Kapitel 13

Ich sitze neben Alex in seinem geräumigen Geländewagen und frage mich zum wiederholten Mal, warum ich mich auf diese fixe Idee eingelassen habe. Fotos machen! Für einen Kalender! Also wirklich. Viel weiter aus meinem Hasenbau kann ich ja wohl kaum heraus kommen. Es sei denn ich stelle mich nackt auf eine Hauptverkehrsstraße und bete laut zu Satan.
Ich muß allerdings auch zugeben, daß es schon ein tolles Gefühl war meine Kameraausrüstung zusammen zu packen, mir zu überlegen, wie ich an die Bilder heran gehen will und was ich dafür alles brauche.
Seit langer Zeit habe ich endlich wieder eine richtige Aufgabe vor mir. Ein Projekt, in das ich all meine Energie und mein Herzblut stecken kann. Ich spüre dadurch, wie Seiten in mir erwachen, die ich längst vergessen hatte.
Ich fühle mich lebendig. Sehr seltsam.
Seltsam schön.
„Angst vor der eigenen Courage?“ dringt Alex’ Stimme plötzlich zu mir durch.
„Ein bißchen,“ gebe ich zu.
„Wieso?“
Ich richte meinen Blick schweigend aus dem Beifahrerfenster und versuche so zu tun, als sei er gar nicht da.
„Oh, verstehe. Das gehört auch zu diesem „ich will darüber nicht reden“ Geheimnis,“ sagt er und klingt dabei irgendwie amüsiert, was mich wiederum wütend macht.
Ich beiße also die Zähne zusammen und ignoriere ihn weiterhin.
„Mal ehrlich, nur so für mich,“ redet er weiter „begehe ich eine Straftat, wenn ich mit dir zusammen bin?“
Ich schüttele genervt den Kopf. Dieser Mensch ist so ... anstrengend wenn er gut gelaunt ist.
„Also nicht?“
„Nein.“ Ich fahre jetzt doch zu ihm herum und versuche meine gesamte Wut in meinen Augen aufblitzen zu lassen. Ich befürchte allerdings, daß ich damit ziemlich dämlich aussehe. Egal. „Und wenn du immer noch vor hast diesen blöden Kalender zu machen, solltest du jetzt besser einfach deine Klappe halten.“
Er grinst. Ein fettes, breites, amüsiertes Grinsen und am liebsten würde ich ihm eben dieses mit einem scharfen Gegenstand aus seinem hübschen Gesicht schneiden.
„Gut, daß wir da sind,“ sagt er. „Sonst hätte ich diesen Wagen vielleicht nicht mehr lebend verlassen.“
„Davon kannst du ausgehen,“ grummele ich und wende dann meine Aufmerksamkeit wieder der Außenwelt zu.
Wir haben am Straßenrand vor einem flachen Sandsteingebäude angehalten. Eine breite Rasenfläche trennt den Eingang mit den großen Flügeltüren von der Straße, Kinder laufen mit Rucksäcken und Büchern unter dem Arm an uns vorbei, würdigen uns dabei allerdings keines Blickes. Das beruhigt mich etwas. Das hier ist eine reine Mädchenschule und damit in meinen Augen der Supergau.
Gemeinsam mit Alex steige ich aus und nehme von ihm den Alukoffer mit meiner Kameraausrüstung entgegen. Dann nähern wir uns über einen breiten Betonweg, der rechts und links von alten Ulmen gesäumt wird, dem Schulgebäude.
Ich fühle mich wieder in meine Kindheit zurück versetzt. Auch wenn diese Einrichtung hier keine Ähnlichkeit mit dem dunklen, muffigen Bunker aufweist, in dem ich meine Schulzeit verbrachte, so fühle ich hier trotzdem eine gewisse Aufregung. Ich glaube, ich habe seit zehn Jahren kein Schulgebäude mehr von innen gesehen und die Kinder, die lachend und schwatzend an uns vorüber gehen, lassen mich daran denken, wie unbeschwert ich damals gewesen bin und daß die schlimmste Katastrophe damals war, in Mathe durchzufallen und ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause zu bringen. Augenblicklich sehne ich mich an diesen Punkt meines Lebens zurück. Ich würde vieles besser, manches anders und einiges gar nicht machen. So viel steht fest.
Über zwei Treppenstufen erreichen wir das Eingangsportal und als wir durch die Flügeltüren hinein in einen dunklen Flur treten, fällt dem ersten Mädchen auf, welch unverhoffte Prominenz gerade in ihren grauen Alltag getreten ist.
Während wir an ihr vorbei gehen als ob nichts wäre, höre ich, wie sie sich aufgeregt flüsternd an ihre Freundin wendet. Ich kann nicht wirklich verstehen was sie sagt, aber zum Schluß weht uns ein gehauchtes „McLean“ hinterher und ich weiß, daß für mich jetzt gleich die angenehme, unbelästigte Zeit des Tages vorbei sein wird.
Am Ende des Flurs wendet Alex sich nach links und steuert zielstrebig auf eine offen stehende Tür zu, während ich hinter uns hektisches Fußgetrappel ausmachen kann, das ganz eindeutig von mehr als einem Paar Füße stammt.
„Ähm ... ,“ ertönt es auch gleich darauf in meinem Rücken, gefolgt von einem aufgeregten Kichern und ich schließe für einen Moment die Augen.
Alex hält inne und dreht sich freundlich lächelnd herum.
„Ja?“ fragt er.
„Sie sind doch ... also ... ,“
Ich gehe noch drei Schritte weiter und bringe mich damit hoffentlich aus der Gefahrenzone. Erst dann drehe ich mich herum.
Alex ist inzwischen buchstäblich eingekreist von einer Horde Mädchen. Die jüngste weiß wahrscheinlich noch nicht einmal, was Musik überhaupt ist und die älteste ist sicherlich noch zu jung für einen Führerschein. Trotzdem ist da ein aufgeregtes Leuchten auf allen Gesichtern, während ich Alex sagen höre „ja, der bin ich.“
Na großartig. Brüll doch noch lauter, damit dich auch wirklich jeder in diesem beschissenen Gebäude hören kann.
Ein aufgeregtes Murmeln geht durch die Menge, vereinzelt wird gekichert und plötzlich ertönt vom anderen Ende des Flures ein ohrenbetäubendes Kreischen.
Ich fahre zu Tode erschrocken herum und mache mich auf jede Menge Blut oder wenigstens zerquetschte Gliedmaßen gefaßt, aber statt dessen kommt eine kleine, stämmige Blondine angerannt, die von weitem aussieht wie zwanzig, sich bei näherem Hingucken aber als höchstens vierzehn entpuppt und wirft sich Alex an den Hals.
„Oh mein Gott,“ stammelt sie immer wieder, Tränen laufen ihr dabei über die Wangen und verschmieren ihr sorgsam aufgetragenes Makeup.
„Hey,“ lächelte Alex, drückt die Kleine an sich und versucht sie zu beruhigen. „Alles in Ordnung,“ höre ich ihn sagen. „Keine Panik. Ich wollte nur mal sehen, was ihr hier so macht.“
Irgendwie bekommt er sie ruhig, aber sie steht weiterhin zitternd neben ihm und ihr Blick bleibt wie festzementiert an seinem Gesicht hängen.
Ich stelle meinen Koffer neben mir ab, öffne die Verschlüsse und hole meine Kamera heraus. So ein bißchen aufwärmen bevor es los geht hat ja noch niemandem geschadet.
Ich blicke durch den Sucher und zoome das verweinte Gesicht der kleinen Blonden heran. Da ist etwas in ihren Augen, was mich für einen Moment richtig rührt. Während mein Finger den Auslöser von ganz alleine findet und das mir so vertraute Klicken durch den Gang halt, fühle ich ihre Sehnsucht und auch die Verzweiflung die sie empfindet, während das Objekt ihrer Begierde so nahe bei ihr steht und trotzdem unerreichbar bleibt.
Über die ganze Aufregung hinweg tönt plötzlich eine befehlsgewohnte Frauenstimme.
„Kinder!“ ruft sie und dann noch mal lauter um sich Gehör zu verschaffen. „Kinder, jetzt reicht es aber. Lasst Mr. McLean bitte in Ruhe. Paulina. Anna. Habt ihr nicht eigentlich Unterricht? Marsch, Marsch zurück in eure Klassen. Nein Amanda, du auch. Abmarsch.“
Ein enttäuschtes Gemurmel erhebt sich und die ersten wenden sich ab und gehen langsam den Flur hinunter, wobei sie sich immer wieder umdrehen und zurück zu Alex starren. Die kleine Blondine muß von der Lehrerin ungefähr fünf Mal ermahnt werden und nur Alex’ Versprechen, daß er noch eine Weile da sein wird und man sich später ja noch mal sehen könnte, bewegt sie schließlich dazu, sich von ihrem Idol zu lösen.
„Tut mir leid,“ entschuldigt sich die Frau und streckt Alex ihre Hand entgegen. „Mr. McLean? Eva Smith. Ich bin die Direktorin. Wir hatten telefoniert.“
Sie sieht ziemlich jung aus für eine Direktorin. Vielleicht gerade mal 35. Ihr rotblondes Haar ist praktisch kurz geschnitten, sie trägt ein graues Kostüm und eine weiße Bluse darunter und hat ungefähr so viel charismatische Ausstrahlung wie ein Toastbrot.
„Freut mich sie kennen zu lernen,“ nickt Alex und schüttelt freundlich lächelnd ihre Hand.
„Und das ist die Fotografin, von der ich ihnen erzählt habe,“ fährt er fort und blickt sich dann einen Moment suchend um, bis er mich ein Stück weiter den Flur hinunter an die Wand gelehnt stehen sieht. Er wirkt erleichtert, gerade so, als hätte er erwartet, daß ich mich in Luft aufgelöst oder heimlich verdrückt hätte.
„Jane D ... Donaldson,“ stellt er mich vor und ich kann über diese Unverfrorenheit nur den Kopf schütteln. Schon wieder habe ich einen neuen Namen verpaßt bekommen und schon wieder hatte ich dabei kein Mitspracherecht.
„Miss Donaldson, sehr angenehm,“ sagt Mrs. Smith, schüttelt auch meine Hand und bedeut uns dann, ihr in ein kleines, blitzsauberes Büro zu folgen.
Der Schreibtisch ist aufgeräumt, lediglich vor der Computertastatur liegt ein aufgeschlagener Aktendeckel. An der linken Wand zieht sich ein Bücherregal vom Boden bis zur Decke, das vollgestellt ist mit Literaturklassikern und Fachbüchern.
An der rechten Wand hängen einige gerahmte Fotografien und gemalte Bilder über einem Kopierer.
„Nehmen sie doch Platz,“ sagt sie und deutet auf die beiden Stühle, die vor ihrem Schreibtisch stehen, bevor sie um diesen herum geht und sich ebenfalls setzt.
„Das war ja ein heißer Empfang,“ grinst Alex und schlägt die Beine übereinander.
„Oh ja,“ nickt die Rektorin. „Ich bitte auch nochmals um Entschuldigung dafür, wir ... ,“
„Sie müssen sich doch nicht entschuldigen,“ wehrt Alex sofort ab.
„Naja ... irgendwie ist durchgesickert, daß sie heute kommen und seit dem herrscht hier große Aufregung.“
„Ich hoffe, ich habe ihren Schulalltag nicht all zu sehr durcheinander gebracht.“
„Nein. Wir haben das im Griff,“ lächelte sie, faltet dann die Hände auf der Tischplatte und sieht Alex aufmerksam an.
Okay, ich glaube, ich möchte niemals mit ihr aneinander geraten. Sie hat so eine ... bulldoggenmäßige Ausstrahlung wenn sie so guckt. Als könne sie dir sämtliche Sünden von der Stirn ablesen.
„Wie haben sie sich das denn nun genau mit den Fotos vorgestellt?“ kommt sie auf den Grund unseres Besuches zu sprechen.
Alex wirft mir einen Blick zu, weil er sich scheinbar nicht ganz sicher ist, ob ich dazu etwas beizutragen habe, aber ich bedeute ihm mit einem kurzen Kopfnicken, daß das Reden eindeutig seine Spezialität ist und nicht meine.
„Wir dachten, wir könnten vielleicht eine Schulstunde Musik besuchen. Jane ... ,“ er deutete mit der Hand auf mich, was ich ziemlich albern finde „ ... wird dann ein paar Fotos machen. Alles ganz natürlich. Sozusagen direkt aus dem Alltag.“
„Okay,“ nickt Mrs. Smith, wendet sich dann ihrem Computer zu und tippt einen Moment auf der Tastatur herum. „In einer viertel Stunde fängt der Unterricht bei Miss Watson an. Musikalische Früherziehung für unsere jüngsten von vier bis sechs Jahre. Wäre das etwas für sie?“
Kinder ziehen immer schießt es mir durch den Kopf und ich muß grinsen.
„Wäre das etwas für uns?“ fragt Alex an mich gewandt und erwidert mein Grinsen, auch wenn er nicht wissen kann, woran ich gerade denke.
„Das klingt toll,“ nicke ich also.
„Gut. Also auf zur musikalischen Früherziehung,“ schmunzelt er und erhebt sich.
Ein unbändiges Kribbeln schießt in diesem Moment durch meinen Körper und ich merke, wie ich nervös werde. Jetzt geht es also los. Mein erster, richtiger Job als Fotografin. Irgendwie unwirklich und doch zum greifen nahe.

Kapitel 14