Kapitel 2
Während Paula mit einer Angestellten des Hotels von Zimmer zu Zimmer ging und letzte Details klärte, lag ein Mann in einem schmalen Bett und starrte an die Decke.
Seine Mutter hatte ihm bei seiner Geburt den Namen Harald gegeben, was, wie er fand, ihr erstes von vielen Verbrechen an ihm gewesen war. Er selbst hasste diesen Namen und hatte ihn abgelegt, als sein wirklicher Name das erste Mal in der Presse erschien.
Das Monster von Hannover so hatten sie ihn genannt. Als er diese vier Worte das erste Mal schwarz auf weiß vor sich gesehen hatte, durchströmte ihn ein nie gekanntes Glücksgefühl. Mit diesem Namen hatten sie ihm die Unsterblichkeit verliehen und für eine ganze Weile war diese Vorstellung das einzige, was ihn am Leben erhielt.
Nicht, dass er jemals auch nur daran gedacht hätte, freiwillig aus dieser Welt zu scheiden. Niemandem würde er diesen Triumph gönnen. Nicht diesen Wichsern von der Polizei, die ihn nackt, mit zwei gebrochenen Beinen und vor Schmerzen halb wahnsinnig am Fuße der Treppe gefunden hatten, nicht diesen Schleimscheißern von Anwälten, die ihn verrieten und verkauften und ihn hier in diese Irrenanstalt eingewiesen hatten, noch diesen Arschgesichtern von Ärzten und Pflegepersonal, die sich nun schon jahrelang um ihn kümmerten und trotzdem keinen blassen Schimmer davon hatten, wer er wirklich war.
Trotzdem mußte er ihnen gegenüber einige Zugeständnisse machen. Sie waren die einzigen, die ihn noch bei seinem richtigen Namen nennen durften ohne damit rechnen zu müssen, dass er sich nachts an ihr Bett heran schlich und sie so lange malträtierte, bis sie seinen Namen, der nicht mehr als eine Aneinanderreihung sinnloser Buchstaben war, vergaßen.
Er hasste und verachtete sie dafür beinahe noch mehr, als für ihre blasierte Überheblichkeit, ihre mehr als fragwürdigen Methoden, ihn ruhig zu stellen oder dem schlichten Umstand, dass sie daran schuld waren, dass er seit nunmehr beinahe zwanzig Jahren in dieser Anstalt hockte und vor sich hin vegetierte.
Alle anderen Insassen dieses Etablissements hatte er nachhaltig eingebläut, was sie erwartete, wenn sie ihn mit Harald ansprachen. Gerade letzte Woche hatte er einem Neuankömmling klar gemacht, was dann passierte.
Mitten in der Nacht, als die beiden Pfleger der Nachtschicht gemütlich bei einer Tasse Kaffee und der x-ten Widerholung einer dieser blödsinnigen Talkshows saßen, hatte er sich aus seinem Zimmer geschlichen, war den Gang hinunter gehuscht und hatte sich lautlos in das Zimmer des Neuen geschoben.
Dieser schlief, allerdings nicht mehr lange. Er packte ihn an der Kehle und als der Neue die Augen aufschlug, drückte er zu. Wild strampelnd versuchte sich der Neue zu wehren, doch wie so viele vor ihm musste er bald einsehen, dass das keinen Sinn hatte.
Hör mir gut zu und bete, dass du meine Worte niemals vergisst. Harald ist tot. Es gibt keinen Harald mehr. Ich bin das Monster. Verstehst du das?
Vor lauter Panik und wahrscheinlich auch auf Grund der verringerten Luftzufuhr, brauchte der Neue noch eine weitere Lektion.
Das Monster griff nach seinem Arm, drehte den gesamten Körper mühelos auf den Bauch und schob die Hand des Neuen so lange in Richtung seines dunklen, zuckenden Haarschopfes, bis ein undeutlicher Schmerzensschrei aus den Kissen drang.
Dann beugte sich das Monster zu ihm hinunter, bis er mit den Lippen beinahe sein Ohr berührte. Halt still! zischte er und sofort erstarb jegliche Gegenwehr. Lediglich das hektische auf und ab des Rückens unter ihm verriet ihm, dass der Neue noch am Leben war und eine unbändige Angst haben musste.
Sofort strömte ein so ungeheures Gefühl von Macht und Befriedigung durch die Adern des Monsters, dass er an sich halten musste, um dem wehrlos unter ihm liegenden Mann nicht sofort den Arm zu brechen. Die Vorstellung von knackenden und dann berstenden Knochen vernebelte ihm beinahe die Sinne. Er fühlte so etwas wie Lebendigkeit durch seine Adern strömen und für den Bruchteil einer Sekunde war er sich sicher, dass er nicht würde widerstehen können. Doch dann nahm er sich zusammen. Er musste hier drin still halten, sonst würde er hier sterben und das war nun ganz und gar nicht seine Absicht.
Ein letztes Mal für dich zum mitschreiben. Ich bin das Monster, den Artikel kannst du auch gerne weg lassen, falls du überhaupt weißt, was das ist. Ich rate dir, das niemals wieder in deinem Leben zu vergessen, sonst komme ich wieder und glaub mir, was ich dann mit dir machen werde, kannst du dir in Deinen schrecklichsten Alpträumen nicht vorstellen.
Und versuch erst gar nicht von irgendwo Hilfe zu bekommen. Ich bin seit zwanzig Jahren hier drin. Ja, genau, seit zwanzig, sagte er heiser lachend, als der Neue unter ihm zusammenzuckte. Ich kenne hier jede Ecke, jede Gewohnheit, Eigenart oder Vorliebe des Pflegepersonals und egal was sie mit mir anstellen, ich komme wieder. Also selbst wenn du morgen früh der Meinung sein solltest, unbedingt einen Beichte ablegen zu müssen, rate ich dir: Lass es lieber. Ich finde dich. Und dann ... Gnade dir Gott.
Das Monster wartete noch einen Moment, um sicher zu gehen, dass dieses klägliche Häufchen Mensch unter ihm seine Worte wirklich verstanden hatte, dann lies er ihn los und trat einen winzigen Schritt zurück.
Das Gefühl der Macht hielt weiterhin an und er stellte sich vor, wie er jetzt im Dunkeln aussehen musste, lediglich mit einer Pyjamahose bekleidet, was seine immer noch sehr muskulöse Brust gut zur Geltung brachte, wie seine Augen dabei im Dunkeln glühten und eine Aura des Bösen um ihn herum flackerte. Ja, er war ein Gott. Ein Gott des Bösen und jeder, der daran zweifelte würde früher oder später eines besseren belehrt werden, dafür würde er schon sorgen.
Doch der Neue konnte dies natürlich nicht sehen. Er lag immer noch mit dem Gesicht in den Kissen, zitterte am ganzen Leib und gab ansonsten keinen Ton von sich. Das Monster beugte sich erneut zu ihm hinunter und registrierte befriedigt, wie der Mann vor ihm zurück zuckte.
Nur um ganz sicher zu gehen ... wie heiße ich? fragte er.
Mmpfta, hörte er es leise aus dem Kissen unter sich. Wütend packte er den dunklen Haarschopf und bog den Kopf des Neuen weit zurück, bis dieser gequält aufschrie.
Halts Maul, zischte das Monster sofort, lies seine Hand allerdings ein wenig sinken. Also noch einmal: Wie heiße ich?
Monster, flüsterte der Neue, der sich scheinbar nicht traute, die Augen zu öffnen.
Sieh mich an wenn ich mit dir rede, herrschte das Monster deshalb.
Flatternd öffneten sich die Lider des Mannes und die Angst die das Monster darin lesen konnte, lies einen leisen Schauer der Erregung über seinen Rücken rieseln.
Wie heiße ich? flüsterte er noch einmal.
Monster, gab der andere mit zitternder Stimme zurück.
Gut. Und vergiss es nicht wenn dir dein Leben lieb ist, und mit diesen Worte lies er den Haarschopf los, der Kopf viel mit einem leisen Plopp zurück in die Kissen und genau so leise wie er gekommen war, verschwand das Monster wieder aus dem Zimmer des Neuankömmlings.
Wie er nun so in seinem Bett lag, an die Decke starrte und sich noch einmal alle Einzelheiten dieses überaus produktiven Gesprächs ins Gedächtnis rief, wanderten seine Gedanken ohne sein Zutun zurück in die Vergangenheit.
Vor zwanzig Jahren hatte er gedacht, er sei unbesiegbar. Bevor sie ihn schnappten, hatte er bereits fünf Morde verübt und jeder war besser als der vorhergehende gewesen. Mit der Zeit ließen seine Nervosität und sein kaum zu stillender Blutdurst nach. Er konnte sich Zeit lassen, ging nicht mehr so hektisch vor und konnte somit auch jede Sekunde des eigentlichen Aktes auskosten und genießen.
Dass die beiden Hinterwäldler eine Tochter hatten, war ihm leider viel zu spät aufgegangen. Er hatte die Tat nicht geplant. Er war an der Straße vorbei gefahren und plötzlich war ihm der Gedanke gekommen, wie es wohl wäre, jetzt in diese verlogene Vorstadtidylle einzudringen und diesen Nichtswissern die Augen zu öffnen. Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen war er abgebogen, bis ans Ende der Straße gefahren, war dort ausgestiegen und hatte an der nächst besten Tür geklingelt.
Die Frau, die ihm öffnete, lächelte freundlich und dieses Lächeln war es wohl, was seinen Hunger endgütlich in Raserei verwandelte. Ohne viel Umstände hatte er sie zurück ins Haus gedrängt und sie mit einem Schlag des Stemmeisens, das sich plötzlich in seiner Hand befand, zum Schweigen gebracht. Keine Sekunde zu früh, denn durch das Geschrei dieser Furie, war der Mann aufgeschreckt worden und kam durch die Tür der Küche gerannt, gerade als die Frau zu Boden sank. Es gab einen kurzen Kampf, den der Mann natürlich verlor. Das Monster jagte ihn erst mit einigen gezielten Schlägen mit dem Stemmeisen durch das Wohnzimmer und stellte ihn schließlich in der Küche, mit dem Rücken zum Geschirrspüler. Gegen ein wirkliches Monster hatte ein Mensch eben einfach keine Chance.
Es war ganz schön anstrengend gewesen, die beiden schweren Körper nach oben zu schleppen, doch als er sie schließlich gefesselt und geknebelt, ein Messer aus der Küche besorgt und diese jammervollen Gestalten von ihren Kleidern befreit hatte, wurde er für seinen Mühe mehr als entschädigt. Er hatte gut daran getan, nicht zu fest zuzuschlagen. Ein wenig Wasser half den beiden auf die Sprünge und ihr Wimmern und Flehen, war wie Musik in seinen Ohren.
Alles lief perfekt, bis diese Göre aufgetaucht war. Er war nachlässig geworden, hatte sich im Badezimmer geduscht, weil er sich schließlich von dem vielen Blut befreien musste, in dem er buchstäblich gebadet hatte, als ihm eine innere Stimme warnte. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung und als er aus dem Badezimmer heraus trat, sah er auch sofort, was das war.
Als erstes schoss ihm der Gedanke Ah, Nachtisch! durch den Kopf, doch als dieses verzogene Balg herumfuhr und los rannte begriff er, dass seine schöne Welt gerade dabei war, in sich zusammen zu stürzen.
Als er ihr hinterher rannte, war er noch der Meinung, das alles gleich erledigt zu haben, doch dann verfehlte er diese verfickte Treppenstufe und damit war es vorbei.
Sie schnappten ihn, ließen ihn von irgend so einem Quacksalber zusammen flicken und sperrten ihn dann ins Gefängnis. In den Hochsicherheitstrakt, wie lächerlich. Schlussendlich war er dann hier gelandet. Er wurde für psychisch krank erklärt, seiner Bürgerrechte und seines Stolzes beraubt und dann hatte man ihn einfach vergessen. Zumindest kam es ihm so vor.
Immer wieder hatte man ihm gesagt, dass es durchaus möglich war, dass er die Anstalt als freier Mann verlassen könnte, wenn er bereit war mitzuhelfen und diesen Wichsern erlaubte, in seinem Hirn herumzupfuschen. Doch was ein wirkliches Monster war, lies sich nicht so einfach in die Karten sehen. Sie hatten einiges ausprobiert. Vieles davon war schmerzhaft gewesen, anderes hatte ihn auf einen nie gekannten Drogentrip geschickt und wieder anderes hatte ihn an den Rande des Wahnsinns gebracht. Doch er hatte es ihnen allen gezeigt. Ein Monster konnte man nicht brechen, ein Monster tanzte nie nach anderer Leute Pfeife und ein Monster tat nur das, was es selbst wollte.
Und so galt er nun als untherapierbar, man verabreichte ihm nur noch leichte Beruhigungsmittel und hielt ihn auch nicht mehr unter ständiger Beobachtung, weil er es geschafft hatte, unauffällig zu bleiben, auch wenn er seine Spielchen mit den anderen Insassen trieb. Doch mit seinen fünfzig Jahren fragte sich das Monster langsam, was aus ihm werden sollte.
Hier drin versauern kam auf keinen Fall in Frage. Er hatte noch eine Rechnung zu begleichen. Er musste einem ganz bestimmten Lockenschopf noch zeigen, dass man sich niemals ungestraft mit dem Monster anlegte.
In Gedanken betrachtete er seinen Plan. Er war noch nicht ganz ausgereift, hatte hier und da noch Schwachstellen, die aber sicherlich auch noch zu beseitigen waren. Dann würde er sich auf seine letzte Reise begeben und bevor er seine Augen für immer schloss, würde er dafür sorgen, dass Paula Sommer Qualen erleiden musste, die sie sich nicht einmal ansatzweise vorstellen konnte. Doch das Monster würde ihr dabei sehr gerne behilflich sein.