Kapitel 3
Es war früh am Morgen, fünf Uhr um genau zu sein, als die Backstreet Boys das Hotel in Hamburg durch einen versteckten Eingang in der Tiefgarage betraten. Ein Tross von schwarzen Vans mit undurchsichtigen, getönten Scheiben hatte sie vom Flughafen hier her gebracht und nachdem sie einmal am Eingang des Hotels vorbei gefahren waren und die immer noch zahlreichen Fans in Schlafsäcken davor hatten nächtigen sehen, hatte sich ihre Security für den Hintereingang entschieden.
AJ McLean lehnte sich müde gegen die Fahrstuhlwand und schloss für einen Moment die Augen. Der Flug war lang gewesen, etwas, was in den letzten vier Jahren nicht mehr so häufig vorgekommen war. Es überwältigte ihn heute immer noch, dass sie so viele Meilen von ihrer Heimat Amerika entfernt waren und trotzdem überall erkannt und geliebt wurden. Das galt natürlich nicht nur für Deutschland. Vielleicht war es hier sogar noch am ehesten normal, wenn man von so etwas überhaupt sprechen konnte. In diesem Land hatte alles angefangen, hier hatten sie die ersten beiden Jahre ihrer Karriere verbracht und hier hatten sie immer noch die treusten Fans, waren immer willkommen und hatten Erfolg.
Seine Gedanken streiften für einen Moment Länder wie Japan, Australien, Afrika, Neuseeland ... überall wo sie hingingen, waren die Fans schon da und er hatte aufgehört, dieses Phänomen irgendwie erklären zu wollen.
Er liebte seine Arbeit, liebte inzwischen sogar das, was er war, was er für die Menschen dort draußen verkörperte, auch wenn er versuchte, nicht zu oft darüber nachzudenken, sondern es einfach zu genießen.
Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock und gemeinsam mit seinen Bandkollegen Howie, Brian, Kevin und Nick betrat er den langen Hotelflur, ihnen folgte ein Teil der Security mit ihrem Gepäck. Auch aus den beiden anderen Fahrstühlen quoll eine ganze Menge Menschen, die mit ihnen aus den USA hier her geflogen waren: Betreuer, Bodyguards, Mitglieder der Crew ... ein großer Teil der Backstreet Familie, die hier im Flur lautstark auf den anderen stieß.
In dem ganzen Gewühl entdeckte er ein bekanntes Gesicht, das bereits vor ihnen in Deutschland angekommen war. Mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht drängelte er sich durch beieinander stehende Menschen, die sich lachend unterhielten und ihr Wiedersehen feierten.
Lyn! rief er, um auf sich aufmerksam zu machen.
Die Angesprochene drehte sich mit fragendem Gesichtsausdruck um und als sie ihn erkannte, erhellte ein freudestrahlendes Grinsen ihr Gesicht.
AJ! Gott ist das schön dich zu sehen, rief sie und gleich darauf lagen sie sich in den Armen.
Es ist auch schön dich zu sehen, entgegnete AJ. Wie lange ist das jetzt her? Tatsächlich vier Jahre? fragte er, während er Lyn ein Stück von sich schob.
Nun ja ... abgesehen von unserem kurzen Treffen in London damals ... ja, vier Jahre kommt hin, grinste Lyn.
Und du hast dich kein bißchen verändert, stellte AJ fest. Wie machst du das nur?
Schmeichler! Du siehst aber auch gut aus. Ich sehe schon, das Leben in LA tut dir gut, lächelte Lyn und fuhr ihm dabei zärtlich über die Wange. Wir sind alle so unglaublich stolz auf dich, weißt du das?
Ich weiß und es bedeutet mir sehr viel, entgegnete AJ warm.
Seit fast zweieinhalb Jahren war er nun schon trocken, hatte weder einen Drink noch irgendwelche Drogen angefasst und sein Leben wieder in die Spur gebracht. Lyn konnte zu recht stolz auf ihn sein und er war es auch.
Darf ich dir unser neues, deutsches Mitglied von B&B Promotions vorstellen? sagte nun Lyn, lies AJ los und fasste stattdessen nach der Hand eines Mädchens, die hinter ihr stand und sich gerade angeregt mit Marc, einem der Securityleute unterhielt. Im Moment konnte er nur eine Fülle von dunklen Locken und einem angenehm schlanken Körper darunter erkennen, doch als die Angesprochene sich herum drehte, blickte er in ein paar faszinierender, dunkelblauer Augen, die ihn freundlich anlächelten.
Das hier ist Paula Sommer, stellte Lyn sie vor und AJ ergriff die ihm entgegen gestreckte Hand.
Paula, das ist AJ McLean, einer derjenigen, die für dein Gehalt sorgen, in dem er auf einer Bühne herum hüpft und die Frauen davor ganz wuschig macht.
Paula lachte. So einer bist du also? fragte die neckisch und hob die Augenbrauen.
Ja Baby, einer von der ganz schlimmen Sorte, entgegnete er lachend.
Na, dann weiß ich ja, vor wem ich mich in Acht nehmen muß, grinste Paula, während AJ immer noch ihre Hand festhielt.
Da drüben sind übrigens Nick und Brian, informierte Lyn Paula und zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf zwei Blondschöpfe, die mit zwei Frauen zusammen standen. Komm, wir gehen schnell Hallo sagen.
Gerne, nickte Paula und entzog AJ ihre Hand. Bis bald, sagte sie.
Ja, bis bald. Und lass dich nicht abschrecken, Nick ist einfach so, da kann man nichts gegen tun, grinste AJ.
Du machst mir Angst, lachte Paula, während sie hinter Lyn in einer Menschentraube verschwand.
Es war ein seltsames Gefühl für Paula sich zwischen diesen Menschen zu bewegen, die sich scheinbar alle untereinander kannten. Trotz der frühen Uhrzeit schienen alle hellwach und freudig erregt zu sein. Einige hatten sich tatsächlich fast vier Jahre nicht gesehen. Sie hatten gemeinsam die letzte Tour der Backstreet Boys zusammen organisiert, fanden sich jetzt hier in Deutschland wieder und hatten sich daher sehr viel zu erzählen. Andere waren neu hinzugekommen, so wie Paula, kannten aber aus diversen anderen Projekten einen Teil der Crew. Und ein anderer, weit größere Teil, war nun schon seit vier Monaten gemeinsam in den USA auf Tour gewesen und hatte sich lediglich in den zwei Wochen Pause nicht gesehen.
Paula schüttelte unzählige Hände, wurde jedem vorgestellt, unterhielt sich mal hier und mal da und merkte, wie die Nervosität langsam von ihr abfiel. Alle waren nett und freundlich und nahmen sie in ihrer Mitte auf, was nicht wirklich selbstverständlich war, wie Paula aus eigener Erfahrung wußte.
Nick und Brian schienen total überdreht zu sein. Lyn umarmte die beiden und stellte dann Paula vor.
Du bist also Paula Sommer, sagte Brian, als er ihre Hand schüttelte.
DIE Paula Sommer? fragte Nick und ergriff ebenfalls Paulas Hand.
Was auch immer du mit die meinst, ich befürchte, die bin ich, nickte Paula lächelnd.
Du hast doch dieses Festival mit organisiert. In ... uhm ... wo war das noch gleich Nick? fragte Brian mit gerunzelter Stirn.
Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, was weiß denn ich, lachte Nick. Paula wurde zusehends verwirrter.
Jedenfalls das, wo diese Skandal-Mädchen-Band aufgetreten ist.
Ohje, Paula ahnte schlimmes. Du meinst diese Band, deren Namen ich verdrängt habe? Die, die mich meinen Job gekostet hat?
Is nich wahr? Nick bekam große Augen.
Das finde ich nicht fair, stellte Brian fest. Du konntest ja wohl nicht wissen, dass die in diese Eimer pinkeln würden und ... ,
WAS? Lyn bekam große Augen, während Brian und Nick vor sich hin prusteten.
Ja, das war eine Band aus ... Schweden glaube ich, erklärte Paula zerknirscht. Eigentlich hatte sie gehofft, dass sich niemand mehr an diesen Patzer aus ihrer Vergangenheit erinnern würde. Wir hatten vorher mit ihnen abgesprochen, was sie machen dürfen und was nicht. Natürlich haben sie sich hinterher nicht daran gehalten. Es war ... ekelerregend. Wir dachten am Anfang, dass so ein bißchen Show ja nicht schaden kann, aber dann ...
Aber dann haben die fünf Mädels in Eimer gepullert und sie über dem Publikum ausgeschüttet, lachte Nick, als sei dies ein Riesenspaß.
Ihgitt, Lyn verzog angewidert das Gesicht.
Das haben sich die Leute in der ersten Reihe sicherlich auch gedacht, kicherte Brian.
Das ist jetzt allerdings auch schon sechs Jahre her, verteidigte Paula sich. Ich werde auf jeden Fall dafür sorgen, dass bei Euren Auftritten keine Eimer in Reichweite sind!
Hey, das wäre doch mal was Neues, lachte Nick.
Ach komm schon Nick. Du triffst den Eimer doch sowieso nicht.
Waas?? In gespielter Empörung zwickte Nick Brian in den Arm, was dieser mit einer Kitzelattacke beantwortet. In kürzester Zeit war eine kleine Schlacht im Gange und Paula und Lyn zogen sich vorsichtshalber aus der Gefahrenzone zurück.
Schließlich einigte man sich darauf, die Versammlung im Flur aufzulösen. Ein Teil wollte noch eine Runde schlafen, ein anderer machte sich bereits auf zum Frühstück. Die Mitglieder der Backstreet Boys verschwanden alle in ihren Zimmern um sich von dem langen Flug zu erholen und sich für den Abend zu rüsten. Die erste Show stand auf dem Programm, davor gab es noch zwei kleinere Interviewtermine und eine kurze Besprechung mit einem Teil der Crew, an dem auch Paula anwesend sein sollte, um sich und ihre Arbeit vorzustellen, ein Aspekt ihres Berufes, den sie nicht so gerne mochte. Sie arbeitete lieber im Hintergrund und sprang ein, wenn es irgendwo brannte. Sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu wissen, machte sie immer noch nervös.