgeflecht im Inneren verstärkt wurde. Er hatte schon gesehen, wie ein Patient, der aus irgendeinem Grund in Panik geraten war, auf die Tür zulief weil er meinte, er könne sie einfach so mit seinem Kopf durchbrechen. Im Endeffekt hatte er sich einen Schädelbasisbruch und eine ordentliche Platzwunde inklusive Gehirnerschütterung zugezogen und die Tür hatte nicht einmal einen Kratzer abbekommen.
Neben der Tür an der Wand war eines der kleinen Lesegerät angebracht. Das Monster schob sich heftig atmend daneben und zog mit leicht zitternden Fingern die Karte durch den dafür vorgesehen Schlitz. Für einen endlos langen Moment passierte gar nichts und das Monster spürte, wie sich sein Magen vor Schreck verkrampfte, doch dann gab das Gerät einen leisen Piepton von sich und die Tür schwang wie von Geisterhand nach außen auf.
Mit größter Anstrengung unterdrückte er einen Triumphschrei und schob sich lautlos durch die Tür. Hinter ihm schwang diese genau so leise, wie sie sich geöffnet hatte, wieder zu. Vor ihm lag ein Gang, der sich durch nichts von dem unterschied, aus dem er gerade gekommen war. Schnell huschte er weiter, bog hier einmal ab, stieg dort zwei Stockwerke nach unten, öffnete noch zwei weitere Türen mit Adrianas Codekarte und erreichte schließlich die schwere Stahltür, die vom Treppenhaus in die Empfangshalle im Erdgeschoss hinaus führte.
Vorsichtig drückte er die Klinke hinunter, zog die Tür langsam einen Spalt weit auf und erstarrte. Dahinter stand eine Schwester mit einem dicken Zopf aus dunklen Haaren und unterhielt sich mit einem Kollegen. Das Monster unterdrückte den Impuls die Tür einfach wieder zuzuknallen und kopflos davon zu renne, stattdessen schloss er die Tür unendlich langsam wieder und drückte sich mit rasendem Herzklopfen gegen die kalte Wand des Treppenhauses.
Was nun? Es gab keinen anderen Weg hier heraus. Er musste durch die Lobby, in den angrenzenden Bürotrakt und von dort zur Hintertür - die einzige Tür ins Freie, die er mit Adrianas Karte öffnen konnte.
Er musste wohl oder übel hier warten, bis die beiden vor der Tür verschwunden waren und dann ...
Plötzlich wurde die Türklinke mit einem schnellen Ruck nach unten gedrückt und geistesgegenwärtig sprang das Monster nach vorne und stolperte einige Stufen in das nächste Stockwerk hinunter, bevor er sich flach auf die Treppe presste und den Atem anhielt.
„Ich frage mich wirklich, was in sie gefahren ist,“ hörte er eine weibliche Stimme und dann Schritte, die die Stufen nach oben erklommen. „Wie kann man nur einfach seinen Arbeitsplatz verlassen, ohne jemandem Bescheid zu sagen?“
„Ach, wer weiß, was ihr dazwischen gekommen ist? Vielleicht ein Notfall in der Familie oder so,“ hörte er eine männliche Stimme, die der anderen nach oben folgte.
„Trotzdem kann man doch kurz bescheid sagen, oder? Samuel musste das ganze Parkgelände nach ihr absuchen. Er fand das jedenfalls nicht sonderlich witzig.“
Eine Tür wurde irgendwo über ihm geöffnet und wieder geschlossen, dann legte sich wieder vollkommene Stille über das Treppenhaus.
Zischend entwich die angehaltene Luft aus dem Mund des Monsters und langsam richtete er sich auf. Er warf einen vorsichtigen Blick nach oben. Das Treppenhaus lag verlassen vor ihm und mit einem kleinen Lächeln trat er aus dem Schatten und wieder auf die Stahltür zu. Sie waren solche Schäfchen. Nichts hatten sie kapiert. Rein gar nichts!
Wieder öffnete er die Tür einen Spalt breit und spähte hinaus. Diesmal sah er das, was er erwartet hatte. Die Empfangshalle war nur spärlich erleuchtet, der Empfang nicht besetzt, da die vordere Tür abgeschlossen und zusätzlich mit einem stabilen Riegel gesichert war.
Wie ein Schatten schob er sich durch die Tür und in die Lobby. Leise schlich er weiter, erreichte die Tür zum Bürotrakt, schlüpfte hindurch und begann nun beinahe zu rennen. Gleich hatte er es geschafft!
Am Ende des langen Ganges, von dem unzählige Türen in dunkle Büroräume abgingen, erwartete ihn schließlich das Tor zu Freiheit in Form einer feuerfesten Hintertür. Ein letztes Mal zog er Adrianas Codekarte durch das Lesegerät, der Schließmechanismus gab ein leises Geräusch von sich, dann drückte er die Tür auf und huschte hinaus in die Nacht.
Geduckt rannte er über den, mit gelben Lampen notdürftig beleuchteten Parkplatz, drückte sich in den Schatten der Büsche, die den Parkplatz umrahmten, ging bis zum Ende des hohen Maschendrahtzaunes und duckte sich dann erschrocken, als er das Pförtnerhäuschen bemerkte, das wie eine gleißend helle Lichtinsel aus der Dunkelheit aufragte.
Er sah einen Wachmann mit dickem Bierbauch und fast schlohweißen Haaren, der in einem Stuhl hinter der Scheibe saß und in einem Buch las. Seine Mütze lag neben ihm auf dem Tisch, ein Funkgerät stand daneben und er hatte die Beine hochgelegt.
Nun gut, ein weiters Hindernis, das es zu überwinden galt, aber das sollte für das Monster keine große Schwierigkeit darstellen. Geduckt rannte er weiter und erwartete die ganze Zeit, dass der Wachmann aufsehen, ihn entdecken und Alarm schlagen würde. Doch nichts passierte. Der Mann war scheinbar so vertieft in sein Buch, dass er um sich herum nichts mehr wahrnahm.
Geräuschlos schob sich das Monster an die offene Tür der Pförtnerloge heran. Der Wachmann wandte ihm den Rücken zu, wippte leicht mit den Füßen im Takt der Klaviermusik, die aus einem kleinen Transistorradio kam und blätterte gerade in diesem Moment eine Seite um.
Die Augen des Monsters fielen auf die Waffe, die der Mann am Gürtel trug und ein zufriedenes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Fast wie Weihnachten“ dachte er, während er sich aufrichtete und das Pförtnerhäuschen betrat.
Der Wachmann zuckte zusammen, als ein Schatten auf ihn fiel, doch noch bevor er die Füße vom Tisch nehmen und sich herum drehen konnte, hatte das Monster bereits sein Kinn und seine Schultern umfasst. Mit einem einzigen, kräftigen Ruck brach er dem Wachmann das Genick und das trockene Knacken, dass den kleinen Raum dabei erfüllte, jagte ihm einen angenehmen Schauer über den Rücken und verzückt hielt er noch einen Moment mit dem Kopf des Wachmannes im Arm inne. Das war zwar nicht ganz so gut, wie in Blut zu baden, aber man konnte eben nicht alles haben.
Schließlich lies er den Kopf einfach los, dieser fiel nach hinten und die hellen, gebrochenen Augen des Wachmannes starrten ihn an, auf seinem Gesicht lag noch der Ausdruck vollkommener Überraschung.
Das Monster bückte sich und nahm die Waffe an sich, dann tippte er sich einmal an eine imaginäre Schirmmütze, deutete eine Verbeugung an und verschwand dann endgütlich in die Dunkelheit der Nacht.

Kapitel 13