Kapitel 31

Eine weißgetünchte Decke, Apparate um mich herum und ein sanftes Schaukeln erwarten mich, als ich wieder zu mir komme.
Krankenwagen schießt es mir durch den Kopf, dann fahre ich ruckartig in die Höhe.
„Keine Panik,“ höre ich eine weibliche Stimme neben mir, Hände legen sich auf meine Schultern und drücken mich zurück auf die Bare.
„Alex!“ stoße ich hervor, während ich versuche mich gegen das Gewicht zu stemmen, das mich immer noch mit erstaunlicher Kraft zurück auf die Pritsche drückt.
„Bitte beruhigen sie sich,“ höre ich die Stimmer erneut und als ich meinen Kopf schließlich ein Stück zur Seite drehe sitzt dort eine junge Frau mit langem, blondem Pferdeschwanz in einer weißen Sanitäteruniform.
„Wo ist er? Wie geht es ihm?“ begehre ich auf und setze mich dabei immer noch gegen ihre Hände zur Wehr.
„Das kann ich ihnen leider nicht sagen,“ spricht sie weiter „aber wenn sie so weitermachen muß ich sie auf der Bare festschnallen und ich denke, das möchten sie vermeiden, oder?“
Irgendwie zwinge ich meinen Körper dazu still zu halten, doch jeder Muskel ist weiterhin angespannt wie eine Stahlfeder, als warte er nur auf den Startschuß um von der Pritsche in die Höhe zu schnellen und davon zu sprinten.
„So ist es besser,“ nickt die Frau und tätschelt lächelnd meine Schulter.
„Was ... ,“ setze ich an und lecke mir dann über meine spröden, ausgedörrten Lippen. „Was ist passiert?“
„Ich befürchte, das ist im Moment noch etwas schwierig zu sagen. Das FBI hat das Anwesen gestürmt und sie und ihre Freundin gerettet. Was mit ihrem Freund ... uhm ... Alex? ... passiert ist, weiß ich leider nicht.“ Erklärt sie ruhig, während sie mir eine Manschette um den Arm legt und sie gleich darauf mit kräftigem Druck auf den kleinen Blasebalg in ihrer Hand aufpumpt.
„Bitte. Ich muß wissen, wie es ihm geht,“ flehe ich sie an.
„Wenn wir im Krankenhaus angekommen sind werde ich mich nach ihm erkundigen, in Ordnung?“ sagt sie mit einem sanften Lächeln, drückt dann ein eiskaltes Stethoskop an meinen Armen und läßt langsam die Luft aus der Manschette entweichen.
„Ihr Blutdruck ist etwas erhöht,“ stellte sie fest, während sie die schwarze Armbinde mit einem reißenden Geräusch entfernt „aber das ist in ihrer derzeitigen Lage durchaus normal.“
Meine derzeitige Lage ...
Ich schließe für einen Moment die Augen. Eigentlich sollte ich mich freuen, dass ich tatsächlich mit dem Leben davon gekommen bin, aber die Sorge um Alex überlagert alles andere. Wo ist er jetzt? Was macht er? Atmet er noch?
Bei diesem Gedanken angekommen reiße ich die Augen auf und starre mit klopfendem Herzen an die Decke. Es geht im gut. Ganz bestimmt. Er wird mich im Krankenhaus erwarten und alles wird gut sein. Wir werden mit Flicka zurück nach Hause fahren und irgendwie gemeinsam diese ganze Geschichte hinter uns lassen. Wir werden glücklich sein und ...
Der Krankenwagen hält unvermittelt an.
„Da sind wir ja schon,“ lächelt die Frau, dann werden hinter ihr die beiden Wagentüren geöffnet und die Bare auf der ich liege nach draußen gezogen.
Wie hypnotisiert starre ich an die Decke, während über mir gleißende Leuchtstoffröhren vorbei ziehen, nur unterbrochen durch ein paar Schwingtüren, die sich wie von Geisterhand öffnen.
Ein Mann beugt sich plötzlich über mich. Er trägt einen weißen Kittel, sein Gesicht umrahmt ein unordentlicher Dreitagebart und seine Augen sehen müde aus. Trotzdem lächelt er als er im Weitergehen meine Hand drückt und einen flüchtigen Blick auf sein Klemmbrett wirft.
„Machen sie sich keine Sorgen Miss Brown,“ höre ich ihn sagen und warte hoffnungsvoll auf eine Nachricht von Alex. „Sie werden wieder ganz gesund. Ein paar Prellungen und Abschürfungen und wahrscheinlich eine ordentliche Gehirnerschütterung. Nichts bedrohliches.“
Er strahlt mich an, als hätte er für diese Nachricht einen Preis verdient, doch alles woran ich denken kann ist Alex.
Ich schweige, während man mich in die Notaufnahme bringt, mir den kläglichen Rest meiner Kleider vom Körper pellt und mich in eines dieser grünen Krankenhaushemdchen steckt, die lediglich am Rücken mit einem provisorischen Knoten geschlossen werden. Anschließend werde ich genauestens untersucht. Sämtliche Körperteile werden abgetastet, ich bekomme eine ganze Menge Injektionen und zum Schluß wird auch noch ein Abstrich gemacht, während ich eine schon etwas betagte Schwester am Fußende murmeln höre „dieses Dreckschwein.“
Wahrscheinlich haben sie mir ein ziemliches starkes Beruhigungsmittel gegeben, zumindest werde ich irgendwie schläfrig und immer wieder fallen mir die Augen zu. Dann entsteht um mich herum plötzlich eine unübersehbare Hektik und ich öffne vorsichtig blinzelnd meine Augen wieder.
„Schußverletzung,“ höre ich es draußen vor dem Vorhang, der mein Bett vor neugierigen Blicken schützen soll. „Fordern sie Blutkonserven an und bereiten sie den OP vor.“
Die Stimmen schweben körperlos an dem Vorhang vorbei und mich beschleicht eine düstere Vorahnung.
Die Schwestern sind für einen Moment abgelenkt und noch ehe irgendeine von ihnen reagieren kann, habe ich bereits meine Beine über den Rand der Pritsche geschwungen und stehe schwanken aufrecht.
„Was tun sie da?“ fragt eine der Schwestern entsetzt, doch ich beachte sie gar nicht.
Irgendwie schaffe ich es, den nach mir grabschenden Händen auszuweichen, der Saum meines Nachthemdes flattert hinter mir her, während ich mich förmlich durch den Vorhang katapultiere und dahinter einem weiteren Pfleger ausweiche.
Ein Stück weiter den Gang hinunter sehe ich eine Bare, die von mehreren Männern umringt ist und in unübersehbarer Hektik auf eine Tür am Ende des Flures zugerollt wird.
Taumelnd renne ich los, schwanke dabei gefährlich von einer Seite auf die andere und habe es wahrscheinlich diesem Umstand zu verdanken, dass ich die Bare erreiche, bevor mich jemand schnappen und zurück in mein Bett befördern kann. Mit letzter Kraft klammere ich mich am Bettrand fest, während um mich herum ein entsetztes Rufen einsetzt. Ich werde am Arm gepackt, doch so wirklich registriere ich dies nicht.
Alex hat die Augen geschlossen, sein Gesicht ist so weiß wie das Laken auf dem er liegt und seine Brust hebt und senkt sich unter seinen unregelmäßigen, hektischen Atemzügen. Sein Gesicht ist blutüberströmt, seine Nase geschwollen und blau angelaufen und die Mitte seines Körpers sieht aus, als hätte er sich in einem Schlachthof verlaufen. Da ist so viel Blut, das mir augenblicklich übel wird. Tränen schießen mir in die Augen und ich greife nach seiner eiskalten Hand.
„Alex? Baby. Bitte sag etwas.“
Seine Augenlider zucken, doch er hat scheinbar nicht mehr die Kraft sie auch nur einen Millimeter anzuheben. Stattdessen fühle ich den schwachen Druck seiner Finger.
„Bitte Miss. Er muß sofort operiert werden,“ höre ich eine Stimme neben mir und bevor ich noch irgend etwas sagen oder tun kann werden mir Alex’ Finger entrissen. Hände legen sich unnachgiebig auf meine Schultern, während die Bare weiter den Gang hinunter geschoben wird und gleich darauf durch eine Schwingtür mit der Aufschrift „Operationssaal – Betreten für Unbefugte verboten“ verschwindet.
Ich schluchze inzwischen hemmungslos und fühle, wie mein Körper zu zittern beginnt. Unsichtbare Hände fangen mich auf, bevor ich auf den kalten Krankenhaus Boden aufschlagen kann. Mein letzter, bewußter Gedanke gilt Alex, der gerade in einem sterilen Operationssaal um sein Leben kämpft.

Kapitel 32