Kapitel 1
Darf ich mal? Hallo? Lasst ihr mich bitte durch? Mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen quetschte Paula Sommer sich durch einen Pulk, vornehmlich weiblicher Mitmenschen. Sie versperrten den Weg zum Eingangsportal des Hotels, das Paula eigentlich schon vor zehn Minuten hätte betreten sollen.
Seit zwei Tagen herrschte Ausnahmezustand in Hamburg. Paula selbst hatte diese Stadt als Auftakt für die Deutschland Tournee der Backstreet Boys, die wohl bekannteste Boyband aller Zeiten, ausgesucht, hatte sich um die Buchungen im Hotel und der Konzerthalle gekümmert und dafür gesorgt, dass es den neuen Kunden von B&B Promotion an nichts fehlte.
Wie immer war sie erstaunt, woher die vielen Fans wussten, dass ihre Idole ausgerechnet in diesem Hotel absteigen würden. Was das betraf herrschte in der Firma strickte Geheimhaltung. Doch wie auch immer ... die ganze Geheimhaltung hatte nichts genützt, zumindest bewiesen dies die etwa 100 Fans, die sich vor dem Hotel versammelt hatten um wenigstens einen kurzen Blick auf die Mitglieder der Backstreet Boys zu erhaschen. Dabei waren diese noch nicht einmal angekommen. Aber vielleicht wussten das die Fans noch nicht.
Endlich hatte Paula es geschafft und begleitet von missmutigem Gemurmel und vereinzelten Buhrufen der Fans, betrat sie erleichtert die Drehtür, die ins Innere des Hotels führte. Möglichst unauffällig strich sie ihren Blazer glatt, zupfte ihr weißes T-Shirt darunter zurecht, fummelte noch einmal am Bund ihrer Jeans herum und überprüfte zum Schluss noch einmal das kleine Plastikkärtchen, das um ihren Hals hing und ihr die Türen in das Allerheiligste der Backstreet Boys öffnete.
Dieser Auftrag war der wichtigste, seit sie vor fünf Jahren bei B&B Promotions angefangen hatte. Davor hatte sie bereits in ähnlichen, kleineren Agenturen gearbeitet und sich im gesamten Bundesgebiet einen Namen gemacht. Wenn es um die Organisation von großen Events oder eben Konzerttouren ging, konnte ihr niemand das Wasser reichen.
Paula wusste, dass sie dies nicht nur ihrer harten Arbeit zu verdanken hatte. Zum einen hatte sie Verhandlungsgeschick und pflegte zu den meisten ihrer Geschäftspartnern ein beinahe freundschaftliches Verhältnis - ein unbestreitbarer Vorteil in diesem Business, denn oft genug tauchten Probleme in letzter Sekunde auf und sie war darauf angewiesen, dass sie jederzeit schnelle und professionelle Hilfe bekam.
Zum anderen hatte sie ein phänomenales Gedächtnis: Telefonnummern, Adressen, Namen, Lage- und Zeitpläne, das alles konnte sie bei Bedarf mühelos abrufen. Hinzu kam eine gewisse Art von Kreativität, die ihr nicht nur bei der Planung von Events für Kunden half, sondern auch bei der Lösung der unmöglichsten Probleme.
Das fröhliche, lebenslustige Mädchen Paula hatte sich in den letzten zwanzig Jahren von einem verschüchterten, von Alpträumen geplagten Kind, über einen rebellierenden, immer in Schwierigkeiten steckenden Teenager zu einer selbstbewussten, couragierten jungen Frau entwickelt. Sie versuchte nicht zu oft an die Geschehnisse ihrer Kindheit zu denken, versuchte die Bilder in ihrem Kopf zu verdrängen, die ihr ihre Eltern mit zusammen geschnürten Gliedmaßen und verstümmelten Körpern zeigten. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Hier und Jetzt. Am Tag funktionierte diese Strategie meist recht gut, doch in der Nacht suchten sie die Geister der Vergangenheit immer wieder heim und so hatte sie gelernt, mit sehr wenig Schlaf auszukommen.
Als sie nun an die Rezeption heran trat und ihren Namen nannte, damit die Empfangsdame sie anmelden konnte, verschwendete sie allerdings keinen Gedanken an ihre Vergangenheit. Was jetzt zählte war die Gegenwart ihren Job gut zu machen und dafür zu sorgen, dass die Deutschland Tour der Backstreet Boys ohne größere Komplikationen über die Bühne ging.
Die junge, adrett gekleidete Frau hinter dem Empfangstresen nannte ihr ihre Zimmernummer, händigte ihr eine Codekarte aus und lies sie ein Formular unterschreiben.
Sie werden bereits erwartet, lächelte die Empfangsdame.
Danke. Das habe ich mir schon fast gedacht, lächelte Paula freundlich zurück. Würden sie bitte dafür sorgen, dass mein Gepäck auf mein Zimmer gebracht wird? Ich muss mich erst einmal um meine Kunden kümmern.
Selbstverständlich, nickte die Empfangsdame und gab dem Pagen, der die ganze Zeit ein Stück entfernt gewartet hatte, einen Wink. Er nahm Paulas Koffer und die Reisetasche auf und marschierte damit zum Fahrstuhl.
Paula schulterte ihre Aktentasche, nahm ihre Codekarte an sich und wandte sich dann ebenfalls den Aufzügen zu.
Der Page stieg gemeinsam mit ihr im vierten Stock aus. Ein Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt, mit einem Walkie-Talkie am Gürtel und einem kantigen Gesicht wartete bereits auf sie. Er begrüßte Paula freundlich lächelnd, während der Page sich an ihnen vorbei schob und ein Stück weiter den Gang hinunter eine Tür öffnete und darin verschwand.
Hallo, Was kann ich für Sie tun?
Hallo. Mein Name ist Paula Sommer von B&B Promotions, stellte sie sich vor.
Ah, wir haben sie schon erwartet, lächelte der Mann und streckte ihr gleich darauf die Hand entgegen. Ich bin Marc Stepford und für die Sicherheit zuständig. Lyn finden sie in Zimmer 410.
Lyn McAllister war die Tourmanagerin der Backstreet Boys und Paula hatte in den letzten Wochen unzählige Male mit ihr telefoniert, um jedes kleinste Detail mit ihr zu besprechen. Lyn hatte eine ähnliche Auffassung von ihrem Job wie Paula und die beiden Frauen waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen. Paula freute sich darauf, Lyn nun endlich persönlich kennen zu lernen und mit ihr die nächsten drei Wochen zu verbringen.
Vielen Dank Marc, nickte Paula nun, während der Sicherheitschef den Gang freigab. Mit festem Schritt ging sie an ihm vorbei und überprüfte im Vorbeigehen die Zimmernummern.
Vor Zimmer 410 hielt sie schließlich inne, straffte sich noch einmal und klopfte dann an. Ihr Herz begann ein paar Takte schneller zu schlagen, als sie darauf wartete, dass sich die Tür vor ihr öffnete. So kontaktfreudig sie auch war, wenn sie einen neuen Job annahm und die verschiedenen Mitarbeiter ihres neuen Auftraggebers kennen lernte, war sie immer nervös. Doch sie begrüßte dieses Gefühl. Es schärfte ihre Sinne und regte ihr Gehirn an. Manchmal hatte sie regelrecht das Gefühl auf Drogen zu sein, wenn sie, so wie jetzt, vor einer Tür stand und darauf wartete, dass sich diese öffnete und sie in eine neue, fremde Welt hinein lies.
Unerwartet schwang die Tür in diesem Moment tatsächlich auf und vor ihr stand eine schlanke Frau Mitte dreißig, mit feuerrotem, gelocktem Haar und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.
Paula? fragte sie.
Lyn? fragte Paula zurück und die beiden Frauen lachten.
Komm rein, komm rein, sagte Lyn vergnügt und öffnete die Tür ganz, damit Paula eintreten konnte. Es ist so schön, dich endlich persönlich kennen zu lernen, lachte sie und ohne Umschweife zog sie Paula in eine feste Umarmung.
Geht mir genau so, grinste Paula.
Lyn ließ sie los und ging weiter in den Raum hinein. Erst jetzt registrierte Paula die anderen Anwesenden, die bereits auf den Sofas einer kleinen Sitzgruppe saßen und ihr freundlich entgegen lächelten.
Darf ich vorstellen, sagte Lyn. Das ist Paula Sommer. Unsere deutsche Kollegin, die das alles hier geplant und möglich gemacht hat.
Ein mehrstimmiges Hallo und freundliche Gesichter begrüßten sie.
Und das hier ist die kleine Truppe, die sich um die verschiedenen Bereiche kümmert, fuhr Lyn an Paula gewandt fort. Maggie hat die Aufsicht über die Tänzer und Choreografie, Anthony ist für die ganzen technischen Geschichten zuständig, Laura für die Kostüme, Sam für die Tontechnik und so weiter und so weiter. Ich denke, im Laufe der Zeit wirst du alle kennen lernen. Aber wir wollen dich ja nicht gleich überfordern, lachte sie und bot Paula einen Stuhl an.
Kein Problem, lächelte Paula und setzte sich. Ich bin davon überzeugt, dass wir bestens klar kommen werden.
Die Jungs kommen morgen früh, informierte Lyn sie, während sie ihr ein Glas reichte und auf die Getränke deutete, die in der Mitte des dunklen Holztisches standen. Bis dahin sollten wir mit allem so weit fertig sein.
Das klingt doch gut. Ich gehe nachher mit einer Mitarbeiterin des Hotels durch die Zimmer und schaue nach, ob alles bereit ist. Die Halle werde ich mir heute Abend noch ansehen. Ist da alles in Ordnung? fragte sie in die Runde.
Bis jetzt ja, antwortete Anthony mit leicht spanischem Akzent. Er hatte dunkles Haar und beinahe genau so dunkle Augen, einen schlanken, muskulösen Körper und man sah seinen Händen an, dass er handwerkliche Arbeit gewohnt war. Das Equipment ist heute morgen eingetroffen und wir sind noch dabei alles aufzubauen. Aber bis heute Abend sollte alles stehen.
Sehr gut, nickte Paula lächelnd und nippte an ihrem Wasser. Sie hatte den Eindruck, dass sie es hier mit professionellen Leuten zu tun hatten, die wussten, wovon sie redeten und das beruhigte sie ein wenig. Nichts war schlimmer, als mit Amateuren zusammen zu arbeiten. Das brachte immer ein unüberschaubares Chaos mit sich.