Kapitel 20

Es ist bereits spät, als ich vor Trishs Anwesen vorfahre. Zu erst konnte ich mich nicht entscheiden, was ich anziehe und danach habe ich mich wieder und wieder gefragt, warum ich mich in Gottes Namen in diese Situation begeben soll. Jetzt bekommen Trishs Freunde auch noch ein Gesicht zu dem Namen Avery Hamilton geliefert und das ist ja wohl das letzte, was ich will.
Andererseits fühle ich mich ganz schön einsam ohne Alex. Und nachdem ich drei Mal seine Handy-Nummer gewählt hatte, aber immer kurz bevor das Klingelzeichen ertönen konnte wieder aufgelegt habe, weil ich bei ihm nicht den Eindruck erwecken möchte, daß ich keinen Abend mehr ohne ihn auskommen kann, habe ich mich schließlich doch auf den Weg gemacht. Irgendwie wird mir so langsam alles egal.
Trishs Haus erreicht man über eine lange, breite Kiesauffahrt. Zwei imposante, weiße Säulen flankieren die Eingangstür, die Fenster in der unteren Etage sind alle hell erleuchtet und vereinzelt kann ich hinter den Gardinen sich bewegenden Schatten ausmachen.
Mindestens zehn Wagen parken bereits vor dem Haus und ich will lieber gar nicht wissen, was in Trishs Wortschatz „nichts großartiges“ zu bedeuten hat. Wahrscheinlich tummeln sich da drin bereits an die zwanzig Gäste und ich bin die Hauptattraktion des Abends.
Ärgerlich über mich selbst schüttele ich den Kopf. „Du bist nur halb so interessant wie du glaubst,“ schimpfe ich mit mir selbst, öffne dann endlich die Wagentür und steige aus.
Ich habe mich für Jeans, hochhackige Schuhe und das neue rote Shirt mit der E-Gitarre entschieden. Ich kann Trish ja ruhig beweisen, daß ich die Klamotten auch trage, die ich bei ihr immer wieder gezwungen werde zu kaufen.
Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis Trish mir auf mein Klingeln hin endlich öffnet und sofort umweht mich der Duft ihres schweren, süßen Parfüms.
„Ahh, da bist du ja,“ begrüßt sie mich mit roten Wangen. „Ich habe schon vermutet, daß du kneifst.“
„Ich war so kurz davor,“ gestehe ich und halte meinen Daumen und Zeigefinger zwei Millimeter auseinander.
„Um so besser, daß du jetzt da bist. Komm rein.“
Sie öffnet die Tür noch ein Stück weiter und ich trete in eine teuer eingerichtete Empfangshalle. Irgendwie ist das hier ganz Trish. Von allem etwas zu viel, immer ein wenig zu schrill und aufwendig und trotzdem so, daß man sich damit wohlfühlt.
Im Vorbeigehen springen mir ein dunkelroter Diwan und ein Regal mit kleinen, weißen Nippesfiguren ins Auge, die zwischen allerhand Antiquitäten und überquellenden Blumenvasen stehen.
Trish schiebt mich vor sich her ins Wohnzimmer. Ein teurer, dicker Teppich verdeckt das meiste des sicherlich unglaublich kostspieligen Marmorfußbodens, auf der Couchgarnitur aus lavendelfarbenen Wildleder sitzen mindestens zehn Leute, die allerdings kaum aufsehen, als ich eintrete und die gegenüberliegenden Wand wird von einem riesigen, wuchtigen Mahagonischrank dominiert, in dessen Regalen und Vitrinen weitere Figürchen, jede Menge Gläser und Fotografien stehen.
Zu meiner Rechten befindet sich eine Bar, an deren poliertem Tresen weitere Gäste stehen und alles in allem denke ich, daß das für Trishs Verhältnisse tatsächlich eine kleine Party ist.
„Was möchtest du trinken?“ fragt mich Trish in diesem Moment und ich muß mich zusammen nehmen um mich wieder voll und ganz auf sie zu konzentrieren.
„Ein Wasser bitte. Ich muß noch fahren.“
„Wenn du möchtest kannst du gerne in einem meiner Gästezimmer übernachten,“ lächelt sie, wartet meine Antwort allerdings gar nicht ab sondern verschwindet in den Weiten des Hauses.
Etwas unbehaglich bleibe ich inmitten dieser mir fremden Menschen stehen und habe keine Ahnung, was ich tun soll. Small Talk liegt mir nicht wirklich und mich einfach irgendwo dazu zu stellen und in die Unterhaltung einzumischen ebensowenig.
„Was macht eine so schöne Frau ohne Begleitung auf dieser Party?“ raunt mir plötzlich eine mir nur all zu bekannte Stimme ins Ohr und augenblicklich beginnt mein Herzschlag zu rasen. Trish! Ich hätte mir doch denken können, daß sie nichts ohne Hintergedanken tut.
„Mein Freund war der Meinung, schon etwas besseres heute Abend vorzuhaben, also ... ,“ ich breite die Arme aus, ohne mich herum zu drehen.
„Das ist aber ganz und gar nicht nett von ihm,“ raunt es erneut in meinem Rücken, dann spüre ich zwei Arme, die sich langsam um mich schließen.
„Alex, bitte,“ flüstere ich und versuche mich aus seiner Umarmung zu befreien. „Offiziell kennen wir uns doch gar nicht. Das ... ,“
„Oh doch. Wir kennen uns sogar hochoffiziell,“ höre ich es in meinem Nacken kichern und leicht aufgebracht fahre ich zu ihm herum.
Er sieht einfach umwerfend aus. Sein helles T-Shirt mit den dezenten Totenköpfen darauf betont seine dunklen Augen, seine tätowierten Arme stecken lässig in den Hosentaschen seiner abgewetzten Jeans und er strahlt mich an, als sei ich der Hauptgewinn in einer exklusiven Tombola.
„Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst, aber mir wäre es lieber, wenn wir hier nicht zu offensichtlich aneinander kleben würden,“ zische ich ihm zu.
Sein Lächeln verflüchtigt sich. Dann schüttelt er mißbilligenden den Kopf.
„Komm mit,“ sagt er, greift nach meiner Hand und zieht mich hinter sich her aus dem Wohnzimmer, durch die Eingangshalle und hinüber in die Küche. Unterwegs kommt uns Trish entgegen. Sie blinzelt Alex grinsend zu und ich könnte sie beide erwürgen. Ich hasse Überraschungen und noch dazu, wenn ich so offensichtlich hintergangen wurde. Sie wissen doch beide, daß ich in genau diese Situation niemals kommen wollte!
„Warum ... ?“ setze ich an, doch Alex unterbricht mich.
„Setz dich.“ Er deutet auf einen Stuhl an einem schwarzen, runden Ebenholzeßtisch und nur weil meine zitternden Knie sich so anfühlen, als würden sie mich keine Sekunde länger tragen, komme ich seiner Aufforderung nach.
Mein Hintern berührt kaum die Sitzfläche, da segelt bereits eine Zeitung vor mir auf die Tischplatte.
„Titelstory,“ informiert mich Alex. „Für die Sun nicht schlecht. Und für Lorain noch besser.“
Mit zitternden Händen greife ich danach und mir wird augenblicklich schwarz vor Augen, als ich das Foto sehe. Es füllt ungefähr die Hälfte der ersten Seite aus. Es zeigt Alex und mich. In meinem Bett. Ich lächle zu ihm auf und man kann sogar noch den Ansatz meiner Brüste sehen, den aber irgend jemand geflissentlich mit grobkörnigen Pixeln versehen hat.
„Das ist unser Foto,“ hauche ich verständnislos. „Was ... hat sie sich ... nur dabei gedacht.“
„Ich habe keine Ahnung. Anscheinend war sie ziemlich sauer, hat das Foto bei dir zu Hause mitgehen lassen und hinterher erfahren, daß du nicht sonderlich darauf stehst, wenn jemand auf dich aufmerksam wird. Hat Trish mir jedenfalls erzählt.“
Ich bin zu keinem klaren Gedanken fähig. Dieses ... dieses ... Käseblättchen ... kann man in jeder verfluchten Stadt der USA kaufen. Ach, was rede ich ... auf der ganzen Welt steht sie in diesem Moment in unzähligen Zeitungsläden. Jeder, der daran vorbei geht kann mich sehen. JEDER!
Mir wird kotzübel, die Welt scheint vor meinen Augen zu verschwimmen und ich höre Alex wie aus weiter Ferne.
„Ich weiß, daß du damit nicht glücklich bist, aber sieh es mal so ... jetzt müssen wir uns wenigstens nicht mehr verstecken.“
Ich kann nicht fassen wie gelassen er das alles nimmt. Habe ich ihm nicht deutlich genug klar gemacht, daß ich unerkannt bleiben will? War nicht sogar er es, der mir das Angebot unterbreitet hat, mich aus allem heraus zu halten?
Wie in Trance stehe ich von meinem Stuhl auf, stütze mich schwer auf die Tischplatte und starre noch einen Moment auf die Schlagzeile hinunter.
Backstreet Boy AJ McLean und seine geheimnisvolle Traumfrau und in der Zeile darunter Avery Hamilton – welches Geheimnis verbirgt sie vor ihm?
„Avery?“ höre ich Alex Stimme erneut. „Alles in Ordnung?“
Seine warme Hand legt sich auf meine Schulter und ich weiche ruckartig vor ihm zurück.
Mit großen Augen sieht er mich an, während ich ihn wütend anfunkle.
„Nein verdammt noch mal. Es ist rein gar nichts in Ordnung. Mein Leben ist gerade zerstört worden.“
„Aber ... das ist doch nur ... ,“
„Nein, es ist nicht nur eine dämliche Schlagzeile,“ fahre ich ihm ins Wort, dann drehe ich mich auf dem Absatz herum und haste zur Tür. Ich muß hier weg. Ich muß ... Koffer packen ... von der Bildfläche verschwinden ... vielleicht hat Steiner das Foto bereits gesehen ...
Ich bin bereits durch die Haustür getreten, als mich Alex Hand stoppt.
„Warte,“ sagt er, doch ich reiße mich los.
„Verstehst du das denn nicht?“ brülle ich ihn an und spüre, wie mir heiße Tränen über die Wangen laufen. „Es ist vorbei. Das war’s. Ich bin weg. Viel Spaß noch mit deinem restlichen Leben.“
„Nein, du wirst jetzt verdammt noch mal nicht einfach so abhauen,“ ruft er grimmig, packt mich erneut und drückt mich mit dem Rücken gegen die Motorhaube eines Jeeps, der uns am nächsten steht.
„Sag mir jetzt endlich, was hier los ist. Das ist nur ein Foto, das die meisten schon morgen wieder vergessen haben. Du siehst allerdings so aus, als hätte dir gerade jemand einen Dolch in den Rücken gerammt.“
Ich komme nicht mehr dazu, etwas darauf zu erwidern, denn das leise Klingeln meines Handys dringt langsam aber sicher in mein Bewußtsein.
Froh, Alex damit wenigstens für einen Moment zu entkommen, krame ich es aus meiner Handtasche und drücke es mir gleich darauf ans Ohr.
„Ja?“ melde ich mich unwirsch, während ich geräuschvoll die Nase hochziehe.
„Sandra Brown?“ höre ich es am anderen Ende der Leitung und diese zwei Worte treffen mich wie ein Faustschlag.
Ich bin nicht fähig irgendeinen Laut von mir zu geben. Wie erstarrt lehne ich immer noch mit dem Rücken gegen den Jeep, während Alex vor mir steht und mich aus dunklen Augen verständnislos anfunkelt.
„Hier ist Adam Buchanan. Erinnern sie sich an mich?“
„Natürlich,“ hauche ich.
„Und wissen sie auch noch was ich zu ihnen damals gesagt habe? Was es bedeutet, wenn sie wieder meine Stimme hören?“
„Das ich in Schwierigkeiten stecke,“ nicke ich, obwohl er das natürlich nicht sehen kann.
„Nun. Ich nehme an, sie haben die neuste Ausgabe der Sun bereits gelesen?“
„Gerade eben,“ gebe ich zu und fühle mich, als befände ich mich nicht mehr in der Realität. Dies hier ist ein Traum. Ein ganz fürchterlicher Alptraum, aus dem ich gleich erwachen werde, mich an Alex breite Brust kuschle und mich von ihm trösten lasse. Doch die Realität ist unerbittlich.
„Ich bin unterwegs zu ihnen. Wir müssen uns treffen. Ihre Tarnung ist nicht mehr sicher.“
„Weiß ... weiß er es schon?“ hauche ich.
„Steiner ist letztes Jahr im Gefängnis verstorben,“ informiert mich Buchanan und mein Gehirn braucht eine Weile, um diese Information zu verarbeiten.
„Aber sein Sohn Matthew ist noch sehr lebendig und er hat augenscheinlich nicht vergessen, was damals passiert ist.“
„Wer ist das?“ dringt Alex’ Stimme zu mir durch.
Ich wehre ihn mit einer kurzen Handbewegung ab, schiebe mich zwischen ihm und der Motorhaube hervor und gehe vor dem Wagen in die Hocke. Während ich die Stirn in meine Handfläche stütze, höre ich erneut Buchanans Stimme.
„Es tut mir leid Sandra, aber sie waren unvorsichtig. Ich hatte alle Mühe meine Vorgesetzten davon zu überzeugen, daß sie noch eine Chance verdienen. Sie können sich nicht vorstellen, was hier im Moment los ist. Es passiert selten, daß einer unserer Schützlinge aus dem Zeugenschutzprogramm auf der Titelseite der größten Boulevardzeitung des Landes erscheint.“
„Das war so nicht geplant,“ murmle ich.
„Das glaube ich ihnen. Hören sie ... ich habe ein Zimmer im Pink Flamingo Motel reserviert. Zimmer 12. Kommen sie dort hin. So schnell wie möglich.“
„Kann ich noch nach Hause und einige Sachen packen?“
„Ich denke, das sollte kein Problem sein. Aber halten sie sich nicht länger als nötig dort auf. Matthew kennt ihren Decknamen, also wird es für ihn auch kein Problem sein, ihre Adresse heraus zu bekommen.“
„In Ordnung.“
„Dann bis später. Ich werde bereits dort sein und auf sie warten, wenn sich das Taxi nicht noch verfährt.“
„Gut.“
Ohne ein weiters Wort lege ich auf und bleibe wie erstarrt hocken. Wie konnte mir das alles nur so schnell entgleiten? Eben führe ich noch ein sicheres und angenehmes Leben und im nächsten Moment ist meine Welt vollkommen auf den Kopf gestellt.
Ich höre, wie Alex um den Wagen kommt und sich vor mich hinkniet. Vorsichtig zieht er meine Hand von meinem Gesicht und in seinen Augen steht endlich die Besorgnis, die ich von Anfang an dort erwartet habe.
„Ich verstehe das nicht,“ sagt er leise.
„Das mußt du auch nicht,“ gebe ich matt zurück. „Ich werde ... jetzt aus deinem Leben verschwinden.“
Ich fühle, wie sich meine Kehle zusammen schnürt und mein Herz in tausend kleine Teile zerbricht.
„Wie meinst du das? Aus meinem Leben verschwinden?“
„Ich packe meine Sachen und gehe fort von hier.“
„Aber warum? Wegen einem doofen Bild in irgendeiner Zeitung, die sowieso nur Schwachsinn schreibt? Avery bitte, das kann doch nicht dein Ernst sein.“
Ich spare mir eine Antwort und stemme mich mühsam in die Höhe. Mein gesamter Körper ist gefühllos und mein Herz scheint nicht mehr zu schlagen. Ich fühle mich leer und kalt und der Anblick von Alex’ verwirrter Miene macht es nicht wirklich besser.
Steifbeinig gehe ich hinüber zu meinem Wagen, schließe ihn mit tauben Fingern auf und werfe meine Handtasche auf den Beifahrersitz.
„Baby. Bitte. Rede mit mir,“ sagt er und ich spüre seine Hände, die sich vorsichtig von hinten auf meine Schultern legen.
Langsam drehe ich mich zu ihm herum.
„Ich kann dir das jetzt genau so wenig erklären wie in den letzten Wochen. Versprich mir, daß du auf dich aufpaßt, ja? Ich ... werde dich vermissen.“
„Nein,“ er schüttelt den Kopf, während er sich auf die Unterlippe beißt und ein erstes, verräterisches Glitzern in seinen Augenwinkeln auftaucht. Scheinbar hat er endlich begriffen, daß es mir tatsächlich ernst ist.
„Doch. Es muß sein. Glaub mir, das ist für alle Beteiligten das beste so.“
„Nein,“ sagt er erneut, dann zieht er mich fest an sich und vergräbt sein Gesicht an meinem Hals. „Bitte geh nicht weg,“ flüstert er.
Ich kann ihm nicht antworten, weil ich fürchte, dann endgültig das letzte Bißchen Beherrschung zu verlieren, das mir geblieben ist.
Statt dessen rücke ich ein Stück von ihm ab, so daß ich ihm wieder in die Augen sehen kann und küsse ihn dann zärtlich. Mir ist bewußt, daß dies unser letzter Kuß sein wird und dementsprechend intensiv spüre ich seine Lippen auf meinen, während sich unsere Tränen salzig auf unseren Zungen vermischen.
„Ich liebe dich,“ murmelt er zwischen zwei gehauchten Küssen, doch ich kann auch darauf nichts erwidern.
Wir stehen eine ganze Weile neben meinem Wagen und küssen uns im fahlen Licht des Mondes, doch mir kommt es vor, als wäre erst eine Sekunde vergangen als ich mich von ihm löse und ihn mit sanfter Gewalt von mir weg schiebe.
„Machs gut Alex,“ sage ich leise.
„Bitte,“ fleht er und heiße Tränen strömen nun ungehindert über seine Wangen. „Sag mir doch wenigstens was los ist.“
Ohne ein weiteres Wort steige ich ein, starte den Wagen und sehe dann noch ein letztes Mal zu Alex auf. Er steht einsam und verlassen in der Einfahrt und fährt sich mit dem Ärmel seines T-Shirts über die Augen.
„Ich liebe dich auch,“ flüstere ich leise und als hätte er mich gehört, legt er plötzlich seine Hand auf das kalte Glas des Fahrerfensters. Langsam hebe ich meine Hand und lege sie darüber, dann drückt mein Fuß von ganz alleine das Gaspedal herunter und der Wagen rollt langsam an.
Alex geht noch ein Stück mit mir mit, bis ich etwas beschleunige und endgültig aus seinem Leben davon fahre.

Kapitel 21