Kapitel 10
Sie befanden sich wieder einmal im Bus, auf dem Weg zu ihrem nächsten Auftritt, der morgen in Stuttgart stattfinden sollte. Wie AJ von Paula erfuhr, hatte es eine längere Diskussion gegeben, ob sie von Dresden nach Stuttgart fliegen oder fahren sollten, doch im Endeffekt hatte Paula sich durchgesetzt. Sie war der Meinung, dass diese Art zu reisen wesentlich entspannter war und AJ konnte dem nur Zustimmen.
Er mochte das Fliegen nicht besonders, wenn er auch gerne zugab, dass er sich in dieser Hinsicht wohl den falschen Beruf ausgesucht hatte. Doch hier zu sitzen, sich durch das Schaukeln und monotone Brummen des Dieselmotors einlullen zu lassen, fand er doch sehr angenehm.
Zudem hatte er von seinem Platz weit vorne im Bus einen guten Überblick und beste Sicht auf Paulas dunklen Lockenkopf, der an die Scheibe gelehnt war, während sie über Kopfhörer Musik hörte. Er bemerkte belustigt, dass ihre Lippen dabei kaum einmal still hielten. Sie schien jeden Text zu kennen, ihre Finger trommelten manchmal den Takt auf ihrem Knie mit und ihr Blick ruhte ruhig und manchmal beinahe abwesend auf der Landschaft, die draußen vorbei zog.
Seine Gedanken kehrten zum gestrigen Abend zurück. Immer noch konnte er nicht so recht glauben, dass er ihr die Geschichte mit dem Mädchen auf seinem Hotelzimmer erzählt hatte. Es gab nur sehr wenige Menschen, die davon wussten. Einer davon war sein Therapeut, ein anderer seine Mom und eine seiner Ex-Freundinnen, das war es dann aber auch schon. Er war zu Recht nicht sehr stolz auf diese Episode seines Lebens, wie auf vieles, das sich damals in seinem Alkohol- und Drogenrausch abgespielt hatte.
Inzwischen war er der Meinung, dass alles genau so und nicht anders hatte kommen müssen, dass Gott ihm diese Prüfung auferlegt hatte um ihm zu zeigen, wie stark er eigentlich war. Wenn er seine Sucht bekämpfen konnte, dann konnte er alles andere auch schaffen.
Leider war das nicht immer wirklich einfach. Er hatte nach wie vor ein Problem damit, sich nicht ausreichend geliebt zu fühlen, was für Außenstehende sicherlich ein Widerspruch darstellte, da er ja nun von Millionen Mädchen, Frauen und teilweise auch Männern angehimmelt wurde. Doch das war nicht wirklich eine Liebe, die ihn wärmte, wenn er nachts alleine in seinem Bett lag.
Er suchte nach der wahren, alles ausfüllenden Liebe. Nach der einen Frau, die ihn vervollständigte, zu der er immer wieder zurückkehrte, wenn er unterwegs gewesen war. Er suchte nach einem zu Hause. Ein zu Hause, wie man es nur bei einem anderen Menschen finden konnte. Mittlerweile hatte er zumindest begriffen, dass man dies nicht erzwingen konnte. Er lernte zu warten, sich selbst ein zu Hause zu sein und sich selbst ganz neu kennen zu lernen. Im Grunde war dies auch eine Reise mit Höhen und Tiefen und manchmal überraschenden Erkenntnissen.
Und dann tauchte Paula in seinem Leben auf und die Offenheit mit der sie ihm gestern begegnet war, hatte ihn einfach umgehauen. Sie kannte ihn nicht und hatte ihm trotzdem so viel über sich erzählt. Stundenlang hatten sie zusammen gesessen, sich Geschichten aus ihrem Leben erzählt, dabei gemeinsam drei Flaschen Wasser geleert und trotz den dunklen Geheimnissen, die sie sich zwischendurch anvertraut hatten, auch viel gelacht und gescherzt.
Sie war offen, warmherzig, eine sehr gute Zuhörerin und er hatte das Gefühl, sie nach dieser Nacht besser zu kennen, als manch andere seiner Freunde. Die Jungs mal ausgenommen.
Wieder schweifte sein Blick zu ihr hinüber, während er ein Schmunzeln vernahm.
Nein Kev, sag nichts, kam er seinem Freund grinsend zuvor, bevor dieser wieder eine entsprechende Bemerkung über ihn und Paula machen konnte.
Kevin saß ihm gegenüber an einem kleinen Tisch am Fenster und tippte eine e-Mail an seine Frau Kristin in einen winzigen Laptop - das neuste, was es in dieser Richtung auf dem Markt zu kaufen gab.
Ich wollte doch gar nichts sagen, entgegnete Kevin grinsend.
Oh doch, ich kenn dich doch, gab AJ zurück und zwang sich, seinen Blick von Paula loszureißen.
Schuldig im Sinne der Anklage, lachte Kevin und nahm die Hände von der Tastatur. Ist da irgendetwas, was du mir sagen möchtest?
Nein, eigentlich nicht.
Du magst sie wirklich, oder?
Hm, ich denke schon.
Und? Hast du bereits dein Herz verloren?
AJ dachte einen Moment darüber nach. Nein, ich denke nicht. Aber ... uhm ... es könnte im Bereich des Möglichen liegen.
Ich muss dich sicherlich nicht darauf hinweisen, dass sie nicht unbedingt eine geeignete Kandidatin ist, oder
Ich weiß, seufzte AJ. Mal abgesehen davon, dass wir auf verschiedenen Kontinenten leben ist sie ... wie soll ich das sagen ... zu eigenständig um zu mir zu passen. Uhm ... macht das Sinn? er richtete seinen Blick fragend auf Kevin.
Ich weiß was du meinst. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass es zum einen auch sehr schön sein kann, wenn man eine starke Persönlichkeit an seiner Seite hat, siehe Kris und mich, und zum anderen ... ich glaube nicht, dass du mit einem Heimchen am Herd wirklich glücklich wärst.
Vielleicht. AJ zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab, nur um gleich darauf in ein paar blaue Augen zu starren.
Ein Lächeln erschien auf Paulas Gesicht und er erwiderte es, dann brach sie den Blickkontakt ab und starrte erneut hinaus.
Sie ist irgendwie außergewöhnlich Kevin. Ich kann das schwer erklären, aber sie ... , er schüttelte den Kopf und sah wieder zu seinem Freund hinüber.
Ich weiß was du meinst, nickte dieser. Aber pass ein bisschen auf, o.k.? Du weißt was passieren kann, wenn man mit dem Feuer spielt.
Oh ja. Was das betrifft habe ich mehr als genug Erfahrung, nickte AJ lächelnd, bemüht seinen Worten damit die Bitterkeit zu nehmen.
Sie erreichten Stuttgart am späten Nachmittag. Sie betraten das Hotel durch den Hintereingang, aber nachdem Kevin den Vorschlag machte, ein kurzes Bad in der Menge könne nicht schaden, traten sie vor das Hotel und wurden mit frenetischem Applaus, Rufen und Blitzlichtgewitter empfangen.
Eine ganze Stunde lang widmeten sie sich ihren Fans, gaben Autogramme, ließen sich von allen Seiten fotografieren und erst als der Verkehr vor dem Hotel beinahe zum Erliegen kam verabschiedeten sie sich mit einem letzten Lächeln in die Kameras und einem kurzen Winken.
Endlich hatten sie ein wenig Zeit zum Entspannen. Für den heutigen Tag standen keine Termine an und die Backstreet Crew zerstreute sich in alle Himmelsrichtungen.
AJ fand sich schließlich mit Lyn, Brian, Howie und zwei Männer ihrer Security im Wintergarten des Hotels wieder, vor sich eine Tasse guten, deutschen Kaffees und mit einem herrlichen Ausblick auf den weitläufigen Park, der ebenfalls zum Hotel gehörte.
Ist es nicht seltsam wie schnell die Zeit vergeht? sagte Brian gerade. Wir sind jetzt schon vier Tage in Deutschland und es kommt mir vor, als seien wir vor zehn Minuten erst angekommen.
Die Zeit vergeht eben schneller wenn man Spaß hat, grinste Howie und nippte an einer Tasse mit herrlich nach Orange duftendem Darjeeling Tee.
Wem sagst du das, nickte Brian. Es geht mir immer so, wenn ich mit Baylee spiele. Es gibt wirklich nichts Schöneres als dem kleinen Kerl zuzusehen und sein Lachen zu hören.
Kinder sind immer süß, bemerkte Lyn.
Aber Baylee ganz besonders, sagten die Anwesenden am Tisch im Chor und brachen dann in Gelächter aus.
Wie ist das bei dir AJ, wandte sich Howie leise grinsend an seinen Freund wann vergeht bei dir die Zeit besonders schnell?
Willst du auf etwas Bestimmtes hinaus? fragte Lyn.
Nun ja. Unser Romeo scheint mal wieder eine Frau ins Auge gefasst zu haben, antwortete Brian an Howies Stelle.
Tatsächlich? Lyn tat überrascht und richtete ihren wissenden Blick auf AJ.
Ihr solltet das Ganze nicht überbewerten, entgegnete AJ. Paula und ich verstehen uns einfach nur ganz gut. Das ist alles.
Hm, schon klar und ich bin die Kaiserin von China, bemerkte Lyn mit gerunzelter Stirn.
Hört einfach auf euch in irgendwelche Dinge hinein zu steigern, gab AJ heftiger als beabsichtigt zurück.
Hey, hey, sagte Howie schnell und hob abwehrend die Hände. War doch nur ne Frage.
Ich weiß Howie, aber man kann Dinge auch zerreden, weißt du? Paula und ich sind oder vielmehr werden vielleicht gute Freunde, das war es dann aber auch schon. Dass hinter unserem Rücken getuschelt und gegrinst wird, macht es nicht gerade einfacher.
Na komm schon. Uns kannst du doch nichts vormachen, sagte Brian. Wir haben alle Augen im Kopf und wir kennen dich jetzt schon eine ganze Weile.
Viel zu lange, wenn du mich fragst, warf Howie kichernd ein.
Genau, pflichtete ihm Brian schmunzelnd bei. Wir sehen doch, wie du sie anschmachtest.
Na und? Sie ist eine attraktive Frau. Aber ich versuche mich auf eine feste, stabile, lang anhaltende Beziehung einzustellen und ihr müsst mir sicherlich Recht geben, dass das mit ihr nicht wirklich möglich wäre.
Wer weiß, meinte Lyn. Sie ist wirklich süß und nett und attraktiv und würde irgendwie sogar zu dir passen ... ,
... was an sich schon ein Kunststück ist, ergänzte Brian.
Mag sein, räumte AJ ein und spürte sein Herz in seiner Brust vor unterdrückter Wut heftig schlagen. Er war noch nicht einmal wütend auf die Jungs. Sie meinten es nicht böse und sorgten sich einfach um ihn. Nein, er war wütend auf sich, weil er nicht aufhören konnte an sie zu denken und sie anzusehen, er war wütend, weil er mal wieder mit offenen Augen in eine gefühlsmäßige Katastrophe schlitterte und er war wütend darüber, dass er das nicht einmal vor seinen Freunden verbergen konnte. Wie sollte er sich dann selbst klar machen, dass sie nicht die geeignete Frau für ihn war?
Paula und ich, versuchte er es erneut leben in verschiedenen Welten, auf zwei weit voneinander entfernten Kontinenten und komplett verschiedenen Vorstellungen vom Leben. Zumindest bei dem letzten Punkt war er sich nicht wirklich sicher. Deshalb bitte ich euch, die ganze Sache nicht so aufzubauschen und mir etwas einzureden, was niemals funktionieren kann.
Seine Freunde schauten ihn betroffen an, dann nickte Howie. In Ordnung. Wenn du es so möchtest, werden wir uns daran halten.
Weißt du Bone, sagte Brian nachdenklich. Du scheinst wirklich erwachsen geworden zu sein und das macht mich schon irgendwie betroffen.
Betroffen? fragte AJ verständnislos.
Hey, mit wem soll ich denn zukünftig auf Nick herum hacken, hm?
Die Anwesenden, inklusive AJ, brachen in Gelächter aus.
Glaub mir Bruder. Mit Nick werde ich allemal fertig.
So gefällt mir das, nickte Brian grinsend und die Gespräche wandten sich anderen Themen zu.
AJ lehnte sich versonnen in seinem Stuhl zurück und lies seinen Blick hinaus in den Park wandern. Er wünschte er könnte seine Gedanken genau so einfach abstellen wie die Bemerkungen seiner Freunde.