Kapitel 15

Drei Wochen sind mittlerweile seit dem Zwischenfall in der Dunkelkammer vergangen und wir haben kein einziges Wort mehr darüber verloren. Manchmal frage ich mich etwas beklommen, ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe.
Alex und ich haben zwei weitere Schulen besucht, ich habe jede Menge Fotos geschossen und die besten zu Hause wohlweißlich alleine entwickelt. Sie hängen nun auf meiner Wäscheleine. Die anderen Bilder, die vorher dort hingen, habe ich in einen großen Karton verpackt und zur Seite gestellt. Irgendwann werde ich den Stapel, der sich inzwischen in der Zimmerecke auftürmt durchsehen, die besten Bilder behalten, rahmen lassen und aufhängen. Doch im Moment habe ich dafür keine Zeit.
Wenn ich nicht gerade mit Alex unterwegs bin oder mit ihm telefoniere um noch ein paar unwichtige Kleinigkeiten zu bespreche, arbeite ich im Diner oder versuche mich gegen Trish zur Wehr zu setzen, die immer noch von der fixen Idee besessen ist, Alex und mich verkuppeln zu wollen.
Ich frage sie immer ein bißchen darüber aus, wie es zwischen Alex und Lorain so läuft, aber meistens weiß sie auch nichts Genaues. Der Kerl macht es einem wirklich nicht leicht über sein Liebesleben auf dem Laufenden zu bleiben und wenn ich ihn direkt darauf anspreche, antwortet er meist ausweichend.
Über unsere gemeinsame Arbeit hinaus hat er bisher auch nicht wieder Kontakt zu mir gesucht, was ich etwas merkwürdig finde. Nun ja ... eigentlich macht mich dieser Gedanke beinahe wahnsinnig.
Irgendwie komme ich mir ausgenutzt vor. Einmal zum Essen eingeladen, meine Fotos entdeckt und mich dann, was den Job betrifft, um den Finger gewickelt und schon springe ich, wenn er ruft. Dies führt wiederum dazu, daß ich nicht wirklich ausgeglichen bin wenn wir zusammen sind und der Umstand, daß die Schulen jedes Mal größer werden und damit noch mehr Aufmerksamkeit auf mich gelenkt wird, macht es nicht gerade einfacher.
Heute steht der letzte Termin an und obwohl ich auf der einen Seite froh über das Ende dieser seltsamen Kooperation bin, frage ich mich ängstlich auf der anderen, was danach wohl aus Alex und mir wird. Wahrscheinlich werde ich nie wieder ein Wort von ihm hören und ich werde um eine weitere, schmerzhafte Erfahrung reicher sein.
Alex hat mich wie immer zu Hause abgeholt und biegt nun auf den Parkplatz der größten Highschool ein, die L.A. zu bieten hat. Sein Geländewagen reiht sich zwischen teuren Sportflitzern, monströsen Pickups und glänzenden Kleinwagen ein und ich stelle leicht unbehaglich fest, daß mich bereits der Parkplatz abschreckt. Wie muß es dann erst im Inneren des Gebäudes sein?
Schweigend und mit gesenktem Kopf folge ich Alex durch ein Gewirr von Wegen, die sich durch eine parkähnliche Landschaft ziehen. Unter den ausladenden Bäumen sitzen Schüler beisammen, haben Schulbücher aufgeschlagen oder unterhalten sich. Auf der weitläufigen Rasenfläche wird Football oder Frisbee gespielt und alles in allem wirkt das hier eher wie eine Universität als eine Highschool.
Hinter einer Gruppe von Bäumen taucht schließlich das zweistöckige Schulgebäude auf. Rechts und links davon schließen sich niedrige Gebäude an und umschließen den Park wie ein U. Die unzähligen Fenster kommen mir wie Augen vor, die argwöhnisch auf uns herunter blicken und ich beschleunige meinen Schritt automatisch.
„Ich glaube, ich hätte hier so meine Probleme gehabt,“ bemerke ich, während ich neben Alex die Eingangstufen zu einem breiten, robusten Portal hinauf steige
„Ja, ich weiß was du meinst,“ nickt er, während er mir die Tür aufhält und wir in einen hellen, blankgebohnerten Flur treten. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“ fragt er und bleibt stehen um mich anzusehen.
„Immer gerne,“ lächle ich.
„Das hier,“ er macht eine ausholende Handbewegung „ist sozusagen ein Symbol für mein Leben. Klingt total bescheuert, oder?“
„Na ja ... wenn du es so sagst ... ja,“ muß ich zugeben.
„Ich war auf so einer ähnlichen Schule,“ informiert er mich. „Zumindest für zwei Jahre. Keiner kann sich vorstellen wie das ist, wenn du als Außenseiter gezwungen bist, mit den Leuten auszukommen. Ich habe Theater gespielt und im Chor gesungen, etwas, was ein Junge, der cool sein will niemals tun sollte,“ fährt er fort.
„Aber die Mädchen sind doch bestimmt auf dich abgefahren,“ grinse ich.
„Nicht wirklich,“ grinst er zurück. „Die stehen auf die Sportler, verstehst du? Groß, stattlich, irgendwie schon männlich, obwohl sie gerade mal die ersten Schamhaare am Körper haben und ekelhaft großkotzig.“
„Ich weiß was du meinst,“ nicke ich.
„Tja ... und irgendwann kam ich dann endlich da raus und in die richtige Welt. Allerdings mußte ich irgendwann feststellen, daß ich zwar durch meinen Job direkt in die Liga der begehrten Sportlertypen aufgestiegen war, aber daß man es da auch nicht viel leichter hat. Ich weiß nicht ... ,“ er schüttelt den Kopf und setzt sich wieder in Bewegung. „Das hier ist sozusagen der Mikrokosmos dessen, was einem im wahren Leben erwartet. Ellbogen, Beliebtheitsscalen und die Perfektion des eigenen Scheins.“
„Ich glaube, es kommt auch ein bißchen darauf an, mit welchen Menschen du dich umgibst,“ gebe ich zu bedenken, während wir das Ende des Flurs erreichen, wo eine weitere Tür wieder hinaus ins Freie führt. Ich folge Alex über einen betonierten Weg, während ich mich frage, wo er eigentlich mit mir hin will.
„Sicher,“ nickt er. „Ganz so schlimm ist es natürlich auch nicht. Aber ... na ja ... ich wollte damit wohl nur sagen, daß ich weiß was du meinst wen du sagst, daß du dich hier nicht sonderlich wohl fühlst.“
Das sanfte Lächeln, das er mir dabei schenkt wärmt mich von innen und augenblicklich ist es gar nicht mehr so schlimm hier zu sein.
„Wo gehen wir eigentlich hin?“ frage ich nun, da wir das Schulgebäude bereits weit hinter uns gelassen haben und einen kleinen Hügel hinunter laufen.
„Da rüber.“ Er deutet mit ausgestrecktem Arm nach rechts.
„Oh,“ entfährt es mir.
Vor uns liegt ein Sportplatz. Die ovale Rasenfläche wird von einer roten Sandbahn umschlossen und darum herum ragen verlassen wirkende Holztribünen in den Himmel. Graue Wolken brauen sich langsam über uns zusammen, so daß die Sonne nur noch ab und zu auf uns hinunter blinzelt und das Footballtraining, das gerade in der Mitte des Stadions stattfindet, mit rasenden Schatten überzieht.
„Hoffentlich hält das Wetter,“ sagt Alex gerade und spricht damit meine Gedanken aus. „Bei Außenaufnahmen macht sich Regen nicht so gut.“
„Kann auch ganz reizvoll sein,“ gebe ich zu bedenken, auch wenn ich nicht sonderlich erfreut bei dem Gedanken bin, daß meine Ausrüstung naß wird. Aber er ist so sehr Feuer und Flamme für dieses Projekt, daß ich gar nicht anders kann als ihn aufzubauen.
„Deinen Optimismus möchte ich haben,“ schmunzelt er und geht ohne zu zögern hinaus auf das Spielfeld. Etwas unentschlossen bleibe ich am Rand stehen. Hinter mir laufen ein paar Mädchen auf der Sandbahn vorbei. In ihren knappen Shorts, den wippenden Pferdeschwänzen und den langen, muskulösen Beinen sehen sie unglaublich sexy aus und ein wenig neidisch sehe ich ihnen hinterher. Noch einmal so jung sein, das hätte schon was.
Dann richte ich meinen Blick wieder auf Alex, der inzwischen einen der Trainer erreicht hat und offensichtlich in ein angeregtes Gespräch vertieft ist. Von überall her kommen plötzlich junge Männer mit breiten Schulterpolstern, engen, weißen Hosen und dunkelblauen Trikots angetrabt und scharen sich um die beiden.
Ich habe schon immer eine Abneigung gegen Schulsport im allgemeinen und Mannschaftssport im besondern. Ich fand immer, daß man dort am besten seine eigene Beliebtheit bei seinen Mitschülern ablesen kann und da ich damals grundsätzlich als letzte in die Mannschaften gewählt wurde, war für jeden offensichtlich, daß ich ein Versager war.
Zudem ist dieses Spielfeld, das sich endlos vor mir auszudehnen scheint und durch die Tribünen wie eine Arena umschlossen wird, in meinen Augen wie eine Bühne, in deren Rampenlicht ich mich nicht unbedingt begeben möchte. Dort gibt es keine Möglichkeit mich zu verstecken und zwischen den ganzen Männern würde ich in meinem leichten Sommerkleid und den Flip-Flops auffallen wie ein bunter Hund.
Ich nehme also meinen Koffer wieder auf und gehe ein Stück die rote Sandbahn hinunter, während ich mich etwas verwundert frage, ob Alex jetzt tatsächlich Bilder von einer Footballmannschaft haben will. Das paßt ja nun überhaupt nicht ins Konzept.
Schließlich erreiche ich eine kleine Bank und seufzend lasse ich mich darauf nieder. Ein kalter Wind kommt plötzlich auf und weht mir das Haar aus dem Gesicht. Fröstelnd schlinge ich die Arme um meinen Körper. Irgendwie haben die tief hängenden Wolken etwas Bedrohliches an sich und unsicher geworden schaue ich wieder zu Alex hinüber. Wir sollten uns langsam wirklich beeilen, sonst fällt das hier doch noch buchstäblich ins Wasser.
Als hätte er mich gehört verabschiedet er sich in diesem Moment von dem Trainer und der Mannschaft, schaut sich dann einen Moment suchend um und kommt dann mit ausgreifenden Schritten auf mich zu.
Kurz bevor er mich erreicht, entsteht am anderen Ende des Platzes plötzlich Bewegung. Aus den Katakomben der Umkleidekabinen taucht ein Strom von Gestalten auf, alle in schwarz-roten Gardeuniformen und in ihren Händen glitzernde und glänzende Instrumente.
„Was ist das?“ frage ich Alex verständnislos und deute über den Platz auf die seltsame Gruppe von ungefähr vierzig Menschen, die ungeordnet auf den Platz strömen.
„Das ist die Band,“ informiert er mich grinsend. „Deshalb sind wir hier.“
„Die Band?“ frage ich verständnislos.
„Ja. Die unterstützen das Footballteam, spielen Märsche in den Pausen und so weiter. Ich weiß nicht, ob du das schon mal gesehen hast, aber es ist absolut faszinierend, wie sie zusammen spielen. Aber das beste an der Sache ist, daß sie dabei auch noch eine komplizierte Choreographie auf dem Rasen hinlegen.“
Ich ziehe zweifelnd die Augenbrauen zusammen, während ich mir die jungen Menschen mit ihren schweren Instrumenten anschaue. Ich sehe einen kleinen, dicken Junge mit einer Tuba, da sind mindestens drei Hörner, ein riesiges Glockenspiel, das vertikal vor einem schmächtigen Mädchen zu schweben scheint, Trommler mit Pauken, die teilweise größer zu sein scheinen, als die mageren Körper, die sie vor sich her tragen und jede Mengen Flöten, Trompeten, Posaunen und Instrumente, die ich noch nie gesehen habe. Wie sollen die durch die Gegend hüpfen, eine schwierige Choreographie aufführen und dabei noch spielen?
„Komm mit, wir schauen uns das mal aus der Nähe an,“ sagt Alex und zieht mich an der Hand in die Höhe.
Einträchtig gehen wir nebeneinander über den Rasen und ich stelle freudig erregt und beschämt zugleich fest, daß er meine Hand dabei nicht losläßt. Was die Leute wohl jetzt über mich denken? Ist es überhaupt gut mich so offensichtlich mit Alex zu zeigen? Ich wollte doch die unauffällige Fotografin im Hintergrund bleiben.
Entschlossen entziehe ich also Alex meine Hand, bevor wir die Gruppe von Jungen und Mädchen mit ihren Instrumenten erreichen. Ihn scheint das allerdings nicht zu kümmern, stattdessen geht er schnurstracks auf einen Mann zu, der hier das Kommando zu haben scheint.
Sie schütteln sich die Hände und unterhalten sich kurz, während ich meinen Koffer in sicherer Entfernung abstelle und meine Kamera hervor hole. Alex deutet auf mich und ich murmle leise vor mich hin „das da drüben ist übrigens Jane Doe, meine fähige aber blöde Fotografin, die immer noch der Meinung ist, daß ich mich irgendwann in sie verlieben werde.“
Ich schüttle über mich selbst den Kopf. Manchmal glaube ich wirklich, daß mein Körper und Geist von Außerirdischen übernommen wird, die seltsame Dinge mit mir anstellen. Ich handle und denke dann, als wäre ich ein völlig anderer Mensch und diese Situationen machen mir Angst. Wenn ich mich schon selbst nicht mehr kenne, wie soll das denn dann bei anderen funktionieren?
Ich will doch gar nichts von Alex. Eigentlich. Ich möchte diesen Auftrag hinter mich bringen, ihm die Rechte an den Bildern überschreiben und danach wieder in meiner Versenkung verschwinden, in der ich bisher so unbeschwert und ohne großes Gefühlschaos gelebt habe. Ich brauche Alex nicht und ich bin auch nicht in ihn verliebt. Wir sind Geschäftspartner. Sonst nichts.
Plötzlich spüre ich wieder, wie er in der Dunkelkammer seine Wange an meine lehnt, fühle seine Lippen an meinem Hals und seine Hände, die sanft über meine Arme streicheln. Herr Gott noch mal! Das muß aufhören. Sofort!
„So, wir sind soweit,“ holt Alex’ Stimme mich unvermittelt zurück in die Gegenwart. Er steht mir gegenüber und lächelt amüsiert. Wo kommt der den auf einmal her? Habe ich etwa laut vor mich hin geplappert? Weiß er, was in meinem Kopf vorgeht?
„Du siehst aus, als hätte ich dich gerade mit den Fingern im Glas mit den Süßigkeiten erwischt,“ stellt er grinsend fest.
„Ach was,“ winke ich ab und verberge meinen entsetzten Blick, in dem ich geschäftig in meinem Koffer herum wühle. „Ich mache mir nur langsam ebenfalls Sorgen über das Wetter.“
„Ja, sieht nicht gut aus,“ nickt Alex und läßt den Blick gen Himmel wandern, wo sich die Wolken inzwischen von hell- in dunkelgrau verfärbt haben.
„Dann mal los,“ sage ich also und hebe entschlossen die Kamera an mein Auge. Ich will das hier schnell hinter mich bringen und das nicht nur wegen dem bevorstehenden Regen.

Kapitel 16