Kapitel 4

„Hallo. Mein Name ist Paula Sommer und ich wurde von B&B Promotions damit beauftragt, mich um euch, die Tour und alle anfallenden großen und kleinen Schwierigkeiten zu kümmern.“
AJ saß in einem bequemen Sessel, hatte die Füße weit von sich gestreckt und lauschte dem blauäugigen Wesen, das souverän und äußerlich kein bißchen nervös auf der anderen Seite des Tisches stand und sich vorstellte.
Sie hatten heute Nachmittag schon ein paar andere Dinge geklärt und ihren Terminplan für die kommende Woche besprochen.
Die Kleine war niedlich, das konnte er nicht leugnen, auch wenn sie nicht so aussah, als wäre sie dem ganzen Trubel tatsächlich gewachsen. Sie wirkte irgendwie zu zerbrechlich, zu jung und ihr Blick huschte manchmal unstet hin und her. Außerdem war es egal wer was zu ihr sagte, sie schrieb sich nie auch nur ein Wort davon auf.
Normalerweise waren die Leute, die ihnen von den Promotion Firmen in den verschiedenen Ländern zur Verfügung gestellt wurden weit älter und erfahrener, liefen den ganzen Tag mit ihrem Pager, Laptop oder Notizblock herum und machten sich wichtig. Paula war anders und er war gespannt darauf was passieren würde, wenn sie die erste, richtige Krise zu bewältigen hatte. Und wie er die Maschinerie der Backstreet-Organisation kannte, würde das eher früher als später passieren.
„Ich denke, ihr wisst alle, warum ich hier bin und was genau meine Aufgaben sind,“ fuhr Paula fort. „Ich möchte nur noch einmal betonen, das, egal welches Problem es geben sollte, sich jeder von euch Tag und Nacht an mich wenden kann.“
„Hey, das klingt gut,“ rief Nick und rieb sich freudestrahlend die Hände. „Ich habe da manchmal so Probleme beim Einschlafen, weißt du?“
Die Anwesenden lachten verhalten.
„Kein Problem. Ich besorge dir ein gutes Schlafmittel. Auf pflanzlicher Basis natürlich. Ich schwöre dir, am nächsten Morgen fühlst du dich wie neu geboren,“ konterte Paula und AJ mußte grinsen. Zumindest wußte sie sich zu wehren.
„Wenn sonst keine Fragen mehr sind ... ,“ Lyn warf einen Blick in die Runde. „Ich meine wirklich wichtige Fragen,“ kam sie Nick grinsend zuvor, der bereits Luft geholt hatte und jetzt den Mund beleidigt wieder schloss. „Dann würde ich vorschlagen, wir machen uns an die Arbeit.“
Aufgeregtes Stühlerücken und Gemurmel beendete die Sitzung. AJ sah, wie Paula ihr Handy zückte, kurz mit Lyn sprach und ihr bedeutete, dass sie kurz vor die Tür gehen würde.
AJs Blick folgte ihr, bis sich die Tür hinter ihr schloss.
„Wenn du sie weiterhin so anstarrst Bro’,“ hörte er plötzlich eine Stimme neben sich und als er aufsah, blickte er direkt in Kevins amüsiert funkelnde, grüne Augen „wird sie dich noch wegen Belästigung anzeigen.“
„Ach was. Das gefällt ihr, wetten?“
„Da würde ich dagegen halten,“ mischte sich Howie ein und setzte sich zu seinem Freund auf die Sessellehne.
„Wieso? Sie ist ein attraktives Mädchen und ich ein, zur Zeit ungebundener Mann. Was sollte da schon schief gehen?“
„Ich glaube nicht, dass du ihr Typ bist,“ meinte Kevin.
„Woher willst du das wissen? Du kennst sie genau so wenig wie ich.“
„Ich habe für so etwas einen Riecher. Vertrau mir.“
„Außerdem habe ich gehört, wie sie zu Lyn sagte „ich gehe schnell Ben anrufen. Bin gleich wieder da.“. Das klingt mir nicht danach, als wäre sie noch frei,“ gab Howie zu bedenken.
„Ben? Ben? Wer ist schon Ben? Lasst mich erst einmal meinen Charme ausspielen und ihr werdet sehen, in Null Komma Nichts habe ich sie um den Finger gewickelt.“
„Du bist vielleicht ein arroganter Mistkerl,“ mischte sich Nick mit leisem Lachen in das Gespräch ein.
„Neidisch, dass ich dir den Rang ablaufe?“ grinste AJ.
„Nein. Sie ist mir zu klein und zu dürr und zu jung und zu ... keine Ahnung. Findet ihr sie nicht auch irgendwie seltsam?“
„Seltsam?“ kam es aus drei Mündern gleichzeitig.
„Wer ist seltsam?“ fragte Lyn und gesellte sich zu den Jungs.
„Paula,“ kam es vierstimmig zurück.
„Paula? Wieso sollte sie seltsam sein?“
„Ich weiß nicht,“ Nick starrte versonnen auf die Zimmertür. „Erstens ist sie ziemlich jung für den Job ... ,“
„Was noch nichts heißen will,“ entgegnete Lyn.
„Zweitens ... ,“ fuhr Nick ungerührt fort „habe ich noch nie einen von diesen Promotion Fuzzies gesehen, der nicht dauernd irgendetwas auf einen Block gekritzelt hat. Egal was man ihr sagt, sie macht sich keinerlei Notizen. Ich schwöre euch, das wird noch böse enden.“
„Darüber habe ich mir allerdings auch schon Gedanken gemacht,“ bestätigte Lyn.
„Vielleicht haben wir es hier mit einem Genie zu tun, wer weiß?“ sagte Kevin achselzuckend. „Auf jeden Fall finde ich sie sehr nett und auf den ersten Blick macht sie mir auch einen kompetenten Eindruck. Oder hast Du etwas an deinem Hotelzimmer auszusetzen Nick?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf.
„Nintendo, Playstation, Millers und diese komischen ... wie heißen diese Dinger doch noch gleich auf Deutsch ... ?“
„Gammibääärschen,“ strahlte Nick.
„Ja, genau die meine ich. Alles da?“ fragte Kevin mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Alles da,“ bestätigte Nick.
„Siehst du, bei mir auch.“
„Die Kentucky Weekly und die Baumwollbettwäsche,“ vermutete AJ.
„Genau. Und bei Dir, nehme ich mal an, kein Alkohol in der Minibar, ein großer Korb Obst und eine Stereoanlage mit Infrarotkopfhörern um dir die Schädeldecke weg zu pusten.“
„Richtiiiiig,“ grinste AJ.
„Ich habe auch mein Lieblingsschaumbad bekommen, das Mad-Magazin lag auch schon auf meinem Nachttisch und sie hat an diese Nüsse gedacht, die ich so gerne esse.“ Bestätigte Howie.
„Also, was wollt ihr noch?“ fragte Kevin triumphierend lächelnd und breitete die Arme aus.
„Dass sie sich wenigstens ab und zu was aufschreibt,“ entgegnete Nick „das würde mich echt beruhigen.“
„Jetzt wartet es doch erst einmal ab,“ sagte Lyn. „Sie ist wirklich sehr professionell. Immerhin habe ich die letzten Wochen regelmäßig mit ihr zu tun gehabt und ich kann euch versichern, dass ein „nein“ oder „das können wir nicht“ in ihrem Wortschatz nicht zu existieren schient.“
„Na, das werden wir ja noch sehen,“ grinste AJ und warf Nick einen verschwörerischen Blick zu.
„Was auch immer ihr vorhabt, seid gnädig, o.k.? Stoßt sie nicht gleich vor den Kopf,“ warnte Lyn.
„Hey, wir sind immer nett,“ beschwerte sich AJ. „Aber jeder, du eingeschlossen, hat seine Feuerprobe durchstehen müssen.“
„Ohje, erinnert mich nicht daran,“ entgegnete Lyn und runzelte in gespielter Verzweiflung die Stirn.
„Aber du hast es auch überlebt,“ grinste Howie. „Da muß sie jetzt wohl durch.“
„Tut, was ihr nicht lassen könnt, aber bitte lasst mich da raus. Ich weiß von nichts und will es auch, ehrlich gesagt, nicht wissen.“
„Ich denke, das kriegen wir hin Lyn,“ nickte Nick ernst und stand dann auf, um sich mit AJ zu beraten.

„Hallo Ben, hier ist Paula. Wie geht es dir?“
„Paula! Hallo. Ach, es freut mich, deine Stimme zu hören.“
Paula lächelte, als die warme Baritonstimme von Ben an ihr Ohr drang. Seit sie denken konnte, gehörte Ben Willmes zu ihrem Leben.
Er war Anwalt und guter Freund der Familie gewesen, hatte mit ihrem Vater ausgedehnte Angelausflüge unternommen, sonntags mit ihnen zu Abend gegessen und Paula ab und zu zum Stall mitgenommen, um sie auf seinem heiß geliebten Hengst Rubinio reiten zu lassen.
Als Paulas Eltern ermordet wurden, war er der einzige, der noch irgendwie an sie heran kam. Er wurde als Testamentsverwalter eingesetzt, kümmerte sich darum, dass Paula in eine gute Pflegefamilie kam und hielt immer zu ihr, egal welche Eskapaden sie unternahm.
Mittlerweile war er fast siebzig Jahre alt und hatte erst vor zwei Jahren seine Anwaltskanzlei an einen jüngeren Anwalt verkauft. Seine Frau Charlotte war früh gestorben, Kinder hatten sie keine und er hatte auch nie wieder geheiratet. Somit hatte er Paula immer wie eine eigene Tochter behandelt.
Sie liebte ihn und betrachtete ihn als Teil ihrer Familie – als den einzigen Teil, denn ihre Eltern hatten beide keine Geschwister und auch Paulas Großeltern waren früh verstorben.
„Wie läuft es denn so mit diesen jungen Hüpfern. Wie heißen sie doch noch gleich?“
„Das sind die Backstreet Boys! Ben, manchmal denke ich wirklich, du lebst hinter dem Mond,“ scherzte Paula gutmütig.
„Du weißt doch wie das ist. In meinem Alter beschäftigt man sich lieber mit Künstlern, die noch älter sind als man selbst. So etwas wie Beethoven oder Mozart. Manchmal auch ein bißchen Wagner, wenn es denn sein muß. Der Gedanke, das man zumindest jünger als diese Herren ist, beruhigt mich ungemein.“
Paula lachte leise. „Du bist doch nicht alt Ben und wirst es auch niemals sein.“
„Oh doch Schnuppe. Das bin ich.“
Paulas Lächeln wurde breiter, als sie ihren Kosenamen aus seinem Mund hörte. Die Gespräche mit ihm waren wie ein Stück zu Hause und sie versuchte, sich wenigstens einmal in der Woche zu melden. Wegen ihres stressigen Berufes schaffte sie dies nicht immer, aber wenn sie es einmal vergas, wartete spätestens am Ende der Woche ein liebevolle Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter.
„Aber nun erzähl mal, wie läuft es. Sind sie auch alle nett zu dir?“
„Bis jetzt kann ich mich nicht beklagen, obwohl ich den Eindruck habe, dass es sie nervös macht, dass ich nicht die ganze Zeit mit Papier und Stift herum laufe.“
Bens leises Lachen am Ende der Leitung wärmte ihr Herz.
„So langsam solltest du dich an diese Reaktionen doch gewöhnt haben, oder?“
„Ja, schon. Aber ich hasse diese komischen Blicke und diese Pausen, als würden sie darauf warten, dass ich doch noch ganz schnell irgendwo einen Block hervor zaubere.“
„Sie werden schon merken, dass du so etwas gar nicht nötig hast.“
„Bestimmt. Aber erzähl doch du mal ... wie geht es Rubinio?“
„Ach, dem alten Klepper geht es gut. Er frisst etwas wenig, aber der Tierarzt hat ihm eine Aufbauspritze verpasst und wir gehen davon aus, dass das bald besser wird.“
„Gott, ich kann mir gar nicht vorstellen wie es sein wird, wenn er mal nicht mehr da ist.“
„Das geht mir genau so. Aber du weißt doch Schnuppe, der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu und wenn es so kommen soll dann ... ,“
„ ... dann kommt es so und ist nicht zu ändern.“ Ergänzte Paula den Satz, während eine Gänsehaut ihre Unterarme bedeckte.
„Eben.“
„Was machst du heute noch?“
„Ich bin mit Frau Schneider zum Abendessen verabredet.“
„Mit dieser liebreizenden Dame aus dem Golfclub?“ Rief Paula aufgeregt.
„Liebreizend? Wo ist diese Frau liebreizend? Habe ich etwas übersehen?“
Paula lachte. „Hey, nur weil sie ein wenig mehr auf die Waage bringt heißt das noch lange nicht, dass sie nicht liebreizend sein kann.“
„Also ich weiß nicht. Weiß du noch was passiert ist, als ich mich das letzte Mal mit ihr getroffen habe?“
„Du meinst die Geschichte, als sie den Kellner zusammen gestaucht hat, weil ihr Essen angeblich zu kalt war?“
„Genau das. Ich mag solche ... uhm ... ungehobelten, unkultivierten Menschen nicht.“
„Es war aber ihr Recht, sich zu beschweren.“
„Das mag ja sein, aber ich finde, als sie seine Krawatte in den Rotwein getunkt hat, ging sie eindeutig zu weit.“
„Komm’ schon, das magst du doch. Gib es zu,“ kicherte Paula.
„Lass es mich so ausdrücken ... ich werde heute Abend eine Fliege tragen. Nur zur Vorsicht.“
Paula lachte und schüttelte den Kopf. „Warum gehst du dann noch mit ihr aus?“
„Ich weiß es nicht. Oder doch ... manchmal erinnert sie mich an Charlotte. Das ist es wohl. Ihr Lachen ist so herzlich und ich mag ihren Humor. Trotzdem ... manchmal geht sie einfach zu weit für meinen Geschmack.“
„Du magst sie, gib es einfach zu!“
„Ja, ja, ja. Um des lieben Friedens willen.“
„Dann vergiss nicht, den Champagner kalt zu stellen und die alten Schmuseplatten hervor zu kramen.“
„Champagner? Schmusplatten? Paula, ich bin 70 Jahre alt! Da tut man so etwas nicht mehr.“
„So? Was macht man dann?“
„Man redet über die guten alten Zeiten und den verflixten Harndrang, der einen nachts um drei aus dem Bett holt, genießt das Abendessen und geht früh zu Bett. Alleine!“ Betonte er schnell.
„Ben, so wird das doch nichts mit einer günstigen Haushälterin,“ scherzte Paula.
„Ich weiß. Aber so lange ich mir Frau Degenstett noch leisten kann, werde ich mich hüten Frau Schneider in irgendeiner Weise näher zu kommen.“
„Es wird Zeit, dass ich dich mal wieder besuchen komme. Alleine bekommst du dein Leben scheinbar nicht auf die Reihe,“ schmunzelte Paula.
„Ich bekomme mein Leben sehr wohl auf die Reihe. Trotzdem wäre es schön, dich wieder zu sehen. Unser letztes Treffen ist eindeutig zu lange her.“
„Wem sagst du das. Ich verspreche hiermit hoch und heilig, dass ich mir nach der Tour der Backstreet Boys frei nehmen werde. Ich komme gleich für eine Woche, nur, damit du dich schon einmal darauf einstellen kannst. Und wenn du möchtest stellte ich dir den Haufen hier persönlich vor, wenn wir am 29. nach Hannover kommen.“
„Ich weiß nicht ob das etwas für mich ist Paula,“ gab Ben zu bedenken.
„Ach was. Du wirst es mögen, das verspreche ich dir.“
„Na, wir werden sehen.“
„Na gut. Aber um unser Treffen nach der Tour kommst du nicht herum,“ lächelte Paula.
„Das hört sich doch gut an. Dann werde ich tatsächlich den Champagner kalt stellen und meine Schmuseplatten hervor kramen.“
„Das klingt seeehr gut,“ lächelte Paula.
„Finde ich auch.“
„In Ordnung. Ich muß dann auch schon wieder.“
„Ja, ja, die Arbeit mit den jungen Hüpfern ruft.“
„Genau,“ lachte Paula.
„Also mach’s gut Schnuppe. Ich denke an dich.“
„Ich auch an dich Ben. Bis bald.“
„Ja, bis bald.“

Kapitel 5