Kapitel 11
Eigentlich hatte das Monster nicht vorgehabt, seinen Plan so schnell in die Tat umzusetzen, aber nachdem er sich eine Nacht lang mit sämtlichen Aspekten beschäftigt und festgestellt hatte, dass es diesmal tatsächlich klappen könnte, erfasste ihn eine unglaubliche Unruhe. Es war, als hätte man ihm ein köstliches Stück Kuchen vorgesetzt, ihm aber verboten, davon zu essen. Der süße Duft stieg ihm in die Nase, das Wasser lief ihm im Mund zusammen und seine Finger zuckten hektisch in Richtung des Tellers. Nein, er konnte unmöglich noch länger warten.
Also bereitete er sich auf den täglichen Hofgang ganz besonders vor. Mit Bedacht wählte er seine Kleidung aus: Jeans, ein T-Shirt, über das er ein weiteres zog und darüber noch einen dicken Pullover streifte. Danach setzte er sich auf sein Bett, schloss für einen Moment die Augen und ging seinen Plan noch einmal im Kopf durch. Es durfte nichts schief gehen, denn der kleinste Fehler würde ihn zurück in die geschlossene Abteilung befördern und dann, das wusste das Monster sicher, würde er es nie schaffen, von hier zu verschwinden.
Für einen winzigen Augenblick gestattete er sich an Paula zu denken. An ihr Gesicht mit den großen, blauen Augen, das lockige Haar und die feinen Gliedmaßen. Er versuchte sich vorzustellen, wie sie heute als Erwachsene aussah, doch so recht wollte ihm das nicht gelingen.
Also stand er schließlich auf, kehrte entschlossen seinem Zimmer den Rücken und machte sich auf den Weg hinaus um den ersten Teil seines Planes in die Tat umzusetzen.
Schon als er die Terrasse betrat, sah er Adriana Kaballa im Gespräch mit einem anderen Pfleger auf dem Rasen stehen. Wie immer gestikulierte sie wild mit ihren Händen in der Luft herum, die Sonnenstrahlen, die vereinzelt durch die Wolken fielen, ließen ihr graues Haar aufleuchten und vertieften die kleinen Fältchen in ihrem runden Gesicht. Wie immer trug sie weiße Hosen, darüber einen weißen Schwesternkittel und die Codekarte baumelte verheißungsvoll auf ihrer Brust.
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Monsters. Das würde auf jeden Fall einer der erregensten Momente seiner Flucht werden.
Lässig stieg er die Stufen in den Garten hinab. Soeben verabschiedete sich Adriana von dem Pfleger und begann in seine Richtung zurück zum Haus zu laufen. Sein Lächeln vertiefte sich. Manchmal musste man auch ein wenig Glück haben.
Als sie ihn fast erreicht hatte, sprach er sie an und auf ihrem Gesicht erschien ein warmes, fürsorgliches Lächeln.
Hallo Adriana. Ein schöner Tag heute, nicht wahr? sagte er und blieb stehen.
Auf jeden Fall Harald. Einfach wunderschön diese Farben der Blätter, nicht?
Beim Klang dieses Namens zuckte er innerlich zusammen und fühlte, wie das Blut in seinen Adern schneller zu pulsieren begann. Sie würde diesen Namen nicht noch einmal ungestraft aussprechen, das schwor er sich.
Äußerlich vollkommen entspannt nickte er. Da haben sie recht. Ich finde, der Herbst ist sowieso eine der schönsten Jahreszeiten.
Das stimmt, nickte Adriane und das Monster bemerkte, dass sie sich bereits anschickte weiter zu gehen.
Adriana? fragte er deshalb schnell.
Ja? Die Schwester blickte lächelnd zu ihm auf.
Ich ... also ... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll ... , druckste er herum und gratulierte sich innerlich zu seinem perfekten Schauspiel.
Was gibt es denn? hakte sie freundlich nach. Wo auch immer sie hin gewollte hatte, sie schien es vergessen zu haben. Ihre gesamte Aufmerksamkeit richtete sich nun auf ihn.
Ich habe das Bedürfnis mit jemandem zu sprechen. Also ... mit ... nun ja ... nicht mit einem der Ärzte, verstehen sie? Die sind so ... ich weiß auch nicht ... ich glaube, sie sehen in mir eine Art Tier, ein Insekt, das sie zerquetschen können, wenn sie das wollen und ... ich meine ... wir kennen uns doch jetzt schon eine ganze Weile oder?
Adriana nickte immer noch lächelnd.
Und da dachte ich, vielleicht haben sie einen Moment Zeit für mich.
Aber sicher habe ich Zeit für sie Harald. Wo drückt denn der Schuh?
In seinen Hosentaschen ballte er die Hände zu Fäuste. Schon wieder dieser Name! Konnte sie damit nicht einfach aufhören?
Ist es in Ordnung, wenn wir ein Stück gehen? Ich ... fühle mich hier so beobachtet, wissen sie?
Aber hier ist doch niemand ... ,
Trotzdem, fiel das Monster ihr ins Wort. Bitte. Nur ein paar Schritte. Es wird auch nicht lange dauern.
Er sah, wie Adriana überlegte. Sie warf einen kurzen Blick zum Haus hinüber, stellte scheinbar fest, dass dort alles bestens lief und nickte schließlich.
In Ordnung, lassen sie uns ein Stück gehen.
Am liebsten hätte er sie am Arm gepackt und hinter sich her gezerrt, aber er unterdrückte diesen Impuls und zwang sich dazu langsam und bedächtig neben ihr her zu schlendern.
Er konnte im Nachhinein nicht mehr genau sagen, über was er sich mit ihr unterhalten hatte. Er meinte sich vage zu erinnern, dass er ihr irgendetwas von allein sein vorjammerte und während sie den Weg entlang schritten und sich immer weiter vom Haus entfernten, lauschte Adriana aufmerksam seinen Worten und nickte immer wieder bedächtig.
Diese dumme Gans, dachte das Monster und seine Stimme klang höhnisch in seinem Kopf. Merkt tatsächlich nicht, dass sie gerade von ihrem Henker zum Schafott geführt wird.
Schließlich erreichten sie die Baumgruppe unter der seine Bank stand. Kurz davor wurde er langsamer, bis er dann schließlich stehen blieb.
Verstehen sie Adriana, sagte er gerade. Ich habe hier niemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Tag ein Tag aus die gleichen Menschen um mich herum die, und das mögen sie mir verzeihen, nicht zu mir passen und meinen Intellekt nicht teilen.
Ich versteh, was sie damit sagen wollen, entgegnete Adriana und lächelte freundlich zu ihm auf. Aber ich bin mir sicher, dass sie den Menschen hier gar keine Chance geben, sie näher kennen zu lernen. Sie haben sich selbst in eine Isolation begeben und nur sie können diese durchbrechen.
Blah, blah, blah. Alles nur dummes Gelaber. Wenn sie wüsste ...
Aber sehen sie es sich doch an, sagte das Monster und deutete damit zurück zum Haus. Adriana folgte seinem Blick, drehte sich allerdings nicht um. Das Monster beschloss, etwas nachzuhelfen.
Sehen sie, sagte er erneut, griff nach ihren Schultern und drehte sie in Richtung Haus, so dass sie der Baumgruppe den Rücken zukehrte.
Was soll ich denn sehen? fragte Adriana und leichte Verwirrung war in ihrer Stimme zu hören.
Sehen sie einen vernünftigen Menschen da vorne? fragte das Monster, während er bereits vorsichtig rückwärts ging und versuchte, kein Geräusch dabei zu verursachen.
Ich sehe Menschen, ja, gab Adriana zurück. Und ich sehe, dass es dort tatsächlich auch nette gibt, die sie gerne kennen lernen würden. Da vorne zum Beispiel ist Rupert.
Sie deutete auf irgendeinen Punkt ohne zu merken, dass das Monster gar nicht mehr neben ihr stand, sonder sich bereits unter den Bäumen befand und in der kleinen Vertiefung zwischen den Ästen nach der Spitzhacke tastete.
Rupert wirkt vielleicht ein wenig verschlossen, aber er ist sehr nett. Er malt sehr gerne und ich habe gesehen, dass sie das auch schon versucht haben und ich muß ihnen sagen, dass sie einiges Talent besitzen.
Das Monster hatte inzwischen die Spitzhacke an sich genommen und schlich zurück auf den Weg.
Dieses Bild von dem kleinen Mädchen ... ,
Das Monster trat zurück auf den Weg.
... mit dem Lockenkopf ... ,
Er holte aus und spürte das Gewicht der Spitzhacke beruhigend schwer in seiner Hand.
... das war wirklich allerliebst ... ,
Mit einem leisen Sirren sauste die Hacke auf Adrianas Rücken hinunter. In diesem Moment schien ihr aufzugehen, das hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte. ... was machen sie ... ,
Doch es war zu spät. Noch bevor Adriana sich ganz herum drehen konnte traf sie ein Schlag mit so ungeheurer Wucht, dass sie gemeinsam mit dem Monster nach vorne taumelte. Das spitze Ende der Hacke bohrte sich in ihren rechten Lungenflügel. Sofort erschien, wie von Geisterhand gemalt, ein dunkelroter Fleck auf ihrer blütenweißen Schwesterntracht, der sich immer weiter ausbreitete.
Ein irres Kichern kam aus dem Mund des Monsters. Blut! Oh wie wunderbar!
Mit einiger Anstrengung löste er die Hacke aus Adrianas Körper. Er musste sie dafür ein paar Mal auf und ab bewegen, bis sie sich schließlich mit einem schmatzenden Geräusch löste.
Adriana taumelte vorwärts und fuhr gleichzeitig zu ihm herum. Ihre Augen waren weit aufgerissen und blankes Entsetzen war darin zu lesen. Ihr Mund war geöffnet, so, als versuche sie zu schreien, doch anstatt einem Ton kam ein Schwall Blut aus ihrem Mund und ergoss sich über ihre Brust, tropfte hinunter auf den Weg und benetzte auch die Kleidung des Monsters.
Ein Schauer der Erregung durchflutete ihn und lies ihn erzittern. Er spürte, wie sein Glied steif wurde, wie sich ein beinahe übermächtiges Gefühl der Unverwundbarkeit in ihm breit machte und sich sämtliche seiner Muskeln anspannten.
Und Adriana? Wer hat jetzt das Sagen? flüsterte er, während er einen Schritt auf sie zumachte.
Sie schien wie erstarrt, hatte vielleicht noch gar nicht ganz begriffen, was hier gerade passierte. Der Schock lähmte sie und das Monster war sich sicher, dass sie noch keinen Schmerz verspürte. Allerdings schien sie zu bemerken, dass sie keine Luft mehr bekam. Sie röchelte, griff sich an den Hals und fuhr herum.
Hier geblieben, zischte das Monster, holte aus und schlug erneut mit der Spitzhacke zu.
Er traf sie diesmal etwas unterhalb des Schulterblattes. Er spürte, wie Knochen brachen, das spitze Ende durch Fleisch, Sehnen und Muskeln drang und sah noch mehr Blut, das sofort hervortrat.
Nun gab es für das Monster kein Halten mehr. Mit einem knurrenden Laut, der tief aus seiner Kehle kam, packte er Adrianas Haarschopf und zerrte sie hinunter vom Weg und unter die Bäume. Dort warf er sie zu Boden und hob die Hacke hoch über seinen Kopf.
Mit voller Wucht lies er sie herab sausen. Immer und immer wieder. Der Körper unter ihm bäumte sich auf, ein Gurgeln war zu hören, Adrianas Hände tasteten panisch in dem trockenen Laub umher und das Monster stand über ihr und lachte.
Blut spritze mit jedem Schlag auf, benetzte seine Kleider, sein Gesicht und seine Arme und immer wieder stieß er diesen einen Satz heiser hervor. Wer hat jetzt das Sagen, hä? Wer hat jetzt das Sagen? Wer hat ... ,
Er sah seine Mutter vor sich, wie sie den schweren Ledergürtel seines verstorbenen Vaters zwischen den Händen auseinander zog. Er hörte sie sagen ich werde dir zeigen, wer hier das Sagen hat. Und dann sah er den Riemen auf sich herab sausen, spürte beinahe den glühenden, alles verzehrenden Schmerz, der sich auf seinem Rücken ausbreitete, hörte das laute Schnaufen seiner Mutter, während sie immer wieder ausholte und dabei mit sich überschlagender Stimme schrie Wer hat jetzt das Sagen, hä?
Wer hat jetzt das Sagen? rief auch er, während die Spitzhacke ein letztes Mal auf Adrianas Körper herunter sauste. Dann knickten seine Beine unter ihm weg und vor Anstrengung heftig atmend fiel er neben Adriana auf die Knie. Der Körper bewegte sich nicht, trotzdem drehte das Monster ihn auf den Rücken ... nur um ganz sicher zu gehen.
Adrianas dunkle Augen starrten glanzlos zu ihm auf. Blätter und Erde klebten an ihrem Gesicht und vorsichtig entfernte das Monster sie. Die Haut darunter war schneeweiß, weich und noch warm. Adrianas Kinn und Hals glänzte feucht von dem Blut und das Monster malte mit dem ausgestreckten Zeigefinger kleine Muster hinein.
Du hattest recht, flüsterte er ich kann ganz gut malen.
Dann nahm er die Codekarte an sich. Auch sie war mit Blutstropfen übersät und er wischte sie vorsichtig an einer noch sauberen Stelle von Adrianas Schwesternkittel ab. Er verstaute sie in seiner Hosentasche, dann drehte er die Leiche wieder auf den Bauch, packte den Saum des Kittels und mit einem trockenen Geräusch, riss er ihn von unten nach oben auf.
Adrianas Rücken kam zum Vorschein. Dunkle Löcher mit rosigem, gezacktem Rand klafften überall und dazwischen wanden sich Schlieren von rotem, köstlichem Blut. Das Monster konnte auch hier nicht widerstehen und malte ein Kleeblatt auf ihren Rücken.
Dann lies er sich zurück sinken, sein Körper erschlaffte und für eine ganze Weile saß er einfach so da und betrachtete sein Werk. Endlich fühlte er sich wieder vollkommen, endlich schien sämtliche Energie wieder in den richtigen Bahnen zu fließen und endlich war sein Kopf wieder frei und nicht vernebelt von all den Medikamenten und Beruhigungsmittel, die sie ihm nun schon so lange Zeit einflößten. Er war glücklich. Nach zwanzig Jahren endlich wieder vollkommen glücklich.
Ein lautes Lachen, das vom Haus zu ihm herüber geweht wurde, holte ihn schließlich zurück in die Realität. Das erste Mal sah er an sich hinunter.
Der Pullover war nicht mehr zu gebrauchen und als er ihn sich über den Kopf gezogen hatte, wies auch das T-Shirt darunter einige Flecken auf. Auch dieses zog er aus und stellte befriedigt fest, dass darunter keine weiteren Flecken zum Vorschein kamen. Die beiden anderen Kleidungsstücke hatten genug abgehalten.
Befriedigt knüllte er das kleine Kleiderbündel zusammen und säuberte sich Gesicht und Hände.
Das mit den Hosen war schon schwieriger. Aber dafür würde er sich auch noch etwas einfallen lassen. Erst einmal musste er die Leiche verschwinden lassen und zwar so, dass sie bis zum Abend nicht gefunden wurde.
Er stand auf, packte Adrianas Füße und zog sie in die hinterste Ecke zwischen die Mauer und zwei großen Bäumen mit dicken Stämmen, die nicht nur die Sicht versperrten, sondern auch den Ort vor all zu heftigem Wind schützten. Dann schob er mit seinen Schuhen das Laub zusammen und verteilte es danach auf Adrianas Leiche. Nach nicht einmal fünf Minuten war die Frau nicht mehr zu sehen. Wenn nicht gerade jemand über sie stolperte, würde man sie garantiert eine ganze Weile nicht finden.
Von der Spitzhacke musste er sich leider auch trennen und das bedauerte er zutiefst. Aber wie schon am Tag zuvor war ihm klar, dass er sie unmöglich mit ins Haus nehmen konnte. Also versteckte er sie wieder zwischen den Ästen der Bäume, dann trat er aus dem Schatten hinaus auf den Weg, warf noch einmal einen Blick zurück und konnte von hier lediglich eine Ansammlung von Laub erkennen, die halb hinter den Baumstämmen verborgen lag.
Noch einmal warf er einen Blick an sich hinunter, klopfte Blätter und Erde von seinen Kleidern, unterzog seine Jeans einer genaueren Inspektion und stellte fest, dass diese weniger Blut abgekriegt hatte, als er zu erst befürchtet hatte. Er verrieb noch schnell etwas Erde und Gras über den auffälligsten Stellen und machte sich dann mit weit ausgreifenden Schritten auf den Weg zurück zum Haus. Der erste Teil seines Plans hatte wunderbar funktioniert.