Kapitel 6

Das Eröffnungskonzert war, für Paulas Begriffe, hervorragend gelaufen. Die Crew hatte alles bestens im Griff, es gab keine größeren Komplikationen und so hatte Paula das erste Mal Gelegenheit, die Backstreet Boys tatsächlich ungestört und in Ruhe live zu erleben. Sie war beeindruckt von der Professionalität, die hinter all dem steckte, angefangen von den Personen, die dafür sorgten, dass immer genug Wasserflaschen und Handtücher zur Verfügung standen, über die Kostümbildner, die dabei halfen die Jungs innerhalb von Sekunden umzuziehen, bis hin zu den ausgezeichneten Rowdys, die das gesamte Equipment schon verstaut hatten, noch bevor der letzte Besucher die Konzerthalle verlassen hatte.
Sie überwachte den Abtransport, achtete darauf, dass auch wirklich jede Schraube in einem der großen Trucks landete und lies sich von Anthony in die Feinheiten der Technik einweihen. Er war dabei äußerst geduldig, beantwortete ihr bereitwillig jede Frage und wirkte niemals gehetzt oder unfreundlich.
Als Paula zurück ins Hotel kam, war bereits eine kleine Party in einem der Restaurants im Gange, doch sie verspürte wenig Lust, sich in das Gewühl zu stürzen. Sie musste noch ein Protokoll für den heutigen Tag erstellen, damit ihr Arbeitgeber wusste, was er dem Management der Backstreet Boys in Rechnung stellen konnte und hatte noch einige Dinge für den nächsten Tag vorzubreiten. Müde und erschöpft schlief sie schließlich weit nach Mitternacht mitten in ihren Papieren auf dem großen Bett ein.

Früh am nächsten Morgen schreckte sie mit einem leisen Schrei auf den Lippen aus tiefem Schlaf. Minutenlang saß sie zitternd auf der Bettkante, versuchte sich einzureden, dass alles nur ein Traum gewesen war und sie keine Angst mehr haben musste, doch das half nicht wirklich. Sie wusste, dass sie mit den Gedanken immer noch in der Vergangenheit weilte, dass die Bedrohung, die sie nachts durch ihre Träume jagte, durchaus sehr real war. Nur weil eines der Monster hinter Gittern saß hieß das noch lange nicht, dass es sonst keine mehr gab. Sie lauerten im Verborgenen und schlugen zu, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnete.
Schließlich stand sie auf, streifte die zerknitterten Kleider ab und stieg unter die Dusche. Nach zehn Minuten, in denen sie die Temperatur immer wieder von heiß nach kalt regelte, fühlte sie sich schließlich wach und einigermaßen gerüstet für den Tag.
Heute sollte es weiter nach Dresden gehen. Hierfür hatte sie bereits vor Monaten drei Busse bestellt, eine ganze Etage im Hilton-Hotel reserviert und die Messehalle gebucht. Der Transfer vom Hotel zur Halle und wieder zurück war arrangiert, die Interviewtermine bei drei Radiosendern, zwei Zeitschriften und einem lokalen Fernsehsender waren gebucht und bestätigt und eigentlich konnte nicht mehr viel schief gehen.
Paula bestellte sich ihr Frühstück aufs Zimmer, da sie keine Lust verspürte sich jetzt schon der Hektik und dem lauten Stimmengemurmel im Frühstücksraum auszusetzen. Als es schließlich Zeit wurde zu gehen, sorgte sie mit einem Anruf bei der Rezeption dafür, dass ihr Gepäck nach unten gebracht wurde und begab sich dann auf den Weg auf den großen, abgesperrten Parkplatz hinter dem Hotel und zu sehen, ob mit den Bussen alles in Ordnung war.
Sie fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten, durchquerte die Lobby und nahm dann den Weg durch die Küche, den ihr der Hotelmanager am vorangegangenen Abend freundlicher Weise gezeigt hatte. Sie grüßte mit einem Nicken die Köche und Angestellten, die bereits bei der Vorbereitung für das Mittagessen waren, schlängelte sich durch, mit kleinen Servierwagen voll gestellte Gänge und erreichte schließlich die Hintertür. Mit Schwung stieß sie sie auf und trat hinaus in einen wolkenverhangenen Morgen. Ihr Blick schweifte über den riesigen Parkplatz. Einige wenige Autos standen darauf, das ganze Areal wurde von einer beinahe mannshohen Hecke umgeben, die noch einmal von einem Zaun umstellt wurde.
Weit und breit war kein einziger Bus zu sehen.
Ob sie sich geirrt hatte? Womöglich hatte sie dem Busunternehmen ein falsches Hotel genannt? Oder, noch schlimmer, ein falsches Datum?
Hektisch zog sie ihr Handy aus der Tasche und während sie langsam, immer noch mit ungläubig aufgerissenen Augen über den Parkplatz schritt, tippte sie die Nummer des Busunternehmens ein.
Nach dem vierten Klingeln meldete sich eine freundliche, weibliche Stimme.
„Guten Morgen, Event-Tours, mein Name ist Melanie Margin, was kann ich für sie tun?“
„Guten Morgen. Mein Name ist Paula Sommer von B&B Promotions. Ich hatte für heute Morgen drei Busse zum Marriott Hotel bestellt. Aber leider ist bisher keiner einziger aufgetaucht.“
„Einen Moment bitte, ich verbinde sie an die Auftragsbearbeitung,“ und sofort ertönte enervierende Klaviermusik in Paulas Ohr.
Als sie sich genervt durch das Haar fuhr und sich langsam herum drehte, sah sie, wie die Tür aufging und die ersten Mitglieder der Backstreet Crew auf den Parkplatz drängten. Unter ihnen AJ und Nick, die ihr freundlich zuwinkten und sich dann suchend auf dem Parkplatz umsahen.
„Auftragsbearbeitung Müller,“ meldete sich eine tiefe, männliche Stimme plötzlich und Paula konzentrierte sich wieder auf ihren Anruf.
„Paula Sommer von B&B Promotions, guten Morgen. Ich hatte für heute drei Busse zum Marriott bestellt, aber leider ist noch keiner von ihnen eingetroffen.“
„Einen Moment bitte,“ sagte der Mann und sie hörte, wie er auf einer Tastatur herum tippte. „B&B Promotions sagten sie?“
„Ja, genau. Für die Tournee der Backstreet Boys.“
„Ich verstehe,“ sagte der Mann, während sie weiterhin das Klappern der Tastatur vernahm. „Ist bestimmt ganz schön aufregend mit diesen Popstars zu reisen, was?“ fragte Herr Müller gut gelaunt.
„Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht wie es ist mit ihnen zu reisen. Ihre Busse sind noch nicht da,“ entgegnete Paula freundlich und warf einen Blick zurück zu der kleinen Gruppe von Menschen, die vor dem Ausgang zusammen standen und aufgeregt diskutierten.
Gott, bitte mach, dass sie sich nur verspäten betet Paula im Stillen.
„Ah, hier haben wir es ja,“ hörte sie Herrn Müller sagen. „Drei Nightliner mit allen Extras. Für heute gebucht und auch ausgeliefert.“
„Von ausgeliefert kann keine Rede sein,“ entgegnete Paula bestimmt.
„Oh doch. Wissen sie, wir lassen uns immer bestätigten, wenn unsere Fahrer am Einsatzort ankommen. Damit wir schon vorher bei eventuellen Schwierigkeiten eingreifen können, verstehen sie?“
„Können sie mir auch verraten, von wo sich ihre Fahrer gemeldet haben? Hier sind sie jedenfalls nicht.“
„Marriott Hotel. Ankunft 6.30 Uhr.“
„Das war vor einer Stunde,“ sagte Paula nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr.
„Genau.“
„Und es kann nicht sein, dass sie vielleicht ... keine Ahnung ... wieder umgedreht und nach Hause gefahren sind?“
„Nein Frau Sommer, tut mir leid. Ohne Autorisierung von uns, in diesem Fall von mir persönlich, bewegen sich die Fahrer mit ihren Bussen nicht vom Fleck.“
„Aber ich verstehe das nicht,“ Paula schüttelte verzweifelt den Kopf. „Der Parkplatz ist abgesperrt und liegt völlig offen vor mir. Hier kann sich niemand verstecken, schon gar nicht eine ganze Busflotte.“
„Hören sie, ich kann folgendes tun. Geben sie mir ihre Nummer. Ich werde versuchen einen unserer Fahrer zu erreichen und melde mich dann wieder bei ihnen, in Ordnung?“
„Das klingt toll!“ Paula fühlte sich ein wenig leichter und nannte Herrn Müller ihre Telefonnummer. Dann legte sie auf und wandte sich der Gruppe am Ausgang zu.
„Was ist los? Wo sind die Busse?“ fragte Nick, als sie näher kam.
„Scheinbar gibt es ein paar kleinere Koordinationsschwierigkeiten, aber keine Sorge, ich habe das im Griff.“
„Na, das fängt ja gut an,“ meldete sich einer der Umstehenden zu Wort.
„Ich weiß, dass ich nicht wirklich befriedigend,“ nickte Paula „aber im Moment muß ich warten, bis mich das Busunternehmen zurück ruft. Ich schlage vor, ihr geht noch einmal rein und trinkt einen Kaffe oder so was. Es kann noch einen Moment dauern.“
„Ich bleibe hier,“ verkündete AJ.
„Ich auch. Das will ich nicht verpassen,“ grinste Nick.
Der Rest der Anwesenden nickte und innerlich rollte Paula mit den Augen. Was wollten die nur? Sie hasste es, wenn sie bei ihrer Arbeit auch noch auf die Finger geschaut bekam.
Doch bevor sie sich darüber wirklich aufregen konnte, klingelte ihr Handy.
„Sommer,“ meldete sie sich.
„Müller von Event-Tours.“
„Hallo. Und?“
„Mein Fahrer bestätigt mir, dass er auf dem Parkplatz steht und auf sie wartet.“
„Aber auf welchem denn um Gottes Willen?“ Paula spürte, wie ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. Wenn die Busse nicht bald auftauchten, geriet der gesamte Zeitplan durcheinander und das durfte auf gar keinen Fall geschehen.
„Marriott Hotel, wie sie es bestellt hatten.“
„Hören sie, ich bin doch nicht blöd. Hier sind keine Busse. Gibt es vielleicht noch ein anderes Marriott Hotel in Hamburg?“
„Nein. Das ist das einzige und mein Fahrer sagt mir ... ,“
„Ich weiß was ihr Fahrer sagt,“ unterbrach sie ihn, inzwischen äußerst angespannt. Sie überlegte fieberhaft, was sie nun tun sollte.
„O.k., hören sie. Ich werde jetzt eine Runde um das Hotel drehen. Vielleicht stehen sie ja auf einem anderen Parkplatz, obwohl ich mir das kaum vorstellen kann. Geben sie mir ihre Durchwahl? Dann melde ich mich noch einmal.“
„Gerne.“ Herr Müller nannte ihr eine vierstellige Nummer, die sie automatisch in ihrem Gedächtnis speicherte und verabschiedete sich dann, in dem er ihr viel Glück bei der Bussuche wünschte.
Genervt und mehr als beunruhigt steckte Paula das Handy in die Tasche, drehte sich einmal um sich selbst, wobei ihr die feindseligen Blicke der Umstehenden nicht entgingen, und machte sich dann auf die Suche. Drei Busse konnten sich ja schließlich nicht in Luft auflösen.

Kapitel 7