Kapitel 7
AJ beobachtete, wie Paulas Gesicht während des Gesprächs mit dem Busunternehmen immer düsterer wurde. Er wusste genau, was sie gerade zu hören bekam: Die Busse sind eingetroffen und befinden sich auf dem Parkplatz des Marriott Hotels.
Schließlich klappte Paula das Handy zu, verstaute es in ihrer Tasche und wandte sich zu ihnen um.
Ich werde mal eine Runde um den Block drehen. Angeblich sind die Busse hier, wo auch immer das sein mag.
Dann drehte sie sich herum und marschierte zielstrebig über den Parkplatz.
Ich mach mir gleich in die Hosen, flüsterte Nick neben ihm vergnügt.
Geht mir genau so, gab AJ kichernd zurück.
Meinst Du, es ist jetzt an der Zeit ... ,
Gleich, wenn sie um die Ecke verschwunden ist, entgegnete AJ und beobachtete Paula, bis sie das Ende des Parkplatzes erreicht hatte und sich nach links wandte. Als nichts mehr von ihr zu sehen war, zückte er sein Handy und drückte die Wahlwiederholung.
Hey Pitt, hier ist AJ. Sie können jetzt wieder kommen. Benutzen sie die Seiteneinfahrt, ja? Wie abgesprochen.
Er beendete das Gespräch und grinste Nick verschwörerisch zu. Ich bin so auf ihr Gesicht gespannt.
Was meinst Du, wird sie sauer sein? fragte Nick, während er sich aufmerksam umsah.
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich.
Ihr seid schon gemein, wisst ihr das? Hörten sie Lyn hinter sich.
Ach komm schon Lyn. Ein bisschen Humor sollte sie schon haben. Ereiferte sich Nick.
Ich glaube nicht, dass das noch was mit Humor zu tun hat, gab Lyn bestimmt zurück. Ihre Arbeit ist ihr sehr wichtig und ihr sabotiert sie einfach.
Ach, wenn sie den Schock überwunden hat, wird sie sich über die Zahnpasta auf ihrer Türklinke und die gelegentlich stattfindenden Wasserschlachten gar nicht mehr aufregen, grinste AJ.
Lyn schüttelte nur den Kopf.
In der Ferne hörten sie das tiefe Brummen von Dieselmotoren und als sie sich umwandten, bog gerade einer der großen, schwarzen Doppeldeckerbusse mit getönten Scheiben um die Ecke des Hotels. Hinter ihm folgten zwei weitere, identische Busse. Mit einem lauten Zischen kamen sie schließlich direkt vor ihnen zum Stehen.
Die Türen des ersten Busses glitten auf und heraus trat ein kleiner, untersetzter Mann in verblichenen Jeans und kariertem Hemd. Auf seiner Nase saß eine Nickelbrille und seine Gesichtszüge erhellte ein freundliches Lächeln.
Hey AJ. Und? fragte er wie ist es gelaufen?
Hallo Pitt. Sie ist noch nicht wieder hier, erklärte AJ aber das kann nun nicht mehr lange ... ,
Wo kommen die Busse denn auf einmal her? hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und als sie sich umdrehten, stand Paula mit in die Hüfte gestemmten Händen da und funkelte sie böse an.
Nick begann hinter ihm zu kichern.
Nun ja, sagte AJ grinsend. Wir dachten, ein bisschen Bewegung am Morgen würde dir gut tun.
Wie meinst du das? Pauls wusste scheinbar noch nicht genau, worauf er hinaus wollte, doch er konnte ihrem Gesicht ansehen, dass sie langsam zu verstehen begann.
Ihr habt ... nein ... das ist nicht wahr, oder? Sie trat einen Schritt näher und AJ wurde es ein wenig mulmig. Das hier sollte nur ein Spaß sein, doch sie schien augenscheinlich sehr wütend zu sein.
Hey, komm schon Paula, sagte Nick und schob sich an AJ vorbei. Das war doch nur Spaß. Ein kleiner Willkommensgruß sozusagen.
Willkommensgruß? Aha, sagte Paula und warf einen Blick in die Runde. Und ihr habt das alle gewusst?
Die Umstehenden nickten lachend.
Paula nickte langsam, so als verstehe sie so langsam die gesamte Tragweite dieser Operation.
So, so. Nur ein Spaß, sagte sie dann und richtete den Blick ihrer durchdringenden, blauen Augen wieder auf AJ und Nick.
Genau das, entgegnete AJ und lächelte warm.
Gut. Dann werde ich mir wohl auch ein wenig Spaß für euch ausdenken müssen, was? sagte sie trocken, ging an ihnen vorbei und streckte ihrem Busfahrer Pitt die Hand entgegen.
Hi, ich bin Paula Sommer. Das Opfer so zu sagen, doch AJ bemerkte erleichtert, dass sie dabei bereits wieder grinste. Können wir uns darauf einigen, dass sie die Jungs einfach nicht mehr ernst nehmen? Ich meine ... ich würde gerne sicher sein, dass sie das nächste Mal auch wirklich am vereinbarten Treffpunkt stehen.
Pitt schüttelte lachend ihre Hand. Aber sicher. Ich denke, das ist zu machen.
Gut, sie nickte erneut, drehte sich dann herum und klatschte in die Hände. Also dann los. Wir haben heute noch einiges zu tun.
Mit leisem Gemurmel und Gelächter, allerdings ohne Widerspruch, begannen sich die Mitglieder der Backstreet Crew auf die Busse zu verteilen.
AJ bestieg mit Nick und Lyn im Schlepptau den ersten Bus, verstaute seinen Rucksack in dem Fach für das Handgepäck und lies sich dann auf einen der Sitze am Fenster fallen.
Er beobachtete, wie Paula kurz in ihr Handy sprach, vermutlich um das Busunternehmen darüber zu unterrichten, dass die Busse nun doch aufgetaucht waren, die Nachzügler wie Kevin, Howie und Brian begrüßte und zu den einzelnen Bussen dirigierte. Schließlich schaute sie sich noch einmal um, hielt für einen Moment mit gesengtem Kopf inne und bestieg schließlich ebenfalls den ersten Bus.
Die Türen schlossen sich mit einem leisen Zischen, Paula blieb einen Moment bei Pitt stehen, sprach mit ihm, legte ihm dann eine Hand auf die Schulter und lachte über irgendetwas, was er gesagt hatte.
AJ konnte sich nicht helfen, aber aus irgendeinem Grund war er nicht in der Lage seinen Blick von ihr abzuwenden.
Schon wieder auf Beobachtungsmission? fragte Kevin schmunzelnd und lies sich neben AJ in den Sitz gleiten.
Sieht fast so aus, grinste AJ.
Ich habe gehört, ihr habt die Busse vor ihr versteckt?
Yep.
Und warum werden wir nicht früher darüber informiert? Ich hätte das gerne auch gesehen, entgegnete Kevin schmollend.
Kev, es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber was Scherze betrifft, die womöglich unseren Zeitplan durcheinander bringen, bist du leider nicht der geeignete Ansprechpartner, grinste AJ.
Was soll denn das bitte schön heißen, ich ... ,
Das soll heißen, meldete sich Nick von der Sitzbank vor ihnen zu Wort, in dem er sich auf die den Sitz kniete und die Arme auf der Kopfstütze verschränken dass du manchmal ein bisschen zu ... uhm ... erwachsen und vernünftig für so was bist. Aber du darfst ihr heute Abend gerne die Zahnpasta auf die Türklinke schmieren, wie findest du das?
Ich weiß nicht, ob mich das ausreichend entschädigen kann, gab Kevin gespielt schmollend zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Aber ich weiß, wie ich dich entschädigen kann, hörten sie unvermittelt Paulas Stimme neben sich und AJs Herz setzte für einen Schlag aus. Wo war sie denn so plötzlich her gekommen? Hatte sie das mit der Zahnpasta mitbekommen?
So? Wie denn? lächelte Kevin und sah treuherzig zu ihr auf.
Damit, lächelte Paula, beugte sich zu Kevin hinunter und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange.
Oh, wie gemein, beschwerte sich Nick sofort, was AJ für mehr als unklug hielt, doch er schwieg lieber.
Gemein? lachte Paula. Du hast gerade dafür gesorgt, dass ich wie ne Idiotin einmal um dieses riesige Hotel gelatscht bin, während ich mich gefragt habe, ob ich noch einen Job habe, wenn ich wieder bei euch ankomme. Dafür hast du dir ganz sicher keine Belohnung verdient.
Na, ich dachte da eher an Bestechung, grinste Nick frech.
Du meinst die Sache mit der Zahnpasta? fragte sie zuckersüß lächelnd, während sie sich an Kevins Schulter festhielt, weil der Bus sich plötzlich in Bewegung setzte.
Du hast das mitgekriegt? fragte Nick enttäuscht.
Yep. Sieht ganz so aus, als müsstet ihr euch etwas neues einfallen lassen, grinste Paula, tätschelte Nick einmal die Schulter und verschwand dann nach hinten.
Sie ist einfach zu schlau, stellte Nick wehmütig fest.
Ja, das ist sie wohl. Und soll ich dir was sagen? Das steht ihr außerordentlich gut, entgegnete AJ lächelnd.
Sie hat mich geküsst, hauchte Kevin mit einem triumphierenden Blick in seine Richtung.
Komm wieder runter alter Mann. Du bist vergeben und sie ist für mich bestimmt. Noch Fragen? neckte ihn AJ.
Nein, keine Fragen. Oder doch ... wie willst du sie davon überzeugen, dass du ein toller Kerl bist? So wie ich das sehe hast du die komplett falsche Strategie.
AJ lachte. Zuckerbrot und Peitsche. Du weißt doch ... ,
Nie im Leben wird das was, prophezeite Nick und lies sich wieder zurück auf seinen Sitz fallen.
Wir werden ja sehen, sagte AJ versonnen und lies seinen Blick hinaus aus dem Fenster wandern.
Es war schon seltsam. Natürlich war das Gerede über Paula und seine Chancen bei ihr nur Frotzelei. Im Moment fühlte er sich ganz wohl so ungebunden und unabhängig wie er war. Es gab niemandem, dem er Rechenschaft ablegen musste, er konnte tun und lassen was er wollte und er konnte ohne schlechtes Gewissen mit den Frauen flirten.
Doch irgendwie steckte schon ein Körnchen Wahrheit in seinen Bemerkungen über Paula. Er fand sie auf eine Art anziehend und faszinierend, die er nur schwer erklären konnte. Im Grunde kannte er sie überhaupt nicht und das Wenige, was er über sie wusste, beschränkte sich ausnahmslos auf ihre Arbeit. Sie war nicht einmal bei der Eröffnungsparty aufgetaucht, hatte lieber in ihrem Zimmer gearbeitet und scheinbar keine Lust verspürt, die Menschen, die sie die nächsten vier Wochen Tag und Nacht begleiten würde, näher kennen zu lernen.
Er hätte sich gerne einmal näher mit ihr unterhalten. Er wollte wissen, was hinter dieser hübschen Fassade steckte, ob sie wirklich so klug war, wie sie immer tat.
Aber aufgeschoben war ja nicht aufgehoben. Er hatte immer noch genug Zeit um sich mit ihr zu befassen.