Kapitel 9

„Verfluchtes Mistding,“ murmelte Paula und schlug frustriert mit der flachen Hand gegen ihre Zimmertür. Seit nunmehr zehn Minuten versuchte sie mit der Codekarte und viel gutem Zureden ihre Tür aufzuschließen, leider mit wenig Erfolg. Immer wieder leuchtete das rote Licht auf und je öfter sie es zu sehen bekam, umso wütender wurde sie.
Der ganze Tag war schon so katastrophal gelaufen. Angefangen bei dem Busversteckspiel heute morgen, über den Interviewtermin, an den sich scheinbar niemand bei dem Radiosender erinnern konnte, bis hin zu dem Stromverteiler, der wie durch Geisterhand verschwunden war. Paula hatte eine halbe Stunde hektisch herum telefoniert und schließlich einen Händler aufgetan, der das entsprechende Teil auf Lager hatte und zudem noch bereit war, es so schnell als möglich durch einen Boten vorbei bringen zu lassen. Als das Konzert schließlich mit zweistündiger Verspätung begann, fühlte sie sich erschöpft und ausgelaugt.
Schließlich gab sie den Versuch auf heut noch irgendwie aus eigener Kraft ihre Zimmertür zu öffnen und wollte sich Richtung Fahrstuhl wenden um sich an der Rezeption zu beschweren, als eine Hand in ihrem Blickfeld auftauchte.
„Darf ich?“ hörte sie AJs Stimme und als sie aufsah, stand er mit einem freundlichen Lächeln neben ihr.
„Gerne. Aber ich habe es jetzt schon tausend Mal versucht. Ich glaube kaum, dass du mehr Glück haben wirst.“
„Wir werden sehen,“ grinste er, nahm ihr die Karte ab und steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz. Für einen kurzen Moment schien sich nichts zu rühren, dann erstrahlte plötzlich das grüne Licht und der Schließmechanismus gab ein leises klicken von sich.
„Das glaube ich jetzt nicht,“ sagte Paula ungläubig, während die Tür nach innen aufschwang.
„Jahrelange Übung,“ lächelte AJ und reichte ihr die Karte.
„Nein. Ich befürchte, das hat was mit Karma zu tun,“ entgegnete Paula und verstaute die Codekarte in ihrer Hosentasche.
„Da könntest du durchaus recht haben. Manchmal entwickeln diese komischen Maschinen ein Eigenleben. Man weiß nie, was sie als nächstes vorhaben.“
„Wohl wahr,“ schmunzelte Paula.
„Darf ich dir noch ein bisschen Gesellschaft leisten?“
„Kann ich nach dieser Rettung überhaupt nein sagen?“ fragte Paula grinsend zurück und betrat bereits ihr Zimmer. Sie hörte, wie AJ ihr folgte.
„Das könntest du durchaus, wäre aber sicherlich nicht die feine Art.“
„Eben. Und da ich ja zur Höflichkeit erzogen wurde, habe ich natürlich nichts dagegen, wenn du mir noch etwas Gesellschaft leistest.“
„Sind wir so schlimm?“ fragte AJ und als sie sich herum drehte, hatte er bereits die Tür geschlossen und sah sich suchend nach einer Sitzgelegenheit um.
Paula nahm einige Kleidungsstücke von einem Sessel und bedeutete ihm, sich zu setzen.
„Nein. Nicht schlimm.“
„Aber?“
„Nichts aber.“
„Ich dachte nur, weil du es scheinbar vermeidest über die Arbeit hinaus mit uns zu tun zu haben.“
AJ lies sich in den Sessel fallen und schlug die Beine übereinander.
„Wie meinst du das?“ fragte Paula verwirrt, während sie zwei Gläser und eine Flasche Wasser hervor holte und sie auf den kleinen Tisch zwischen sich und AJ stellte.
„Nun ja ... du warst nicht auf der Eröffnungsparty, heute bist du auch gleich nach dem Konzert verschwunden. Es wundert mich nur, wie wenig Zeit du mit deinem Arbeitgeber verbringst.“
„Ich habe einfach viel zu tun und bin zudem kein großer Partygänger.“
„Schon immer oder erst seit kurzem?“ fragte AJ und schenkte sich und Paula etwas zu trinken ein, während sie im angrenzenden Schlafzimmer verschwand um sich etwas Bequemeres anzuziehen.
Während Paula noch in ihrem Koffer nach etwas brauchbarem suchte, versuchte sie den Sinn hinter AJs Frage zu erkennen. War er beleidigt, dass sie so wenig Zeit mit ihnen verbrachte? Oder fragte er nur interessehalber?
Während sie in ein weites Langarmshirt und eine dunkle Jogginghose schlüpfte, sich kurz die Haare bürstete und sie dann zu einem Pferdeschwanz zusammen band, überlegte sie, was sie auf seine Frage antworten sollte. Schließlich entschied sie sich für die Wahrheit und ging wieder zurück in den Wohnraum, wo AJ saß und an seinem Wasser nippte.
„Ich habe mit den Partys schon vor einer ganzen Weile aufgehört,“ sagte Paula und kuschelte sich in den zweiten Sessel.
„Wieso?“ fragte AJ sichtlich interessiert.
„Uhm ... sagen wir ... es war einfach besser so.“
„Für wen?“
„Hey, willst du vielleicht meine ganze Lebensgeschichte hören?“ grinste Paula, doch AJ blieb ernst.
„Von mir aus gerne. Ich habe Zeit.“
„Klar, du musst morgen ja auch nicht zwei Stunden vor allen anderen aufstehen um dafür zu sorgen, dass die Busse nicht mehr versteckt werden,“ schmunzelte Paula und fügte dann hinzu „Es ist mir übrigens immer noch unbegreiflich, dass ihr dafür so früh aufgestanden seid. Wenn ich Lyn glauben darf, ist es das schwerste an ihrem Job, euch morgens irgendwie wach zu kriegen.“
AJ lachte. „Nun jaaaaa ... es kommt immer auf die Motivation an.“
„Ich verstehe. Na, immerhin gibt es auch etwas Positives an der ganzen Aktion.“
„Na komm’ schon. Es ist ja nun nicht wirklich etwas passiert. Das war ein Spaß, da musstest du durch.“
„Ja, ja, ja. Es ist nur ... nichts gegen ein bisschen Spaß, aber das hat den Zeitplan gefährlich ins Wanken gebracht. Euer Management würde erst Lyn und dann mich killen, wenn da irgendetwas schief läuft.“
„Ach, da wird auch nur mit Wasser gekocht,“ winkte AJ ab. „Glaub mir. Zwei Stunden sind eigentlich das Minimum an Verspätung.“
„Das macht mir Angst,“ bemerkte Paula trocken.
„Das sollte es auch,“ grinste AJ und lies seine Augenbrauen auf und ab hüpfen, was Paula wiederum zum Lachen brachte.
„Ich sehe schon. Bei euch muss man auf alles gefasst sein.“
„Stimmt genau und jetzt möchte ich doch noch einmal auf das eigentliche Thema zurückkommen.“
„Auf welches Thema?“ fragte Paula die Ahnungslose spielend und nippte grinsend an ihrem Wasser.
„Naja, die Sache mit den Partys. Warum hat das aufgehört?“
„Ich nehme an, ich kann dich nicht durch Bestechung von diesem Thema abbringen?“ meinte Paula.
„Nein. Keine Chance.“ AJ schüttelte zur Bekräftigung wie wild den Kopf.
„O.k.. Dann machen wir einen Deal. Ich erzähle dir die Geschichte und danach habe ich eine Frage frei.“
„Eine Frage frei?“
„Ich darf dich alles fragen und du musst mir ehrlich antworten.“
„Das könnte ins Auge gehen,“ stellte AJ fest.
„Das ist richtig, aber du willst schließlich auch etwas von mir.“
„Ist die Geschichte denn gut? Ich meine ... lohnt es sich?“
„Das kommt darauf an,“ grinste Paula vielsagend.
„Hm ... ich weiß nicht ... ,“ AJ wiegte bedächtig den Kopf hin und her und musterte Paula ausgiebig.
„Deine Entscheidung.“
„Ich weiß ... Ach, was soll’s. Fang schon an.“
„Deal?“ hakte Paula noch einmal nach und streckte ihm die Hand entgegen.
„Deal.“ Bestätigte AJ und umschloss mit seiner warmen Hand ihre Finger. Ein leises Prickeln durchlief Paulas Körper und sie dachte das ist unter anderem der Grund, warum ich privates und berufliches versuche zu trennen. Laut sagte sie, während sie sich wieder zurück in die Polster lehnte. „Ich war früher ziemlich oft und heftig unterwegs ... ,“
„Was bedeutet früher?“ Unterbrach sie AJ.
„Uhm ... sagen wir ... als ich 17 oder 18 war.“
„Das ist aber schon lange her,“ bemerkte AJ.
„Willst du behaupten, ich wäre alt?“ Empörte sich Paula und stellte amüsiert fest, dass AJ tatsächlich rot wurde.
„N-Nein, natürlich nicht. Ich ... das war ... ,“
„Ist schon gut,“ lachte Paula. „Im Grunde ist es Millionen von Jahre her,“ fügte sie wieder ernst geworden hinzu. „Jedenfalls ... der Abend begann normaler Weise damit, dass ich mich mit ein paar Freunden getroffen habe, bevorzugt auf einem kleinen Spielplatz in der Nähe meines Zuhauses, und wir dort erst einmal ein paar Bier getrunken haben. Danach sind wir in irgendeinen Club in der Stadt gefahren. Wir hatten alle gefälschte Ausweise, sind überall problemlos rein gekommen und hatten unseren Spaß.
Irgendwann fing es dann an mit härteren Drogen. Zu erst Gras, dann Koks, irgendwelche Pillen, einer von uns hat sogar mal Heroin ausprobiert, aber für mich kam diese ganze Sache mit den Nadeln Gott sei Dank nie in Frage.“
„Das kenne ich,“ nickte AJ ernst.
„Ja, ich habe schon gehört, dass du, was das betrifft, auch nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt bist.“
„Ja, aber das ist Gott sei Dank vorbei.“
„Auch das habe ich gehört. Glückwunsch. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht gerade einfach war. Ich meine ... wir waren zum großen Teil Schüler und Studenten, wenn überhaupt. Niemand von uns hatte wirklich Geld und wenn, dann haben wir es meistens in neue CDs und Stoff investiert. Trotzdem ... wenn man alles zur Verfügung hat: Geld, die Gelegenheit und auch noch jede Menge Mitmenschen, die einem das Zeug sogar hinterher tragen wüsste ich nicht, ob ich so schnell davon los gekommen wäre.“
„Ich glaube, es war der pure Überlebenswille,“ entgegnete AJ bedächtig.
„Muß es wohl. Wie gesagt: Hut ab, vor dieser Leistung.“
„Danke,“ lächelte AJ. „Aber entschuldige, ich habe dich unterbrochen.“
„Macht nichts ... jedenfalls ... wo war ich? Ach ja ... irgendwann ging das also in härtere Drogen über. Heute weiß ich, und das ganz ohne teuren Therapeuten, dass es eine Art ... hm ... Flucht war. Flucht vor der Realität, Flucht vor allem, was mich genervt oder gestresst hat, weg vom Leben, dass für mich zu diesem Zeitpunkt wenig Sinn ergab.
Um es kurz zu machen ... eines morgens wachte ich in einem fremden Bett, in einem fremden Hotelzimmer, neben zwei mir unbekannten Männern auf. Mir tat alles weh, mein Körper war übersäht mit blauen Flecken und ich habe bis heute keinen blassen Schimmer, was in dieser Nacht tatsächlich geschehen ist.“
„Autsch,“ sagte AJ und verzog mitleidig das Gesicht.
„Das kannst du wohl laut sagen. Noch heute versuche ich mich manchmal zu erinnern, die Bilder von damals herauf zu beschwören und zu ergründen, was damals vorgefallen ist, aber ... ich weiß auch nicht ... wie du vielleicht schon bemerkt hast, kann ich mir alles ziemlich schnell merken. Ich habe eine Art fotographisches Gedächtnis. Etwas, das ich sehe, vergesse ich nie wieder. Genau so mit Dingen, die ich bewusst in meinem Kopf speichere.“
„Deswegen schreibst du dir nie etwas auf,“ stellte AJ fest.
„Genau deshalb. Ich brauche es nicht. Aber in dieser Nacht ... hat irgendetwas diese Funktion in meinem Gehirn ausgeschaltet und dieser Umstand war beinahe schlimmer als die Ungewissheit über das, was in dieser Nacht passiert ist. Klingt vielleicht seltsam, ist aber so. An diesem Tag habe ich beschlossen, dass Partys, Drogen und der ganze Quatsch für mich erledigt sind.
Das klingt jetzt vielleicht recht simpel, war es aber im Endeffekt nicht wirklich. Es war nicht einmal so, dass mir die Partys gefehlt hätten und ich lernte auch irgendwie, ohne die Drogen zu leben, aber meine so genannten Freunde zu verlieren war schlimm.“
„Auch wieder etwas, was ich gut nachvollziehen kann. Es ist erschreckend, wie wenige tatsächlich am Schluss übrig bleiben.“
„Das stimmt. Aber im Grunde muss ich ihnen dankbar sein. Wenn das alles nicht gewesen wäre, hätte ich es sicherlich nicht bis hier her geschafft.“
„Wieso das?“
„Das ist eine andere Geschichte,“ entgegnete Paula leise lächelnd.
„Och, jetzt wo es spannend wird,“ maulte AJ.
„Sag bloß, das davor war nicht spannend genug,“ lachte Paula.
„Na ja ... schon. Ich finde es nur ... faszinierend ... irgendwie.“
„Aha. Faszinierend ... irgendwie. Was soll das denn jetzt heißen?“
„Das es mich erstaunt, welche Parallelen es in unserem Leben gibt.“
„Ich glaube nicht, dass man die Orientierungslosigkeit eines Teenagers mit der eines überaus erfolgreichen Popstars vergleichen kann.“
„Aber die Schmerzen und Verluste sind die selben,“ beharrte AJ.
„Vielleicht,“ musste Paula zugeben. Es schien ihr, als sehe sie ihn eben das erste Mal wirklich und wahrhaftig vor sich. Es war nicht so, dass er unscheinbar oder leicht zu übersehen gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Immer wenn er irgendwo auftauchte schien ihm seine überragende Präsenz voraus zu eilen. Betrat er einen Raum, wandten sich ihm automatisch alle Gesichter zu. Auch Paula schaute dann jedes Mal auf ... und genau so schnell wieder weg. Sie registrierte, dass er anwesend war und das ganz automatisch, aber sie hatte sich nie die Mühe gemacht darüber hinaus einen Gedanken an ihn zu verschwenden.
Er war Teil ihres Jobs und genau so behandelte sie alle ihre Kunden. Warum das so war, konnte sie nicht wirklich sagen. Vielleicht, weil es so etwas wie ihr Berufsethos darstellte, vielleicht auch, weil die schnelle, glitzernde Promiwelt für sie nie den Reiz und die Anziehungskraft ausgeübt hatte, wie das vielleicht für andere der Fall war. Die Arbeit war ein großer Teil ihres Lebens, aber nicht ihrer Persönlichkeit.
Jetzt, in diesem Moment, als sie AJ über den Tisch hinweg betrachtete, musste sie allerdings feststellen, dass es angenehm war, ihn in den Teil ihres Lebens zu lassen, den sie eigentlich von ihrem Beruf immer strickt abtrennte. Ihm die Geschichte von damals zu erzählen, war für sei beinahe selbstverständlich gewesen. Sie war ein offener Mensch und hatte nichts dagegen sich ins Kreuzfeuer zu stellen. Wenn jemand mit ihr, ihrer Vergangenheit und ihrem Wesen nicht umgehen konnte, hatte er eben Pech gehabt und in dem sie auch solche Sachen über sich erzählte, die andere lieber in sich einschlossen und für sich behielten, fand sie am ehesten heraus, wer sie wirklich mochte, sich für sie interessiert und nicht einfach nur so tat als ob. Bisher war sie mit dieser Einstellung immer sehr gut zurecht gekommen, auch wenn sie sie bisher noch nie im Zusammenhang mit ihrem Job getestet hatte.
Nun war es dann wohl an der Zeit heraus zu finden, ob er ebenso offen sein konnte, wie sie selbst.
„Jetzt bin ich dann also dran. Wir haben da einen Deal,“ erinnerte sie AJ grinsend.
„Ich weiß nicht, ob du deinen Teil der Abmachung tatsächlich erfüllt hast,“ lächelte AJ.
„War ja klar. Kaum ist kein Schiedsrichter in der Nähe, versuchen die Kerle sich heraus zu reden.“ Bemerkte Paula gutmütig.
„Das ist gar nicht wahr!“
„Oh doch. Du wolltest wissen, warum ich nicht mehr so gerne auf Partys gehe und das habe ich dir gesagt.“
AJ musterte sie einen Moment, was Paula auf eine schwer zu erklärende Art verlegen machte und lächelte dann. „Na gut, weil du es bist. Frag schon, damit wir es hinter uns bringen.“
„Hey, das ist kein Spiel, o.k.? Es geht um ehrliches Interesse und das Kennenlernen zweier Menschen.“
„O.k., o.k., ich mache keine Witze mehr,“ entgegnete AJ mit abwehrend erhobenen Händen.
„Versprochen?“
„Versprochen.“
„Gut. Dann lass mich mal überlegen ... ,“
„Ich glaube, ich muss gehen,“ sagte AJ scherzhaft und erhob sich halb aus seinem Sessel.
„Hier geblieben,“ lachte Paula und drückte ihn zurück auf seinen Platz.
„Aber nur, weil du mir den Scherz von heute morgen verziehen hast,“ grinste AJ. „Du hast mir doch verziehen, oder?“
„Klar habe ich das,“ bestätigte Paula. „Es war ja auch eigentlich keine große Sache. Mittlerweile kann sogar ich darüber lachen. Vor allen Dingen wenn ich darüber nachdenke, welche Mühe ihr euch gemacht habt und extra so früh dafür aufgestanden seid.“
„Oh, erinnere mich nicht daran,“ kicherte AJ und deutete ein Gähnen an.
„Ist schon in Ordnung. Nun gut, ich denke, ich weiß jetzt, was ich dich fragen werde.“
„Ich bin ganz Ohr.“
Paula legte eine kunstvolle Pause ein, lehnte sich dann ein Stück in ihrem Sessel nach vorne und sah AJ fest in die Augen. „Was ist das schlimmste, das dir im Drogenrausch passiert ist?“
Sie sah, wie AJ schluckte und seine Augenbrauen sich beunruhigt zusammen zogen. Gut, er sollte ruhig merken, dass sie keine Spielchen spielte. Sie hatte ihm diese schlimme Geschichte mit den beiden Typen in dem fremden Hotelzimmer erzählt, auch wenn sie absichtlich vergessen hatte zu erwähnen, dass die beiden noch dazu mehr als hässlich gewesen waren und dass sie beinahe drei Tage nicht hatte sitzen können. Was auch immer diese beiden Arschlöcher damals mit ihr angestellt hatten, wäre sie nüchtern gewesen, hätte sie sie dafür sicherlich in den Knast gebracht.
„Das schlimmste? Inwiefern?“ hakte AJ nach und wirkte wieder vollkommen ruhig.
„Ich weiß nicht ... sagen wir ... etwas, dass du unbedingt rückgängig machen würdest, wenn du könntest.“
„Ich befürchte, da gibt es einiges, aber ... ,“ er schwieg und musterte sie erneut von oben bis unten.
„Hör zu. Ich kann dir versprechen, dass alles was wir hier besprechen unter uns bleibt,“ kam ihm Paula zu Hilfe.
„Wirklich? Versprochen? Auch zu den Jungs kein Wort?“
„Großes Pfadfinderehrenwort,“ bestätigte Paula ernst.
„Na gut,“ er fuhr sich seufzend durch das Haar und senkte dann seinen Blick hinunter auf das Wasserglas in seiner Hand. „Ich war mit einem Mädchen zusammen. Keine Ahnung wie sie hieß, ich kann dir noch nicht einmal sagen, wo genau ich sie kennen gelernt habe. Ich weiß nur, dass wir nach einer durchgezechten Nacht auf meinem Hotelzimmer gelandet sind. Sie ... wie soll ich das sagen ... sie hat mich den ganzen Abend angemacht, mir mehrmals ganz „unverfänglich“ die Hand auf den Arm gelegt, mir dauernd komisches Zeug ins Ohr geflüstert, mir den Hintern getätschelt ... lauter solche Sachen eben. Für mich war die ganze Zeit klar, worauf das hinaus laufen würde.“
„Ihr auch?“ frage Paula.
„Tja, ich dachte ja, aber wie sich heraus stellte wohl eher nicht. Wir waren auf meinem Zimmer, küssten uns, stolperten Richtung Bett und plötzlich sagt sie „Darling. Ich glaube nicht, dass wir das tun sollten.“ Ich sage „aber wieso nicht? Wir sind hier, die Gelegenheit ist günstig, blah, blah, blah.“ Das soll keine Entschuldigung sein, aber ich konnte mich zu der Zeit schon nicht mehr gerade auf den Beinen halten.
Jedenfalls ... ,“ sein Blick verfinsterte sich und er wirkte, als sei er gedanklich schon gar nicht mehr mit Paula in einem Raum. So langsam fragte sie sich, ob es eine gute Idee gewesen war, ihn danach zu fragen. Doch so wie es aussah, gab es jetzt kein Zurück mehr.
„ ... jedenfalls ... ,“ wiederholte er seufzend „ ist die ganze Sache irgendwie eskaliert. Sie schrie mich an, ich schrie sie an, sie beleidigte meine Mom, ich ihre Würde und plötzlich, ohne dass ich es wirklich gewollt hätte, schnellte meine Hand vor und traf ihr Gesicht. Ich versuche mir einzureden, dass es nicht wirklich fest war, eher ein Tätscheln, aber ich glaube, da mache ich mir selbst etwas vor. Die ganze Sache ist in meinem Hirn hinter einer Art Nebel verborgen. Es ist ... ich weiß auch nicht ... ich wünschte, ich wüsste wer sie war. Dann könnte ich zu ihr gehen und mich entschuldigen. Aber so ... muss ich für immer damit leben, dass ich eine Frau geschlagen habe. Das Widerwärtigste, was man als Mann einer Frau antun kann.“
„Glaub mir, da gibt es Schlimmeres,“ entgegnete Paula leise.
„Vielleicht für dich, aber nicht für mich.“ Gab AJ genau so leise zurück und heftete dann seine ernsten, braunen Augen auf ihr Gesicht.
„Was hat sie dann getan?“ fragte Paula nach.
Ein leises Grinsen erschien auf AJs Gesicht, das allerdings genau so schnell wieder verschwand. „Sie hat zurück geschlagen und das ganz ordentlich. Ich bin hingefallen, hab mir den Kopf an der Tischplatte angeschlagen und als ich endlich aufhörte Sternchen zu sehen, war sie weg.“
„Na, dann ist es doch ausgeglichen, oder?“ lächelte Paula.
„Nein. Eigentlich nicht. Ich habe angefangen. Das hätte mir nie passieren dürfen.“
„Vielleicht,“ gab Paula zu „aber das ist Vergangenheit. Du kannst es nicht ändern.“
„Ich weiß,“ nickte AJ. „Manchmal ist es allerdings schwer, damit zu leben.“
„Ich weiß, was du meinst,“ nickte Paula und ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, erschien das Schlafzimmer ihrer Eltern vor ihrem geistigen Auge. Jede Einzelheit sah sie ganz deutlich vor sich: Die Körper ihrer Eltern, die zusammengebunden Gliedmaßen, das Blut an den Wänden und der Decke. Sie schluckte hart und griff nach ihrem Wasser.
„Alles in Ordnung?“ hörte sie AJ besorgt fragen.
„Alles bestens,“ nickte Paula und nahm einen großen Schluck aus dem Glas.
„Es tut mir leid, wenn ich dein Bild von mir soeben zerstört habe.“
„Das hast du nicht,“ entgegnete Paula und zwang sich dazu, ihm aufmunternd zuzulächeln. „Jeder Mensch hat eine Vergangenheit, aber für mich zählt nur das Heute. Und ich denke, heute bist du ein sehr passabler Mensch.“
„Ein passabler Mensch?“ schmunzelte AJ.
„Ja,“ nickte Paula grinsend. „Ein passabler Mensch, der mir tatsächlich sympathisch ist.“

Kapitel 10