Kapitel 29
Drei Männer sind mit uns in dem unwirtlichen Kellerraum zurück geblieben. Einer hält Alex fest, ein weiterer beugt sich jetzt über Flicka um sie auf die Füße zu zerren und der letzte hat seine Finger immer noch um meine Oberarme geklammert. Die Anspannung der drei ist beinahe mit Händen zu greifen. Sie fragen sich sicherlich genau wie ich, was da außerhalb der Kellermauern vor sich geht, doch sie wurden von Steiner dazu verdammt, sich um uns zu kümmern.
Wohin? fragt der Mann hinter mir in diesem Moment in die Runde.
Wir sollten sie hier lassen, fesseln und knebeln und dann nachsehen, was oben los ist, entgegnet der Mann, der Flicka gepackt hat und jetzt mit ihr dicht neben der Tür steht. Er wirft immer wieder einen verstohlenen Blick durch den Türspalt nach draußen in den Flur, aber ich schätze mal, dass er da nicht viel sehen wird.
In Ordnung. Ich kann spüren wie der Mann in meinem Rücken nickt, dann werde ich auch schon nach hinten gezerrt.
Mein angsterfüllter Blick trifft auf Alex dunkle Augen, die eindringlich zu mir herüber starren und mir irgend etwas sagen wollen, doch da werde ich bereits herumgewirbelt und mit dem Gesicht gegen die Wand gedrückt.
Einen Mucks und du bist tot, höre ich die dunkle Stimme des Mannes hinter mir und ich verbeiße mir ein ja bitte, tu mir den Gefallen.
Und dann bricht hinter mir plötzlich die Hölle los. Ich höre Alex brüllen, gefolgt von einem gedämpften Schmerzenslaut seines Bewachers. Ich höre das Scharren von Füßen auf Beton, etwas schlägt mit einem dumpfen Laut gegen die Wand und das Schreien aus mehreren Kehlen hallt von den nackten Wänden wieder.
Mein Bewacher reißt mich an den Schultern nach hinten und schleudert mich zu Boden, wo meine Hüfte schmerzhafte Bekanntschaft mit dem harten Betonboden macht. Sein Knie presst sich gleich darauf auf meine Brust und ich höre das leise Klicken, als er seine Waffe entsichert. Ich handle mehr aus Reflex. Meine Hand schießt in die Höhe und schlägt eher zufällig gegen den Lauf der Waffe. Ein Schuß löst sich, der in dem kleinen, kahlen Raum so laut wie eine Explosion klingt und ein anhaltendes Klingeln in meinen Ohren zurück läßt. Die Kugel reißt ein Loch in die Decke, Putz und Staub rieseln herab und lassen mich für einen Moment hustend den Kopf einziehen. Von irgendwoher kommt plötzlich eine Faut angeschossen, in der selben Sekunde kippt mein Bewacher wie ein gefällter Baum nach hinten, wobei sein Kopf mit einem dumpfen Laut auf dem Boden aufschlägt.
Endlich kann ich wieder frei atmen und während ich mich noch röchelnd zur Seite drehe, erfassen meine Augen das Chaos um mich herum.
Alex Bewacher liegt mitten im Raum auf dem Rücken. Sein Gesicht ist über und über mit Blut beschmiert, seine Arme liegen weit ausgebreitet rechts und links von seinem Kopf und ich kann nicht sagen, ob er noch atmet. Daneben liegt der Mann, der eben noch auf mir gekniet hat. Sein Gesicht ist von mir abgewandt, so dass ich nicht sagen kann, ob er noch bei Bewußtsein ist, doch er rührt sich nicht als Alex mit einem großen Schritt über ihn hinwegsetzt und sich Richtung Tür wendet, wo Flicka sich heftig gegen den dritten Mann zur Wehr setzt. Seine Unterarme und die rechte Wange weisen Kratz und Bißspuren auf und ich kann nur darüber staunen, wieviel Energie noch in dem federleichten Körper meiner Freundin steckt. Sie kämpft wie eine Löwin, doch sie hätte den Kampf sicherlich verloren, wenn Alex nicht in diesem Moment beherzt eingegriffen hätte.
Er packt den Mann von hinten an der Schulter, schlingt ihm gleichzeitig einen Arm um die Kehle und reißt ihn nach hinten. Flicka taumelt vorwärts, bremst den Schwung mit einem beherzten Griff nach der Türklinke ab und wirbelt im gleichen Moment herum.
Alex hängt mehr oder weniger am Hals ihres Bewachers, der ihn um mindestens einen Kopf überragt und sich jetzt mit ungeheurer Kraft nach hinten abstößt. Alex kracht ungebremst gegen die Wand und wird somit zwischen dieser und dem Mann eingekeilt. Flicka hat in der Zwischenzeit hastig den Raum durchquert und bückt sich nun in der hintersten Ecke nach irgend etwas. Als sie sich wieder aufrichtet, hält sie das Stahlrohr in den Händen und auf ihrem Gesicht liegt ein angsteinflößender Ausdruck von Wut und Aggression.
Flicka, nicht! rufe ich noch, doch da hat sie bereits wie mit einem Baseballschläger ausgeholt und läßt den matten Stahl mit kräftigem Schwung auf die Kniescheiben ihres Peinigers hinunter sausen. Sein markerschütternder Schrei erhebt sich über unsere Köpfe und augenblicklich geht er zu Boden. Seine Hände zucken nach seinen zertrümmerten Kniescheiben, während er sich immer noch schreiend auf dem Boden wälzt.
Na, wie fühlt sich das an, hä? kreischt Flicka, die scheinbar vollkommen von Sinnen ist.
Erneut schwingt sie das Stahlrohr hoch über ihren Kopf, doch Alex bekommt es im letzten Moment zu fassen, bevor sie weiterhin auf ihren Angreifer einprügeln kann.
Er hat genug, höre ich ihn sagen, doch Flicka scheint ihn gar nicht zu hören. Sie zerrt und zieht an dem Rohr und ihre Augen scheinen beinahe aus den Höhlen zu treten, während sie den sich am Boden windenden Mann fixiert.
Na komm schon, brüllt sie. Steh auf. Ich mach dich ferig!
Mühsam stemme ich mich in die Höhe. Ich bin mir nicht sicher, ob mich meine Beine tragen werden, aber ich muß einfach irgend etwas tun. Taumelnd stehe ich gleich darauf mehr oder weniger aufrecht und versuche Flicka anzupeilen, die mittlerweile den am Boden liegenden Mann aufs übelste beschimpft.
Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis ich sie endlich erreicht habe. Alex hat ihr mittlerweile das Stahlrohr abgenommen und es zur Seite gelegt. Ohne Umschweife ziehe ich Flicka in meine Arme und drücke sie an mich. Ich bin entsetzt über dieses zitternde Bündel, das nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint, doch ich versuche meiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben. Komm schon Süße. Er hat genug. Wir müssen zusehen, dass wir hier rauskommen.
Flickas schrille Stimme verstummt nach und nach und macht einem trockenen Schluchzen platz. Ihre Arme schlingen sich um meine Taille und sie vergräbt ihr Gesicht an meiner Schulter.
Ich wußte, du würdest kommen, bringt sie irgendwie hervor. Ich wußte du würdest kommen und mich retten.
Es wird alles gut, flüstere ich, während ich ihr über das Haar streichle und meine Augen hinüber zu Alex wandern. Er beobachtet den Mann zu unseren Füßen, der sich immer noch vor Schmerzen auf dem Boden hin und her wälzt, aber inzwischen nur noch ein gepresstes Stöhnen hören läßt.
Dann hebt Alex den Kopf und sein Blick trifft auf meinen.
Es tut mir leid, sage ich tonlos und weiß dann nicht, was ich noch sagen soll. Er wird mich hassen. Natürlich. Immerhin bin ich schuld daran, dass seine Nase gebrochen ist, er in diesen Keller verschleppt und gefangen gehalten wurde. Und noch sind wir hier nicht heraus.
Doch zu meinem Erstaunen macht er zwei Schritte auf mich zu und zieht mich, zusammen mit Flicka, in eine feste Umarmung. Seine Lippen streifen zärtlich meine Schläfe und ich spüre dabei, wie seine Unterlippe zittert.
Wir müssen hier raus Baby. So schnell wie möglich, flüstert er.
Ich nicke und versuche mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Jetzt ist erst einmal wichtig, dass wir hier heil raus kommen, alles andere können wir später klären.
Ich schiebe also Flicka ein Stückchen von mir und frage leise Bist du okay?
Nein, gibt sie zurück und schüttelt den Kopf. Aber dein Typ hat recht. Wir sollten hier verschwinden.
Gleich, nickt Alex.
Er durchquert den Raum und kommt gleich darauf mit einer Rolle Klebeband zurück. Im Vorbeigehen tippt er kurz die anderen beiden Männer mit der Schuhspitze an, die immer noch regungslos auf dem Boden liegen, doch keiner von ihnen zuckt auch nur mit der Wimper.
Er rollt Flickas Bewacher auf den Bauch, dieser versucht sich zwar zur Wehr zu setzen, aber scheinbar hat sie ganze Arbeit geleistet, denn seine Gegenwehr erstirbt sofort als Alex drohend einen Fuß in seine Kniekehle stellt.
Reiz mich nicht Arschloch, knurrt er grimmig. Du kannst es auf die harte oder die sanfte Tour haben. Deine Entscheidung.
Der Mann wählt scheinbar die sanfte Tour, denn er läßt sich nun ohne große Gegenwehr die Hände auf den Rücken fesseln. Schließlich wickelt Alex auch noch eine ordentliche Lage Klebeband um seine Fußgelenke, was sein Opfer mit Ächzen und Stöhnen über sich ergehen läßt.
So, und jetzt nichts wie weg hier, sagt Alex, greift nach meiner Hand und schiebt sich nach einem prüfenden Blick durch den Türspalt hinaus in den Korridor.