Kapitel 22
Ich weiß nicht, wen oder was sie meinen, entgegnet Buchanan ruhig, während er hinter der Tür möglichst unauffällig seine Waffe zurück in das Halfter schiebt.
Jetzt kommen sie mir nicht so! ereifert sich Alex und schiebt sich mit Nachdruck an Buchanan vorbei ins Zimmer. Ich habe sie gesehen. Sie ist hier hinein gegangen und ich will jetzt endlich wissen, was hier vor sich geht.
Buchanan schließt, nach einem kurzen, prüfenden Blick nach draußen die Tür und bleibt mit verschränkten Armen davor stehen.
Avery? ruft Alex und kommt schnurstracks auf die Badezimmertür zu.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Da ich sowieso keine Chance habe und Buchanan scheinbar nicht vorhat, in dieses Drama einzugreifen, entschließe ich mich für die Flucht nach vorne. Noch bevor Alex das Zimmer ganz durchquert hat, trete ich aus dem Bad und bleibe unsicher mit einer Hand an der Türklinke stehen.
Ich bin hier, sage ich leise.
Alex hält mitten im Schritt inne, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht so was von wütend aus, daß mir ganz anders wird.
Du sagst mir auf der Stelle, was hier los ist, hast du verstanden? Wer ist der Typ? er deutet über seine Schulter auf Buchanan, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen und die Falten auf seiner Stirn vertiefen sich. Dein Liebhaber, was?
Nein, ich schüttle den Kopf und sehe hilfesuchend zu Buchanan hinüber.
Wenn ich mich vorstellen darf, sagt dieser schließlich und streckt Alex die Hand entgegen, die dieser allerdings nicht sehen kann, weil er immer noch komplett auf mich fixiert ist.
Adam Buchanan. FBI.
Alex Gesichtszüge entgleisen für einen Moment, dann fährt er herum, erfaßt im Bruchteil einer Sekunde Buchanans Gestalt und die Waffe unter seiner Achsel und scheint augenblicklich in sich zusammen zu sacken.
FBI? krächzt er voller Unverständnis und dreht sich wieder zu mir herum. FBI? wiederholt er und sieht aus, als wäre er unbeabsichtigt im falschen Film gelandet, den er nicht einmal ansatzweise fassen kann. Im Prinzip entspricht dies ja auch der Wahrheit und er tut mir leid.
Ja, FBI, nicke ich und deute dann auf das Bett. Vielleicht sollten wir uns erst einmal setzen.
Er schüttelt fassungslos den Kopf, macht aber anstandslos ein paar Schritte rückwärts und läßt sich gleich darauf schwer auf das Bett fallen. Die Federn quitschen dabei leise und sein Knie stößt unbeabsichtigt Buchanans Koffer um.
Wir bücken uns beide gleichzeitig, doch Buchanans Stimme unterbricht uns.
Ich mach das schon, sagt er, greift sich den Koffer, stellt ihn neben das Bett und damit außer Reichweite von Alex oder mir. Dann läßt er sich auf das andere Bett sinken, stützt die Hände auf die Knie und mustert Alex aufmerksam von oben bis unten.
Was tun sie hier Mr. McLean? fragt er und Alex Aufmerksamkeit wird damit endlich von mir abgelenkt.
Das geht sie einen Scheißdreck an, fährt er Buchanan an.
Ich beschließe, mich erst einmal nicht in diese Unterhaltung einzumischen, setze mich auf das Sideboard und lasse äußerlich ruhig, aber innerlich mehr als aufgewühlt die Beine baumeln. Alleine Alex anzusehen zaubert tausende, kleiner Schmetterlinge in meinen Bauch. Andererseits sollte er nicht hier sein. Er gerät damit tiefer in diese Sache hinein, als ihm guttut und eine unglaubliche Angst um ihn erfaßt mich augenblicklich.
Er wendet sich nun wieder mir zu und das wütende Funkeln in seinen Augen ist leider nicht zu übersehen. Was ist hier los? Und diesmal keine Ausflüchte oder Andeutungen. Sag mir endlich und verdammt noch mal die Wahrheit!
Alex, ich glaube nicht ... , setze ich an und schüttle den Kopf.
Ohhhh doch. Du läßt mich einfach so in Trishs Auffahrt stehen, nachdem du einen mehr als merkwürdigen Anruf erhältst, in dem du irgend etwas von Schwierigkeiten faselst und dann muß ich dabei zu sehen, wie du aus meinem Leben davon fährst und das, ohne die geringste Ahnung warum, wieso und weshalb. Und dann finde ich dich hier, mit einem seltsamen Typen der behauptet, vom FBI zu sein. Ich will jetzt endlich ein paar Antworten von dir!
Mr. McLean, mischt sich erneut Buchanan ein und stachelt damit Alex Wut nur noch weiter an.
Was wollen sie, verdammt noch mal? fährt er auf, schießt von seinem Platz in die Höhe und macht einen Schritt auf ihn zu. Was hat das FBI mit meiner Freundin zu schaffen? Alex ist laut geworden und deutet mit einem zitternden Finger auf mich.
Buchanan hebt abwehrend die Hände und entgegnet im beruhigenden Tonfall. Wenn sie mich einfach ausreden lassen würden, könnte ich ihnen das sogar erklären.
Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, daß Alex genau die gleichen Worte vor kurzem zu mir gesagt hat und ich frage mich, ob das tatsächlich erst eine Woche her ist. Es kommt mir jetzt schon vor, als wäre dies in einem anderen Leben gewesen.
Na, da bin ich aber gespannt, entgegnet dieser, stemmt die Hände in die Hüften und funkelt Buchanan angriffslustig an.
Bitte, setzen sie sich, sagt Buchanan und deutet auf das Bett.
Sichtlich widerwillig nimmt Alex wieder platz.
Miss Brown gehört zu unserem Zeugenschutzprogramm, das wir Menschen anbieten, die mit uns zusammen arbeiten und dadurch in Gefahr geraten.
Miss Brown? entgegnet Alex und wirft einen kurzen Blick zu mir herüber. Entweder hat er den Rest des Satzes nicht gehört, oder er versteht immer noch nicht.
Sandra Brown, nickt Buchanan und macht dabei eine kurze Handbewegung in meine Richtung oder Avery Hamilton, wie sie im Moment heißt.
Wieder heftet sich Alex Blick auf mich, doch diesmal wirkt er äußerst verwirrt und von seiner anfänglichen Wut scheint nicht mehr viel übrig zu sein.
Ich konnte es dir nicht sagen, erkläre ich leise. Das hätte uns beide in Gefahr gebracht. Ich dachte, ich bekomme das irgendwie auf die Reihe ... mit dir zusammen zu sein und dabei nicht weiter aufzufallen, aber ... wie wir gesehen haben, hat das leider nicht funktioniert.
Er schüttelt ungläubig den Kopf. Du hättest es mir sagen können, flüstert er heiser. Gott, Avery ... uhm ... oder Sandra ... oder wer auch immer du bist ...
Die Wut flammt erneut in seinen Augen auf.
Ich hatte keine andere Wahl, sage ich mit Nachdruck.
Oh doch! Die hattest du. Du hattest die Wahl mir zu vertrauen. Aber scheinbar bin ich das ja nicht wert.
Er springt vom Bett auf und dreht sich einmal um sich selbst, scheinbar sucht er verzweifelt einen Ausgang aus diesem Chaos, findet ihn aber nicht.
Alex, versuche ich es nun etwas sanfter, rutsche vom Sideboard hinunter und mache ein paar Schritt auf ihn zu. Ich möchte ihn berühren, ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, daß ich ihn liebe und daß er das wichtigste auf der Welt für mich ist, doch er wehrt mich ab, noch bevor ich ihn erreicht habe.
Bleib mir bloß vom Leib. Verdammte Scheiße! Und ich dachte, Lorain wäre ein verlogenes Miststück!
Jedes seiner Worte trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht und ich taumle benommen zurück.
Sie sollten jetzt nicht unfair werden, mischt sich erneut Buchanan ein und steht ebenfalls auf. Miss Brown hat getan, was sie für richtig hielt und zwar um sich und auch sie zu beschützen.
Aber vor wem denn, Herr Gott noch mal? Was hast du angestellt, hm? Hast du jemanden umgebracht? Dich mit den falschen Leuten eingelassen? Na komm schon, sag es mir!
Miss Brown hatte den Mut, gegen einen der größten Drogen- und Zuhälterbosse auszusagen. Dafür gebührt ihr eine ganze Menge Respekt und wenn sie sie weiter so behandeln, werfe ich sie hier hochkannt hinaus, haben sie mich verstanden?
So habe ich Buchanan noch nie erlebt. Er wirkt wütend und aufgebracht und dies augenscheinlich, weil er denkt, daß ICH ungerecht behandelt werde. Ich fasse es einfach nicht.
Alex sieht mich mit großen Augen an, seine Hände hängen an seinen Seiten herunter und öffnen und schließen sich in schnellem Rhythmus.
Wer bist du? murmelt er und schüttelt immer wieder den Kopf. Wer, verflucht noch mal, bist du? wiederholt er dann etwas lauter.
Ich bin ... Avery, sage ich leise. Und ich bin auch Sandra Brown. Ich weiß, ich habe dir nicht alles gesagt, aber ich habe dich nie angelogen, das schwöre ich auf alles, was mir heilig ist.
Was auch immer das sein soll, gibt Alex schnaubend von sich, dann fährt er herum und strebt der Zimmertür zu.
Wo wollen sie hin? fragt Buchanan, während er ihm folgt.
Nur weg hier, entgegnete Alex und dreht sich noch einmal zu mir herum. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben und wage es nie wieder, mir unter die Augen zu treten.
Dann reißt er die Tür auf und will hinaus stürmen, doch Buchanan hält ihn fest, zieht in mit erstaunlicher Kraft zurück ins Zimmer und knallt die Tür wieder zu.
Sie können nicht gehen, kommt er Alex Wutausbruch zuvor. Sie werden hier warten bis das Überwachungsteam eintrifft, dann werden sie zurück nach Hause begleitet.
Wie bitte? Alex sieht aus, als könne er nicht glauben, was er da gerade zu hören bekommt.
Es tut mir leid, aber sie sind ebenfalls auf dem Foto in der Sun und somit ein leichtes Ziel.
Für wen?
Für den Drogenboß, von dem ich ihnen gerade erzählt habe, entgegnet Buchanan und ich kann seine Geduld nur bewundern. Aber hat er die nicht auch mit mir bewiesen? So langsam wird mir klar, wie gut er eigentlich in seinem Job ist.
Sie können mich nicht gegen meinen Willen festhalten! begehrt Alex auf und zückt im selben Moment sein Handy. Ich werde meinen Anwalt anrufen, daß ist doch ... ,
Tut mir leid, das geht nicht, sagt Buchanan und ich kriege gar nicht richtig mit, wie das Telefon den Besitzer wechselt, so schnell ist er.
Ahhhh, brüllt Alex frustriert und tritt einmal kräftig gegen die Zimmertür.
Wenn es ihnen danach besser geht, nur zu ... , sagt Buchanan, verschränkt die Arme vor der Brust und bleibt seelenruhig gegen die Tür gelehnt stehen.
Alex holt noch einmal aus, tritt erneut zu, dann macht er ein paar Schritte rückwärts, fährt sich einmal mit beiden Händen durch das Haar und schnellt dann zu mir herum.
Das ist alles deine Schuld! ruft er.
Ja, ich weiß, nicke ich und lasse mich kraftlos auf das Bett sinken.
Das hier ist der schlimmste Alptraum meines Lebens. Er wird nie verstehen warum ich was und wie getan und warum ich ihm nichts von meiner Vergangenheit erzählt habe. Für ihn bin ich schuldig, noch bevor er die Fakten kennt. Hat er nicht noch vor ein paar Stunden behauptet, daß er mich liebt? Scheinbar zählt das jetzt wohl nicht mehr und dieser Gedanke schmerz mehr als alles andere, das in dieser Nacht geschehen ist.