Kapitel 34

Als ich die endlosen Treppenstufen zu seiner Haustür hinaufsteige verfluche ich mich innerlich für meine Dämlichkeit. Was tue ich hier? Ich sollte umkehren, die Kiste verbrennen und einfach nicht mehr an Alex und unsere gemeinsame Zeit denken. Er ist doch nicht blöd. Er weiß inzwischen sicherlich, dass das mit uns vorbei ist. Meine Signale deuten ja wohl eindeutig und unübersehbar in diese Richtung.
Abgesehen davon hätte ich auch einfach einen kurzen Brief schreiben und ihn zusammen mit der Kiste in einem unbeobachteten Moment vor seine Tür stellen können. Wer sagt, dass ich das unbedingt persönlich übernehmen muß? Warum soll ich mich in die Situation begeben ihm gegenüber zu treten und dabei so tun, als wolle ich nicht mit ihm zusammen sein?
„Ich liebe dich nicht,“ murmle ich, nur um zu hören, wie das klingt.
Nun ... erwartungsgemäß klingt es falsch und unaufrichtig und ... gelogen eben.
Die letzten Stufen nehme ich im Schneckentempo und bleibe schließlich drei Stufen vor meinem Ziel ganz stehen. Blöde Idee hier her zu kommen. Ganz blöde Idee. Also schneller, lautloser Rückzug.
Ich habe mich bereits herum gedreht, als die Tür über mir aufgeht und ich augenblicklich zur Salzsäule erstarre. Verdammt! Warum immer ich?
„Danke, dass du vorbei gekommen bist,“ höre ich Alex sagen.
„Das mache ich doch gerne,“ flötet Trish und ich schüttle den Kopf.
Immer wenn ich denke es kann nicht schlimmer werden, bekomme ich die Steigerung sofort unter die Nase gerieben. Was macht sie hier verdammt noch mal? Ich will mich doch nur von ihm verabschieden, ohne unterwegs noch ein paar gutgemeinte Ratschläge ertragen zu müssen.
„Wenn du möchtest ... ,“ setzt Trish an, dann hat sie mich wohl entdeckt. „Avery?“ stößt sie vollkommen überrascht hervor und ich füge mich in mein Schicksal.
Während ich mich herum drehe und versuche dabei möglichst freundlich zu ihr aufzusehen, tritt Alex einen Schritt vor und schaut mit unbewegter Miene auf mich hinunter.
„Hey Trish,“ sage ich lahm und steige nun auch noch die restlichen drei Stufen hinauf.
Er ist mir jetzt so nahe wie seit Wochen nicht mehr und mein Herzschlag verselbständigt sich.
„Was machst du hier?“ fragt Trish weiter und ich denke, dass das eigentlich Alex’ Text sein sollte, verkneife mir allerdings eine entsprechende Bemerkung.
„Ich ... habe ... ,“ ich räuspere mich kurz und hebe dann die Kiste kurz an „ ... noch etwas ... abzugeben.“
„Oh,“ sagt sie und ihre Augenbrauen schießen in die Höhe.
Alex steht immer noch stumm und regungslos neben ihr und alleine dieser Umstand läßt meinen Magen in schmerzhafte Flammen aufgehen. Ich bin ihm egal. Ganz klar. Was tue ich also hier?
„Also ... uhm ... mach’s gut Trish,“ sagt Alex plötzlich, legt ihr einen Arm um die Taille und küßt sie sanft auf die Wange.
„Uhm ... ja ... mach du’s auch gut,“ sagt Trish widerwillig und dabei ist ihr ganz deutlich anzusehen, dass sie sich am liebsten in irgendeine ruhige Ecke verziehen möchte, um dem nun folgenden Schauspiel ihre gesamte Aufmerksamkeit zu widmen. Kurz frage ich mich, ob ich Popcorn und ne Cola dazu anbieten soll, beiße mir dann aber auf die Zunge und sehe ihr nach, wie sie langsam und elegant wie immer die Stufen hinunter steigt.
Bleiben also Alex und ich.
„Möchtest du rein kommen?“ fragt er.
Alles in mir schreit NEIN, doch ich nicke und folge ihm dann langsam in den angenehm dunklen und kühlen Hausflur.
Ich versuche möglichst nicht nach links oder rechts zu sehen, während er mich tiefer ins Haus hinein und ins Wohnzimmer führt. Wahrscheinlich würde alleine der Anblick des riesigen, wundervollen Eßtisches die Erinnerungen von unserem Kennenlernen herauf beschwören und mich augenblicklich in Tränen ausbrechen lassen.
„Stell sie dort ab,“ sagt er und deutet auf einen kleinen Hocker neben dem Schrank mit seinen CDs.
Nachdem ich mich der Kiste entledigt habe, fühle ich mich seltsam nackt. Als hätte ich gerade mein Schutzschild und den Brustpanzer abgelegt und wäre Alex nun schutzlos ausgeliefert.
„Also?“ fragt er schließlich, nachdem ich immer noch stumm mitten im Wohnzimmer stehe und nicht weiß was ich wie sagen und wo ich anfangen soll.
„Ähm ... nun ja ... ,“ setzte ich an und komme mir unglaublich dämlich vor. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal eine Beziehung beendet? War das auch so schmerzhaft?
„Ja?“ fragt er und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Ich wollte dir nur deine Sachen bringen,“ sage ich also und deute überflüssigerweise mit dem Kopf zu der Kiste hinüber.
„Hm,“ gibt er unbestimmt zurück.
„Ich denke, es ist besser, wenn wir uns ... nicht mehr sehen.“
Jetzt ist es heraus, aber leider geht es mir keinen Deut besser.
„So,“ nickt er und ich frage mich, ob ihm die Fähigkeit, ganze Sätze zu bilden, vor Schreck abhanden gekommen ist.
„Es ist das beste so,“ setze ich noch hinzu und warte darauf, dass er mich mit ein paar netten, unbedeutenden Worten in mein neues Leben entläßt.
Stattdessen schüttelt er den Kopf, seufzt laut und vernehmlich und deutet dann auf das Sofa.
„Setz dich bitte,“ sagt er und sieht mich dabei durchdringend an.
Setzen? Das kam eigentlich nicht in meinem Plan vor.
„Bitte,“ wiederholt er.
Nun gut. Meinetwegen. Ziehen wir das eben bis zum bitteren Ende durch, sagen uns noch ein paar sehr fiese, gemeine Dinge, machen uns Vorwürfe wer nun an dieser ganzen Misere Schuld ist und schreien uns zum Schluß noch ein bißchen an. Wenn er es unbedingt so haben will.
Mißmutig lasse ich mich in die Polster sinken, schlage die Beine übereinander, verschränke meine kalten, zitternden Finger in meinem Schoß und warte darauf, dass er sagt, was er noch unbedingt loswerden will.
„Ich warte seit Wochen darauf, dass du zu mir kommst,“ sagt er und läßt sich in einem Sessel mir gegenüber nieder.
„Ach?“ gebe ich zurück und betrachte äußerst interessiert das Muster auf dem Teppich.
„Warum bist du mir aus dem Weg gegangen?“
Ich seufze. Bitte, er will doch jetzt nicht wirklich diese ganze Psychoscheiße durchkauen und irgendwelche Gründe für etwas finden, das man mit Worten nicht erklären kann.
„Alex ich glaube nicht ...,“ setzte ich also an, doch er unterbricht mich.
„Ich liebe dich, daran hat sich nichts geändert.“
Mein Kopf ruckt in die Höhe und ich starre ihn vollkommen fassungslos an. Wie kann er nur so etwas sagen?
„Ich weiß nicht, warum das so ist,“ fährt er ungerührt und immer noch mit diesem starren, abweisenden Gesichtsausdruck fort. „Und ich weiß auch nicht, warum ich dir das jetzt sage wo es doch offensichtlich ist, dass du hier so schnell und so weit wie möglich weg willst.“
„Das ist allerdings wahr,“ murmle ich mehr zu mehr selbst.
„Wir haben ... ziemlich viel durchgemacht und wahrscheinlich ist das noch eine Untertreibung, aber normaler Weise dachte ich, dass uns das enger zusammen schweißen würde, dass wir aus dieser ganzen Geschichte etwas lädiert hervorgehen, aber hinterher unsere Wunden gemeinsam lecken und ein neues Leben anfangen.
Stattdessen stopfst du unsere Beziehung in eine kleine Kiste und wirfst sie mir sozusagen vor die Füße.“
Ich könnte jetzt sagen, dass ich sie ihm nicht vor die Füße geworfen sondern wie es sich gehört auf einen Hocker gestellt habe, aber ich schätze, das käme jetzt nicht so gut. Also schweige ich weiterhin.
Alex schüttelt den Kopf und ich finde, es liegt eine gewisse Resignation darin.
„Ich weiß nicht,“ sagt er dann, während er aufsteht, das Zimmer durchquert und mit einer Gitarre in der Hand zurück kommt „wie ich dich erreichen kann. Mit Warten, guten Worten oder sonst irgend etwas scheint das ja nicht zu funktionieren. Also ... habe ich die letzten Nächte damit verbracht ...,“ er stockt, scheint sich dann innerlich einen Ruck zu geben und legt sich die Gitarre über die Knie.
„Hör einfach zu, okay? Danach kannst du aufstehen und gehen. Ich möchte nur ... ich weiß nicht ...,“ er hält erneut inne und sieht zu mir herüber.
Ganz langsam läßt er die steinerne Maske von seinen Gesichtszügen gleiten. Seine Lippen entspannen sich etwas, seine Augen nehmen einen warmen Ausdruck an und seine Züge werden weich. „Ich möchte einfach nichts unversucht lassen, verstehst du?“
Ich nicke ganz automatisch, auch wenn ich keine Ahnung habe, in welchem Film ich mich hier gerade befinde.
Als er nun leise an seinen Gitarrenseiten zupft, sie noch einmal mit einem kurzen Dreh an den Flügelmuttern stimmt und dabei immer wieder einen schnellen Blick zu mir hinüber wirft, so als müsse er nachsehen, ob ich tatsächlich noch da bin, wird mir richtig gehend übel.
Er wird doch nicht ... also ... tatsächlich ... hier und jetzt ... etwas singen wollen? Wie soll ich denn ... also ... das geht doch nicht.
Doch da beginnt er bereits die Melodie zu spielen und seine Stimme erhebt sich hoch über unsere Köpfe, wabbert wie wohlriechender Rauch eines Räucherstäbchens zu mir hinüber und dringt in sämtliche meiner Körperöffnungen ein, bevor sie sich gemütlich seufzend in meinem Herzen einnistet.

Don’t you want my love anymore?
Can’t believe your heart is sure.
That you don’t need me don’t need me anymore.
How could I not realize
didn’t see the tears you hide.
Hide away from me, Locked away inside.

Chorus
And I thought that we will gonna last a lifetime
That this road would never end.
And I thought that I’ll be loving you forever.
Without you, where do I begin?
What would I do, if I can’t love you?
If I can’t love you?

How can we just close the door,
on everything we had before.
When my heart is still, when my heart is still yours?

Chorus
And I thought that we will gonna last a lifetime
That this road would never end.
And I thought that I’ll be loving you forever
Without you, where do I begin?
What would I do, if I can’t love you?

I just can’t face another day,
(Without you) how can I like this day?
What would I do, if I can’t love you?
If I can’t love you?

Chorus
And I thought that we will gonna last a lifetime
That this road would never end.
And I thought that I’ll be loving you forever
Without you, where do I begin?
What would I do (what would I do without you)
if I can’t love you?

(Dakota Moon - If I can’t love you)

Das Lied verklingt ganz langsam und ist trotzdem in mir weiterhin präsent. Eine Gänsehaut hat sich über meinen gesamten Körper gelegt und ich bin nicht in der Lage meine Augen von ihm abzuwenden, während ich krampfhaft versuche die Tränen zurück zu halten.
„Wieso?“ flüstere ich schließlich kaum hörbar. „Wieso tust du das? Ich bin nicht gut für dich. Als Beweis mußt du dir doch nur deine Narben ansehen. Wenn wir zusammen wären, würden dir diese nach einer Weile wahrscheinlich wie Kinderkram vorkommen.“
Bedächtig stellt er die Gitarre beiseite, stemmt sich aus seinem Sessel in die Höhe und kommt langsam zu mir herüber. Als hätte er Angst, ich könnte ihm irgend etwas tun, läßt er sich unendlich langsam neben mir nieder, faßt dann beinahe schüchtern nach meinen immer noch ineinander verkrampften Händen und umschließt sie mit seinen warmen, weichen Fingern.
„Es ist mir egal, was andere sagen. Es ist mir egal, was andere denken. Ich habe mich mit deiner Vergangenheit arrangiert. Ich habe sogar zwei Kugeln überlebt. Was mich jetzt noch wirklich treffen kann ist, wenn du durch die Tür gehst und einfach so aus meinem Leben verschwindest.
Wir ... wir müssen hier keine Entscheidung für die nächsten hundert Jahre treffen, verstehst du? Ich möchte nur, dass du noch einmal darüber nachdenkst, ob ich dir wirklich nichts bedeute und ob du wirklich das Richtige tust, wenn du mich auf deinem Weg zurück läßt.“
„Das wird niemals gut gehen,“ flüsterte ich leise und versuche damit irgendwie meine letzten Schutzmechanismen zu mobilisieren, doch dem Blick aus seinen dunklen, ernsten Augen habe ich nichts entgegen zu setzen.
„Das kannst du nicht wissen. Ich weiß allerdings, dass ich alles dafür geben würde, wenn du bei mir bleibst und wir es wenigstens versuchen.“
Ich schüttle den Kopf, während meine Lippen nach seiner Berührung lechzen.
„Wenigstens versuchen,“ flüstert er ganz leise, hebt eine Hand und streicht mir federleicht über die Wange. „Mehr verlange ich gar nicht.“
Sein Gesicht nähert sich meinem und gleich darauf streichen seine Lippen unendlich zärtlich über meine Wange. Seine Nase fährt an meinem Hals entlang.
„Bitte,“ flüstert er nahe an meinem Ohr.
Irgendwo in mir wird quitschend ein längst vergessener, verrosteter Schlüssel in einem Schloß gedreht, Riegel werden aufgesprengt und davon geweht, eine Tür öffnet sich, die hinunter auf den Grund meines Herzens führt. Und mit jedem federleichten Kuß, den Alex auf meine Lippen haucht, steigt er ein Stückchen weiter die Stufen hinunter.
Seine Hände legen sich um meine Taille und er seufzt leise, als ich meine zitternden Finger auf seine Brust lege um mich noch enger an ihn schmiegen zu können.
„Bleib bei mir,“ haucht er zwischen zwei sanften Küssen und ich kann gar nicht anders als ein ebenso leises „okay“ hervorzustoßen.
Vielleicht werde ich später darüber nachdenken, warum eigentlich nie etwas so läuft, wie ich das vorher geplant habe, doch in Alex Fall ist es sowieso egal. Er kann mit mir machen was er will, das hat er mir heute mehr als deutlich klar gemacht und der Umstand, dass ich absolut nichts dagegen habe, öffnet schließlich die letzte, verwitterte Tür zu meiner Isolationszelle. Er reißt sie aus den Angeln, nimmt mich in den Arm und heißt mich im Leben willkommen.
Ich bin bei ihm, aber trotzdem frei. Das erste Mal in meinem Leben. Und es fühlt sich widererwartend unglaublich gut an.

THE END

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