Kapitel 5

Wenn das Monster eines hasste, dann war es morgens aufzuwachen und zu wissen, dass ihm wieder ein Tag in dieser Bruchbude bevor stand. Vielleicht war es das Alter oder einfach nur die Tatsache, dass er jetzt tatsächlich schon zwanzig Jahre hier einsaß, aber er meinte, dass es jeden Morgen schlimmer wurde.
Alleine die Vorstellung sich in den Speisesaal zu begeben, sich mit den Anderen, die im Gegensatz zu ihm ganz eindeutig irre waren, in der langen Schlange vor der Essensausgabe anzustellen, ihren Mief zu riechen, ihren nervtötenden Gesprächen zu zu hören und sie einfach ... nun ja ... ertragen zu müssen, raubte ihm den letzten Nerv.
Er verzog sich meist mit seinem Tablett und dem Essen, das für gewöhnlich nach nichts schmeckte, in die hinterste Ecke des Raumes und seine Miene schien jeden davon abzuhalten, sich zu ihm zu setzen. Von seinem Posten aus beobachtete er das Geschehen um sich herum. Jede Veränderung, alles, was anders war als sonst, fiel ihm sofort ins Auge.
Er wusste meist als erster, wer am Tag zuvor die Klinik verlassen hatte, er war der erste, dem neues Personal auffiel und er bemerkte sofort Abweichungen im, normaler Weise straff organisierten Zeitplan. Er wusste, welche Pfleger wann Dienst hatten, welche Ärzte Frühaufsteher und welche immer zu spät kamen und er kannte den Lageplan der Klinik in- und auswendig.
Schon lange trug er sich mit dem Gedanken einfach abzuhauen. Er hatte es sogar schon zwei Mal versucht, war aber immer wieder gescheitert. Einmal hatten sie ihn bereits kurz nachdem er sein Zimmer verlassen hatte erwischt, das andere Mal war er immerhin bis zur zweiten Sicherheitsschleuse gekommen, bevor sie ihm mit einem Elektroschocker die Lichter ausgepustet hatten.
Das Scheitern an sich war noch nicht einmal das schlimmste an der ganzen Geschichte. Immerhin hatte er viel Zeit um es noch einmal zu probieren, seinen Plan zu überdenken und die Schwachstellen auszumachen. Nein, das wirklich Schlimme daran war, dass er jedes Mal wieder zurück gestuft wurde. Er war dann nicht mehr nur eine Nummer, die es im Auge zu behalten galt, sondern plötzlich wieder gefährlich und unberechenbar. Das brachte ihn immer wieder zurück in den Hochsicherheitstrakt, zurück zu den dämlichen Psychofuzzies, die meinten, in seinem Kopf herum fuhrwerken zu müssen und zurück an einen Punkt, an dem es kein Entkommen gab.
Im Schnitt benötigte man über fünf Jahre um von diesem Sonderstatus wieder herunter zu kommen. Beim letzten Mal hatten sie sich bei ihm allerdings ganze acht Zeit gelassen.
Dieses Mal, so schwor er sich, würde ihm das nicht mehr passieren. Seit einem halben Jahr kam er nun schon wieder in den Genuss der gemäßigten Sicherheitsmaßnahmen, was so viel bedeutete wie: keine Kameras auf seinem Zimmer, Kontakt zu den anderen Insassen (was ihm erlaubte an Dinge heran zu kommen, die ihm sonst verwehrt blieben), nur noch einmal wöchentlich eine Pro Forma Sitzung mit einem der Psychologen und - was das beste an der Sache war - einmal am Tag Hofgang.
Am Anfang fand er den Hofgang lächerlich. Es interessierte ihn nicht, ob man der Meinung war, dass ihm Sonnenlicht und frische Luft gut täten, oder es seinem „Sozialverhalten“ zuträglich war, etwas mit den anderen Insassen zusammen zu machen. Alleine die Vorstellung, mit den anderen Irren in einem betonierten, schmucklosen und höchstwahrscheinlich winzigen Hof im Kreis herum zu laufen, fand er verachtenswert.
Dann stellte er allerdings fest, dass „Hofgang“ ein sehr unpassender Name für das war, was er jeden Tag erleben durfte. Es handelte sich nämlich hierbei nicht um einen eingemauerten, grauen und betonierten Hof, sondern um ein weitläufiges Gelände mit saftigen Rasenflächen, alten, riesigen Bäumen, Blumenrabatten und Parkbänken.
Natürlich gab es auch hier eine hohe, beinahe ein Meter dicke Mauer mit Stacheldraht oben drauf, doch wenn er die Augen schloss konnte er sich beinahe vorstellen, dass er frei war und lediglich einen kleinen Ausflug in einen Park unternommen hatte.
Ein weiterer Vorteil des Hofganges lag darin, auch den anderen Teil des Personals kennen zu lernen, der nicht auf seiner Station arbeitete.
Eine davon war Adriana Kaballa. Als er sie das erste Mal sah, war sie gerade dabei einen Rollstuhl, mit einem ihrer Patienten darin, vor sich her zu schieben. Adriana war eine kleine, runde, vorzeitig ergraute Spanierin mit hitzigem Temperament und einem angenehmen Lachen. Sie war die erste und wohl auch einzige, die ihn hier drin zumindest annähernd wie einen normalen Menschen behandelte und genau das würde ihm dabei helfen, von hier zu verschwinden.
Das Monster hatte schnell festgestellt, dass Adriana ihm gegenüber nicht das Misstrauen zeigte, wie es alle anderen taten. Vielleicht – aber das hielt er eigentlich kaum für möglich – wusste sie nicht, wer er war und was er getan hatte. Sie plauderte mit ihm, als hätten sie sich gerade zufällig getroffen und als wäre er nicht einer dieser Verrückten, die aus gutem Grund hier drinnen fest saßen.
Natürlich hatte er sie längst durchschaut. Ihm war klar, dass sie nicht einfach nur so nett zu ihm war, sondern lediglich ihren Beruf sehr viel ernster nahm als der mürrische, nichtsnutzige Rest der Angestellten. Doch im Grunde ihres Herzens sah sie genau wie alle anderen auf ihn herab, hielt sie ihn für minderwertig und dumm und somit fiel es ihm meist recht schwer zuvorkommend und nett zu ihr zu sein. Jedes Mal wenn er sie sah, juckte es ihm in den Finger ihr warmes Lächeln zu Brei zu schlagen, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und ihrem Rücken mit einem spitzen Gegenstand ein neues Aussehen zu verpassen.
Einzig und alleine der Umstand, dass sie in Besitz einer der Codekarten war, die man benötigte um das Gelände betreten und verlassen zu können und dass sie diese immer offen an der Hemdtasche ihrer Schwesternuniform baumeln lies, hielt ihn davon ab. Seine Zeit würde kommen und dann hatte Adriana ganz sicher nichts mehr zu lachen!

Kapitel 6