Kapitel 30
Während wir hastig durch den Korridor eilen und uns dabei immer wieder ängstlich umsehen, raffe ich die Überreste meiner Bluse zusammen und schließe die drei Knöpfe, die nach Matthews Attacke noch übrig geblieben sind. Alleine der Umstand, dass ich die ganze Zeit nicht bemerkt habe, dass ich halb nackt gewesen bin zeigt mir, wie weit ich mich von der Realität und dem bewußtem Denken zurückgezogen habe.
Doch jetzt ist es wichtig, dass ich wieder zurück ins Hier und Jetzt finde, dass ich meine letzten Kraftreserven und meine gesamte Konzentration auf das lenke, was noch vor uns liegt.
Wie Buchanan gesagt hat gleicht das Steinersche Anwesen einer Festung. Abgesehen von den unzähligen Kameras, den Bewegungssensoren, der meterhohen Mauer um das Grundstück herum und dem Stacheldraht darauf gibt es hier unzählige Sicherheits- und Wachleute. Dass wir aus dem Keller heraus sind bedeutet also nicht, dass wir uns auch nur annähernd in Sicherheit befinden.
Wohin? fragt Alex als wir das Ende des Ganges erreichen.
Er wirkt grimmig und zu allem entschlossen und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er im Moment Zuversicht für uns alle drei hat. Mein Blick bleibt an einer Ausbuchtung in seiner Jeans hängen und während ich noch blinzelnd darauf starre registriere ich, dass er eine der Waffen unserer Bewacher an sich genommen und in den Bund seiner Jeans gesteckt hat. Aus einem Grund, den ich mir nicht näher erklären kann, macht mich dieser Umstand mehr als nervös.
Nach rechts, entgegne ich trotzdem und deute den tristen, kahlen Flur hinunter, an dessen Ende sich der Fahrstuhl befindet, der uns nach oben und damit der Freiheit ein Stückchen näher bringen wird.
Ohne Umschweife wendet sich Alex in die angegebene Richtung. Seine kalten Finger umklammern immer noch meine Hand, während ich Flicka hinter mir herziehe. Wahrscheinlich wirken wir wie Kinder, die sich im Wald verirrt haben und nun ängstlich und verzweifelt den Weg nach Hause suchen.
Als wir die geschlossenen Aufzugtüren erreichen, ist uns immer noch keine Menschenseele begegnet und ich frage mich beklommen, ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen ist.
Nicht den Fahrstuhl, sagt Flicka hinter mir, als Alex die Hand nach dem Rufknopf ausstreckt.
Wir drehen uns beide fragend zu ihr herum.
Wenn da oben jemand auf uns wartet, sitzen wir in der Falle, erklärt sie und deutet dann auf eine Stahltür ein paar Meter weiter den Gang hinunter. Lasst uns lieber die Treppe nehmen.
Alex nickt und setzt sich gleich darauf wieder in Bewegung.
Nacheinander schlüpfen wir durch die Tür in ein dunkles, nach Staub und abgestandener Luft riechendes Treppenhaus.
Wir machen kein Licht und so tasten wir uns Stufe um Stufe in vollkommener Dunkelheit weiter nach oben. Die Geräusche die unsere Schritte und das abgehackte Atmen machen, erscheinen mir viel zu laut und ich bete inständig, dass wir nicht entdeckt werden.
Schließlich erreichen wir den nächsten Treppenabsatz und Alex rauhe Stimme erfüllt unvermittelt die Stille. Wie weit müssen wir rauf?
Noch zwei Stockwerke, informiert ihn Flicka und ich kann sie nur bewundern.
Irgendwie ist mir meine Orientierung unterwegs komplett abhanden gekommen. Ich weiß nicht wo wir uns befinden, noch nicht einmal, ob wir uns nach links oder rechts, oben oder unten bewegen.
Schließlich erreichen wir eine Tür und halten einen Moment inne. Zum einen, um wieder zu Atem zu kommen und zum anderen, um uns ein letztes Mal zu sammeln, bevor wir endgültig die Höhle des Löwen betreten.
Sollten wir getrennt werden, höre ich erneut Alex körperlose Stimme treffen wir uns draußen. Vielleicht haben wir alleine eine größere Chance.
Der Gedanke behagt mir ganz und gar nicht. Alleine die Vorstellung Alex Hand loszulassen verursacht mir Übelkeit und ich fasse sie unwillkürlich ein wenig fester.
Keine Angst, höre ich ihn murmeln und spüre seine freie Hand an meiner Taille. Wir schaffen das. Ganz bestimmt.
In meinen Ohren klingt das was er sagt nach purer Verzweiflung, doch statt etwas entsprechendes darauf zu erwidern beiße ich mir auf die Zunge, lasse Flickas Hand los und taste in der Dunkelheit nach seinem Gesicht.
Klar schaffen wir das, gebe ich in ebenso falschem Tonfall zurück, streiche noch einmal zärtlich über seine Wange und taste dann wieder nach Flickas Hand.
Also ich bin bereit, höre ich ihre so schmerzlich vermißte Stimme hinter mir. Beinahe klingt sie dabei wie früher, was mir ein unverhofftes und eigentlich ziemlich deplaziertes Lächeln auf die Lippen zaubert.
Also dann los, höre ich Alex flüstern.
Er drückt unendlich langsam die Türklinke herunter und zieht vorsichtig die Tür einen Spalt weit auf. Gleißendes Sonnenlicht flutet in den dunklen Treppenaufgang und geblendet blinzle ich einen Moment gegen die ungewohnte Helligkeit an.
Scheint alles ruhig zu sein, höre ich Alex erneut, dann zieht er die Tür etwas weiter auf und ehe ich es mir anders überlegen kann zieht er mich und Flicke bereits hinter sich her in die riesige Eingangshalle.
Um uns herum ist es beunruhigend still, keine Menschenseele ist zu sehen und ich frage mich unbehaglich, ob wir tatsächlich ein solch unverschämtes Glück haben oder ob dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist.
Mit mörderisch schnell klopfendem Herzen husche ich hinter Alex her durch die Halle auf die rettende Eingangstür zu. Die bunten Scheiben malen seltsame Muster in sein Gesicht und ein ganz leises Gefühl von Hoffnung beginnt sich in meinem Herzen zu regen. Wir werden hier heraus kommen und in ein paar Tagen werden wir diesen Albtraum abgehakt und in den hintersten Winkel unseres Bewußtseins gedrängt haben.
Alex streckt die Hand nach dem Türknauf aus und ich brauche eine Weile bis ich begreife, dass er nicht nur einen Moment inne gehalten hat, sondern sich die Tür tatsächlich nicht öffnen läßt.
Abgeschlossen, sagt er schließlich überflüssigerweise.
Mit einem Blick registriere ich die robusten Stahlstreben in dem bunten Glas und sicherlich ist den anderen beiden genau so klar wie mir, dass es an dieser Stelle keinen Weg hinaus gibt.
Die Fenster sind hier unten alle vergittert, sagt Flicka leise. Wir müssen ins Arbeitszimmer und über die Terrasse raus.
Alles klar. Kein Problem. Einfach durch die Halle, den ewig langen Gang hinunter, vorbei an unzähligen Türen hinter denen wer weiß was lauern kann und rein in Matthews Heiligtum, das im Moment unter Umständen so etwas wie das Basislager darstellt. Super Plan.
Doch da uns wohl nichts anderes übrig bleibt wenden wir uns nach links und durchqueren mit langen Schritten die Eingangshalle. Als der Teppich unsere Schritte dämpft, fühle ich eine unbändige Erleichterung, auch wenn das in unserer momentanen Situation ziemlicher Schwachsinn zu sein scheint.
Wir haben noch nicht einmal ein Drittel des langen Ganges zurück gelegt, als nicht weit vor uns eine Tür aufgerissen wird und ein Mann in den Flur tritt. Alex reagiert geistesgegenwärtig. Er läßt meine Hand los, gibt mir einen ordentlichen Schubs, der mich gegen die gegenüberliegende Wand taumeln läßt, wobei ich Flicka unweigerlich hinter mir her zerre, und zieht in einer fließenden Bewegung die Waffe aus seinem Hosenbund hervor. Leider ist er einen Tick zu langsam.
Noch bevor er anlegen und zielen, geschweige denn abdrücken kann, reißt der so unvermittelt aufgetauchte Mann ebenfalls seine Waffe in die Höhe und drückt drei Mal ab. Das Geräusch ist ohrenbetäubend laut und hallt von den hohen Wänden wieder. Reflexartig lasse ich mich mit Flicka auf die Knie fallen. Auch Alex geht zu Boden, doch ich kann nicht sehen, ob ihn eine der Kugeln tatsächlich getroffen hat.
Dafür hüpft seine Waffe munter über den roten Perserläufer auf uns zu und noch bevor ich irgendwie reagieren kann, hat sich Flicka bereits den Revolver geschnappt, angelegt und feuert nun ihrerseits auf unseren Angreifer.
Ich habe keine Ahnung ob ein Glückstreffer daran schuld ist, dass er wie ein gefällter Baum zusammen bricht, Fakt ist allerdings, dass sie ihn zielsicher in die Brust getroffen hat.
Alex! rufe ich panisch und robbe über den Boden auf ihn zu. Er liegt auf dem Rücken, doch Gott sei Dank dreht er sich in diesem Moment langsam auf die Seite.
Bist du verletzt? stoße ich panisch hervor und knie gleich darauf neben ihm.
Ich glaube nicht, gibt er vorsichtig zurück und betastet dann ausgiebig seine Brust, die Schultern und zuletzt auch noch seine Beine. Nur um sicher zu gehen.
Wir müssen weiter, höre ich Flicka noch sagen, dann bricht die Hölle los.
Das Trappeln von Füßen nähert sich im Laufschritt, unterbrochen von lautem Rufen, Kugeln fliegen uns plötzlich wie ein aggressiver Hornissenschwarm um die Ohren und ich ducke mich tief über Alex Körper.
Hier rein, höre ich Flicka brüllen, die die nächstgelegene Tür aufgestoßen hat und dann sofort auf allen Vieren dahinter verschwindet.
Geh! ruft mir Alex zu und schiebt mich in Richtung Tür.
Aber ... ,
Nein verdammt noch mal. Geh! Ich lenke sie ab.
Nein, ich ... ,
Doch in diesem Moment stemmt er sich bereits in die Höhe, greift nach der Waffe des Mannes, der gerade noch auf uns geschossen hat und dann von Flicka so unverhofft ausgeschaltet wurde, und beginnt wild in der Gegend herumzuballern.
Die Einschläge werden immer dichter, ich sehe eine Hand voll Männer, die sich hinter Türrahmen und Möbelstücken verschanzen und panisch krabble ich auf die rettende Tür zu. Mit einem kurzen Blick zurück stelle ich fest, dass Alex ebenfalls hinter einer großen, robusten Truhe in Deckung gegangen ist, dann werde ich urplötzlich am Arm gepackt und mit ungeheurer Kraft durch die Tür in den Raum dahinter gezerrt.
Die Tür wird hinter mir zugeknallt und sperrt damit das meiste des ohrenbetäubenden Kampflärms aus. Noch während ich versuche das Bild von Alex unter Beschuß abzuschütteln werde ich herumgewirbelt, wobei ich am Rande registriere, dass Flicka am anderen Ende des Raumes bewegungslos am Boden liegt und mir gefriert augenblicklich das Blut in den Adern. Plötzlich starre ich in ein paar kalte, tiefblaue Augen und mir wird schwindelig.
Flittchen, zischt Matthew, dann holt er mit Schwung aus und donnert mir etwas gegen die Schläfe, was meinen Schädel buchstäblich explodieren läßt und mir die Sinne raubt. Der Boden unter meinen Füßen löst sich in Luft auf und ich finde mich gleich darauf auf dem Rücken liegend und nach Atem ringen auf kaltem Steinfußboden wieder. Matthew steht über mir, in seiner beunruhigend zitternden Hand befindet sich ein Revolver und er zielt damit genau zwischen meine Augen.
Du kleine, miese Schlampe, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, dann spannt er den Hahn an seiner Waffe und seine Augen scheinen noch eine Spur dunkler zu werden. Jetzt wirst du bezahlen. Für alles, was du mir angetan hast.
Ich kneife die Augen fest zusammen und ergebe mich in das Unvermeidliche. Bilder meiner Vergangenheit ziehen in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei und schließlich überkommt mich ein tiefes Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit. Ich habe mein Leben gelebt und es gibt erstaunlicher Weise nicht viel, was ich wirklich bereue.
Bei diesem Gedanken angekommen höre ich schließlich den Knall.
Ich erwarte eigentlich Schmerz, doch nichts davon ist zu spüren. Blinzelnd öffne ich meine Augen und sehe Matthew immer noch über mir stehen, doch sein Gesichtsausdruck hat sich gewandelt.
Da, wo vorher unbändiger Hass und eine fast verzweifelt wirkende Entschlossenheit prangte, ist vollkommene Verblüffung aufgetaucht. Die Waffe in seiner Hand zittert erst einen Moment, dann fällt sie mit einem trockenen Klappern zu Boden. In Zeitlupentempo kippt er nach vorne und schlägt schließlich nur einige Zentimeter von mir entfernt mit dem Gesicht voran auf den Boden auf.
Ich wage es kaum zu atmen. Irgend etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Mein Blick löst sich nur widerwillig von seiner reglosen Gestalt und als ich schließlich langsam meinen Blick hebe, steht ein Mann über mir. Er ist ganz in Schwarz gekleidet und trägt eine kugelsichere Weste auf der in großen, weißen Lettern die Buchstaben F, B und I prangen.
Im Hintergrund sehe ich das aufgebogene Metallgitter an einem der Fenster, durch das Flicka gerade hinausgehoben wird.
Sie sind in Sicherheit, höre ich den Mann sagen, während er mir eine Hand entgegen streckt.
Mein Blick rast zurück zur Tür, hinter der immer noch Schüsse zu hören sind.
Alex! würge ich hervor und schaffe es gerade noch, eine zitternde Hand in diese Richtung auszustrecken
Keine Sorge, wir kümmern uns darum, sagt der Mann, immer noch mit dieser beruhigenden, sanften Stimme.
Dann hat ihn einer seiner Kollegen erreicht.
Bringt sie nach draußen.
Gleich darauf werde ich von starken Armen in die Höhe gezogen, während ein Dutzend Männer an mir vorbei stürmt, die Tür aufreißt und damit der Kampfeslärm auf ein unerträgliches Maß anschwillt. Ich versuche Alex in dem Chaos dahinter auszumachen, doch die Tür verschwindet aus meinem Blickfeld, als ich durch das aufgebrochene Fenster hinaus gehoben werde.
Nein! schreie ich und versuche mich aus den Armen meines Retters zu winden. Ich muß zu Alex. Ich muß ihm helfen. Ich will bei ihm sein.
Drei Männer werden benötigt, um mich davon abzuhalten. Ein vierter kommt hinzu und ehe ich weiß wie mir geschieht, bohrt sich etwas brennend und mit Nachdruck in meinen Oberarm. Kurz bevor ich endgültig das Bewußtsein verliere sehe ich Flicka, die mit wehendem Haar auf mich zu gerannt kommt, dann wird es endgültig dunkel um mich herum.