Kapitel 14

Ich habe so viele Bilder auf einmal gemacht, wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte fast vergessen, wie niedlich kleine Kinder sein können. Alleine einen ganzen Film habe ich verknipst, während ich ein Mädchen mit blonden Zöpfen und Zahnlücke fasziniert dabei beobachtete, wie sie mit vier Klöppeln gleichzeitig auf ein Xylophon einhämmerte und dabei nur selten die Töne traf. Aber ganz offensichtlich hatte sie jede Menge Spaß dabei.
Leider war auch ganz deutlich zu sehen, daß die zur Verfügung stehenden Instrumente und Notenblätter bei weitem nicht für einen guten Unterricht ausreichen. Nur etwa ein viertel der Kinder konnte gleichzeitig spielen, während der Rest kaum ruhig zu halten war, weil ihnen schnell langweilig wurde.
Ganz langsam bekomme ich also ein Gefühl für Alex’ Arbeit und wenn man bedenkt, daß sein ganzes Leben eigentlich nur aus Musik besteht, dann kann ich auch verstehen, warum er so sehr mit dem Herzen bei der Sache ist.
Wir sind inzwischen auf dem Weg nach Hause, das stetige Brummen des Motors macht mich friedlich und ich spüre eine wundervolle Mischung aus Befriedigung und Stolz durch meine Adern fließt.
Vorsichtig werfe ich einen Blick zu Alex hinüber. Sein Ellenbogen ruht lässig auf der Mittelarmlehne, die andere Hand hält das Steuer locker umschlossen und sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Scheinbar ist er tief in Gedanken versunken und ich frage mich unwillkürlich, woran er wohl gerade denken mag.
In diesem Moment fängt sein Handy, das in einer Halterung am Armaturenbrett steckt, leise an zu vibrieren und wie verrückt rot zu blinken. Dabei erscheint der Name „Lorain“ auf dem Display und ich könnte kotzen.
Alex greift augenblicklich dümmlich lächelnd zu einem kleinen Headset und klemmt es sich an das recht Ohr, bevor er auf einen Knopf am Handy drückt und sich meldet.
„Hey Sweets. Wie geht es dir?“
Er lauscht eine Weile, schmunzelt ab und zu und scheint mich komplett vergessen zu haben.
„Nein ... ich weiß nicht, das kommt mir so ... ja ... hm ... keine Ahnung, aber wenn du meinst ...,“
Während Schneewittchen am anderen Ende ihren Monolog fortführt, ziehen sich seine Augenbrauen immer weiter zusammen.
„Aber der Termin stand doch schon ewig fest. Ich weiß gar nicht ... ja, das verstehe ich ja, trotzdem ... hm ....“
Mittlerweile hat er auch noch die Stirn gerunzelt und sieht alles andere als glücklich aus. Und auch wenn ich mich dabei ziemlich gemein finde, freue ich mich darüber.
„Lorain. Komm’ schon, Du weißt doch, daß ich da nicht alleine hin möchte und ... ja ... ja, aber ... nein ... nein, ich bin nicht sauer, es ist nur ... ja, das verstehe ich doch aber ... was? ... ähm ... nein ... ich ... ,“
Er wirkt verblüfft, wirft einen kurzen Blick auf sein Handydisplay und schüttelt dann den Kopf.
„Einfach aufgelegt,“ murmelt er verwundert, während er sich das Headset vom Ohr klaubt und es zurück neben das Handy hängt.
„Alles in Ordnung?“ frage ich nur um ihm zu zeigen, daß ich noch hier und wesentlich netter als seine Freundin bin.
„Hm?“ Er sieht mich an, als fiele ihm erst jetzt wieder ein, daß da ja noch jemand in seinem Wagen sitzt und ich fühle mich ein bißchen gekränkt.
„Ich habe dich gefragt, ob alles in Ordnung ist.“
„Oh ... ähm ... ja, sicher,“ gibt er wenig überzeugend zurück.
„Das klang aber gerade eben nicht so,“ wage ich mich noch einen weiteren Schritt vor.
„Ach was,“ er schüttelt den Kopf und versucht zu lächeln, doch es erreicht nicht seine Augen nicht und ich sehe ihm an, daß er weiß, daß ich das weiß.
Aber nun gut. Wenn er nicht darüber reden will, sollte ich das wohl noch am ehesten verstehen.
Die restliche Fahrt zurück zu meiner Wohnung schweigen wir und man sieht ihm an, daß er gedanklich immer noch mit Lorain und ihrem seltsamen Telefonat beschäftigt ist.
Als wir schließlich gegenüber meiner Wohnung am Straßenrand anhalten, aussteigen und die Kameraausrüstung aus dem Kofferraum hervorziehen, hat er immer noch keinen Ton gesagt.
„Möchtest du noch mit rauf kommen?“ frage ich ihn und rechne eigentlich nicht damit, daß er von diesem Vorschlag sonderlich begeistert ist, doch zu meiner Überraschung nickt er.
„Gerne.“
Ich werde einfach nicht schlau aus diesem Mann.

„ Wir haben also noch drei Schulen vor uns,“ sagt Alex gerade, während er seine Kaffeetasse zurück auf den Unterteller stellt und sich dann gemütlich in die Polster des Sofas kuschelt.
Es ist zwar immer noch ein seltsames Gefühl, daß sich noch jemand außer mir hier aufhält, aber lange nicht mehr so schlimm wie das erste Mal vor zwei Wochen.
Er scheint sich mittlerweile auch von dem Telefonat mit Schneewittchen erholt zu haben und ich muß zugeben, daß ich mehr als neugierig bin, was da wohl vorhin passiert ist. Doch erneut zu fragen traue ich mich irgendwie nicht. Ich möchte nicht daß er denkt, ich sei neugierig oder stecke meine Nase in Angelegenheiten, die mich nichts angehen.
„Was meinst du, wie schnell könntest du die Fotos fertig haben?“ fragt er jetzt und sieht aufmerksam zu mir herüber.
„Wenn ich mich heute noch dran mache ...,“ sage ich und wiege nachdenklich den Kopf hin und her, während sich Alex gespannt nach vorne beugt. „Vielleicht ... morgen?“
„Morgen schon?“ fragt er überrascht und ein freudiges Strahlen erscheint auf seinem Gesicht.
„Wir können gleich anfangen wenn du so ungeduldig bist,“ grinse ich. Eigentlich sollte das ein Scherz sein, doch er nickt eifrig.
„Ich bin sofort dabei!“
Mist.
„Uhm ... ich dachte eigentlich nicht ... ,“ setze ich an und merke gerade noch rechtzeitig, wie blöd es klingen muß, wenn ich jetzt einen Rückzieher mache.
„Ja?“ fragt er und wirkt amüsiert.
„Nichts, nichts,“ winke ich ab und stehe auf. „Na dann mal los.“
Er folgt mir durch den Raum hinüber zur Dunkelkammer. Im Vorbeigehen nehme ich den Koffer mit der Ausrüstung mit und knipse gleich darauf in dem kleinen Verschlag das Licht an.
„Ich war noch nie in einer Dunkelkammer,“ informiert Alex mich. Seine Stimme klingt seltsam dumpf in diesen engen Wänden. Da ich hier normaler Weise immer alleine bin, fällt mir das heute das erste Mal auf und es fühlt sich komisch an. So, als sie dieser Ort plötzlich nicht mehr der Selbe.
Alex scheint mein Unbehagen allerdings nicht mitzukriegen. Interessiert sieht er sich um, läßt seinen Blick über die Wannen mit dem Entwickler- und Fixierbad schweifen, mustert ausgiebig den Belichter und geht dann weiter nach hinten durch, wo in einem alten Holzregal jede Menge Flaschen und Tinkturen stehen. „Sieht auf jeden Fall spannend aus.“
„Ist es auch, wenn du auch die Hälfte nicht sehen wirst,“ grinse ich, während ich die vollen Filme aus meinem Koffer hole und sie feinsäuberlich vor mir aufreihe.
„Deswegen wohl auch Dunkelkammer, was?“ grinst Alex.
„Schlaues Kerlchen.“
„Ja, manchmal überrasche ich mich selbst,“ schmunzelt er.
„So. Ich schalte dann mal das Licht aus. Wenn möglich bleib einfach wo du bist, in Ordnung?“
„Das muß ich mir noch überlegen,“ entgegnet er und das letzte was ich sehe, bevor wir in tiefer Finsternis versinken, ist sein breites, anzügliches Grinsen.
Augenblicklich werde ich nervös. Ich befinde mich mit Alex in einem kleinen, dunklen Raum und habe keine Ahnung, was er unter diesen Bedingungen mit mir anstellen wird.
Dementsprechend zittern meine Hände leicht und mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich nacheinander die kleinen Filmpatronen öffne und die Filmrollen heraus nehme. Doch wie immer sorgt dieser Prozeß, den ich vollkommen blind und dabei doch sicher abwickle dafür, daß ich innerlich ruhig werde und mich nur auf meine tastenden Hände konzentriere, die sich jetzt um die erste Spule schließen, die griffbereit neben mir liegt.
„Was tust du?“ höre ich Alex rauhe Stimme und versuche zu erahnen, wie weit entfernt er sich von mir befindet, doch die Schwärze um mich herum und die Konzentration die ich benötige, um den Film akkurat auf die Spule aufzuwickeln, machen es mir unmöglich eine klare Aussage zu treffen.
„Als erstes entnehme ich die Filme aus der Patrone und wickle sie auf eine Spule auf,“ erkläre ich also.
„Zeig mal,“ höre ich erneut seine Stimme und diesmal ist sie mir eindeutig näher gekommen.
„Wage es ja nicht das Licht anzumachen,“ warne ich ihn. „Dann war nämlich die ganze Arbeit von heute für die Katz.“
„Nein,“ entgegnet er. Etwas berührt meinen Rücken und ich zucke erschrocken zusammen. „Ich möchte nur ... ,“ seine Stimme ist jetzt direkt hinter mir. „ ... sehen wie du das machst.“ Beendet er seinen Satz, dann fühle ich, wie sich seine Brust vorsichtig gegen meinen Rücken drückt und sich seine Hände gleich darauf tastend auf meine Arme legen.
„Wie du damals in meiner Wohnung, weist du noch?“ fragt er leise.
Plötzlich scheint sich der Raum um uns herum gefährlich zusammen zu ziehen, mir wird unglaublich warm und meine Beine werden weich wie Pudding. Nur weil ich damals meine Finger nicht von seinen Sachen lassen konnte heißt daß doch wohl noch lange nicht, daß er mir so nahe kommen darf, oder?
„Was soll das werden wenn es fertig ist?“ frage ich also und hoffe, daß man meiner Stimme die Verwirrung nicht all zu deutlich anhört.
Statt einer Antwort tasten sich seine Fingerspitzen vorsichtig über meine Ellbogen hinunter zu meinen Handgelenken und dann weiter zu meinen Händen. Vorsichtig streichen sie über meine Finger, fahren kurz über die Filmrollen und erkunden dann die Spule etwas genauer.
„Also ... du rollst das da drauf auf, richtig?“ sagt er, als wäre es das normalste von der Welt, daß er mir so nahe ist, daß ich seinen verwirrenden Geruch tief in mich aufnehmen kann und mich die Stoppeln seines Bartes im Nacken kitzeln.
„Hm,“ murmle ich bestätigend, während meine Finger automatisch die Arbeit vorsetzen. Dabei berühren sie immer wieder Alex’ Hände und jedes Mal fährt ein Stromstoß durch meinen gesamten Körper.
„Und dann?“
„Und dann ... ,“ entgegne ich, während ich die Spule in einen kleinen Metallbehälter setze „kommt das hier rein.“ Ich taste nach seinen Fingern und schiebe sie über den Behälter.
„Fühlst du das? Da ist ein Verschluß. Kriegst du den zu?“
„Moment.“
Er nimmt auch seine andere Hand zu Hilfe, was mich noch fester in diese seltsame Umarmung einschließt und obwohl ich sowieso nichts sehen kann, schließe ich für einen Moment die Augen. Wenn ich mich konzentriere, kann ich sogar seinen Herzschlag fühlen. Es ist unheimlich und aufregend zugleich.
Ich höre ihn nahe an meinem Ohr leise lachen. „Sowas verrücktes habe ich aber auch nie gemacht,“ murmelt er. „Ich habe noch nicht einmal den Ansatz einer Ahnung, was ich hier in den Händen halte und jetzt soll ich einen Verschluß zu machen, den ich nicht sehen kann.“
„Warte. Ich helfe dir,“ schmunzle ich, taste erneut nach seinen Händen und führe sie vorsichtig an die Seite des Behälters.
„Fühlst du das?“ frage ich ihn, während ich seine Finger über eine kleine Erhebung führe.
„Ja,“ nickt er und ich frage mich ob es Zufall ist, daß seine Lippen dabei mein linkes Ohr streifen.
„Den Deckel runterdrücken und diesen kleinen Stift zurückschieben, siehst du?“ Ich führe seine Finger, während er hinter mir anfängt zu lachen.
„Nein, ich sehe nichts.“
Ich muß ebenfalls kichern. „Dann stell es dir eben vor.“
„Schon dabei.“
Plötzlich fühle ich seine Wange die sich an meine lehnt, seine Arme liegen immer noch beunruhigend männlich und fest um meinen Oberkörper und ich spüre, wie sich seine Brust in meinem Rücken unter seinen langsamen Atemzügen hebt und senkt.
„Gut. Das machen wir jetzt noch mit den anderen vier Filmen und dann können wir das Licht wieder anmachen,“ informiere ich ihn und warte eigentlich darauf, daß er jetzt einen Schritt zurücktreten wird, doch er bleibt wo er ist, während er ziellos auf der Arbeitsfläche herumtastet.
„Wo ist der nächste Film und die nächste Spule?“ fragt er, während mir ein lautes Scheppern verkündet, daß er die beiden Glasflaschen erwischt hat, in dem sich Mineralwasser befindet.
„Shit,“ flucht er leise hinter mir. „Ich hoffe, ich mache dir hier nichts kaputt.“
„Nur keine Panik,“ beruhige ich ihn, fange seine Hände ein und führe sie wieder vor mich, wo der nächste Film und eine weitere Spule bereit liegen. Ich möchte seine Hände auf diese Dinge legen, doch er hält meine Finger für einen Moment fest.
Ich erstarre zur Salzsäule, während ich fühle, wie seine Fingerspitzen zärtlich über meinen Handrücken streicheln. Mein Herzschlag rast plötzlich und dröhnt in meinen Ohren und mein beschleunigtes Atmen erfüllt die kleine Dunkelkammer.
„Was tust du da?“ frage ich leise.
„Ich weiß nicht so genau,“ gibt er zu, während sich seine Lippen an meinen Hals verirren. Diesmal kann ich zumindest ausschließen, daß das nur ein Versehen ist. Mir wird mulmig. Mal ganz davon abgesehen, daß Alex eine Freundin hat, scheinen plötzlich die Dämonen meiner Vergangenheit die Luft zu verpessten. Ich spüre ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, meine Handflächen werden feucht und ich muß mich schwer beherrschen um nicht einfach aus diesem Raum zu stürmen.
„Alex. Hör auf damit,“ sage ich also bestimmt.
„Wieso?“ Sagt er mit rauher Stimme, während seine Zähne plötzlich an meinem Ohrläppchen knabbern und mir damit heißkalte Schauer über den Rücken jagen.
„Dafür gibt es eine ganze Menge guter Gründe, aber da ich keine Lust habe, die hier alle aufzuzählen muß dir ein „ich will das nicht“ genügen.“
Ich spüre, wie er leicht zusammen zuckt. Augenblicklich läßt er mich los und tritt einen Schritt zurück, wobei er an die Arbeitsplatte in seinem Rücken stößt und verhalten flucht.
Er zieht sich weiter in den Raum zurück, bis er irgendwann stehen bleibt und sämtliche Geräusche damit verstummen.
Ich wickle einen weiteren Film mit zitternden Händen auf die nächste Spule, während ich krampfhaft darüber nachdenke, was ich jetzt sagen soll.
„Alles in Ordnung?“ frage ich schließlich leise.
„Ach weißt du ... abgesehen davon, daß ich heute schon zwei Mal von Frauen zurückgewiesen wurde ist alles bestens,“ schnaubt er.
„Zwei Mal?“ hake ich nach und verschließe den nächsten lichtdichten Behälter.
Ich höre, wie Alex seufzt.
„Ich brauche eine Zigarette,“ sagt er.
„Gleich. Gedulde dich noch fünf Minuten, dann können wir das Licht wieder an machen.“
Er schweigt einen Moment, dann höre ich ihn flüstern. „Wegen mir könnte es ewig dunkel bleiben.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er diese Worte an mich gerichtet hat oder nur trübsinnige Selbstgespräche führt und beschließe, daß es jetzt auch schon egal ist.
Leise frage ich. „Was ist denn eigentlich los?“
Er seufzt erneut. „Lorain ist los.“
„Sie scheint nicht gerade einfach zu sein,“ nicke ich, auch wenn er das natürlich nicht sehen kann.
„Und das ist die Untertreibung des Jahrhunderts,“ pflichtet er mir bei.
„Warum bist du dann mit ihr zusammen?“
„Wer sagt, daß wir zusammen sind?“
„Naja ... ,“ ich bin verunsichert. „Ich dachte ... also ...,“
„Ich weiß, das denken alle. Lorain und AJ, ein so schönes Paar.“
Es raschelt hinter mir und ich vermute, daß er sich hingesetzt hat.
„Aber?“ frage ich weiter, während ich den letzten Film zur Hand nehme.
„Aber wir sind nicht wirklich zusammen. Zumindest ... nicht so richtig. Also ... wir sind uns noch nicht darüber im Klaren, ob wir was Festes wollen.“
„Zögerst du oder sie?“
„Das ändert sich von Tag zu Tag,“ gibt er zu.
„Das ist allerdings schwierig,“ stelle ich fest, während ich versuche, sämtliche Gefühle der Romantik, Enttäuschung und Sehnsucht in mir zu ersticken. Was habe ich denn erwartet? Dass sich jemand wie Alex unsterblich in mich verliebt und solche engelsgleiche Geschöpfe wie Lorain darüber vergißt? Wie lächerlich.
„Ja. Sie hat vorhin unseren geplanten Trip fürs Wochenende abgesagt. Wir wollten nach Vegas und ein bißchen Zeit zusammen verbringen. Aber irgendwie ist ihr wohl etwas dazwischen gekommen und ... nun ja ... das ärgert mich wohl.“
„Kann das nicht immer mal passieren?“ frage ich, während ich den Verschluß des letzten Behälters schließe und mich dann mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte lehne. Irgendwie ist mir nicht danach, das Licht schon wieder einzuschalten. Es scheint, als seien Alex und ich uns näher, wenn wir uns nicht sehen können.
„Klar kann es das. Es ist nur ... so ... typisch für sie. Sie tut nur das, was ihr gefällt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Am Anfang fand ich das ziemlich anziehend. Sie hatte so etwas an sich ... wild und ... jung ... und ... unkonventionell. Aber inzwischen denke ich, daß sie vielleicht gar nicht in der Lage ist eine wirkliche Beziehung zu führen.“
„Und du?“ frage ich interessiert.
„Was und ich?“
„Bist du in der Lage eine richtige Beziehung zu führen?“
„Wenn ich das wüßte,“ höre ich ihn seufzen.
„Klingt, als hättet ihr euch gesucht und gefunden,“ schmunzle ich.
Er schweigt und ich lange nun doch nach dem Lichtschalter. Das Licht, das nun aufflammt, ist eigentlich gedämpft und hat einen rötlichen Schimmer, damit sich die Augen besser auf den Unterschied von vollkommener Dunkelheit zu Helligkeit gewöhnen können, trotzdem muß ich ein paar Sekunden blinzeln.
Als ich endlich wieder klar sehe, sitzt Alex in der hintersten Ecke auf dem Boden, hat die Arme auf seinen angezogenen Knien verschränkt und blickt zu mir auf.
„Wenn man genauer hinsieht, bin ich ein ganz schön armes Würstchen, was?“ fragt er.
„Nein,“ ich schüttle den Kopf. „Du bist ein Mensch, der seinem Herzen folgt und das ist gut.“
Er zuckt mit den Schultern. „Manchmal denke ich, ich werde niemals genug Geld haben um irgendeine Frau halten zu können.“
„Das ist dein größter Fehler,“ nicke ich, gehe wider besseren Wissens zu ihm hinüber und lasse mich vor ihm in die Hocke sinken. „Geld macht niemanden glücklich. Am allerwenigsten dich.“
Er starrt mich aus dunklen, unergründlichen Augen an und nickt dann langsam. „Vielleicht hast du recht.“
„Ich habe immer recht,“ grinse ich.
Ein Lächeln erscheint ganz langsam wieder auf seinem Gesicht und er nickt langsam.
„Na gut Miss Größenwahnsinnig. Dann zeig mir mal, wie wir aus diesen komischen Spulen und Behältern richtige Fotos rauskriegen.“
„Nichts leichter als das,“ grinse ich, erhebe mich und strecke ihm meine Hand entgegen. Er ergreift sie und läßt sich von mir in die Höhe ziehen.
Gemeinsam gehen wir zurück zu den versiegelten Spulen.
„Danke,“ höre ich ihn hinter mir murmeln.
„Jederzeit,“ gebe ich zurück und fühle mich dabei so gut wie schon lange nicht mehr.

Kapitel 15