Kapitel 21
Ich stehe vor meiner Wäscheleine zu Hause und frage mich zum wiederholten Male, wie mir die ganze Zeit nicht auffallen konnte, daß ein Foto fehlt. Ich hatte sie sogar alle noch in der Hand, habe sie umgehängt, als ich mit Alex die Auswahl für den Kalender traf.
Vielleicht war ich mir zu sicher, vielleicht hatten wir die Gedanken an Lorain zu sehr in den Hintergrund gedrängt, vielleicht wollte ich es aber auch einfach nicht sehen. Wie ein schwarzer Fleck in meiner Wahrnehmung, der das Offensichtliche überdeckt.
Ich seufze verhalten. Wie auch immer, es ist jetzt zu spät sich darüber Gedanken zu machen. Ich werde dies alles hinter mir lassen und wieder von vorne anfangen. Und irgendwann werde ich mir vielleicht die Bilder von Alex und mir ansehen können, ohne dabei in Tränen auszubrechen und ohne, daß sich mein Herz dabei schmerzhaft in meiner Brust zusammen zieht.
Mit kalten Fingern nehme ich die vier übriggebliebenen Fotos von der Leine, werfe drei davon in einen Abfalleimer aus Metall und entzünde das letzte, bevor ich es zu den restlichen in den Eimer werfe. Sollte Steiner hier auftauchen, wird er zumindest keinen Hinweis auf Alex vorfinden. Flammen schlagen kurz in die Höhe, bevor sich eine graue Rauchwolke über dem Eimer kräuselt und die letzten Überbleibsel meiner Vergangenheit damit verschlingt.
Den Rest habe ich ziemlich schnell erledigt. In meiner Dunkelkammer gibt es eine Box aus Metall, in der sich die wichtigsten Negative befinden. Bilder meiner Familie, die fünf Fotos mit Alex und die besten Schnappschüsse der letzten fünf Jahre, inklusiver der Kalenderfotos.
Ich verstaue die Box in meiner Reisetasche, in der sich bereits ein paar Kleider und die wenigen persönlichen Dinge befinden, die ich auf dieser Reise mitnehmen werde. Wenn ich viel Glück habe, kann mir Buchanan einen Teil meiner restlichen Sachen nachschicken, doch ich rechne erst einmal nicht damit.
Als es an der Tür klingelt bin ich so bereit, wie man es in dieser Situation sein kann und ohne einen Blick zurück zu werfen trete ich aus der Wohnung, schließe die Tür ordnungsgemäß ab und besteige dann den Fahrstuhl. Während er langsam dem Erdgeschoß entgegen zuckelt denke ich an die Menschen, die ich ohne ein Wort des Abschieds zurück lasse. Ich sende einen stummen Gruß an Lucius und die Kollegen im Diner und versuche nicht daran zu denken, was wohl los sein wird wenn sie erkennen, daß ich spurlos verschwunden bin. Dann taucht Trishs Gesicht vor mir auf und ich schlucke hart. Ich hätte nie gedacht, daß es mir einmal so schwer fallen wird, diese Plaudertasche und Klatschtante hinter mir zu lassen, aber ich merke in diesem Moment, wie wichtig sie eigentlich für mich war und wie viel sie in den fünf Jahren für mich getan hat.
Als meine Gedanken ungefragt zu Alex schweifen, erreicht der Fahrstuhl sein Ziel und während ich das schwere Metallgitter aufschiebe beschließe ich, daß ich nicht mehr an ihn denken werde, bis ich in Sicherheit und in meinem neuen Leben angekommen bin. Dann ist genug Zeit um mich in meinem Schmerz zu wälzen und zu versuchen, ihn irgendwie aus meinem Gedächtnis zu streichen. Im Moment benötige ich einfach meine gesamte Energie, um mich auf die nächsten Schritte zu konzentrieren.
Das Taxi wartet mit laufendem Motor am Straßenrand und als ich einsteige, nenne ich dem Fahrer mein Ziel. Er drückt eine Taste an seinem Taxameter und ich lasse mich zurück in die Polster sinken.
Die erste Regel auf dem Weg in ein neues Leben lautet: Laß alles zurück, was man bis zu dir zurück verfolgen könnte. Dazu gehört leider auch mein Wagen. Wahrscheinlich wird sich das FBI in den nächsten Tagen darum kümmern.
Die vertrauten Häuser und Straßenzüge meiner vorübergehenden Heimat ziehen an mir vorbei und scheinen mir damit meinen letzten Überlebenswillen und den kümmerlichen Rest meines Optimismus zu entziehen. Macht dieses Leben tatsächlich noch irgendeinen Sinn? Was wartet denn auf mich?
Ein neues Leben, in dem ich mich weiterhin vor neugierigen Fragen und echten Beziehungen verstecken muß. Der Gedanke, daß es vielleicht besser gewesen wäre, wenn Steiner mich vor Buchanan gefunden hätte, schießt kurz durch meinen Kopf. Sicherlich würde sich mein Körper jetzt in einem schwarzen Leichsack befinden und meine geschundene Seele hätte endlich den Frieden gefunden, den ich so verzweifelt suche. Der Gedanke erschreckt mich zutiefst und ich verbiete mir, weiterhin darüber nachzudenken. Alles geschieht, weil es geschehen soll und sich dagegen aufzulehnen, macht keinen Sinn.
Ungefragt schieben sich Bilder der Vergangenheit in mein Bewußtsein und ich wundere mich ein wenig darüber, wie gründlich ich sie bisher vergraben hatte. Ich habe immer versucht, das alles weit von mir zu schieben, habe mich in meinem neuen Leben so eingerichtet, als gäbe es diese Vergangenheit gar nicht. Doch jetzt hat sie mich unübersehbar eingeholt und ich versuche, mich ausnahmsweise nicht gegen diese Bilder zur Wehr zu setzen.
Das Gesicht von Rudolf Steiner taucht vor meinem geistigen Auge auf. Seine stechenden, grünen Augen, das beinahe schwarze Haar, das von ersten, grauen Strähnen durchzogen wurde und der unnachgiebige Zug um seinen Mund. Er hat immer eine gewisse Stärke und Verläßlichkeit ausgestrahlt, die sich allerdings in Bruchteilen von Sekunden zu unnachgiebiger Härte und Grausamkeit wandeln konnte. Rudolf Steiner sollte man besser immer auf seiner Seite haben, das war damals das ungeschriebene Gesetz, nachdem wir alle gelebt haben.
Doch jetzt ist er tot, selbst in einem schwarzen Plastiksack gelandet, und so sehr ich mich auch vor ihm gefürchtet habe, kann ich mich nicht wirklich darüber freuen. Denn ihn konnte ich wenigstens einschätzen. Bei ihm wußte ich immer, woran ich war. Selbst, als ich vor Gericht gegen ihn aussagte war mir klar, was ich für einen Gegner vor mir hatte.
Doch jetzt hat sein Sohn Matthew das Ruder übernommen. Von ihm habe ich nur eine vage Vorstellung im Kopf. Dunkles Haar wie sein Vater, eine muskulöse, gedrungene Gestalt, die meist im Hintergrund agierte und der von seinem Vater bereits seit seinem fünften Lebensjahr auf das beträchtliche Erbe vorbereitet wurde.
Matthew wurde von uns immer heimlich der Kleine genannt, was sich in seinem Fall sowohl auf die Rangfolge innerhalb des Steiner Imperiums bezog und zum anderen auf die Nichtigkeit, die sich angeblich in seiner Hose befinden soll.
Wollte man sich mit ihm gut stellen, nannte man ihn den Eisernen, weil er sich selbst gerne so sah. Es ging das Gerücht, daß er darauf stand Geschäftspartner, die seinen Vater verärgert hatten, mit unvergleichlicher Härte und mit viel Genuß sämtliche Gliedmaßen zu brechen um sie hinterher den Fischen zum Fraß vorzuwerfen.
Im Grunde war er aber einfach nur Matt. Der Sohn seines Vaters, den wir selten bis gar nicht zu Gesicht bekamen.
Als damals der große Prozeß stattfand, hatte er ebenfalls auf der Anklagebank neben seinem Vater gesessen, doch man konnte ihm leider nichts nachweisen und auch wenn jeder wußte, daß er Rudolf Steiners Erbe antreten würde, noch bevor dieser richtig in seiner Zelle angekommen war, waren dem FBI die Hände gebunden.
Und genau dieser Mensch ist jetzt hinter mir her. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie wütend er auf mich sein muß und daß sein Vater schlußendlich auch noch im Gefängnis das zeitliche gesegnet hat, macht es garantiert nicht besser.
Ich versuche, mich von den trüben Gedanken loszureißen und starre angestrengt aus dem Fenster, in dem sich mein blasses Gesicht spiegelt. Das Taxi scheint ewig durch die Nacht zu fahren. Wir verlassen irgendwann die Innenstadt L.A.s und biegen auf den Highway ein. Hier geht es wesentlich schneller vorwärts und ich habe damit das Gefühl, daß ich das gesamte Chaos meines bisherigen Lebens nach und nach hinter mir lasse.
Eine viertel Stunde später nehmen wir eine Abfahrt, die uns Richtung San Francisco lotst, verlassen allerdings gleich darauf den Highway und fahren noch ein kurzes Stück durch ein weitläufiges Industriegebiet. Die grauen Fassaden der Lagerhallen und Fertigungsgebäude werden ab und an von den leuchtenden Schildern von Schnellimbissen und den hellerleuchteten Schaufenstern einiger Autohäuser aufgelockert und ich fühle mich, als befände ich mich am grauen und unwirtlichen Ende der Welt.
Plötzlich taucht vor uns, wie aus dem Nichts, ein strahlender, rosafarbener Flamingo auf. Das Neonschild verkündet, daß es hier warme Küche 24/7 gibt und augenblicklich ist alle Anspannung wieder da, die ich für die Dauer der Fahrt irgendwie in den hintersten Winkel meines Gehirns verbannt hatte.
Vor dem niedrigen Gebäude, in dem sich die Rezeption befindet, wendet der Taxifahrer seinen Wagen und hält gleich darauf davor an.
Er nennt mir eine Summe, die mir exorbitant hoch erscheint, doch ich bezahle ohne zu murren. Ich hoffe, Buchanan hat Zugriff auf eines der Spesenkonten beim FBI. Meine Barreserven sind nämlich nun so gut wie aufgebraucht.
Ich sehe den Rücklichtern ein wenig benommen nach und fühle mich einsam und verlassen, während ich auf dem menschenleeren Parkplatz stehe, die Reste meines kümmerlichen Lebens in der Reisetasche zu meinen Füßen.
Schließlich wende ich mich entschlossen ab und mache mich auf die Suche nach Zimmer 12. Es wird Zeit, daß ich mit Buchanan spreche und mich für die ganzen Umstände die ich ihm bereitet habe, entschuldige.
Ich kehre der Anmeldung den Rücken und schreite die lange Reihe an Türen entlang, vor der nur wenige Autos stehen. Eines muß man dem FBI lassen: Sie haben sich die gottverlassenste Gegend ausgesucht, die man für so ein Treffen finden kann.
Am Ende des langgezogenen Gebäudes angekommen, habe ich das entsprechende Zimmer immer noch nicht gefunden, also biege ich um eine Ecke und wende mich damit der Rückseite dieses fragwürdigen Etablissements zu.
Etwa auf der Hälfte der Strecke habe ich mein Ziel schließlich erreicht. Mir ist mulmig, als ich auf die grüne Tür zutrete, vor der eine unscheinbare, dunkle Allerwelts-Limousine parkt. Scheinbar hat sich Buchanan bereits um einen Mietwagen gekümmert.
Meine Knie zittern und mein Mund ist knochentrocken. Ich weiß nicht genau, was mich erwartet, ob Buchanan wütend auf mich ist und ob er einen Ausweg aus meiner verfahrenen Situation parat hat. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zwei Mal kräftig gegen die Tür zu hämmern.
Es dauert einen Moment, dann höre ich, wie ein Schlüssel im Schloß gedreht wird und gleich darauf schwingt die Tür nach innen auf.
Er ist älter geworden. Sein dünnes Haar hat sich noch weiter gelichtet und um seine hellen Augen haben sich die Falten tief eingegraben. Doch er wirkt immer noch so zerknittert und konfus wie damals. Er trägt eine dunkle Cordhose, ein weißes Hemd mit einer schlechtsitzenden Krawatte und ein Schulterhalfter für seine Waffe, der er jetzt sichtlich erleichtert wieder einsteckt.
Hallo Buchanan. Lange nicht gesehen, sage ich und bringe tatsächlich so etwas wie ein Lächeln zustande.
Sandra, es freut mich, daß sie wohlauf sind, gibt er in seiner etwas hochgestochenen Art zurück und bedeutet mir, einzutreten.
Das Zimmer wirkt aufgeräumt. Zwei Einzelbetten stehen zu meiner Rechten, vor einem steht ein kleiner, schwarzer Koffer und auf der orange und rot karierten Tagesdecke liegt eine kleine, halb ausgepackt Aktentasche. Daneben, an der Stirnseite des Zimmers, befindet sich eine Garderobe mit einem bodenlangen Spiegel, an der ein verlassen wirkender, schwarzer Mantel hängt. Zu meiner Linken zieht sich ein Sideboard an der Wand entlang, auf der ein Telefon und ein Fernseher stehen.
Das sanfte Licht einer Nachttischlampe, die zwischen den Betten auf einem kleinen Schränkchen steht, nimmt dem Zimmer ein wenig von seiner Unpersönlichkeit und erschöpft stelle ich meine Reisetasche neben dem noch freien Bett ab.
Ich schätze, ihr Tag war ähnlich katastrophal wie meiner? fragt er und sein etwas schiefes Lächeln rührt mich auf schwer zu erklärende Art.
Kann man so sagen, nicke ich und lasse mich auf die Bettkante sinken.
Buchanan läßt sich halb auf dem Sideboard nieder, zupft kurz an seinen Hosenbeinen und richtet dann seinen wäßrigen Blick wieder auf mich.
Erzählen sie mir, was passiert ist, sagt er und faltet die Hände im Schoß.
Ich bin unvorsichtig geworden, gebe ich zu. Ich hätte ... das mit Alex ... und ... also ... das hätte nicht passieren dürfen und ... ,
Moment, Moment, bremst Buchanan mein Gestotter mit erhobenen Händen. Fangen wir von vorne an. Der Mann auf dem Foto. Das ist Alexander James McLean, richtig?
Ich nicke.
Ein Mitglied einer international bekannten Musikgruppe.
Ich nicke erneut und verkneife mir ein Schmunzeln. Das Wort Musikgruppe klingt aus seinem Mund wie etwas Unanständiges.
Wie ist das Foto entstanden? Und wie ist es an die Presse gelangt? fragt er weiter.
Eigentlich war das Foto nur für den privaten Gebrauch bestimmt, sage ich zähneknirschend. Lorain ist wieder überdeutlich in meinem Kopf aufgetaucht und erneut packt mich die Wut bei dem Gedanken, daß ich ihr das alles hier zu verdanken habe. Alex Exfreundin hat sich das Bild unter den Nagel gerissen und hat es schließlich der Presse übergeben.
Buchanan nickt, als hätte er nichts anderes erwartet.
Wie hat Mr. McLean reagiert? Ich meine ... weiß er ... ,
Nein, unterbreche ich ihn. Er weiß gar nichts und das soll auch so bleiben. Halten sie ihn aus der ganzen Sache heraus. Bitte. Er hat damit überhaupt nichts zu tun.
Die Frage ist doch, ob Steiner das auch so sieht, gibt Buchanan ruhig zu bedenken und mir wird schwindlig. So weit hatte ich noch gar nicht gedacht.
Das darf nicht passieren, gebe ich beinahe flüsternd von mir.
Keine Sorge, beruhigt Buchanan mich. Wir überwachen Mr. McLean die nächsten Tage. Scheinbar hat man in der Chefetage Angst was passiert, sollte er unfreiwillig in diese Angelegenheit hinein gezogen werden. Immerhin handelt es sich hier um eine prominente Person. Das ist immer etwas schwierig.
Ich nicke, wenn ich auch noch nicht wirklich davon überzeugt bin, daß Alex tatsächlich in Sicherheit ist.
Buchanan seufzt und erhebt sich langsam. Da haben sie was schönes angerichtet, sagt er und geht hinüber zu seinem Bett und der Aktentasche.
Ich weiß. Und es tut mir auch wirklich leid. Es war einfach ... , mir gehen die Worte aus, also hänge ich einen tiefen Seufzer hintendran und versinke wieder in Schweigen.
Sie sind verliebt, stellt Buchanan zu meiner Überraschung fest. Und ich befürchte, das ist dem ganzen Land ziemlich deutlich vor Augen geführt worden.
Lorain! Diese miese, kleine ...
Ein heftiges Hämmern an der Tür läßt mich augenblicklich zusammen fahren und meinen Puls in ungeahnte Höhen schnellen.
Da rein, befielt Buchanan ohne zu zögern und deutet auf die Tür zum Badezimmer, während er seine Waffe aus dem Schulterhalfter hervorzieht, sie entsichert und sich mit langen Schritten der Zimmertür nähert.
Hastig springe ich auf und schließe gleich darauf die Badezimmertür hinter mir. Doch sofort schiebe ich sie wieder einen Spalt weit auf und stelle unbehaglich fest, daß ich in dem Spiegel an der Garderobe die Tür bestens im Blick habe.
In diesem Moment klopft es erneut und meine Knie werden weich wie Pudding, während mich das Bedürfnis überkommt, unbedingt auf die Toilette zu müssen.
Ja, ja, ich komme ja schon, höre ich Buchanan sagen, dann stellt er sich so, daß sowohl der größte Teil seines Körpers, als auch die Waffe in seiner Hand von der Tür verdeckt wird und reißt sie gleich darauf mit Schwung auf.
Wo ist sie? höre ich Alex aufgebrachte Stimme, noch bevor ich seine Gestalt in dem Spiegel erkennen kann und augenblicklich schießen mir Tränen in die Augen.
Was tut er hier? Und wie zur Hölle hat er mich gefunden?