Kapitel 26
Es ist still geworden in dem großen Raum, lediglich das Ticken einer Standuhr irgendwo hinter mir ist zu hören. Ich überlege fieberhaft, was ich sagen oder tun könnte, um aus dieser Situation wieder heraus zu kommen, doch mir fällt leider nichts passendes ein. Selbst wenn ich irgendeine Idee hätte, wie ich hier heraus komme, bleibt immer noch Alex, der weiterhin leblos in seinen Fesseln hängt und ich werde ihn um keinen Preis der Welt zurück lassen.
Gerade, als ich mir überlege, Matthew in ein harmloses Geplänkel zu verwickeln um mir damit vielleicht ein wenig Zeit zu verschaffen, geht die Tür auf und ein Mann tritt ein. Er trägt ebenfalls schwarze Klamotten, scheinbar die Arbeitsuniform wenn man ein Angestellter von Matthew Steiner ist, in der Hand hält er eine Spritze und ich zucke unwillkürlich vor ihm zurück.
Keine Sorge, sagt Matthew, der meine unbedachte Reaktion scheinbar bemerkt hat. Die ist für dein Betthäschen da drüben bestimmt. Dabei deutet er mit dem Kopf zu Alex hinüber.
Was hast du vor? krächze ich, während ich ängstlich beobachte, wie der Typ sich über Alex beugt, ihm den Ärmel seines T-Shirts in die Höhe schiebt und wenig zimperlich die lange Nadel in den Oberarm rammt.
Das wirst du gleich sehen, entgegnet Matthew und sein kaltes Lächeln, das diesen Ausspruch begleitet, läßt mir das Blut in den Adern gefrieren.
Der ganze Raum konzentriert sich nun auf Alex. Eine ganze Weile passiert gar nichts, doch dann fangen seine Fingerspitzen an zu zucken und sein Kopf ruckt einmal heftig nach oben, bevor er ihn wieder auf seine Brust fallen lässt.
Ich kann förmlich dabei zusehen, wie er langsam ins Reich der Lebenden zurück kehrt. Seine Gliedmaßen zucken, so als wolle er sich nach einem langen Schlaf ausgiebig strecken, doch die Fesseln halten ihn natürlich zurück. Sein Kopf wackelt von einer Seite zur anderen, dann hebt er ihn ganz langsam und ich kann sehen, wie er gegen das helle Sonnenlicht anblinzelt.
Alex? sage ich, weil ich möchte, daß er als erstes meine Stimme hört und der Schock beim Aufwachen damit vielleicht nicht ganz so groß wird. Doch es nützt leider recht wenig.
Sein Blick klärt sich, er starrt erst mich an, dann wandert sein Blick weiter durch den Raum und bleibt schließlich an Matthew hängen. Es dauert ein paar Sekunden bis er begreift, wo er sich befindet, dann stemmt er sich plötzlich mit aller Kraft gegen die Fesseln und seinem Mund entweicht ein gequälter Laut, der durch den Knebel gedämpft wird.
Sein Blick heftet sich abrupt wieder auf mich, seine Augen sind so groß, daß sie aus den Höhlen zu quellen scheinen, er atmet heftig durch die Nase und sämtliche Muskeln scheinen zum Zerreißen angespannt zu sein.
Es tut mir leid, quetsche ich hervor und spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Es tut mir so leid.
Augenblicklich beginnt er, sich heftig gegen seine Fesseln zu wehren. Er zieht und zerrt an ihnen, während er weiterhin undefinierbare Laute von sich gibt.
Matthew sieht sich das eine Weile ungerührt an, dann tritt er ein paar Schritte auf Alex zu und beugt sich zu ihm hinunter, bis seine Augen mit seinen auf gleicher Höhe sind.
Geben sie sich keine Mühe. Sie kommen hier nicht weg, auch wenn sie sich das noch so sehr wünschen.
Alex starrt ihn für einen Moment bewegungslos an, dann zerrt er erneut an den Fesseln, die seine Handgelenke fest umschließen und scheint dabei Steiner etwas entgegen zu brüllen, doch der Knebel verschluckt jede Silbe.
Amüsant, sagt dieser, ohne auch nur im entferntesten amüsiert zu klingen und richtet sich dann wieder auf.
Wenigstens hast du dir einen mit Mumm ausgesucht. Aber das wird dir auch nichts nützen, sagt er an mich gewandt.
Bevor ich darauf etwas erwidern kann wird erneut die Tür geöffnet und ein weiterer Mann tritt ein, der ein Mädchen hinter sich herzerrt. Ich muß zwei Mal hinsehen, bevor ich dieses abgemagerte Wesen erkenne.
Flicka? entfährt es mir entsetzt und ehe ich darüber nachdenken kann schieße ich in die Höhe und habe bereits den halben Raum durchquert, bevor mich Matthews Faust stoppt, die sich mit gleißendem Schmerz in meinen Magen bohrt.
Ich höre Alex einen erstickten Laut ausstoßen und während ich wie ein Schweizer Taschenmesser zusammen klappe, sehe ich in Flickas tote, leere Augen.
Bring sie da rüber, instruiert Steiner Flickas Bewacher und ich sehe ihre nackten Füße, die an mir vorbei auf das Sofa zuschlurfen.
Ich bin immer noch unfähig mich zu rühren, Tränen des Schmerzes behindern meine Sicht und ich versuche möglichst flach zu atmen. Trotzdem brennen meine Eingeweide, als hätte man Salzsäure darüber gekippt und als Matthew neben mir in die Hocke geht, habe ich noch nicht einmal die Kraft von ihm abzurücken.
Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was dir noch bevorsteht, sagt er grimmig. Du bist der Meinung, wir beide hätten nichts miteinander zu tun? Nun, ich bin da anderer Ansicht. Du hast meinen Vater verraten, ihn ins Gefängnis gebracht und ihn damit seinem Schicksal überlassen. Dafür wirst du bezahlen.
Er packt mich an der Kehle und zwingt mich mit festem Griff dazu, mich auf den Rücken zu drehen.
Ich werde dir alles nehmen, was du einmal geliebt hast. Und wenn du dann der Meinung bist, daß du den Schmerz nicht mehr ertragen kannst, werde ich mir dich vornehmen. Du wirst leiden, so wie ich gelitten habe. Und am Ende wirst du mich anbetteln, dich von deinen Qualen zu erlösen.
Es fällt mir immer schwerer Luft in meine Lungen zu pumpen. Matthew drückt unerbittlich meine Kehle zu und ein grimmiges Lächeln liegt dabei auf seinen Lippen, was mich mehr als alles andere frösteln läßt.
Meine Hände schließen sich um seine Handgelenke, doch ich habe nicht mehr die Kraft um irgend etwas ausrichten zu können. Ich schlucke mehrmals bis ich feststellen muß, daß auch das nicht mehr funktioniert und während mein Herz wie verrückt in meiner Brust hämmert, fängt der Rand meines Blickfeldes an zu flimmern.
Oh nein, sagt Matthew und sein Lächeln weitete sich zu einem gehässigen Grinsen aus so einfach kommst du mir nicht davon.
Plötzlich läßt er meinen Hals los und ich ringe augenblicklich verzweifelt nach Atem. Ich drehe mich auf die Seite, huste und spucke und pumpe wie eine Wahnsinnige Luft in meine Lunge.
Ich sehe nicht, wie er einem seiner Gefolgsleute einen Wink gibt, doch plötzlich werde ich unter den Achseln gepackt und in die Höhe gerissen. Gleich darauf fliege ich quer durch den Raum und lande unsanft in den Polstern des Sessels. Immer noch nach Luft ringend versuche ich mich darauf so klein wie möglich zusammen zu rollen.
Sieh sie dir gut an, dringt Matthews Stimme wieder zu mir durch und automatisch folgen meine Augen seinem Befehl.
Flicka sitzt apathisch auf dem Sofa. Sie trägt einen kurzen Rock und eine Bluse, die so gut wie nichts verbirgt. Ihre Arme und Beine sind von blauen Flecken übersät, ihre Füße sind nackt und schmutzig und ihr ausgezehrtes Gesicht gleicht einer Totemmaske. Kein Muskel regt sich darin, ihre Augen blinzeln noch nicht einmal, als Matthew nach ihren ehemals wunderschönen, blonden Haaren greift und ihren Kopf brutal nach hinten reißt.
Sie dachte auch einmal, sie könnte mich an der Nase herum führen. Und sieh dir an, was ich aus ihr gemacht habe.
Sei ist ein Geist schießt es mir durch den Kopf und ohne daß ich etwas dagegen tun könnte, fange ich hemmungslos an zu schluchzen.
Jetzt hast du zumindest den Ansatz einer Ahnung wie es für mich war, als du meinen Vater ins Gefängnis gebracht hast. Und jetzt versuche dir vorzustellen, was ich bei seinem Tod empfunden habe.
Alles in mir versteift sich, meine Atmung hat sich verselbständigt und geht hektisch und abgehakt, mein Magen pocht immer noch mit jedem schnellen Herzschlag schmerzhaft gegen meine Bauchdecke, doch der Rest meines Körpers scheint taub geworden zu sein.
Mein Blick huscht zu Alex hinüber. Er starrt mich unverwandt und mit glasigen Augen an, seine Hände sind fest um die Lehnen des Stuhls gekrampft und ich kann das schnelle Heben und Senken seines Brustkorbs sehen.
Laß sie gehen, presse ich hervor. Mach mit mir was du willst, aber bitte laß Alex und Flicka gehen.
Doch meine Bitte entlockt Matthew nur ein kurzes, trockenes Auflachen.
Nein, sagt er dann, immer noch amüsiert grinsend. Das würde mir doch den ganzen Spaß verderben.
Langsam läßt er sich neben Flicka auf das Sofa sinken und während er mich unverwandt anstarrt legt er ihr einen Arm um ihre Schulter.
Flicka war ein böses Mädchen, genau wie du, sagt er und legt ihr eine Hand aufs Knie. Langsam läßt er sie höher wandern und läßt mich dabei keine Sekunde aus den Augen. Sie hatte einmal einen ansprechenden Körper und so lange hatten wir durchaus unseren Spaß miteinander. Nicht wahr Baby?
Seine Lippen pressen sich an ihren Hals, während er seine Hand unter den Saum ihres Rocks schiebt. Flicka rührt sich immer noch keinen Millimeter und mir wird furchtbar übel.
Aber jetzt ... , sagt er und in seiner Stimme liegt ein gespielt bedauernder Unterton. ... hat sie ihren Zweck erfüllt.
Unerwartet grob vergräbt er die Hand in ihrem Schoß und schiebt sie damit noch ein Stück weiter nach hinten in die Polster.
Hör auf! brülle ich und schieße von meinem Platz in die Höhe. Hände greifen nach mir, doch ich winde mich durch sie hindurch wie ein Aal und habe bereits die Hälfte der Strecke überwunden, als Matthew ganz langsam aufsteht. Der Schwung treibt mich vorwärts und ohne mit der Wimper zu zucken streckt er mich mit einem blitzschnellen Faustschlag ins Gesicht zu Boden.
Ich schmecke augenblicklich Blut in meinem Mund, meine Beine knicken einfach ein und ich lande erneut auf dem weichen Teppich. Um mich herum beginnt sich alles zu drehen und das letzte was ich wahrnehme sind Alex vor Entsetzen weit aufgerissene Augen und sein Schrei, der sich verdächtig nach meinem Namen anhört.