Kapitel 25

Noch bevor ich die Augen aufschlage fühle ich die Kälte, die jeden Quadratzentimeter meines Körpers durchdringt. Stöhnend rolle ich mich auf den Rücken und versuche blinzelnd die Augen zu öffnen, was mir erst nach einer ganzen Weile und unter großer Mühe gelingt. Meine Augenlider scheinen eine Tonne zu wiegen, mein Körper fühlt sich an, als gehöre er nicht mehr zu mir und ich fühle mich seltsam losgelöst von allem, was um mich herum vorgeht.
Schließlich starren meine Augen an eine kahle Decke, von der eine einzelne, nackte Glühbirne baumelt. Ich suche krampfhaft in meinem Gehirn nach einem klaren Gedanken. Wo bin ich? Was mache ich hier?
Und dann fällt es mir mit einem Schlag wieder ein und wie von der Tarantel gestochen fahre ich nach Luft schnappend in die Höhe.
Keine gute Idee.
Um mich herum beginnt die Welt mit einem wilden Tanz, mir wird speiübel und aus sämtlichen Poren bricht mir der Schweiß aus. Stöhnend falle ich zurück. Mein Rücken protestiert gegen diese Behandlung ebenso heftig wie mein Kopf, der mit einem dumpfen Laut auf dem rauhen Betonboden aufschlägt, doch dieser Schmerz ist mir beinahe willkommen. Er verdrängt die letzten Spinnweben aus meinen Gedanken und läßt mich klarer sehen.
Was nicht bedeutet, dass es mir damit in irgendeiner Weise besser geht. Ich kann mich immer noch kaum bewegen, mein Herz rast wie wild in meiner Brust und mein Atem geht hektisch und abgehackt, während die Gedanken wie wild durch meinen Kopf schießen.
Steiner hat mich gefunden, was wahrscheinlich nicht weiter schwierig war, nachdem er den Artikel gelesen hat, und er hat seine Handlanger geschickt um mich und Alex zu sich zu bringen.
Buchanan fällt mir wieder ein, der rote Fleck auf seiner Brust, sein verblüffter Gesichtsausdruck und wie reglos er am Boden lag.
Ich sehe Alex Rücken vor mir, sehe, wie sich jede Faser seiner Muskeln anspannt und wie er auf diesen Typen losgeht. Ich höre noch einmal das ekelhafte Geräusch, mit dem der Griff der Waffe auf seine Schläfe trifft und ich kann nicht verhindern, daß ich bei diesen Bildern unkontrolliert zu zittern anfange.
Was habe ich nur getan? Warum konnte ich mich nicht von ihm fernhalten? Warum mußte ich ihn in diese Geschichte mit hineinziehen? Wie konnte ich so nachlässig werden?
Doch bevor ich auch nur eine der tausend Fragen beantworten kann, wird plötzlich irgendwo hinter mir eine Tür aufgerissen und Angst gräbt sich mit messerscharfen Krallen in meine Eingeweide. Mein Herzschlag setzt für eine Sekunde aus, bevor er wie wild weiterhämmert und unbewußt rolle ich mich zu einem kompakten Ball auf dem Boden zusammen.
„Aufstehen!“ herrscht mich eine dunkle Stimme barsch an und ich erkenne darin den Mann, der mir in dem Motelzimmer die erste Injektion verpaßt hat.
Ich kann mich nicht wehren, ich kann noch nicht einmal protestieren, so schwach und hilflos fühle ich mich. Ich lasse zu, daß er mich an den Armen packt und in die Höhe reißt. Vor meinen Augen dreht sich alles. Ich stehe zwar aufrecht, schwanke allerdings wie eine Nußschale auf offener See. Was auch immer diese fiesen Typen in meine Blutbahnen gepumpt haben, es hat mich zum einen sofort eingeschläfert und zum anderen vollkommen willenlos gemacht.
„Schön langsam Fräulein. Wenn du mich vollkotzt, wirst du’s bereuen,“ höre ich den Typen, doch ich verstehe nicht so wirklich, was er mir damit sagen will.
Unnachgiebig schiebt er mich vor sich her und ich kann nun die einzelnen Bilder meiner Umgebung endlich zu einem Ganzen zusammenfügen.
Ich habe mich in einem Kellerraum befunden, den wir jetzt durch eine schwere Stahltür verlassen. Ein langer Korridor schließt sich dahinter an. Die Wände sind aus glattem Beton, an der Decke hängen in weiten Abständen Leuchtstoffröhren, die auf meiner Netzhaut einen anhaltenden Eindruck von Hell und Dunkel hinterlassen, während ich neben meinem Begleiter herschlurfe.
Ich kann meinen Kopf kaum anheben, also lasse ich mein Kinn auf der Brust ruhen. Meine Haare fallen mir wirr ins Gesicht, mir ist furchtbar schlecht und ich bin zu keinem klaren Gedanken fähig. Ich weiß nur, daß das, was hier gerade passiert, nicht gut ist.
Wir erreichen das Ende des Flurs und treten in die wartende Kabine eines Fahrstuhls. Mein Begleiter drückt irgendeinen Knopf und der kurze Ruck, mit dem der Aufzug sich in Bewegung setzt, verstärkt meine Übelkeit noch.
„Ich glaube, mir wird schlecht,“ murmele ich undeutlich, was meinen Bewacher einen Schritt zur Seite treten läßt.
„Wage es nicht ... ,“ droht er, doch da hält der Aufzug bereits wieder an und mein Magen beruhigt sich etwas.
Wir treten hinaus in eine luftige Eingangshalle und der Unterschied zwischen dem tristen Keller und dieser Pracht, läßt mich für einen Moment staunend inne halten.
Damals war ich nur ein paar Mal hier gewesen und dann auch nur kurz. Der alte Steiner mochte es nicht, wenn seine Angestellten in seine Privatresidenz eindrangen. Manu stellte hier die große Ausnahme dar.
Doch mich jetzt dieser riesigen Villa mit ihren unzähligen Zimmern und dem weitläufigen Gelände darum herum wieder gegenüber zu sehen, beschwört unliebsame Erinnerungen herauf und macht mir ganz deutlich bewußt, in welchem Schlamassel ich wirklich sitze.
Matthew hat einige Dinge verändert, trotzdem erkenne ich alles sofort wieder.
Der Raum ist lichtdurchflutet und erstreckt sich über die Länge eines halben Fußballfeldes. Die Decke wölbt sich weit über mir zu einer Kuppel aus Glas, durch die strahlendes Sonnenlicht auf uns hinunter fällt. Zu meiner Linken windet sich eine ausladende Marmortreppe hinauf in den zweiten Stock, zu meiner Rechten malt das Licht von draußen durch bunte Scheiben in der Eingangstür anmutige Muster auf den hellen Marmorboden und in mir wird der Drang immer größer, mich dort hinwenden zu wollen. Hinaus in die Freiheit. Alles in mir schreit laut und deutlich „Flieh, verdammt noch mal!“ doch meine Beine wollen diesem Befehl nicht gehorchen.
Am anderen Ende der Halle führt ein Flur weiter in das Haus hinein. Auf diesen drängt mich nun mein Begleiter zu. Ich stolpere an seiner Seite vorwärts, versuche meinen Kopf klar zu bekommen und mich wieder etwas aufzurichten.
Ich muß mich zusammenreißen, darf keine Schwäche zeigen. Ich bin auf dem Weg zu Steiner und ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie wütend er ist und was er jetzt mit mir vorhat.
Als wir den Flur betreten, verschluckt ein rot gemusterter Perserläufer unsere hallenden Schritte. Riesige Gemälde, die unglaublich kostbar in ihren schweren Goldrahmen aussehen, hängen an den Wänden, dunkle, filigrane Kommoden, riesige, schwere Spiegel und unzählige Türen ziehen an uns vorbei, während wir uns auf das Ende des Ganges zu bewegen. Eine Tür steht dort offen, gleißendes Sonnenlicht flutet dadurch in den Gang und nimmt mir damit die Sicht auf das Geschehen in dem Raum dahinter.
Als wir über die Schwelle treten bin ich auf alles gefaßt. Nur nicht auf den Anblick von Alex, der an einen Stuhl gefesselt und mit einem Knebel im Mund, mit dem Rücken zu der riesigen Fensterfront sitzt. Sein Kopf ruht auf seiner Brust, so daß ich sein Gesicht nicht sehen kann, sein Oberkörper ist so weit nach vorne geneigt, wie es die Fesseln gerade zulassen und er rührt sich keinen Millimeter, als wir eintreten.
„Alex?“ krächze ich panisch, doch er zeigt keinerlei Reaktion.
„Er wird noch eine Weile schlafen,“ höre ich eine ungewöhnlich tiefe Stimme zu meiner Rechten und erschrocken fahre ich herum.
Matthew lehnt lässig an einem riesigen, ausladenden Mahagonischreibtisch. Er trägt einen dunklen Anzug, ein blaßblaues Hemd und eine passende Krawatte dazu. Sein dunkles Haar wird von den ersten, grauen Strähnen durchzogen, sein Gesicht ist kantig und glattrasiert und alles in allem wirkt er beinahe einschüchternd attraktiv.
Als er einen Schritt auf mich zumacht, läßt das helle Sonnenlicht seine Augen aufblitzen und ich habe augenblicklich das Gefühl, als hätte mir jemand einen Dolch ins Herz gerammt. Das tiefe Blau wirkt eiskalt und verleiht seinen harten Gesichtszügen eine angsteinflößende Verschlagenheit. Keine Frage, dieser Mann kennt weder Gnade noch Vergebung. Sein einziger Antrieb ist in diesem Moment Rache und mir fällt es plötzlich schwer, zu atmen.
Langsam, mit beinahe katzenhaften Bewegungen, kommt er auf mich zu und versenkt dabei seine Hände lässig in den Hosentaschen. Doch diese Geste hat nichts von Lockerheit. Vielmehr demonstriert er mir damit seine überragende Überlegenheit.
Er tritt ganz dicht an mich heran, während sein Handlanger meine Arme packt und sie so weit nach hinten reißt, daß ich zu einem aufrecht vor Matthew stehe und zum anderen ein gequältes Stöhnen von mir gebe.
„So sehen wir uns also wieder,“ stellt Matthew fest, während er seinen Blick aufreizend langsam über mein Gesicht und dann hinunter über meinen Hals zu meinen Brüsten wandern läßt.
Ich schweige und versuche seinen eiskalten Augen stand zu halten, die sich nun wieder in meine bohren, doch es gelingt mir nicht wirklich. Eine Gänsehaut überzieht meine Arme und ich senke den Blick, starre auf die Schuhspitzen seiner blankpolierten Slipper und versuche meinen wilden Herzschlag irgendwie unter Kontrolle zu bringen.
„Setz dich,“ sagt er und deutet auf ein ausladendes, cremefarbenes Sofa.
Der Typ in meinem Rücken stößt mich vorwärts, so daß ich hektisch mit den Armen rudernd auf das Möbelstück zutaumle und dann mit dem Kopf voran in die weichen Polster falle.
Mit einiger Anstrengung schaffe ich es, mich aufzurichten und auf die äußerste Kante zu setzen. Mein Blick huscht dabei immer wieder zwischen Alex und Matthew hin und her. Der eine bewegt sich leider immer noch nicht, der andere kommt nun langsam auf mich zu.
„Du hast mir ziemlich viele, schlaflose Nächte bereitet,“ erklärt er und wirkt dabei immer noch so ruhig wie ein Fels. Aber unter seiner scheinbar so entspannten Fassade brodelt es. Das sehe ich am hitzigen Funkeln seiner Augen und dem Mahlen seiner Kiefermuskeln, die immer wieder wie straffgespannte Stahlseile hervortreten.
Ich sage immer noch nichts. Alles, was ich zu dieser Unterhaltung beizutragen hätte, würde seine Wut nur noch mehr anfachen.
„Verrat mir eines,“ sagt er und läßt sich mir gegenüber in einen breiten Sessel nieder. Während er die Beine übereinander schlägt, die Bügelfalten seiner Hosen zurechtzupft und dann die Hände locker auf die Armlehnen legt, tritt mein Bewacher hinter das Sofa, packt mich und zerrt mich so weit zurück, bis mein Rücken die Lehne berührt. Selbst als er die Hände zurück zieht fühle ich noch seine Fingerspitzen, die sich schmerzhaft in das weiche Fleisch meiner Schultern gegraben haben.
Doch ich habe keine Zeit, um mich damit länger aufzuhalten, denn Steiner spricht bereits weiter. „Fällt dir irgendein Grund ein, warum ich dich nicht auf der Stelle töten sollte?“
Ich starre ihn einen Moment an, dann gleitet mein Blick hinüber zu Alex, der sich immer noch nicht gerührt hat und hefte dann meine Augen wieder auf Matthew.
„Ich denke, ich habe sogar mehrere Gründe, aber ich bezweifle, daß du die wirklich hören willst,“ entgegne ich. Meine Stimme klingt ungewohnt rauh und als gehöre sie nicht zu mir.
Matthew beugt sich ein Stück in seinem Sessel vor und fixiert mich mit zusammen gekniffenen Augen. „Oh, ich will sie sehr gerne hören.“
„Ich hatte ein Problem mit deinem Vater, nicht mit dir. Ich habe dir nichts getan.“
Ganz langsam ziehen sich seine Augenbrauen zusammen und ich weiß in diesem Moment, daß ich besser meine Klappe gehalten hätte. Doch dafür ist es jetzt wohl zu spät.
„So, so,“ sagt er, äußerlich immer noch ruhig, doch in seiner Stimme liegt ein leises Vibrieren, so, als koste es ihn unendlich viel Kraft um weiterhin so ausgeglichen zu wirken.
Seine Hände schließen sich so fest um die Armlehnen des Sessels, daß seine Knöchel weiß hervortreten, doch anstatt mir eine Antwort entgegenzuschleudern, stemmt er sich in die Höhe und geht gemessenen Schrittes hinüber zu seinem Schreibtisch. Er drückt den Knopf einer Gegensprechanlage und beugt sich dann darüber.
„Bringt sie rein. Und weckt Mr. McLean endlich aus seinem Dornröschenschlaf.“
Er läßt den Knopf los und richtet sich wieder auf. Seine Blicke durchbohren mich selbst über die Distanz des gesamten Zimmers hinweg und mir wird augenblicklich mulmig.
„Du bist also der Meinung, daß ich dir nicht böse sein sollte, weil du meinen Vater erst ins Gefängnis und dann getötet hast?“ fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich schlucke mehrmals trocken, weil sich ein Kloß in der Größe eines Medizinballes in meiner Kehle festgesetzt hat.
„Hm ... ich denke, ich werde dir einmal demonstrieren, wie sich das anfühlt.“
Was auch immer er damit meint, seine Worte erschrecken mich zutiefst und augenblicklich rast mein Blick zu Alex hinüber. Was hat Matthew vor?

Kapitel 26