Kapitel 33
Vier Monate sind seit unserer Befreiung inzwischen vergangen. Manchmal kommt mir das Ganze wie ein schlechter Traum vor: So unglaublich weit weg und wie in einem anderen Leben.
Und dann gibt es wieder Zeiten, in denen die Ereignisse greifbar nahe erscheinen. Mein Herzschlag beschleunigt sich, ich fange an zu zittern und ich fürchte mich vor den dunklen Ecken in meiner Wohnung.
Alex Genesung ist Gott sei Dank schnell voran geschritten und inzwischen ist er so gut wie neu. Was man von unserer Beziehung nicht behaupten kann.
Ich weiß, dass ich daran die meiste Schuld trage und doch kann ich im Moment nichts daran ändern.
Ich verließ das Krankenhaus gute zwei Wochen vor ihm und schaffte es bis zu seiner Entlassung lediglich zwei Mal, und dann auch nur kurz, bei ihm vorbei zu schauen. Wir redeten nicht darüber warum ich mich so verhielt. Genau so wenig wie wir über die vergangenen Ereignisse, meine, seine, unsere Zukunft oder unsere Gefühle zueinander sprachen.
Wir unterhielten uns über das Wetter, den letzten Film, den Alex auf dem kleinen Krankenhaus Fernseher gesehen hatte oder was in LA sonst so los war. Meistens beschränkte sich unser Gesprächsstoff auf zwanzig Minuten, dann schwiegen wir uns noch fünf an, bis ich schließlich meine Sachen nahm und ging.
Dafür schwirrt Trish seit unserer Rückkehr wie ein aufgescheuchtes Huhn um ihn herum, weshalb ich ihn tatsächlich und aufrichtig bedauere. Dabei lässt sie etwa alle zehn Sekunden den Satz fallen ich kann es einfach nicht glauben.. Sie ist also auch keine große Hilfe.
Mittlerweile haben Alex und ich uns ein paar Mal getroffen. Wir waren essen in einem netten, kleinen Lokal, haben uns einen Film im Kino angesehen und dabei geflissentlich vermieden, uns irgendwie zu nahe zu kommen.
Es ist ein seltsames Gefühl. Ich schwanke sekündlich zwischen dem Wunsch, mich in seine Arme zu werfen, um Vergebung zu betteln und ihm tränenreich meine Liebe zu gestehen und dem Bedürfnis, möglichst viel Raum zwischen ihn und mich zu bringen.
Natürlich läßt mich sein Anblick nicht kalt, aber ich kann es nicht ertragen, wenn er mir auch nur die Hand gibt oder mir zur Begrüßung einen Kuß auf die Wange haucht. Ich sehe dann sofort Matthew vor mir, seine Villa, die nur grausame Erinnerungen heraufbeschwört, und meine Vergangenheit als Hure, mit der Alex unmöglich klar kommen kann.
So ziehen die Wochen also ins Land und ehe ich es mich versehe scheinen wir uns so weit voneinander entfernt zu haben, dass es keinen Weg mehr zurück zu geben scheint. Manchmal frage ich mich, wie mir das alles so schnell entgleiten konnte. Immerhin liebe ich ihn. Ich liebe ihn mit jeder Faser meines Körpers. Jeder Gedanke, jeder Herzschlag, jeder Atemzug gehört ganz alleine ihm und trotzdem bringe ich es nicht über mich, ihm dies zu sagen.
Vielleicht habe ich Angst davor ihn entgegnen zu hören, dass es ihm egal ist was ich fühle und dass er möglichst viel Abstand zwischen sich und mich bringen will. Weil ich nicht gut für ihn bin. Weil es meine Schuld ist, dass er zwei kreisrunde Narben auf seinem Bauch hat, dass er für vier Wochen in eine Rehabilitationsklinik mußte, bevor er wieder ganz gesund werden konnte und dass er nachts nicht schlafen kann, weil ihn die blutigen Bilder bis in seine Träume verfolgen.
Vielleicht aber auch davor, dass er sagt, dass es ihm genau so geht wie mir, dass er mich tatsächlich nach alldem noch liebt und ich dann eine Entscheidung treffen muß, die mir unüberwindbar erscheint.
Ja, ich möchte mit ihm zusammen sein, aber die Konsequenzen sind einfach nicht abzusehen. Ich bin eine Nutte. Und nur, weil ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, wird dieser Umstand immer an mir hängen bleiben.
Die Presse hat sich natürlich auf die ganze Geschichte gestürzt, lang und breit über Matthew, das Steiner Imperium und auch Alex berichtet. Doch aus einem Grund, der mir nicht näher bekannt ist, blieb meine Identität bisher ein Geheimnis.
Natürlich kursieren Gerüchte, wer die Frau an Alex Seite ist. Das läßt sich wohl nicht vermeiden, wenn man mit ihm ein bißchen Freizeit verbringt, aber bisher ist mir der größte Presserummel erspart geblieben.
Wenn nun bekannt werden sollte, dass sich Alex ausgerechnet mit mir eingelassen hat, dann ist nichts mehr geschützt, was mir lieb und teuer ist. Sie werden meine Eltern ausfindig machen, sie werden meine Schwester und ihre Familie bedrängen, sie werden vielleicht sogar Flicka in der psychiatrischen Klinik aufspüren, in die sie eingeliefert wurde, weil sie mit dem ganzen Streß nicht mehr klar kam. Und zu guter Letzt wird es Alex Ruf in klitzekleine Stücke hauen und er wird zukünftig als der Popstar, der sich mit einer Hure eingelassen hat bekannt werden. Das kann ich auf keinen Fall verantworten.
Also schweige ich und ziehe mich langsam aber sicher aus seinem Leben zurück. Vielleicht brauche ich ihn, aber er kann mich nicht gebrauchen.
Heute ist wieder so ein Tag an dem es dunkel ist, obwohl draußen die Sonne scheint. Ich sitze auf der Couch in meiner Wohnung, um mich herum ist es totenstill, weil ich Moment noch nicht einmal Musik ertragen kann und fühle die drückende Last meines Lebens auf meinen Schultern.
Meine Augen schweifen hinüber zur Wäscheleine. Es hängen nur ein paar wenige Abzüge darauf, weil ich zum einen in letzter Zeit nicht wirklich gearbeitet habe und zum anderen keine Lust dazu habe, mich mit meinen bisherigen Aufnahmen zu beschäftigen. Die Metallkassette mit meinen Negativen, die ich damals vor meiner Flucht noch schnell eingepackt habe, liegt ungeöffnet in der Dunkelkammer. Als könne sie irgendwann einfach explodieren und mir die farbenfrohen Erinnerungen an eine schönere Zeit um die Ohren schleudern.
Mein Blick wandert weiter und bleibt an einer kleinen Kiste hängen, die neben der Eingangstür auf einem Barhocker steht und mich jeden Tag daran erinnert, dass ich noch eine einzige Sache tun muß, bevor ich mich auf den Weg in meine Zukunft machen kann. Eine Zukunft ohne Alex.
Darin befinden sich seine Sachen: Ein Pullover, ein paar CDs, Zahnbürste, Toilettenartikel und die Bilder, die wir in unserer ersten Nacht von uns beiden gemacht haben. Jeden Tag sehe ich die Kiste an und versuche mich dazu durchzuringen, sie ihm zu bringen. Ich weiß, dass er die Sachen nicht wirklich benötigt. Die Bilder vielleicht, aber selbst bei ihnen bin ich mir nicht sicher, ob er sie wirklich haben will. Es geht wohl eher um meinen Seelenfrieden. Ich möchte einen Schlußstrich ziehen und hoffe, dass ich danach endlich wieder atmen kann.
Vielleicht ist heute der richtige Tag, vielleicht die richtige Zeit um mich herum zu drehen und endlich wieder Sonne in mein Leben zu lassen.
Zögernd stehe ich von der Couch auf, schlüpfe in meine Schuhe und lasse die Kiste dabei keinen Moment aus den Augen.
Noch kannst du es sein lassen, sage ich zu mir selbst. Setz dich wieder hin, mach dir ein Bier auf und den Fernseher an und morgen wird vielleicht alles ganz anders aussehen.
Aber morgen erwartet mich nur das gleiche Chaos wie heute, also klemme ich mir die Kiste unter den Arm, trete hinaus in den dunklen, leeren Flur und schließe die Wohnungstür hinter mir. Jetzt oder nie. Zumindest glaube ich das.