Kapitel 8

Es war einer dieser Hofgangtage, an dem der Zufall dem Monster zu Hilfe kam und ihm erlaubte, die letzten Lücken in seinem Ausbruchsplan zu schließen. Am Morgen war der Himmel noch wolkenverhangen und die Welt grau und abweisend gewesen, doch am frühen Nachmittag, als er die Stufen im Treppenhaus nach unten stieg um sich hinaus in den Park zu begeben, hielt er einen Moment an einem der vergitterten Fenster inne und blickte hinaus in strahlenden Sonnenschein. Die Blätter an den Bäumen hatten sich bereits verfärbt, erstrahlten in wunderschönen rot, gelb und orange Tönen und er konnte das Leben wie einen gleichmäßig pulsierenden Strom durch seine Adern fließen spüren. Ein letztes Mal, so schien es ihm, bäumte sich der goldene Herbst auf, bevor innerhalb von einigen wenigen Wochen die Temperatur sinken und der Wind die dann verdorrten Blätter von den Ästen reißen würde.
Bevor er hier her gekommen war, hatte er den Jahreszeiten wenig Beachtung geschenkt. Das Leben war damals für ihn wichtig gewesen. Das Leben, Überleben und Töten. Dabei war es ihm egal ob es Sommer oder Winter war.
Doch hier drinnen schien es ihm, als hätte jemand sein Leben angehalten. Sie hatten einen Damm gebaut, hinter dem sich nun seine Energie, seine Wahrnehmung und auch seine Wut aufstauten und langsam aber sicher drohten, den Damm in tausend kleine Stücke zu sprengen. Er fühlte es mit jeder Sekunde, die verstrich. In ihm brodelte es. Seine Empfindungen, seine Gedanken und sein rastloser Geist drängten nach draußen, in seinem Kopf drehten Gewaltfantasien von so riesigem Ausmaß seine Kreise, dass er an sich halten musste um nicht einfach irgendetwas zu zerschlagen, zu würgen oder in kleine Fetzen zu reißen.
Im Winter fiel es ihm leichter. Dann schien die Welt sowieso still zu stehen und er selbst verfiel in etwas, dass man wohl Kältestarre nennen konnte. Jeder Tag glich dem anderen, die Kälte, die nachts durch die Mauern der Anstalt zu kriechen schien, lähmte ihn und seine unaufhörlich flüsternde Gedanken.
Aber heute ... heute war beinahe Sommer. Heute war es draußen angenehm warm, der Wind raschelte leicht in den Blättern der Bäume und in seinem Kopf tobte ein Sturm von unterdrückten Gefühlen.
Schnell wandte er sich vom Fenster ab, hastete die letzten Stufen hinunter und strebte der Tür aus bruchsicherem Glas entgegen, die erst auf eine Art Terrasse mit robusten Holztischen und –bänken hinaus führte und dann hinunter in die Parkanlage, die sich wie eine sanfte, grüne Daunendecke unter ihm erstreckte.
Als seine Füße den geteerten Weg berührten, der in einem weiten Bogen um den Park herum führte, fühlte er sich schon etwas besser. Es schien ihm, als würde die klare, warme Luft und der sanfte Wind einen Teil seiner Unruhe mit sich nehmen.
In flottem Tempo lief er den Weg entlang, ignorierte dabei die Patienten und Pfleger, die ihm entgegen kamen und konzentrierte sich einzig und alleine auf die Geräusche, die seine abgetragenen Halbschuhe auf dem Boden verursachten, auf seinen beschleunigten Atem und die Kante der Rasenfläche, die an ihm vorbei zog, als sitze er in einem Auto und hätte den Kopf durch das Fenster nach draußen gesteckt.
Etwa die Hälfte des Weges legte er so zurück, unfähig sein Tempo auch nur ein wenig zu verringern oder auch nur seine Umgebung wirklich wahr zu nehmen. Dann erreichte er seine Lieblingsstelle und wurde nun endlich langsamer. Er befand sich am anderen Ende der Parkanlage, weit weg von dem Gebäude, das sein Gefängnis war und auch weit weg von den Idioten und Verrückten, die sich nicht weiter als zwei Schritte vom Haus weg trauten.
Eine kleine Gruppe von Bäumen ragte rechts vom Weg auf und unter ihrem schützenden Blätterdach stand eine alte Holzbank, die an einigen Stellen bereits verwittert war und um deren Beine sich die verwelkten, trockenen Blätter gesammelt hatten.
Leise seufzend lies er sich darauf nieder, legte die Arme auf die Rückenlehne und streckte sein Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen. Wie meistens, wenn er hier saß, wanderten seine Gedanken zu einem blonden Lockenschopf zurück. Paula Sommer. So unschuldig hatte sie ausgesehen, so naiv ... eben noch ein Kind. Doch das war alles nur Tarnung. Im Grunde war es ganz alleine ihre Schuld, dass er hier gelandet war. Sie war ein hintertriebenes Miststück, mit allen Wassern gewaschen und lachte sich wahrscheinlich heute noch über ihn kaputt.
Er hatte sie seit dem Tag, an dem er ihre Eltern ins Jenseits befördert hatte, nicht mehr gesehen. Er wusste nicht, wie sie heute aussah, er hatte keine Ahnung, was aus ihr geworden war, er wusste noch nicht einmal, ob sie immer noch in Hannover lebte.
Manchmal empfand er es beinahe als Ironie, dass das Haus ihrer Eltern nicht einmal fünf Straßenzüge von hier entfernt lag. Sämtliche Einzelheiten jenes Tages hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt und es wäre ein leichtes für ihn, das Haus wieder zu finden, wenn er nur hier heraus kam.
Er öffnete die Augen und lies seinen Blick über die Büsche und Sträucher wandern, die den Weg auf der gegenüberliegenden Seite begrenzten. Der leichte Wind erzeugte ein trockenes Rascheln in den Blättern und trieb ab und an einige von ihnen vor sich her. Er folgte dieser Reise mit den Augen und wurde dabei beinahe wehmütig. Frei wie der Wind ... so hatte er sich schon eine ganze Weile nicht mehr gefühlt. Der Zustand hier auf der Bank kam dem noch am nächsten und war trotzdem meilenweit von der Realität entfernt. Er war nicht frei. Nicht einmal annähernd. Er saß hier fest und alles was ihn aufrecht hielt waren die Gedanken an Rache die ihn ...
Er hielt verblüfft inne und spürte, wie sich seine Eingeweide vor Aufregung zusammen zogen. Jeder Gedanke in seinem Kopf wurde davon gefegt. Für einen winzigen Moment hatte da vorne unter den Blättern etwas aufgeleuchtet. Ein kurzes Funkeln, als ein Lichtstrahl auf Metall getroffen war. Schnell warf er einen Blick nach rechts und links, doch niemand war zu sehen. Der Weg war wie leer gefegt, aus der Ferne drang gedämpftes Lachen zu ihm herüber, doch im Grunde war er hier völlig allein.
Seine Augen hefteten sich wieder auf den Gegenstand, der unter einem kleinen Haufen trockener Blätter hervorlugte. Konnte es sein, dass er so viel Glück hatte? War es möglich, dass endlich jemand ein Einsehen mit ihm hatte? Ein Wink des Schicksals?
Langsam stand er von der Bank auf, bemüht, sich seine innere Anspannung, die ihn förmlich zu sprengen drohte, nicht anmerken zu lassen. Lässig versenkte er seine Hände in den Hosentaschen und begann den Weg hinunter zu schlendern. Das Objekt seiner Begierde lies er dabei keine Sekunden aus den Augen, so, als könne es sich einfach in Luft auflösen, wenn er kurz wegsah oder als könne es ihm irgendjemand vor der Nase wegschnappen.
Nach wenigen Schritten hatte er die Stelle erreicht. Während er die Hände aus den Hosentaschen nahm, schaute er sich noch einmal aufmerksam um. Immer noch war niemand zu sehen. Schnell bückte er sich, griff in den kleinen Laubhaufen und gleich darauf schlossen sich seine Finger um einen harten, länglichen Gegenstand. Als er seine Hand aus dem Laub wieder hervor zog, hielt er eine Spitzhacke in der Hand. Das Werkzeug lag schwer und doch beruhigend griffig in seiner Hand und ohne dass er etwas dagegen tun konnte, lies er es ein paar Mal locker durch die Luft sausen. Ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Ein wahnsinniges, verrücktes Grinsen, doch das merkte das Monster natürlich nicht. Im Gegenteil – er hatte das Gefühl, endlich wieder vollkommen er selbst zu sein. Als würde ein Energieschub von der unscheinbaren Spitzhacke ausgehen, füllte es sein gesamtes Sein mit Energie und Kraft.
Eigentlich hätte er die Hacke sofort vor neugierigen Blicken verstecken müssen. Wer wusste schon, wann der nächste Pfleger oder Patient hier auftauchen würde? Doch er konnte einfach nicht an sich halten. Mit dem Zipfel seines Hemdes säuberte er erst den Griff und begann dann das Metall, das an einigen Stellen leicht angerostet war, blank zu polieren.
Die Hacke lief auf der einen Seite spitz zu und hatte auf der anderen ein abgeflachtes, breites Gegenstück. Ein Gartenwerkzeug, wie es es vermutlich in jedem zweiten Haushalt gab. Höchstwahrscheinlich hatte sie einer der Gärtner hier vergessen und er fragte sich inzwischen sicherlich, wo dieses Ding wohl hingekommen war.
Die Spitze selbst war relativ stumpf, doch mit einer gehörigen Portion Kraft konnte man sie sicherlich nicht nur in die Erde bohren. Seine Hände begannen zu zittern, als Bilder in seinem Kopf zu wirbeln begannen. Die Spitzhacke in seinen erhobenen Händen. Ein Kindergesicht, das, zu einer angstverzerrten Maske erstarrt, zu ihm aufsah. Das leichte Sirren, als die Hacke mit voller Wucht niedersauste. Der kurze Widerstand, als das Metall auf den Kopf des Mädchens traf und sich tief in ihr linkes Auge bohrte. Die Schreie, das Blut, das aufspritze und seine Haut benetzte.
Ein irres Kichern stieg aus den Tiefen seiner Kehle auf. Ja, das würde ihm gefallen ... und Paula Sommer sicherlich auch. Das Kichern steigerte sich in ein hysterisches, unkontrolliertes Lachen und für einen kurzen Moment befürchtete er, dass er nun doch durchgedreht war. Der lange Aufenthalt zwischen all den Irren hatte Spuren bei ihm hinterlassen und ihn schlussendlich doch zermürbt.
Mit äußerster Anstrengung bekam er seinen Lachanfall in den Griff. Er biss sich auf die Zunge, bis er süßes, warmes Blut schmeckte und hätte ihn in diesem Moment jemand gesehen, wie er mit blutigem Grinsen mitten auf dem Weg stand und eine Spitzhacke polierte, hätten sie ihn ganz sicher wieder in die geschlossene Abteilung verlegt, mit Zimmern ohne Fenster, eingesperrt hinter Gittern, festgeschnallt auf einer Pritsche und hohen Dosen von Beruhigungsmitteln, die man ihm gleich intravenös verabreichen würde.
Sein Blick wanderte wieder hinunter zu dem Werkzeug in seiner Hand. Er musste es gut verstecken. Mit auf sein Zimmer konnte er sie unmöglich nehmen, denn dort wurden regelmäßig Kontrollen durchgeführt, mal ganz abgesehen davon, dass er es wahrscheinlich noch nicht einmal bis dort hin schaffen würde.
Er sah sich um. Er brauchte ein gutes Versteck, bis er sicher war, wie er nun weiter vorgehen würde.
Sich immer wieder nach rechts und links umsehend schlich er über den Weg, umrundete die Bank und trat zwischen die Bäume. Seine Hände strichen beinahe zärtlich über raue Stämme, streichelten zarte Blätter und ertasteten schließlich eine Vertiefung zwischen zwei Ästen. Noch ein letztes Mal blickte er sich um, dann zog er ein großes, blaues Taschentuch aus seiner Hosentasche hervor, wickelte die Spitzhacke darin ein und verstaute sie so gut es ging in dem Loch. Dann bückte er sich, nahm eine große Hand voll Laub und stopfte es noch mit hinein. Als er dann ein paar Schritte zurück trat, war nichts mehr von der Hacke zu sehen.
Mit einem schon sehr lange nicht mehr empfunden Hochgefühl wandte er sich um und machte sich leise pfeifend auf den Weg zurück zum Haupthaus. Er musste seinen Plan noch einmal überdenken, ihn von allen Seiten beleuchten und sich innerlich vorbereiten.
„Nicht mehr lange Paula Sommer,“ flüsterte er beinahe zärtlich lächelnd. „Nicht mehr lange und wir werden das beenden, was wir vor 20 Jahren begonnen haben.“

Kapitel 9