Kapitel 28
Graue Schatten tanzen vor meinen Augen und wie aus weiter Ferne höre ich Stimmen. Ich kann nicht verstehen was sie sagen, höre nur das tiefe Brummen, das mein Trommelfell unangenehm vibrieren läßt.
Ich fühle, dass ich mich bewege, automatisch einen Fuß vor den anderen setze und dabei leicht von einer Seite auf die andere schwanke. In mir ist alles kalt, dunkel und regungslos. Mein Verstand hat sich auf unbestimmte Zeit zurück gezogen, in den hintersten Winkel meines Selbst, den Steiner unmöglich erreichen kann und in dem ich mich sicher fühle.
Die Geräusche um mich herum scheinen gedämpft, trotzdem kann ich das Schlurfen mehrerer Füße hören und gleich darauf durchbricht ein leises Quitschen, wie vom Öffnen einer Tür, meinen Kokon aus Stille.
Irgend jemand versetzt mir einen Stoß in den Rücken und ich taumle unkontrolliert vorwärts. Meine Füße verheddern sich dabei, ich strauchle erst, versuche eher halbherzig mein Gleichgewicht wieder zu finden und knalle dann schmerzhaft mit dem Knie voran auf harten Betonboden.
Eine Salve aus Schmerz schießt bis hinauf in meinen Schädel, wo er hinter meinen Augen als rote Feuerwalze explodiert und mein erstickter Schrei holt mich ein weiteres Stück zurück in die Realität.
Wieder sind da Hände, die sich auf meine Schulter legen, ich höre eine Stimme, die mir ein Alles in Ordnung? zuflüstert und unwillkürlich beginne ich mich gegen diesen erneuten Angreifer zur Wehr zu setzen. Wo ich diesen Rest Kampfeswillen hernehme weiß Gott allein, aber scheinbar ist ein kleiner Teil in mir noch nicht ganz abgestorben. Vielleicht sind es aber auch einfach die letzten Reste meiner Urinstinkte, die mich in den Verteidigungs-Modus geschaltet haben.
Hey Baby, höre ich eine rauhe Stimme und meine wild um sich schlagenden Hände werden unvermittelt festgehalten. Avery. Hey. Ganz ruhig. Ich bin hier ... ,
Irgendetwas ist anders. Das merke ich sogar durch den dichten Schleier von Nebel, der mich umgibt. Meine Gegenwehr erstirbt ganz langsam, ich lasse mich einfach zur Seite fallen und schließe die Augen. Sollen sie mit mir doch machen was sie wollen.
Wie rührend, höre ich Matthews Stimme leise, wie in einem kaputten Radio.
Was hast du Mistkerl mit ihr gemacht?
Diese Frage kommt ganz aus meiner Nähe und wenn es mir auch schwerfällt den Inhalt des Gesagten ganz zu verstehen, so reagiert mein Körper alleine auf diese dunkle Stimme.
Meine Augenlider heben sich flatternd, meine Hand tastet auf dem staubigen Boden nach irgend etwas, an dem ich mich festhalten kann und bekomme zu meiner Überraschung ein Knie zu fassen.
Avery? Baby, ich bin hier, höre ich erneut Alex Stimme, doch mein Verstand weigert sich weiterhin standhaft, das Unmögliche zu akzeptieren. Er kann nicht hier bei mir sein. Sie haben ihm doch eine blutige Nase verpaßt und ihn weggebracht.
Sein Gesicht beugt sich plötzlich über mich und ein trockenes Schluchzen entfährt meinem Mund. Er sieht aus, als wäre er gerade einem Horrorfilm entsprungen. Seine Nase ist blau und angeschwollen, sein Kinn ist blutverschmiert, doch darüber zeichnet sich ein helles Rechteck ab, wo bisher das Klebeband seinen Mund verschlossen hat. Sein Bart scheint einige Büschel Haare verloren zu haben, seine Lippen und die Haut darum sind gerötet und seine Augen scheinen stumpf und wirken wie die eines Toten. Trotzdem bin ich noch nie so froh gewesen ihn zu sehen.
Es wird alles gut, raunt er und streichelt sanft mein Haar, während sich ein harter Zug um seine Augen und seinen Mund legt.
Im nächsten Moment fährt er herum und stemmt sich dabei gleichzeitig in die Höhe. Ich fühle mich immer noch wie gelähmt, wenn ich auch meine Umgebung inzwischen besser erkennen kann. Wir befinden uns wieder im Keller. Der muffige Geruch nach Staub und feuchten Wänden steigt mir in die Nase und eine gleißende Lichtquelle an der Decke hebt jede Einzelheit in meiner unmittelbaren Umgebung ins gnadenlose Licht der Realität. Hilflos muß ich dabei zusehen, wie sich Alex mit einem wilden Schrei und rudernden Armen auf Matthew stürzt.
Es folgt ein kurzes Gerangel, währenddessen ich von meinem Platz auf dem Boden lediglich diverse Beinpaare ausmachen kann, die einen wilden Tanz ohne erkennbares Muster aufführen, dann wird Alex scheinbar gepackt und von Steiner weg gezerrt.
Du Mistkerl! brüllt er und klingt dabei, als hätte bei ihm gerade das klare Denken ausgesetzt und dem Wahnsinn Platz gemacht. Was hast du mit ihr gemacht? Ich bring dich um, verdammt. Ich werde dir jeden Knochen einzeln brechen und dann ... , seine Stimme verliert sich in einem erstickten Schmerzenslaut und gleich darauf schlägt er wenig sanft und ganz in meiner Nähe auf dem Boden auf.
Er liegt mit dem Rücken zu mir und krümmt sich unter leisem Stöhnen zusammen. Ich bin versucht meine Augen zu schließen und mich wieder zurück zu ziehen. Ich will das alles nicht mehr sehen. Wir werden sowieso sterben und wenn ich alles um mich herum ausblende, kann ich mir vielleicht die Qualen bis dahin ersparen.
Doch mal wieder habe ich die Rechnung ohne Matthew gemacht. Ich sehe seine Schuhe, die auf mich zukommen, im Vorbeigehen tritt er beinahe beiläufig nach Alex, der schützend die Arme hochreißt und damit zumindest verhindern kann, das Steiners Schuhspitze in seinem Gesicht landet, dann beugt sich Matthews widerliche Visage über mich.
Aufstehen Prinzessin, sagt er grimmig und leckt sich dabei über die Lippen. Du darfst doch das nun folgende Schauspiel nicht verpassen.
Ehe ich irgend etwas sagen oder tun kann, werde ich bereits von unsichtbaren Händen gepackt und in die Höhe gerissen. Zwei weitere Männer haben sich Alex vorgenommen und er hängt mehr als er steht in den Armen seiner Bewacher. Sein Kopf ist auf seine Brust gesunken und ich kann seine Augen nicht sehen.
Augenblicklich wünsche ich mich so schmerzhaft in seine Arme, dass mir ganz schwindlig wird. Ich will zu ihm, will mich an ihn pressen und ihn nie wieder loslassen. Soll Steiner doch den Rest der Welt in Schutt und Asche legen. Das ist mir mittlerweile so was von egal.
Aber Alex nicht.
Doch meine Aufmerksamkeit wird jetzt von seinem schwankenden Körper abgelenkt, als Matthew einen Schritt zur Seite macht und auf eine Gestalt am Boden deutet.
Flicka!
Ein Mann erhebt sich gerade neben ihr vom Boden und stülpt die Schutzkappe über eine Injektionsnadel.
Steiner bemerkt scheinbar meinen Blick. Es ist wirklich erstaunlich, was man für Geld alles bekommen kann, grinst er. Ich könnte mit dir machen was ich will, ohne dass du es merkst und ohne, dass du dich rühren kannst. Es gibt für jeden Geisteszustand das richtige Serum. Er breitet die Arme aus wie ein Magier, der seinen neusten Trick gerade präsentiert hat und wirkt dabei unsagbar stolz. Dann wendet er sich erneut Flicka zu.
Sieh sie dir gut an, sagt er und tritt einen Schritt auf das bebende Bündel am Boden zu. Weißt du, was sie getan hat?
Seine Stimme hat plötzlich eine leicht schrille Färbung angenommen und sein Finger deutet anklagend auf Flicka hinunter, die scheinbar nach und nach aus ihrer Erstarrung erwacht. Ihre Finger zucken, ihr Kopf rollt unkontrolliert von einer Seite auf die andere und ich kann sehen, wie sich ihre magere, eingefallene Brust hektisch hebt und senkt.
Sie hat mich verraten ... zumindest hatte sie es vor. Sie hat mich förmlich um einen Job angebettelt und ist dann schnurstracks zum FBI gerannt. Kannst du dir das vorstellen? Für wie blöd hält sie mich eigentlich? Seinem letzten Ausspruch folgt ein kurzer Fußtritt, der auf Flickas Rippen zielt.
Aufhören! brülle ich, leider hört es sich eher an, als rausche der Herbstwind in einem Haufen trockener Blätter. Mein Hals ist ausgetrocknet, meine Lippen brennen und sind aufgerissen und meine Stimmbänder scheinen auf geheimnisvolle Weise verschwunden zu sein.
Mathew sieht mich eine Weile grinsend an, dann hebt er den Zeigefinger, als wolle er auf einen nun folgenden Höhepunkt hinweisen und streckt die andere Hand nach etwas aus, das ihm einer seiner Männer reicht.
Als ich das lange Stahlrohr sehe, das hinter seinem Rücken zum Vorschein kommt, beginnt mein Magen zu rebellieren.
Das wirst du nicht tun, flüstere ich, mir nicht sicher, ob er mich hören kann.
Oh doch, ich werde, entgegnet er und sein Grinsen reicht von einem Ohr zum anderen. Scheinbar findet er das alles hier außerordentlich amüsant.
Matthew bitte, murmle ich panisch, während meine Augen immer wieder zu Flicka hinunter zucken, die sich nun immer mehr zu rühren beginnt. Sie hat sich nach Matthews Angriff auf die Seite zu einem kompakten, menschlichen Ball zusammen gerollt, doch nun tasten ihre Hände suchend über den Boden. Sie findet scheinbar nicht, wonach sie sucht, also stützt sie einen Ellenbogen auf den harten Boden und hebt in quälender Langsamkeit den Kopf. Ihre Augen sind nicht mehr als blinzelnde, kleine Schlitze, doch sie erfassen als erstes meine Hosenbeine, ziehen sich unaufhaltsam an ihnen in die Höhe und landen schließlich bei meinem verzerrten, malträtierten Gesicht.
Ein Ausdruck von absoluter Fassungslosigkeit erscheint auf ihren ausgemergelten Zügen und wie erstarrt bleibt sie auf dem Boden hocken, während ihre Augen meinen Blick gefangen halten.
Hey Süße, flüstere ich leise und fühle schon wieder heiße, salzige Tränen, die mir über die Wange laufen.
Du? gibt sie krächzend zurück.
Es tut mir leid, murmle ich, dann sehe ich hinter ihr eine Bewegung und schreie auf.
Matthew hat das Rohr hoch über seinen Kopf gehoben und schaut mit einem irren Grinsen auf Flicka hinunter. Er zielt auf ihre Beine. Das hat er wohl von seinem Vater gelernt. Der Schlag auf den Kopf kommt erst zum Schluß, denn man möchte ja, dass das Opfer noch ein bißchen Spaß bei der restlichen Folter hat.
Flickas Kopf ruckt herum und auch wenn ich ihr Gesicht somit nur noch zur Hälfte sehe, weiß ich doch, dass sie im Bruchteil einer Sekunde erkannt hat, was hier vor sich geht.
Ihre Reflexe sind erstaunlich gut. Noch während das massive, schwere Rohr durch die Luft saust, zieht sie ruckartig die Beine an ihren Körper. Der Stahl trifft mit einem ekelhaft kreischenden Laut auf den harten Betonboden, ein paar Funken blitzen auf und eine kleine Kerbe bildet sich in dem, normaler Weise unnachgiebigen Boden.
Miststück! brüllt Matthew und hebt das Rohr erneut hoch über seinen Kopf.
Alex und ich schreien gleichzeitig auf, ich stemme mich wie eine Besessene gegen die Arme, die mich festhalten und habe nur den einen Gedanken, Matthew mit bloßen Händen erwürgen zu wollen.
Bevor er allerdings seine Bewegung zu Ende führen kann, wird hinter ihm die Tür aufgerissen und alle Anwesenden fahren überrascht herum. Ein Mann erscheint im Türrahmen. Er sieht nicht wirklich glücklich aus seinen Boss gerade jetzt stören zu müssen, doch er tritt unbeirrt auf Steiner zu. Er scheint bemüht, möglichst leise zu sprechen, als er ihm etwas ins Ohr raunt, doch da es seit seinem Eintreten totenstill geworden ist, kann jeder seine hastig hervor gestoßenen Worte verstehen.
Wir haben ein Problem Sir. Eindringlinge in Sektor zwei.
Matthew läßt das Stahlrohr sinken und blinzelt einen Moment, gerade so, als sei er aus einer Art Trance erwacht. Dann fährt er wutentbrannt zum Überbringer der Botschaft herum.
Bin ich denn hier nur von Idioten umgeben? brüllt er und wirft das Rohr mit Wucht von sich. Mit einem lauten Scheppern schlägt es auf dem Boden auf und rollt in eine der hinteren, dunklen Ecken davon.
Sperrt sie ein, wendet er sich dann mit wutverzerrtem Gesicht an seine Männer. Jack, Brandon, Wallace. Ihr geht nach oben. Höchste Alarmstufe.
Die angesprochenen Männer stürzen sofort aus der Tür, gefolgt von dem Mann, der gerade zum rechten Zeitpunkt diese Veranstaltung unterbrochen hat.
Ich bin noch nicht fertig mit euch, knurrt Steiner, dann dreht er sich auf dem Absatz herum und verschwindet ebenfalls hinaus.