Kapitel 16

Einmal in seinem Leben sollte man gesehen haben, wie diese Marschkapellen arbeiten. Hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit mit der sie spielen und dabei wie an der Schnur gezogen immer wieder neue Figuren auf dem Rasen bilden, steckt nämlich so unglaublich viel Arbeit und Präzision, daß ich teilweise sogar vergesse, auf den Auslöser zu drücken.
Ich verstehe jetzt, was Alex mit „Choreographie“ meinte. Immer wieder bilden diese gut vierzig Jungen und Mädchen neue Formationen, laufen eine imaginäre Linie entlang, drehen sich dabei auch noch um sich selbst und stehen hinterher so akkurat in einer Reihe, bilden ein Quadrat oder einen Kreis, daß man darüber nur staunen kann.
Ich schieße unglaublich viele Fotos, versuche einzelne Personen aus diesem Gesamtkunstwerk heraus zu arbeiten und wünsche mir dabei einen Helikopter, der mich das Ganze von oben sehen lassen könnte.
Von der obersten Stufe der Tribüne bekommt man immerhin eine ungefähre Ahnung und alleine eine halbe Stunde verbringe ich da oben, während meine Finger wie von selbst über die Kamera huschen, den Winkel und die Ausrichtung ändern, heranzoomen oder das Gesamtbild aufnehmen.
Schließlich ist auch dieses Training beendet und während alles schnellstens in Richtung Umkleidekabine verschwindet, weil bereits ein erstes Donnergrollen über uns hinwegrollt, verstaue ich die Kamera langsam wieder in ihrem Koffer und bin dabei immer noch fasziniert von dem eben erlebten.
Alex hat sich noch pflichtschuldig bei dem Dirigenten verabschiedet, jetzt kommt er langsam auf mich zu und hat ein befriedigtes Lächeln auf dem Gesicht.
„Und? Wie fandest du es?“ fragt er, als er mich erreicht hat.
Ich öffne den Mund, will etwas sagen und stelle dann fest, daß mein kümmerliches Reportair an Superlativen hierfür nicht einmal annähernd ausreicht.
„Ich weiß gar nicht was ich sagen soll ...,“ entgegne ich also wahrheitsgemäß. „Das war absolut großartig.“
Alex’ Lächeln wird breiter. „Das klingt doch gut.“
„Ja,“ nicke ich. „Ich hoffe nur, daß ich diese Perfektion wenigstens ansatzweise in meinen Bildern festhalten konnte.“
„Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen,“ stellt er fest.
In diesem Moment fällt der erste, schwere Regentropfen auf mein Haupt und ich beeile mich, den Koffer zu schließen.
„Gerade rechtzeitig, was?“ grinste er und macht sich langsam auf den Rückweg.
„Wohl wahr. Wir sind wohl Glückskinder.“
„So würde ich das vielleicht nicht unbedingt sagen ... aber in diesem Fall ... kommt es schon hin,“ nickt er, während wir nebeneinander die Sandbahn hinunter laufen.
Bevor wir das Stadion verlassen, drehe ich mich noch einmal herum und betrachte die nun leere Rasenfläche. Dabei schießt mir der Gedanke durch den Kopf, daß dies hier etwas von einem Schlachtfeld hat. Sieg und Niederlage, Ruhm, Ehre und Schande liegen ganz nahe beieinander und dieser Gedanke läßt mich für einen Moment frösteln. Wie es wohl wäre, wenn wir unsere Kriege auf einem Footballfeld austragen würden, anstatt in die Ferne zu ziehen und mit scharfer Munition aufeinander zu schießen?
Mein Blick fällt auf eine Bank nahe beim Ausgang und ein verklärtes Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ohne darüber nachzudenken setze ich meinen Koffer ab und hole die Kamera erneut hervor, während der Regen stärker wird und kleine, eiskalte Punkte auf meiner Haut zurück läßt.
„Hast du immer noch nicht genug?“ höre ich Alex’ belustigte Stimme hinter mir.
„Gleich,“ murmle ich, während ich durch den Sucher blicke und die Szene vor mir näher heranzoome.
Auf einer Bank sitzt ein kleiner Junge, der sich scheinbar beim Laufen auf der Sandbahn das Knie aufgeschlagen hat. Ein schmales, rotes Rinnsal läuft sein Schienbein hinunter, seine Unterlippe ist leicht vorgeschoben und er wirkt, als versuche er erfolglos tapfer zu sein.
Daneben sitzt, komplett in gelb, Bibo. Oder zumindest ein Vogel, der diesem Buchstabierhelden aus der Sesamstraße verdammt ähnlich sieht - vermutlich das Schulmaskottchen – und hat einen Arm um den kleinen Jungen gelegt. Diese Szene wirkt vor der Kulisse des herannahenden Gewitters noch um einiges unwirklicher und während ich den Auslöser mehrmals hintereinander betätige weiß ich, daß dieses Bild zukünftig zu der Kategorie „absolute Lieblingsbilder“ gehören wird.
„Avery?“ holt mich Alex Stimme zurück in die Wirklichkeit.
„Bin schon fertig,“ gebe ich zurück und verstaue die Kamera nun endgültig in dem mit Schaumstoff ausgekleideten Innenraum meines Koffers.
Dicke, schwere Tropfen fallen vom Himmel, durchnässen mein Kleid und zaubern eine Gänsehaut auf meinen Körper.
„Jetzt aber schnell,“ bemerke ich, während ich an Alex vorbei stürme.
„Sag das nicht mir,“ ruft er mir lachend hinterher und hat mich gleich darauf eingeholt.
Die nächsten Meter legen wir schweigen und in einem Affentempo zurück, trotzdem schaffen wir es natürlich nicht rechtzeitig. Auf der Hälfte des Weges setzt schließlich eine wahre Sinnflut ein, die Noah wahrscheinlich mehr als beeindruckt hätte und in null komma nichts sind Alex und ich bis auf die Haut durchnäßt.
„Kaaaalt,“ lache ich, während ich neben ihm her renne.
„Das kannst du laut sagen,“ ruft er zurück, da das anhaltende Rauschen des Regens sämtliche Geräusche um uns herum übertönt.
Ich wende mich nach rechts, da wir auch von dort gekommen sind, doch Alex fast mich am Arm und zieht mich in die entgegengesetzte Richtung, direkt auf eine Tür zu, von der ich bete, daß sie offen ist.
Gleich darauf schlüpfen wir hindurch und lassen damit den Regenguß und ein weiteres Donnergrollen hinter uns.
„Wow,“ lacht Alex, schüttelt sich wie ein nasser Hund und versucht dann die Hosenbeine seiner Jeans, die ihm inzwischen wie eine zweite Haut am Körper klebt, in ihre ursprüngliche Form zurück zu zupfen.
„Wo sind wir hier?“ frage ich, während ich den mittlerweile schwer gewordenen Koffer abstelle und mein Haar auswringe. Vor uns liegt ein verlassener, dunkler Flur, von dem eine ganze Menge Türen abgehen und unsere Stimmen hallen dumpf von den kahlen, weißen Betonwänden wieder..
„Keine Ahnung. Aber es ist trocken, das ist die Hauptsache,“ grinst er.
In meine Nase steigt ein mir sehr vertrauter Geruch und leise schnüffelnd gehe ich langsam den Gang hinunter.
„Du warst in deinem früheren Leben ein Jagdhund, oder?“ lacht Alex hinter mir.
„Schon möglich,“ gebe ich grinsend zu und halte schließlich vor einer Tür inne. In Augenhöhe befindet sich ein rechteckiges Fenster und als ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich gerade so hindurch linsen.
„Jackpot!“ rufe ich aufgeregt, drücke versuchsweise die Klinke hinunter und stehe gleich darauf in einem verlassenen Schwimmbad.
Der Raum ist nicht sehr groß und wird von dem Becken dominiert, das von hellen Strahlern unter Wasser beleuchtet wird. Bizarre Schatten kriechen dadurch über die Decke und ich werde augenblicklich von dem Geruch nach Chlor und einer feuchten Wärme eingehüllt. Auf der gegenüberliegenden Seite gewährt eine Glasfront den Blick hinaus in den prasselnden Regen. Die Konturen der Bäume dahinter verschwimmen in einem gleichmäßigen Grau und hüllen mich damit in das sichere Gefühl ein, der einzige, existierende Mensch auf Erden zu sein.
„Hätte ich gewußt, daß du ein Schwimmbad als Jackpot ansiehst, hätte ich dich schon längst in eins ausgeführt,“ höre ich Alex plötzlich hinter mir sagen und erinnert mich somit daran, daß ich mir meine Welt leider mit ihm teilen muß.
„Ich liebe Wasser,“ gebe ich schulterzuckend zurück und bin bereits dabei, meine Schuhe von den Füßen zu streifen.
„Aha. Und was wird das jetzt?“
„Ich bin sowieso schon naß ... ,“ entgegne ich grinsend und überlasse den Rest seiner Fantasie.
Mein Kleid fällt gleich darauf neben meine Schuhe auf die aufgerauhten Fliesen und bevor mich irgend jemand zurück halten kann, hechte ich in das verheißungsvolle Naß.
Sofort tauche ich ein in eine Welt der Stille. Ich liebe zwar das Wasser, aber eigentlich ist das nicht ganz korrekt. Zwar ist das wohltuende Gefühl von Schwerelosigkeit ein Grund für meine Begeisterung, aber eigentlich bin ich lieber mit dem Kopf unter Wasser als darüber.
Wenn ich könnte, würde ich mich viel öfter hier unten aufhalten. Jedesmal habe ich das Gefühl, daß ich in eine andere, stillere, liebenswertere Welt eintauche. Hier unten gibt es keine Probleme, keinen Krach, keine unangenehme Gespräche und Fragen. Hier kann ich ganz ich selbst sein und mich von der Kraft des Wassers tragen lassen.
Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, daß man nicht ewig hier unten bleiben kann. Es sei denn, man hat eine Sauerstoffflasche auf dem Rücken und selbst dann ist die Zeit unter Wasser begrenzt. Ist es nicht immer so, daß wir das haben wollen, was unerreichbar ist?
Prustend tauche ich wieder an die Oberfläche, drehe mich auf den Rücken und lasse mich von den sanften Wellenbewegungen hin und her schaukeln. Meine Arme rudern gemächlich, während ich spüre, wie mein Haar im Wasser dahin schwebt.
Möglichst unauffällig schaue ich mich nach Alex um und frage mich dabei, ob er mir wohl gefolgt ist. Aus den Augenwinkeln erhasche ich eine Bewegung und stelle fest, daß er um das Becken herum gegangen ist, gerade eine Tür öffnet und gleich darauf hinter ihr verschwindet.
„Hey,“ rufe ich ihm hinterher. „Laß mich bloß nicht alleine.“
„Keine Sorge,“ kommt es gedämpft zurück, während flackernd einige Leuchtstoffröhren zum Leben erwachen. „Nichts läge mir ferner.“
Was auch immer er damit meint, ich kann jedenfalls meinen Aufenthalt im Wasser nicht mehr so richtig genießen.
Leise seufzend schwimme ich also an den Rand und hieve mich über eine Leiter wieder zurück in die Schwerkraft. Die Luft, die ich vorhin noch als angenehm warm empfunden habe, läßt mich nun frösteln. Die Arme um meinen zitternden Körper geschlungen tapse ich ihm hinterher und stehe gleich darauf tropfend und frierend in einer Art Lagerraum.
Alex zieht gerade einen Stapel Handtücher aus einem Regal hervor und sieht dann zu mir herüber.
„Kalt?“ fragt er grinsend.
„J-Ja,“ gebe ich mit klappernden Zähnen zurück und nehme dankbar ein riesiges, flauschiges Badehandtuch von ihm entgegen.
Ich schlinge es mir um die Schultern und wickle mich fest darin ein, während ein greller Blitz das Rechteck der Tür erhellt und gleich darauf ein lauter Doller über uns hinweg grollt.
Leider kann ich nicht verhindern, daß ich dabei erschrocken zusammen zucke. Ich habe eigentlich nichts gegen Gewitter, doch so ein bißchen unheimlich ist das Ganze schon.
Alex sagt Gott sei Dank nichts, statt dessen zieht er sich wie selbstverständlich sein T-Shirt über den Kopf, rubbelt sich dann die Haare trocken und legt sich abschließend das Handtuch um die Schultern.
Ich versuche meinen Blick von ihm abzuwenden, ziehe ein weiteres Handtuch aus einem Stapel zu meiner Linken und versuche meine Haare damit wenigstens ein bißchen trocken zu bekommen, doch meine Taktik funktioniert leider nicht wirklich.
Immer wieder huschen meine Augen zurück zu seinem muskulösen Oberkörper, registrieren dabei die kleinen Wassertropfen, die wie schimmernde Perlen in seinem Bauchnabel verschwinden und gleich darauf darunter wieder auftauchen, bevor sie sich einen Weg durch den schmalen Strich von dunklem Haar suchen und im Bund seiner Jeans verschwinden.
Ich schlucke mehrmals trocken und versuche an etwas unverfängliches zu denken, doch es gelingt mir noch nicht einmal ansatzweise.
Alex scheint im Gegensatz dazu kein Problem damit zu haben, daß ich mehr oder weniger in meiner Unterwäsche vor ihm stehe. Ich kann mich nicht wirklich entscheiden, ob ich das nun gut finden soll. Bin ich so unattraktiv?
Ein weiterer Donner, unter dem die kleine Schwimmhalle wie unter einem Hammerschlag erzittert, läßt mich einen erschrockenen Satz machen. Ich stoße schmerzhaft mit dem Rücken gegen eines der Metallregale, es scheppert und kracht und mir entfährt ein erschrockener Laut.
„Hey,“ sagt er sanft und steht mit zwei schnellen Schritten direkt vor mir. „Keine Panik. Dir kann nichts passieren.“
„Ich weiß. Es ist total albern, aber ... ,“ erneut flammt ein Blitz im Türrahmen auf, gleichzeitig zerreißt ein Knall mein Trommelfell und mit einem protestierenden Summen erlischt das Licht.
„So viel zu Deiner Theorie wir wären hier sicher,“ sage ich bibbernd und ziehe das Handtuch fester um mich.
Ich versuche Alex in der Dunkelheit vor mir auszumachen, doch immer noch tanzen helle Punkte auf meiner Netzhaut, die der grelle Blitz dort hinterlassen hat und ich fühle mich seltsam orientierungslos.
Die einzige Lichtquelle ist die Fensterfront in der Schwimmhalle nebenan und das bißchen Helligkeit, das der Regen übrigläßt, reicht nicht bis hierher.
„Das ist unheimlich,“ flüstere ich und wünsche mich zurück in die Sicherheit meiner Wohnung.
„Dir wird nichts passieren,“ höre ich seine Stimme erneut, doch sie klingt plötzlich fremd und viel zu dunkel.
Etwas berührt meine Schulter und mit einem kleinen Schrei zucke ich zusammen.
Scheinbar habe ich auch einen unbewußten Schritt nach vorne gemacht, denn das nächste was ich spüre ist Alex’ breite Brust, die sich gegen meine drückt. Plötzlich sind da Arme, die sich um mich legen und mich an sich ziehen, ich spüre, wie sein heißer Atem über mein Gesicht streicht und gleich darauf seine warmen, weichen Lippen, die sich auf meine drücken.
Meine Finger krallen sich in weichen Frottestoff und ich kann dabei nicht sagen, ob das nun sein Handtuch ist oder meins.
Ich höre ihn leise seufzen, während seine Lippen nach mehr verlangen. Bereitwillig öffne ich meinen Mund ein kleines Stückchen und fühle seine Zunge, die sich beinahe vorsichtig in meine Mundhöhle schiebt, dort einen Moment herumirrt, bis sie meine Zungenspitze findet.
Meine Hände gleiten von ganz alleine unter sein Handtuch. Seine Haut ist warm und fest und ich fühle die Konturen seiner Brust unter meinen zitternden Fingerspitzen.
Sein Kuß wird fordernder und drängt mich mit Nachdruck an das Metallregal in meinem Rücken. Er streift mir das Handtuch von den Schultern, löst seine Lippen von meinen und drückt sie gleich darauf auf meine Schulter. Seine Zähne graben sich zärtlich in meine Halsbeuge, seine Hände wandern an meiner Seite hinunter und schließen sich gleich darauf um den nassen Stoff, der mein Hinterteil bedeckt und ich stoße keuchend die Luft aus meinen Lungen hervor.
Wieder und wieder rollen Blitz und Donner über uns hinweg, während in meinen Lenden ein ähnlicher Sturm tobt. Zitternd tasten meine Hände nach dem Bund seiner Jeans, finden die Gürtelschnalle und gleich darauf den Knopf darunter und während ich noch hektisch daran zerre und ziehe, hält er plötzlich inne und tritt einen Schritt zurück.
Ich kann ihn in der Dunkelheit nur als schwachen Schemen ausmachen und somit leider sein Gesicht nicht sehen. Ist ihm gerade aufgegangen, daß das was wir hier tun nicht richtig ist? Bereut er es?
Ich fühle mich, als hätte er mir gerade eine schallende Ohrfeige verpaßt. Es hätte mich jedenfalls kaum tiefer getroffen, wenn er mir den Preis für eine Nacht ins Ohr geflüstert hätte.
Hatte ich mir nicht irgendwann einmal geschworen, daß ich mich nie wieder von einem Mann benutzen lasse? Wollte ich nicht genau diese Situation vermeiden, in dem ich mich und mein Leben von allem anderen abschottete?
„Es tut mir leid,“ höre ich ihn flüstern.
„Schon ... in Ordnung ... ,“ gebe ich zurück und bevor er noch irgend etwas sagen kann fahre ich herum und stürme kopflos davon.

Kapitel 17