Kapitel 27
Ich kann nicht sehr lange weg gewesen sein. Als ich meine Augen vorsichtig blinzelnd wieder öffne, scheint sich die Szenerie um mich herum nicht sonderlich verändert zu haben. Alex sitzt immer noch heftig atmend und gefesselt auf dem Stuhl zu meiner Rechten und Matthew steht mit in die Hüfte gestemmten Händen vor dem Sofa und starrt mit gerunzelter Stirn auf mich hinunter.
Wann begreifst du eigentlich, dass es keinen Sinn hat sich zu wehren, hm?
Wenn ich aufhöre zu atmen, presse ich hervor und richte mich unter einiger Anstrengung auf. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie zwei von Steiners Männer auf mich zutreten, doch mit einem kurzen Wink gibt Matthew ihnen zu verstehen, dass er mit mir auch alleine fertig wird.
Ich denke, das läßt sich einrichten, gibt Matthew grimmig zurück.
Dann wendet er sich seinen Gefolgsleuten zu. Bringt sie runter wie besprochen, dabei deutet er mit dem Kopf auf Flicka und Alex.
Einer der Männer greift sich daraufhin Flicka, die anstandslos wie ein folgsames Hündchen hinter ihm her durch das Zimmer trottet, zwei andere treten auf Alex zu.
Du kannst es auf die harte oder die sanfte Tour haben, das liegt ganz bei dir, warnt ihn einer der Männer, während er ein Messer aus seinem Gürtel hervor zieht und sich über den Stuhl beugt.
Alex starrt ihn an und ich könnte schwören, dass in seinen Augen die pure Mordlust glitzert. Ich bete inständig, dass er keine Dummheiten macht. Was wir brauchen ist ein bißchen Zeit. Irgendwie kommen wir hier raus, das sage ich mir wieder und wieder, doch es nützt leider recht wenig. Die Angst wütet in meinem Herzen und läßt meine Glieder unkontrolliert zittern.
Der Mann beugt sich nun weiter zu Alex hinunter und setzt das Messer an seinen Fesseln am Handgelenk an, während ein weiterer Mann sich hinter ihn stellt und seine riesigen Pranken unnachgiebig auf seine Schultern legt.
Alex wirft mir einen Blick zu und ich schüttle kaum merklich den Kopf. Mach keine Dummheiten. Bitte. Ich brauche dich.
Mit einem trockenen Geräusch werden seine Fesseln eine nach dem anderen durchtrennt und ich wage zu hoffen. Doch ich hätte mir wohl denken sollen, dass Alex nicht einfach so kampflos aufgeben wird. Kaum sind auch die Fesseln um seine Brust verschwunden stemmt er sich mit ungeheurer Kraft in die Höhe und rammt seinen Fuß ohne mit der Wimper zu zucken in den Bauch des Mannes, der so unvorsichtig gewesen und vor ihm stehen geblieben ist.
Dieser gibt einen unterdrückten Fluch von sich, während er zurück taumelt und beide Hände auf seinen Bauch presst. Mit einem Stöhnen geht er gleich darauf in die Knie. Der Mann hinter Alex reißt an seinen Schultern und bringt ihn so dazu, wieder auf seinem Allerwertesten auf dem Stuhl zu landen, doch das hält ihn nur für einen kurzen Moment zurück.
Mit einem Ruck reißt er sich los und springt in die Höhe. In der gleichen Bewegung fährt er herum und holt mit der Faust aus. Leider läuft sie ins Leere, denn sein Bewacher ist bereits zur Seite getreten und rammt ihm kurzerhand die Sohlen seiner festen Armeestiefel in die Kniekehle. Mit einem Schrei, der von dem Knebel gedämpft wird, geht Alex in die Knie.
Dies alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden und als ich endlich in der Lage bin mich in die Höhe zu stemmen, hat Alex Angreifer bereits zum zweiten Mal ausgeholt und tritt ihm mit voller Wucht ins Gesicht.
Nein! brülle ich, während Blut davon spritzt und Alex mit einem dumpfen Laut regungslos auf dem Boden aufschlägt. Über die untere Hälfte seines Gesichts ergießt sich ein Schwall von Blut, der sichtbare Rest ist unnatürlich blaß geworden. Seine Nase scheint gebrochen zu sein und schwillt in wenigen Sekunden auf die doppelte Größe an.
Stolpernd und taumelnd renne ich auf ihn zu, doch ich komme nicht sehr weit. Matthew fängt mich unterwegs ab, legt beide Arme um meinen Oberkörper und zieht mich dicht an sich. Ich kann ihn in meinem Rücken spüren, fühle seine Hände um meinen Körper und alles in mir rebelliert gegen diese widerliche Berührung. Doch meine Sorge um Alex schwemmt alles andere davon.
Dass sie aber auch immer den Helden spielen müssen, meint der Mann gepresst, dem Alex vor ein paar Sekunden den Fuß in den Magen gerammt hat, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam in die Höhe stemmt.
Versuche deine Unfähigkeit nicht einem anderen in die Schuhe zu schieben, erklärte Steiner hinter mir grimmig. Bringt ihn runter. Ich komme gleich nach.
Alex wird links und rechts unter den Armen gepackt und hinaus in den Flur geschleift, während ich immer noch in Matthews Umarmung hänge und zu keinem klaren Gedanken fähig bin. Mein Herz hämmert wie verrückt in meiner Brust, ich wage aber trotzdem kaum zu atmen und mein gesamter Körper scheint in schmerzenden Flammen zu stehen.
Endlich allein, höre ich Steiner nahe an meinem Ohr flüstern.
Mein Körper reagiert ohne mein Zutun. Er bäumt sich in seinen Armen auf und drängt von ihm weg, doch gegen seine männliche Kraft habe ich keine Chance.
Ein heiseres Lachen in meinem Ohr läßt meinen Magen rebellieren und auch wenn ich weiß, dass es nichts nützt versuche ich mich weiterhin aus seinem Klammergriff zu befreien.
Kleine Wildkatze, was? höre ich Steiner erneut und dann pressen sich seine Lippen ekelhaft heiß und feucht auf meinen Hals.
Wenn du nicht willst, dass ich deinen teuren Perser vollkotze, solltest du sofort damit aufhören, presse ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Leider hört man meinen Worten auch ganz deutlich die Panik an, in der ich schwebe seit Alex blutüberströmt zu Boden ging und ich spüre, dass Steiner dies auch gehört hat.
Er schnaubt belustigt, dann löst sich eine Hand von meiner Schulter und wandert langsam tiefer. Erneut bäume ich mich auf, versuche mich loszureißen, doch ich könnte genau so gut gegen Fesseln aus Stahl ankämpfen. Ich gewinne nicht einmal einen Zentimeter an Boden. Stattdessen legt sich seine Hand tastend auf meine Brust und die Hitze, die von ihr ausgeht, läßt mich nun tatsächlich würgen.
Komm schon. Sei ein wenig nett zu mir. Vielleicht verschone ich ja dann auch deinen Lover.
Ich wünschte, ich könnte ihm auch nur eine Sekunde glauben. Wenn ich die Garantie bekommen könnte, dass Alex nichts passiert, würde ich alles tun was Steiner von mir verlangt. Aber da man davon ausgehen kann, dass aus seinem Mund kein einziges, wahres Versprechen kommt, versuche ich ihn einfach zu ignorieren.
Doch das ist schwierig mit seinen schmierigen Fingern auf meiner Brust und seinem heißem Atem in meinem Nacken. In diesem Moment zieht er mich noch ein Stück näher zu sich heran und während sich seine Hand von meiner Brust löst und sich seine Finger zwischen die Knöpfe meiner Bluse schieben, kann ich seine Erregung ganz deutlich in meinem Rücken spüren. Dieser Perversling!
Die weiche Haut seiner Fingerspitzen berührt mein Schlüsselbein unter der Bluse und ich krümme mich unter einem erneuten, trockenen Würgen zusammen. Doch weit komme ich damit natürlich nicht. Außerdem presst sich damit mein Hinterteil noch enger an seine erigierte Männlichkeit und er stöhnt in meinem Rücken leise auf.
Ja, so ist es gut, säuselt er, greift brutal nach meiner Bluse und reißt sie mit einem kräftigen Ruck von oben bis unten auf. Die Knöpfe springen davon und fallen klackernd zu Boden, eine Gänsehaut rast über meinen Körper und meine Angst beginnt wie ein in Panik geratenes Pferd davon zu galoppieren.
Darauf warte ich schon so lange, höre ich ihn in meinem Nacken murmeln. Sein Atem hat sich beschleunigt und streift immer wieder heiß und ekelhaft mein Ohr. Ihr habt mich damals für einen Idioten gehalten, nicht wahr? Ihr habt hinter meinem Rücken über mich gelacht und eure Scherze gemacht, aber ich werde dir heute beweisen, dass ich kein Schwachkopf bin.
Wir haben nie über dich gelacht, würge ich hervor.
Natürlich habt ihr das! Seine Hände nesteln inzwischen an den Knöpfen meiner Jeans und ich bäume mich erneut gegen ihn auf.
Er ist so sehr mit sich selbst und meinem Körper beschäftigt, dass ihm scheinbar der Ernst der Lage nicht ganz klar ist. Zumindest kann ich mir nur so erklären, dass ich plötzlich einen taumelnden Schritt vorwärts machen kann und seine ekelhaften Hände von mir ablassen.
Mit aller Kraft stürme ich vorwärts. Nur weg von ihm! Doch bevor ich auch nur zwei Schritte gemacht habe, packt er mich am Arm und wirbelt mich zu sich herum.
Ich werde dir zeigen, was Gehorsam heißt, knurrt er und ohne dass ich etwas dagegen tun könnte zieht er mir plötzlich die Beine unter dem Körper weg, so dass ich unsanft nach hinten falle. Noch bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann vor ihm zurück zu weichen hat er sich bereits auf mich gestürzt. Sein Körper nagelt mich am Boden fest und ich versuche seinen Lippen auszuweichen, die auf meinen Mund zielen.
Wir fechten einen stummen Kampf aus, den ich schlußendlich verliere. Ich denke an Alex und was er wohl jetzt gerade macht. Erinnere mich an die Nächte in meinem Bett zu Hause, seine Zärtlichkeit, seinen Geruch und seine raue, sanfte Stimme, während die Tränen unaufhaltsam über meine Wangen strömen und ich mich aus der Realität zurück ziehe, in der ein schnaufender, schwitzender Mann über mir liegt und mir mit purer Gewalt den letzten Rest meiner Würde nimmt.