Kapitel 24
Als Buchanan geräuschvoll den Schlüssel ins Schloß schiebt, fahren Alex und ich erschrocken auseinander. Er grabscht nach seinem T-Shirt und schlüpft blitzschnell wieder hinein und ich ziehe hektisch den Stoff meiner Bluse über der Brust zusammen und versuche mit zitternden Fingern die Knöpfe zu schließen. Doch natürlich bin ich zu langsam.
Als der Agent eintritt, kann man uns sicherlich deutlich ansehen, womit wir uns während seiner Abwesenheit beschäftigt haben: Meine Haare sind zerwühlt, unsere Wangen glühen, die Tagesdecke ist verrutscht und zerknittert und unsere Klamotten sitzen immer noch nicht wieder an der richtigen Stelle.
Buchanan wirft uns einen kurzen Blick zu, wendet seine Augen aber sofort wieder ab und sagt, offensichtlich peinlich berührt scheinbar haben sie sich wieder versöhnt. Das freut mich.
Im Grunde ist es mir egal, was er denkt. Was ich mit Alex tue, ist alleine meine Sache und da uns nur so kurze Zeit bleibt, haben wir diese bestmöglich genutzt.
Buchanan verschwindet im Bad, während ich den letzten Knopf meiner Bluse schließe und dann zu Alex hinüber sehe.
Du hast das Shirt auf links an, informiere ich ihn schmunzelt.
Er wirft einen kurzen, irritierten Blick an sich hinunter und zieht sich dann das T-Shirt wieder über den Kopf. Während er es auf rechts dreht, kann ich nicht verhindern, daß sich meine Hand noch einmal auf seine warme, feste Brust legt.
Das werde ich vermissen, murmle ich leise, während meine Finger kurz mit seinem Brusthaar spielen und sich dann wieder zurück ziehen.
Ja, nickt er und schlüpft wieder in das Kleidungsstück. Das und so viel mehr.
Hm, bestätige ich, während ich in seinen warmen, braunen Augen versinke.
Das Rauschen der Toilettenspülung kündet Buchanans Rückkehr an. Ich rutsche ein Stück auf dem Bett zurück, fahre mir mit den Händen kurz durchs Haar und glätte dann meine Garderobe.
Als Buchanan aus dem Bad tritt, sind wir beide soweit wieder hergestellt. Er setzt sich auf sein Bett, faltet die Hände im Schoß und blickt milde lächelnd zu uns hinüber.
Alle Missverständnisse beseitigt? fragt er.
Ja. Ich nicke, während ich spüre, wie Alex wieder näher an mich heran rutscht und einen Arm um meine Taille und sein Kinn auf meine Schulter legt.
Erzählen sie mir von Matthew, bitte ich Buchanan. Hat er tatsächlich die Geschäfte von seinem Vater übernommen? Und wenn ja, warum sitzt er dann nicht auch hinter Gittern?
Buchanan schüttelt den Kopf. Sie wissen doch, wie das ist. Der alte Steiner war schon eine harte Nummer, aber sein Sohn ist ein helles Köpfchen. Er hat den Escort-Service vorschriftsmäßig angemeldet und offiziell machen die Mädchen nichts anderes, als seine Kunden bei geschäftlichen oder privaten Anlässen zu begleiten. Dagegen kommen wir im Moment nicht an. Er breitet kurz in einer entschuldigenden Geste die Hände aus und verschränkt sie dann wieder in seinem Schoß.
Aber man weiß doch was für ein übler Kerl er ist, oder? fragt Alex. Ich meine ... wenn er damals dabei war, als sie dieses Mädchen ... uhm ... Manu ... ermordet haben, dann ... ,
Wir konnten ihm nichts nachweisen, unterbricht ihn Buchanan. Wir hatten lediglich Sandras Aussage, wohingegen Steiners Männer alle geschworen haben, daß Matthew nicht dabei war.
Meinen alten Namen wieder zu hören, läßt mich leicht erschauern und auch Alex spannt sich in meinem Rücken an.
Er hat das Haus seines Vaters zu einer Festung umgebaut. Keine Chance da rein zu kommen, fährt Buchanan fort. Offiziell ist er ein unbescholtener Bürger und wir können somit noch nicht einmal seine Telefone anzapfen. Es gibt zwar eine Ermittlungsakte, die bald dicker ist als die seines Vaters, aber im Endeffekt fehlen uns immer wieder die Beweise.
Ich schüttele frustriert den Kopf. Also war alles umsonst, sage ich leise.
Ich spüre, wie Alex mich noch etwas näher zu sich heran zieht und seine Nase dabei sanft und tröstlich mein Ohr streift.
Vielleicht kommt ihnen das so vor, nickt Buchanan aber sie haben den Mann, der Manu, Flicka und sie jahrelang tyrannisiert hat, ins Gefängnis gebracht. Sie haben dafür gesorgt, daß sein Imperium geschwächt wurde und daß er für seine Taten teuer bezahlt hat. Ich denke also nicht, daß alles umsonst war.
Seine Worte beruhigen mich kein bißchen. Ich frage mich, ob ich es irgendwie hätte anders machen können. Doch wenn ich ehrlich bin ... die einzige Möglichkeit wäre gewesen, Steiner und seinen Sohn zu töten und selbst dann wäre nicht sicher gewesen, ob diese ganze Geschichte damit ein Ende gefunden hätte.
Andererseits hätte ich dann vielleicht mit Alex friedlich bis ans Ende meines Lebens zusammen sein können oder ich hätte ihn nie getroffen. Ich kann mich nicht entscheiden, was besser gewesen wäre, also versuche ich diese Gedanken zu verdrängen. Es ist jetzt sowieso nicht mehr zu ändern.
Buchanan öffnet den Mund um etwas zu sagen, als es unvermittelt an der Tür klopft.
Das wird das Überwachungsteam sein, informiert uns Buchanan, erhebt sich und geht hinüber zur Tür.
Alex freie Hand legt sich auf mein Knie. Ich würde gerne so lange hier bleiben, bis du ... , er verstummt und als ich mich zu ihm herum drehe, beißt er sich auf die Unterlippe.
Ich nicke. Es ist gut möglich, daß ich noch zwei Tage mit Buchanan hier festsitze, je nach dem wie lange es dauert meine neuen Papiere auszustellen und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als diese Zeit mit Alex zu verbringen.
Ich denke, das sollte kein Problem sein, entgegne ich.
Buchanan hat inzwischen die Tür erreicht und wirft einen kurzen Blick durch den Türspion.
Und dann passiert plötzlich alles ganz schnell. Ein ungeheurer Schlag erschüttert die Tür in ihren Grundfesten, sie fliegt auf und katapultiert Buchanan damit rückwärts durchs Zimmer. Aus seiner Nase schießt Blut, während er gegen das Sideboard kracht, das Telefon mit sich reißt und dann benommen auf dem Boden aufschlägt.
Mit einem Schrei fahre ich in die Höhe und versuche vor der Tür zurück zu weichen, doch der schmale Gang zwischen den Betten bietet dafür nicht genügend Platz. Zwei schwarz gekleidete Gestalten schieben sich in diesem Moment in das Zimmer. Einer zielt mit einer Waffe auf Buchanan und drückt ohne mit der Wimper zu zucken ab.
Der Knall ist kaum zu hören. Schalldämpfer schießt es mir durch den Kopf, während ich fassungslos auf Buchanan hinunter starre, auf dessen weißem Hemd sich rasend schnell ein dunkelroter Fleck ausbreitet. Er rührt sich nicht mehr, während die Gestalten weiter ins Zimmer hinein drängen und nun Alex und mich ins Visier nehmen.
Alex ist inzwischen ebenfalls vom Bett in die Höhe geschnellt und schiebt mich beschützend hinter seinen Rücken.
Was wollen sie? brüllt er mit vor Angst vibrierender Stimme und ich kann sehen, wie sich jeder Muskel in seinem Körper anspannt.
Statt einer Antwort packt ihn einer der beiden Männer am Arm. Alex versucht sich loszureißen und seinem Angreifer eins mit der geballten Faust zu verpassen, doch der Typ weicht ihm mühelos aus, hebt ungerührt seinen Revolver und läßt den Griff krachend auf Alex Schläfe hinunter sausen. Augenblicklich sackt er wie ein gefällter Baum in sich zusammen und schlägt mit einem dumpfen Laut auf dem Boden auf.
Neiiiin! brülle ich entsetzt und stürze mich in rasender Wut auf Alex Angreifer.
Augenblicklich habe ich das Gefühl, gegen eine kompakte Steinmauer gerannt zu sein. An diesem Typ ist nichts weich oder nachgiebig. Da sind stahlharte Muskeln und Sehnen und Arme, die sich ungerührt wie die Greifzangen eines Baggers um mich schließen.
Ich versuche um mich zu schlagen, zu kratzen und zu beißen, doch meine Attacken laufen ins Leere. In Bruchteilen von Sekunden spüre ich die breite, unnachgiebige Brust des Mannes in meinem Rücken und seinen Arm, der sich so fest um meinen Brustkorb legt, daß ich mich nicht mehr rühren kann.
Gleich darauf fühle ich den kalten Lauf der Waffe an meiner Schläfe und ich halte augenblicklich inne. Meine Knie werden weich, ich schmecke Blut in meinem Mund, da ich mir scheinbar auf die Lippe gebissen habe und der Anblick von Alex, der regungslos und leichenblaß zu meinen Füßen liegt, läßt Übelkeit in meinem Magen aufsteigen.
Ganz ruhig Schätzchen, höre ich eine tiefe Stimme hinter mir.
Ich werde nach hinten gezerrt und blicke gleich darauf in das Gesicht des anderen Typen, der bisher an der Tür stehengeblieben ist, nachdem er sie nach einem prüfenden Blick nach draußen wieder geschlossen hat. Das Schloß ist kaputt, so daß sie nur angelehnt ist, aber ich befürchte, das wird mir auch nichts nützen.
Schön dich wieder zu sehen Sandra, sagt er mit einem breiten Grinsen, das allerdings nichts freundliches an sich hat.
Ich versuche mich daran zu erinnern, ob ich diesen Mann schon einmal gesehen habe, doch das kantige Gesicht mit den dunklen Augen und den kurzgeschorenem Haar, sagt mir gar nichts.
Meine Atmung geht schnell und abgehakt, meine Arme schmerzen von dem festen Griff des Mannes in meinem Rücken und eine unbändige Angst wütet wie ein Feuerball in meinen Eingeweiden. Die Waffe ist immer noch an meine Schläfe gepresst und ich frage mich panisch, ob das hier nun das Ende ist.
Wir sind hier, um dich abzuholen. Du hast deinen Termin leider verpaßt und Mr. Steiner kann so etwas gar nicht leiden, fährt der Typ fort.
Steiner kann mich mal! schleudere ich ihm entgegen, wenn ich auch nicht weiß, wo ich den Mut dafür hernehme.
Eine Hand meines Gegenübers schießt vor und seine Faust bohrt sich wie ein Dampfhammer in meine Eingeweide. Schmerz explodiert augenblicklich wie ein gleißender Feuerball in meinem Magen, die Luft wird aus meinen Lungen gepresst und augenblicklich knicken meine Knie unter mir ein. Wie ein nasser Sack hänge ich nun in den Armen meines Peinigers, das Motelzimmer beginnt vor meinen Augen zu tanzen und ich habe den sauren Geschmack meiner protestierenden Magensäfte im Mund.
Du warst ein ganz böses Mädchen, sagt mein Gegenüber und ich registriere undeutlich, wie er einen Schritt auf mich zumacht und dabei die Schutzkappe von einer Injektionsnadel abzieht.
Was ...? setze ich an, doch mein Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Flüstern und sicherlich nicht zu verstehen.
Gleich darauf werde ich noch etwas fester gepackt und die Nadel bohrt sich brennend in meinen Oberarm.
Mit schönen Grüßen von Matthew Steiner, ist das letzte was ich höre, dann versinke ich in gnädiger Dunkelheit.
Als ich langsam wieder zu mir komme, fühle ich mich wie auf einem Schiff bei hohem Seegang. Um mich herum ist es dunkel, ich fühle etwas weiches an meiner Wange und alles um mich herum schaukelt wild hin und her.
Ich versuche mich mühsam aufzurichten, doch sofort überkommt mich eine derartige Übelkeit, daß ich diesen flüchtigen Versuch schnell wieder aufgebe.
Blinzelnd versuche ich richtig zu mir zu kommen. Mein Magen fühlt sich an, als sei er mit flüssigem Feuer gefüllt, mein rechter Arm schmerzt, während mein linker taub zu sein scheint.
Ganz langsam klären sich die Spinnweben in meinem Gehirn und nach und nach dringt die Realität in mein Bewußtsein. Ich liege auf dem Rücksitz eines Autos, das augenscheinlich in rasender Geschwindigkeit durch die Nacht braust. Jemand hat eine Decke über mir ausgebreitet und ein Kissen unter meinen Kopf geschoben. Als ich die Arme heben will, um mich von der viel zu warmen Wolldecke zu befreien bemerke ich entsetzt, daß meine Handgelenke mit Klebeband umwickelt sind.
Und dann bricht plötzlich der Gedanke an Alex in mein Gehirn ein und alles in mir zieht sich zutiefst entsetzt zusammen. Wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht? Und Buchanan? Ist er tot? Was haben sie mit uns vor?
Sie ist aufgewacht, höre ich es plötzlich von vorne und ein Gesicht taucht über mir auf.
Verpass ihr noch eine Dosis. Es dauert noch eine Weile, bis wir da sind.
Ich versuche mich zu wehren als erneut eine Spritze über mir auftaucht, doch mein Körper scheint inzwischen komplett gelähmt zu sein. Mit großen Augen starre ich den Mann über mir an, der mir die Nadel in den Oberarm sticht und sich dann befriedigt wieder zurück zieht.
Ich versuche mich eine Weile gegen die bleierne Müdigkeit zur Wehr zu setzen, die mich augenblicklich überkommt, doch ohne mein Zutun fallen mir immer wieder die Augen zu.
Noch hundert fünfzig Meilen, höre ich es von vorne wie aus dichtem Nebel.
Matthew wird sich freuen. Wir präsentieren ihm beide auf dem Silbertablett.
Ein Rumpeln und Dröhnen hinter mir, reißt mich ein letztes Mal aus meiner Lethargie.
Gott, der Typ nervt mich. Halt an, ich verpaß ihm auch noch ne Dosis.
Mit der Frage, ob sie damit wohl Alex meinen und ob er sich tatsächlich hinter mir im Kofferraum befindet, drifte ich endgültig davon.