Kapitel 17
Es regnet immer noch, als mich das Taxi schließlich vor meiner Wohnung absetzt. Mein Kleid, meine Haare, meine Ausrüstung ... alles ist tropfnaß als ich frierend in den Fahrstuhl steige. Doch eigentlich registriere ich dies nur am Rande.
Wieder und wieder spule ich die Szene im Schwimmbad wie einen Film vor meinem geistigen Auge ab. Habe ich Alex irgendwie ermutigt? Signale ausgesendet, die er vielleicht mißverstanden hat?
Nun gut. Meine offensichtliche Angst vor dem Gewitter hat vielleicht seine Beschützerinstinkte geweckt, aber das heißt doch noch lange nicht, daß er gleich über mich herfallen muß. Und er kann ja wohl nicht von mir erwarten, daß ich bei seinen Küssen und Berührungen einen klaren Kopf behalte. Er ist doch derjenige mit der Freundin und der unseren Treffen diese geschäftliche Note verpaßt hat. Also ist es ja wohl auch seine Aufgabe, sich zu beherrschen.
Frustriert und müde knalle ich die Wohnungstür hinter mir zu, entledige mich meines Kleides und der Unterwäsche und begebe mich erst einmal ins Bad. Eine heiße Dusche wird mir gut tun und danach wird hoffentlich eine Flasche Wein den Rest erledigen.
Doch so weit komme ich gar nicht erst. Als ich die Hand nach der Duscharmatur ausstrecke, klopft es laut und dröhnend an meiner Wohnungstür. Für einen Moment überlege ich, mich tot zu stellen. Ich bin nicht da. Ausgewandert auf nimmer wieder sehen.
Mir ist eigentlich klar, wer da vor der Tür steht. Schließlich kennt nur Alex meine Adresse. Er hämmert weiterhin gegen die Tür und bevor die ersten Nachbarn aus ihren Wohnungen treten können um zu sehen, welcher Irre da so einen Krach veranstaltet, schlüpfe ich lieber in meinen Bademantel und reiße, nach einem kurzen, gewonheitsmäßigen Blick durch den Türspion, die Tür auf.
Er sieht aus wie ein begossener Pudel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aus seinen Kleidern tropft das Regenwasser und bildet bereits eine große Pfütze um seine Füße. Seine Haare hängen ihm ins Gesicht und tropfen ebenfalls munter vor sich hin. Doch in seinen Augen liegt ein Feuer, wie ich es noch nie an ihm gesehen habe.
Er öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch ich komme ihm zuvor.
Ich habe doch gesagt, daß es in Ordnung ist. Ich brauchte nur ein bißchen Abstand. Was tust du also hier?
Wenn du mich ein einziges Mal ausreden lassen würdest, könnte ich dir das sogar erklären, gibt er zurück und wirkt leicht angesäuert.
Ich glaube nicht, daß ich das hören ... Das will bleibt mir im Halse stecken als er einfach einen Schritt auf mich zumacht und mir kurzerhand den Mund zu hält.
Er schiebt sich nun ganz in die Wohnung, schließt die Tür hinter sich und hat dabei immer noch die Hand auf meinen Mund.
Ich habe gesagt, es tut mir leid, richtig? fragt er und ich spüre dabei seinen Arm, der sich um meine Taille legt.
Ich nicke aus Mangel an Sprachfreiheit.
Und weißt du, warum ich das gesagt habe? fragt er weiter, während er mich sanft zu sich heran zieht.
Ich überlege kurz, nicke dann, nur um gleich darauf den Kopf zu schütteln.
Eigentlich war der Satz so gedacht: Es tut mir leid, aber es ist hier viel zu kalt und unbequem. Laß uns zu dir fahren.
Auf seinem Gesicht erscheint ein vorsichtiges Lächeln, während ich noch dabei bin diese Information irgendwie zu verarbeiten. Will er mich verarschen, oder meint er das ernst?
Hmpf ..., versuche ich irgendeinen Kommentar von mir zu geben.
Wenn ich jetzt die Hand von deinem Mund nehme, sagt er vorsichtig versprichst du mir dann, mich nicht anzuschreien?
Ich nicke langsam. Ich befürchte, zum Schreien bin ich sowieso nicht mehr in der Lage. Dafür bräuchte man nämlich Sauerstoff und der scheint mir auf unerklärliche Weise abhanden gekommen zu sein.
Vorsichtig läßt er nun seine Hand sinken und legt sie ebenfalls um meine Taille.
Was ist mit Lorain? frage ich.
Na prima. Die dämlichste aller Fragen immer zu erst. Ich lerne es nie.
Lorain ist Geschichte, sagt er leise.
Seit wann?
Spielt das eine Rolle?
Für mich schon.
Er seufzt und runzelt dann angestrengt die Stirn. Seit zwei Wochen? Drei? Unser Gespräch in der Dunkelkammer hat mich ... nun ja ... zum Nachdenken gebracht und ... hm ... , er zuckt mit den Schultern und sieht dann mit einem unsicheren Blinzeln auf mich hinunter.
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken.
Er ist nicht mehr mit Lorain zusammen! Juchu!
Aber ich bin immer noch die Selbe. Mist.
Es ist weder gut für ihn noch für mich, wenn ...
Bitte. Stell nur einmal deinen Kopf ab, sagt er leise und nähert sich meinem Gesicht.
Ich befürchte, du wirst diesen Satz irgendwann bereuen.
Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist, raunt er und dann fühle ich nur noch das überwältigende Gefühl seiner Lippen auf meinen.
Im Gegensatz zu vorhin fühle ich mich nicht mehr überrumpelt und ich brauche auch kein schlechtes Gewissen mehr wegen Lorain zu haben.
Plötzlich spüre ich ihn viel intensiver, kann ich das Kribbeln, das augenblicklich von meinen Haarspitzen bis hinunter in den kleinen Zeh schießt, richtig genießen und ich brauche auch keine Angst davor zu haben, daß er es sich im nächsten Moment anders überlegt.
Meine Hände suchen den Saum seines T-Shirts und ziehen es ihm gleich darauf mit einiger Mühe über den Kopf. Sein gesamter Oberkörper ist von einer Gänsehaut überzogen und ich frage mich, ob ich wohl der Auslöser dafür bin, oder seine nassen Klamotten daran schuld sind.
Dusche? murmle ich zwischen zwei atemlosen Küssen.
Vorher oder hinterher? gibt er zurück.
Währenddessen, kichere ich.
Langsam drängt er mich rückwärts auf das Badezimmer zu, dabei öffnet er seine Jeans und hüpft dann einen Moment hinter mir her, während er versucht seine Schuhe und das nasse Kleidungsstück gleichzeitig los zu werden.
Es macht mir einen unbändigen Spaß ihm meinen Vorteil zu demonstrieren, in dem ich nach dem Knoten meines Bademantelgürtels greife und ihn absichtlich langsam öffne.
Ich stehe mittlerweile in der Badezimmertür, streife mir das flauschige Frotte lasziv von meinen Schultern und lasse dann den Bademantel unbeachtet zu Boden gleiten.
Alex hält für einen Moment inne und starrt mich an. Seine Augen scheinen jeden Winkel meines Körpers abzutasten, verweilen einen Moment an meinen Brüsten und wandern dann weiter über meine Hüften bis hinunter zu meinen lackierten Zehennägeln.
Hat dir schon einmal jemand gesagt, wie schön du bist? flüstert er mit rauher Stimme.
Nun ... als Trish das das letzte Mal versucht hat, waren meine Brüste zu klein, gebe ich schmunzelnd zu.
Tatsächlich? fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen und kommt, mittlerweile ebenfalls nackt, auf mich zu. Laß mal sehen.
Vorsichtig schließen sich seine Hände um meine Brust, so daß die kleinen, rosa Brustwarzen zwischen seinen Fingern hervorschauen. Er küßt sie sanft eine nach der anderen und schüttelt dann den Kopf.
Sie irrt sich. Perfekt, würde ich sagen.
Schleimer, grinse ich, entwinde mich seinem Griff und stehe gleich darauf unter der Dusche. Das heiße Wasser hat allerdings gar keine Zeit meinen gesamten Körper zu erfassen, da steht er bereits hinter mir und zieht mich an sich. Ich spüre seine Erregung in meinem Rücken, höre seinen beschleunigten Atem in meinem Ohr und fühle seine Hände, die zärtlich über meine Hüften streichen und sich dann auf meinem Bauch treffen.
Ich schließe die Augen und überlasse mich ganz dem Gefühl seiner Nähe, die mich bis in die kleinste Pore zu durchdringen scheint. Dabei schiebe ich die dunklen Gedanken, die schon wieder dabei sind das Kommando zu übernehmen, weit von mir. Ich kann mich später noch damit befassen, wie ich ihm klar machen soll, daß ich einmal eine Hure war und daß ich nicht Avery heiße und daß die Menschen auf meinen Bildern meine Familie sind und daß es eigentlich keine Zukunft für uns gibt.
Ich befürchte, ich werde mich die nächsten Tage kaum bewegen können, murmelt Alex schläfrig, während er eine kleine Rauchwolke gen Zimmerdecke bläst.
Naja, wenn schon Sex dann auch richtig, oder? grinse ich und kuschle mich noch etwas tiefer in seine Umarmung.
Wir liegen in meinem Bett, die gesamte Wohnung ist bis auf das schummrige Licht der Nachttischlampe dunkel und der Regen prasselt immer noch gleichmäßig gegen die Fensterscheiben.
Wer dir das wohl beigebracht hat? sinniert Alex, während er mir die Zigarette an die Lippen hält und ich einen tiefen Zug davon nehme.
Hm, gebe ich unbestimmt zurück und versuche, meine angespannten Muskeln zu entspannen.
Bedeutet das kein Kommentar oder ich kann mich nicht mehr daran erinnern ? fragt er weiter.
Kein Kommentar, antworte ich wahrheitsgemäß.
Alex drückt die Zigarette in dem Aschenbecher aus, der auf seiner Brust steht, stellt ihn gleich darauf auf den Boden und schlingt beide Arme um mich.
Du bist mir wirklich ein Rätsel Avery Hamilton, murmelt er mit den Lippen an meiner Schläfe.
Ich weiß, gebe ich flüsternd zurück.
Wir schweigen eine Weile und ich überlege krampfhaft, wie ich es ihm beibringen soll. Soll ich es ihm überhaupt sagen? Vielleicht ist das hier morgen schon zu Ende und dann habe ich ihm ganz unnötig mein Geheimnis offenbart. Mal ganz abgesehen davon, daß wahrscheinlich spätestens, wenn der Satz in meinem früheren Leben habe ich für Geld mit unzähligen Männern geschlafen über meine Lippen kommt, alles vorbei sein wird.
Wirst du es mir irgendwann sagen? fragt er leise.
Ich beiße mir auf die Unterlippe und sage keinen Ton.
Unter leisem Stöhnen richtet er sich ein Stück auf, rollt sich mit mir zur Seite und sieht gleich darauf von oben auf mich hinunter.
Wirst du es mir irgendwann sagen? wiederholt er und ich kann nichts weiter tun, als ihn mit großen Augen anzustarren.
Ich verspreche dir, ich werde es verstehen. Ich werde dir keine Vorwürfe machen, kein Urteil über dich fällen und dich auch nicht alleine lassen. Du kannst mir vertrauen.
Mit jedem seiner Worte wird der Kloß in meinem Hals größer und ich fühle, wie sich meine Augen mit Tränen füllen.
Nicht, flüstert er bestürzt, beugt sich zu mir hinunter und küßt mich sanft auf die Augenlider. Nicht weinen. Es ist alles in Ordnung. Wenn du ... wenn du es ... nicht sagen willst, dann ist das auch okay. Wirklich.
Sicher? hake ich nach.
Er nickt langsam. Ganz sicher. Meistens ist es nur so ... , er zögert kurz und streicht mir eine nicht vorhandene Haarsträhne aus der Stirn. ... daß einen die Vergangenheit immer irgendwie einholt. Du kannst vor dem was einmal war nicht davon laufen. Du kannst nur lernen, dich damit zu arrangieren.
Ich denke, daß habe ich schon.
Das ist gut, nickt er und ein sanftes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
Dann hat er plötzlich einen Geistesblitz. Das sehe ich daran, daß sich sein Lächeln zu einem breiten Grinsen ausweitet und seine Augen anfangen zu leuchten.
Ich will ein Foto, sagt er, als wäre das in dieser Situation das normalste von der Welt.
Wie bitte?
Naja. Ich will ein Foto. Hiervon. Von uns beiden.
Aber ... ich weiß nicht ... also ... , druckse ich herum und weiß nicht wie ich ihm begreiflich machen soll, daß es mich auf keinem einzigen Foto geben wird. Gerade er sollte doch wissen wie gefährlich das ist. Schon mehr als einmal sind Fotografien auf seltsamen Wegen und ungewollt an die Öffentlichkeit gelangt.
Na komm schon, sagt er und schiebt bettelnd die Unterlippe vor.
Nein Alex. Wirklich. Das ist keine gute Idee.
Oh doch. Das ist sogar eine sehr gute Idee, grinst er, rollt sich von mir herunter und verschwindet dann mit dem halben Oberkörper unter dem Bett, während seine Beine vor mir in die Höhe ragen. Ich widerstehe dem Drang, ihm einfach in seinen kleinen, festen Hintern zu beißen, der verheißungsvoll mehr oder weniger direkt vor meinem Gesicht schwebt und lege ihm statt dessen eine Hand auf den Rücken.
Alex wirklich. Laß das. Das ist doch ... ,
Was hast du gesagt? fragt er und taucht mit meiner kleinsten Kamera in der Hand wieder auf.
Ich möchte das nicht.
Doch er scheint mich gar nicht zu hören. Konzentriert untersucht er die Kamera, nimmt die Schutzkappe vom Objektiv und sieht dann probehalber durch den Sucher.
Sehr schön, sagt er dann, zieht mich zu sich heran und gibt nicht eher Ruhe, bis mein Kopf wieder auf seiner Brust liegt.
Muß das sein? nörgle ich immer noch, merke aber, daß mich ein aufgeregtes Kribbeln bei dem Gedanken überkommt, daß ich mir dieses Foto immer und immer wieder ansehen kann. Selbst wenn es Alex irgendwann nicht mehr geben sollte.
Ja, das muß sein, entgegnet er bestimmt, zieht mich noch etwas enger an sich und hält dann die Kamera hoch über unsere Köpfe. Unsere hellen, nackten Körper spiegeln sich in der Linse und ich streiche mir schnell ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Ich sehe bestimmt furchtbar aus, versuche ich es noch einmal, doch eher halbherzig.
Nein, entgegnet er warm. Du bist wunderschön.
Und während ich noch gerührt zu ihm aufsehe, höre ich das vertraute Verschlußklicken.
Hey! Ich war gar nicht vorbereitet, beschwere ich mich. Nochmal.
Alex beginnt zu kichern. Keine gute Idee, was? zieht er mich auf.
Ich spare mir jeden Kommentar und sehe nun direkt in das Auge der Kamera.
Wieder drückt Alex den Auslöser, dann legt er mir eine Hand in den Nacken, ich hebe den Kopf und spüre gleich darauf seine zärtlichen Lippen, die sich auf meine legen. Die nächsten Fotos bekomme ich gar nicht mehr richtig mit, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, unter der Decke nach seiner Männlichkeit zu tasten.
Schließlich fällt die Kamera polternd zu Boden, Alex Arme schließen sich fest um mich und leise stöhnend presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor kriegst du jemals genug?
Von dir? Nein, hauche ich und verschwinde dann mit dem Kopf unter der Bettdecke.