Kapitel 32
Es ist inzwischen dunkel geworden und immer noch habe ich nichts von Alex gehört. Ich liege mittlerweile in einem Krankenzimmer, ich trage frische Unterwäsche und einen geschmacklosen, pinkfarbenen Trainingsanzug, den eine der Schwestern wohl aus Mitleid angeschleppt hat.
Irgendwann am späten Nachmittag ging die Tür auf und Flicka kam herein. Wir waren wohl beide nicht fähig irgend etwas zu sagen, also kuschelten wir uns leise schniefend eng aneinander in mein Bett und hielten uns einfach nur fest.
Inzwischen ist sie eingeschlafen. Ihr Kopf ruht an meiner Schulter, ihr Körper liegt lang ausgestreckt unter der Decke und ich schiebe mich vorsichtig aus dem Bett. Wenn ich mich nicht irgendwie bewege, drehe ich wahrscheinlich gleich durch.
Vor der Zimmertür steht ein Bulle. Das habe ich ziemlich schnell herausgefunden. Auch, dass er Bonnard heißt und gar nicht daran denkt mich aus meinem Zimmer heraus zu lassen. Ich habe es mindestens zwanzig Mal probiert, aber mittlerweile reicht lediglich ein mitleidiger Blick aus seinen großen, grauen Augen um mich zurück in mein Zimmer zu befördern. Meine Frage, ob er denn niemals aufs Klo müsse beantwortete er mit einem trockenen das schwitze ich aus und das wars.
Ich sitze hier drinnen also fest und niemand kann oder will mir sagen, wie es Alex geht, ob er die Operation überstanden hat und ob er wieder ganz gesund wird. Mein Blick schweift von der schlafenden Flicka ab und hinaus aus dem großen, vergitterten Fenster. Mein blasses Gesicht spiegelt sich in der dunklen Scheibe und das große, weiße Pflaster auf meiner Stirn scheint das einzige an mir zu sein, das im Moment auch nur annährend rein ist. Mein Körper sieht aus, als sei ich vor einen Bus gelaufen und fühlt sich auch genau so an, mein Unterleib brennt und pocht schmerzhaft bei jeder Bewegung, doch ich lasse die Bilder nicht zu, die mir Matthew hektisch keuchend über mir zeigen. Ich werde ihn vergessen. Er ist tot und niemand wird jemals wieder so viel Macht über mich haben.
Wenn ich nicht gerade vor Sorge um Alex vergehe, male ich mir in Gedanken aus, wie ich Matthew töte. Es wäre qualvoll gewesen, so wie sein Vater Manu gequält hat. Er hätte geschrieen, so wie Flicka dies ganz sicher getan hat, als er sie immer wieder und wieder vergewaltigte und schlug. Er hätte mich am Schluß um Gnade angefleht, wie er es von mir verlangte. Doch leider hat mir ein Mann des FBI einen Strich durch die Rechnung gemacht und ich weiß noch nicht, ob ich mich wirklich darüber freue. Denn obwohl Matthew offiziell für tot erklärt wurde, ist er in meinen Gedanken noch sehr lebendig. Und das wahrscheinlich auch noch für eine sehr, sehr lange Zeit.
Bei diesem Gedanken angekommen höre ich, wie hinter mir die Tür geöffnet wird. Hoffnungsvoll fahre ich herum und erwarte einen Arzt oder eine Schwester, die mir näheres über Alex sagen kann, doch statt dessen tritt ein hochgewachsener Mann ein, der einen Arm in einer blauen Schlinge trägt. Sein Anzug ist verknittert und sein Gesicht eingefallen und blaß, doch auf seinen Lippen liegt ein weiches Lächeln.
Hallo Sandra, sagt Buchanan leise und kommt dann langsam auf mich zu.
Buchanan? Ich ... meine Güte ... ich ... sie leben! stottere ich und bevor ich mich zurückhalten kann habe ich bereits einen Schritt auf ihn zugemacht und verzweifelt meine Arme um seine Taille geschlungen.
Es wird alles gut, höre ich ihn leise sagen, während er mir etwas steif und mit spürbarem Unwohlsein über den Rücken streichelt.
Wissen sie etwas? frage ich sofort und rücke wieder ein Stück von ihm ab.
Über Mr. McLean? gibt er zurück und ich nicke ungeduldig. Nein, tut mir leid. Ich glaube, sie operieren ihn immer noch.
Ich sacke in mich zusammen und fahre mir kurz mit den Händen über das Gesicht, nur um unter dem Schmerz zusammen zu zucken, als ich dabei unbeabsichtigt das Pflaster und damit die Platzwunde über meiner Augenbraue berühre.
Setzen wir uns doch, sagt er und deutet auf die kleine Sitzgruppe am Fenster.
Mit einem kurzen Blick zurück stelle ich fest, dass Flicka immer noch schläft und nur widerwillig folge ich ihm hinüber in die dunkle Ecke. Im Endeffekt habe ich sowieso keine andere Wahl. Ich kann nichts tun um Alex schneller wieder zu mir zurück zu bringen, also kann ich mich auch erst einmal mit Buchanan unterhalten.
Erzählen sie mir, was passiert ist, fordert Buchanan freundlich, während er ein kleines Aufnahmegerät aus seinem Jackett hervorzieht.
Ist das hier die offizielle Befragung? sage ich mißtrauisch.
Buchanan nickt. Wir benötigen noch ein paar Informationen und ich habe mich angeboten das zu übernehmen. Aber wenn ihnen das nicht recht ist ...
Er greift bereits nach dem kleinen Gerät um es wieder in seinem Jackett zu verstauen, doch ich lege ihm schnell eine Hand auf den Arm.
Lassen sie nur, sage ich. Es ist mir recht. Besser sie als einer von den anderen ... Typen. Eigentlich liegt mir ein Ausdruck irgendwo zwischen dämlichen FBI Fatzken und arroganten Arschlöchern auf der Zunge, doch ich erinnere mich gerade rechtzeitig daran, dass genau diese Männer mich, Flicka und auch Alex gerettet haben, also schlucke ich diese Bemerkung erfolgreich hinunter.
Zögernd fange ich an zu erzählen. Ich beginne im Motel, schildere ihm mein Entsetzen als ich dabei zusehen muß, wie Steiners Männer ihn niederschießen, berichte von der Autofahrt, den Injektionen, dem Keller, Matthew und Flicka. Ich schildere ihm unsere Wanderung durch das Haus und ende damit, wie Matthew von einer Kugel tödlich getroffen über mir zusammen bricht.
Für eine Weile wird es still in dem dunklen Krankenzimmer, dann räuspert sich Buchanan leise, schaltete das Aufnahmegerät aus und verstaut es wieder in seiner Tasche.
Was ist mit ihnen geschehen? frage ich schließlich und deute auf die Schlinge in dem sein rechter Arm liegt. Geht es ihnen einigermaßen? Ich hatte wirklich Angst, sie seien tot.
So schnell bin ich nicht kleinzukriegen, lächelt Buchanan. Ein Steckschuß in der Schulter. Schmerzhaft, aber nicht tödlich. Gott sei Dank. Ich kam zu mir, noch während Steiners Männer vom Parkplatz rasten. Ich habe meine Dienststelle verständigt und die haben sich um alles weitere gekümmert. Ich glaube, sie waren ziemlich froh darüber, dass sie endlich einen Grund hatten, Matthews Haus zu stürmen.
Ich bin auch froh darüber, gebe ich mit einem angedeuteten Lächeln zurück.
Wir schweigen eine Weile und starren gemeinsam hinaus in die Nacht. Wenn mir nur jemand sagen könnte, wie es Alex geht. Erneut beginnt die Angst in meinen Eingeweiden zu wütend und ich schlinge fröstelnd die Arme um mich. Es muß einfach alles gut gehen.
Er wird es sicherlich schaffen, höre ich Buchanans leise Stimme. Er ist ein Kämpfer. Wie ich gehört habe, hat er sich ziemlich gut gegen Steiners Männer behauptet.
Trotzdem haben sie ihn angeschossen. Sie hätten das sehen sollen. Er sah aus wie abgeschlachtet. So viel Blut und ... , mir versagt die Stimme und ich schlucke trocken. Es scheint fast so, als hätte ich inzwischen alle Tränen geweint, zumindest bleiben meine Augen brennend trocken.
Das sieht meistens schlimmer aus als es wirklich ... ,
Das Öffnen der Tür unterbricht ihn und hektisch fahre ich in meinem Sessel herum.
Eine Schwester kommt herein, wirft einen kurzen Blick zu der schlafenden Flicka hinüber und tritt dann auf Buchanan und mich zu.
Miss Brown? Gute Nachrichten. Die OP ist gut verlaufen. Mr. McLean wurde auf die Intensivstation verlegt und schläft jetzt.
Meinem Mund entweicht ein erstickter Laut und mit zitternden Knien stemme ich mich in die Höhe.
Kann ich ihn sehen? frage ich mit krächzender Stimme.
Also eigentlich ... , setzt die Schwester an, doch Buchanan unterbricht sie.
Kommen sie Mathild, sagt er freundlich und steht von seinem Sessel auf. Sehen sie nicht, dass sie total verzweifelt ist? Fünf Minuten sind doch bestimmt drin, oder?
Ich weiß nicht Adam. Die Krankenhaus Vorschriften besagen ... ,
Ich weiß, unterbricht Buchanan sie erneut und tritt noch einen weiteren Schritt auf sie zu. Aber machen sie doch bitte in diesem Fall eine Ausnahme. Ich verspreche auch, sie nicht zu verpetzen.
Bei seinem breiten, freundlichen Lächeln färben sich ihre Wangen leicht rosa und verblüfft sehe ich von ihr zu ihm. Mathild? Adam? Was läuft hier?
Nun gut ... aber wirklich nur kurz, gibt sich die Schwester schließlich geschlagen.
Sie sind ein Schatz, sagt Buchanan und sein Lächeln wird noch eine Spur breiter.
Oha. Ein FBI Mann auf Freiersfüßen. Das ich das noch erleben darf.
Folgen sie mir, sagt Mathild, dreht sich herum, wobei ihre glatten Sohlen ein leises Quitschen auf dem Linoleumboden verursachen und mit schnellen Schritten folge ich ihr.
Bonnard hat seinen Posten immer noch nicht verlassen, doch Buchanan erklärt ihm, dass es schon in Ordnung sei und er mich gleich wieder zurück bringen wird.
Wir laufen durch lange, helle Krankenhausflure, die im Gegensatz zu heute Mittag verlassen wirken, biegen um ein paar Ecken und betreten dann durch eine Schiebetür, die sich mit Mathilds Codekarte zischend öffnet, die Intensivstation.
Hier ist das Licht gedämpft, große Fenster führen in jeden Raum. Teilweise versperren zugezogene Vorhänge die Sicht auf das Geschehen dahinter, doch dort, wo man ungehindert in das Zimmer blicken kann, scheint sich das Grauen in Form von unzähligen, medizinischen Apparaturen und schlafenden, teilweise wie Mumien eingewickelten Menschen aufzutun.
Wir gehen durch bis zum Ende des Ganges und bleiben dann vor einer Tür stehen. Die Vorhänge sind hier zugezogen und ich fühle, wie meine Hände feucht werden. Ich versuche mich gegen Alex Anblick zu wappnen, doch als ich schließlich den Raum betrete, ist es gar nicht so schlimm wie gedacht.
Auch er ist an einen Herzmonitor angeschlossen, doch seine Sinuskurve hüpft gleichmäßig und tonlos über den Bildschirm. Er benötigt scheinbar keine Beatmungsgeräte und lediglich der Schlauch einer Infusionsflasche schlängelt sich über das Bett zu einem metallenen Gestell hinauf.
Vorsichtig trete ich näher. Er hat die Augen geschlossen und sein Gesicht hat bereits wieder ein wenig Farbe bekommen. Das Blut wurde davon abgewaschen, so dass die diversen blauen Flecke und Prellungen überdeutlich zu sehen sind. Die Bettdecke entblößt seinen nackten, männlichen Brustkorb, der sich ruhig hebt und senkt und alles in allem wirkt er beinahe friedlich, wie er da so regungslos liegt.
Vorsichtig ziehe ich mir einen Stuhl heran und lasse mich neben ihn nieder. Meine Hand greift nach seinen Fingern, die ruhig auf den Laken liegen und mein Herz klopft zum Zerspringen. Vorsichtig hebe ich seine Fingerspitzen an meine Lippen und hauche kleine, zärtliche Küsse darauf.
Ich liebe dich, flüstere ich leise, während ich meine Finger mit seinen verschränke. Ich weiß nicht, ob ich jemals in der Lage sein werde, sie wieder loszulassen. Im Moment bin ich einfach nur unglaublich glücklich, erleichtert und erschöpft.
Die restliche Zeit verbringe ich mit ihm schweigend, während ich meinen Blick nicht von seinem Gesicht abwenden kann und inständig hoffe, dass er wirklich wieder ganz gesund wird.