Kapitel 12

Ich bin über ihn hinweg. Ganz ehrlich. Ich meine, wenn man ihn sich mal genauer betrachtet, bleibt außer seinen Augen doch nicht viel übrig, oder? Er ist nervig, aufdringlich und manchmal sehr seltsam. Diese Geschichte, als er mich mit dem Rücken gegen die Tür gedrückt hat zum Beispiel. Da ist doch ein gewisses Gewaltpotential vorhanden und davon hatte ich in meinem bisherigen Leben mehr als genug.
Und wenn er der Meinung ist, mich nach einem einzigen Abend so gut zu kennen, daß er mich lieber nicht mehr wieder sehen will, dann hat er eben Pech gehabt. Er verdient mich gar nicht! Er ...
Das Glöckchen über der Tür des Diners klingelt, ich schlage meine Zeitschrift zu und seufze leise. Ich habe Nachtschicht und um diese Uhrzeit kommt selten ein vernünftiger Gast vorbei.
Ich setze also mein professionelles „komm mir bloß nicht zu nahe“ Lächeln auf und zücke bereits meinen Bestellblock, als ich mitten in der Bewegung einfriere.
Alex!
Mist.
„Guten Abend,“ sagt er lächelnd, während er sich direkt vor mir auf einen Barhocker schwingt.
„So spät noch unterwegs?“ frage ich zurück und versuche unbeeindruckt zu wirken. Ich bin über ihn hinweg. Ich bin über ihn hinweg.
„Ich wollte dich sehen.“
Ich bin nicht über ihn hinweg.
„Tatsächlich?“ sage ich und hebe in gespielter Überraschung die Augenbrauen.
„Tatsächlich,“ nickt er. „Ich habe nämlich etwas mit dir zu besprechen.“
„Das klingt ja sehr mysteriös.“
„Das ist es eigentlich gar nicht,“ sagt er schmunzelnd. „Aber vorher hätte ich gerne einen von euren unübertroffenen Lola-Burgern.“
„Mit allem?“
„Mit allem. Und dazu eine Coke bitte.“
Ich kritzle die Bestellung auf meinen Block, klippse ihn gleich darauf für Lucius an sein Bestellrondell und fülle dann ein Glas mit der gewünschten Cola.
Hinter mir höre ich Lucius flüstern. „Habe ich Halluzinationen oder ist das da vorne AJ?“
„Ja, das ist er,“ nicke ich, während ich warte, daß der Schaum auf dem Glas verschwindet und ich noch etwas nachschenken kann.
„Ich dachte er wäre mit dieser Lorain zusammen?“
„Na und? Er kann doch trotzdem seinen Burger essen wo er will,“ gebe ich leise zurück und bin froh, daß ich Lucius eindringliche Stimme, die ein bißchen wie mein schlechtes Gewissen klingt, hinter mir lassen kann um zu Alex zurück zu gehen. Nun ja ... ich tausche damit lediglich Pest gegen Cholera, aber was will man machen?
„Bitte sehr,“ sage ich, als ich das Glas vor ihm abstelle und trete dann sofort einen Schritt vom Tresen zurück. Ich darf ihm unter keinen Umständen zu nahe kommen. Man hat ja gesehen, wohin das führt.
„Danke,“ nickt er und mustert mich dann aufmerksam. Nachdem er dabei eine gefühlte Ewigkeit keinen Ton sagt, werde ich langsam unruhig.
„Habe ich einen Fleck auf der Stirn oder was?“ frage ich.
„Nein,“ gibt er schmunzelnd zurück. „Ich versuche nur zu ergründen, in welcher Stimmung du gerade bist.“
„Ich bin mir selbst noch nicht ganz schlüssig,“ gebe ich zu und verschränke die Arme vor der Brust.
„Nun gut, dann muß ich es wohl riskieren.“
„Was riskieren?“
„Dass du mir gleich über die Theke ins Gesicht springst und hinterher meinen leckeren Burger in die Mülltonne wirfst.“
„Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du eine ganz falsche Taktik hast um unangenehme Dinge anzusprechen?“ frage ich, inzwischen mehr als nervös. Was will der Kerl nur von mir?
„Nein. Aber ich befürchte, das ist offensichtlich,“ gibt er hilflos zu.
„Jetzt sag es einfach, bevor ich hier noch vor Neugier platze.“
„Na gut.“
Er nimmt einen Schluck von seinem Getränk, faltet dann die Hände auf dem Tresen und sieht mich mit ernstem Blick an.
„Erinnerst du dich an das Bild, das ich so toll fand?“
„Der Junge mit der Gitarre? Ja, ich erinnere mich.“
„Nun ... es hat mich auf eine Idee gebracht. Allerdings benötige ich für die Umsetzung deine Hilfe.“
„Ich dachte mir schon, daß ich nicht so einfach aus der Nummer wieder raus komme,“ nicke ich, inzwischen auf alles gefaßt.
„Ich möchte einen Kalender herausbringen. Für meine Stiftung. Jeder Cent soll der Johnny No Name Foundation zufließen. Das wird so eine Art ... hm ... Weihnachtsding,“ sagt er und auch wenn ich mir ungefähr vorstellen kann, welche Rolle er mir dabei zugedacht hat, schweige ich. Er hatte gar nicht so unrecht mit dem „über den Tresen springen“ und „den Burger in den Müll werfen“, aber ich will ihm noch eine Chance geben, bevor ich das in die Tat umsetze.
„Jedenfalls,“ fährt er fort. „Brauche ich jemanden, der für mich die Fotos macht. Und da kommst du ins Spiel.“ Sein Lächeln soll wohl herzlich sein, aber es wirkt äußerst angestrengt und irgendwo in seinen Augen kann ich Angst lesen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
„Kein Interesse,“ lehne ich knapp ab.
„Ich habe befürchtet, daß du das sagen wirst. Aber ich bitte dich, mir einfach bis zum Ende zuzuhören, okay?“
„Das ändert nichts an meiner Entscheidung.“
„Vielleicht doch.“
„So gut solltest du mich doch inzwischen kennen,“ sage ich und merke gleich darauf, daß das nicht stimmt. Er kennt mich nicht ein kleines Bißchen, sonst wäre er jetzt wohl kaum hier.
„Ich weiß, daß du nicht möchtest, daß dein Name irgendwo auftaucht. Ich weiß auch, daß du nicht mit mir zusammen gesehen werden willst, weil ich eventuell das Interesse von irgendwelchen Fotografen auf mich ziehen könnte. Kommt das so ungefähr hin?“
Ich nicke. Zum Sprechen bin ich nicht mehr fähig.
„Wenn wir diese Sache also alleine durchziehen würden. Ich meine ... nur du und ich. Wir besuchen ein paar Schulen, machen ein paar Bilder und halten deinen Namen unter Verschluß. Meinetwegen nennen wir dich Jane Doe.“
„Wozu das alles Alex? Es gibt ganz sicher jede Menge Fotografen, die das sehr gerne und wesentlich professioneller machen würden. Du brauchst mich nicht.“
„Oh doch. Ich brauche dich sogar sehr. Ich habe deine Bilder gesehen und sie sind genau das, was ich mir vorstelle. Du fotografierst die Menschen auf eine Art ... ich weiß auch nicht ... so daß man ihr Innerstes erkennen kann und das fasziniert mich. Ich möchte genau solche Bilder für meinen Kalender.“
„Es geht trotzdem nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil ...,“ ich überlege krampfhaft wie ich ihm begreiflich machen soll, daß es für mich einem Selbstmord gleich käme, wenn ich diesen Auftrag annehme. Leider fallen mir die passenden Worte nicht ein. Nun gut ... dann anders. „Du könntest mir doch gar nicht garantieren, daß mein Name nicht doch irgendwo erscheint. Und in diesen Schulen ... da gibt es jede Menge Teenager, die wahrscheinlich alleine bei deinem Anblick in Ohnmacht fallen und sich im selben, letzten Atemzug fragen, wer wohl die Frau an deiner Seite ist. Das kann niemals gut gehen.“
„Erstens kann ich dir sehr wohl garantieren, daß dein Name geheim bleibt. Es wird keine Verträge oder Korrespondenz geben, dafür bürge ich mit allem was mir heilig ist.
Zweitens überschätzt du meine Wirkung auf die Teenager von heute kolossal und drittens verdrehe ich ihnen nach dem Aufwachen so sehr den Kopf, daß sie sich an dich nicht mehr erinnern werden.“
Ich muß gegen meinen Willen grinsen als ich mir vorstelle, wie Alex sich über eine blasses Mädchen beugt und ihr mit seiner Reibeisenstimme etwas unanständiges ins Ohr flüstert. Ganz sicher werde ich dabei aus sämtlichen Teenie-Speichern gelöscht.
„Trotzdem,“ ich schüttle den Kopf. „Das geht nicht.“
„Gib wenigstens zu, daß dich die Aufgabe reizt,“ sagt er.
„Ja, sie reizt mich,“ bestätige ich. Sie reizt mich sogar so sehr, daß sich nur bei dem Gedanken daran, meine Bilder auf irgendeinem Kalenderblatt zu sehen, in meinem Magen ein aufgeregtes Kribbeln ausbreitet. Aber das brauche ich ihm ja wohl nicht auf die Nase binden.
In diesem Moment klingelt Lucius nach mir, da Alex’ Bestellung fertig ist und erleichtert drehe ich mich um und strebe der Durchreiche entgegen, wo Lucius mit einem riesigen Teller in der Hand auf mich wartet.
„Benimmt er sich?“ fragt er.
„Im Moment schon,“ entgegne ich und finde es irgendwie rührend, wie er sich um mich sorgt.
„Gut. Ein Wort von dir und ich zeige ihm, was man mit einem Pfannenwender noch so alles machen kann.“
„Danke Lucius, aber das wird nicht nötig sein,“ lächle ich und gehe wieder zurück zu Alex, der mit leuchtenden Augen auf den Teller in meiner Hand starrt.
„Bitte sehr. Ein Lola-Burger mit allem,“ sage ich. „Guten Appetit.“
„Danke.“
Er benötigt einen Moment, bis er das riesige Sesambrötchen entsprechend zwischen seinen Fingern plaziert hat, dann reißt er den Mund weit auf und beißt genüßlich hinein, wobei sich der vorhersehbare Strom von Ketchup und Mayo über seine schwarz lackierten Fingernägel ergießt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ich mich über die Theke beuge und ihm mit geschlossenen Augen jeden einzelnen Finger ablecke, doch ich kann mich gerade noch beherrschen.
„Um noch einmal auf meine Idee zurück zu kommen ...,“ sagt er, nachdem er geschluckt hat.
„Alex wirklich. Vergiss es einfach. Ich mache da nicht mit.“
„Bitte Avery. Ich brauche dich. Das ist eine große Sache für mich ... und auch für dich.“
„Ist es nicht,“ widerspreche ich. „Was sagt im Übrigen Lorain dazu, wenn du dich den ganzen Tag mit einer fremden Frau herumtreibst?“
Am liebsten würde ich die Worte zurück nehmen und mir beide Hände vor den Mund schlagen. Wie kann man auch nur so dämlich sein?
„Lorain?“ fragt er überrascht. „Ich denke nicht, daß sie etwas dagegen hätte, aber wenn es dir dann besser geht, kann ich sie gerne fragen.“ Ein belustigtes Funkeln ist in seinen Augen aufgetaucht und ich bete innerlich, daß er mich nicht durchschaut hat.
„Nein, nein. War nur so ein Gedanke.“
„Aha. Nur so ein Gedanke. Verstehe.“
In diesem Moment rettet mich Gott sei Dank das erneute Klingeln über der Tür. Erleichtert schnappe ich mir zwei Speisekarten und gehe zu den beiden Jugendlichen hinüber, die sich in der hintersten Ecke des Diners niederlassen.
„Hallo,“ sage ich und reiche ihnen die Karte.
„Hey Schönheit,“ sagt einer der beiden Jungs. Er ist sicherlich nicht älter als achtzehn, trägt eine Baseballkappe, hat überall Pickel im Gesicht und eine Zahnspange, dafür scheinbar Selbstbewußtsein für fünf.
Der andere ist hoch aufgeschossen, hat ein kantiges Gesicht und einen Irokesenschnitt.
„Was möchtet ihr trinken?“
„Bier,“ kommt es zweistimmig.
„Seid ihr denn schon 21?“
„Na klar,“ sagt Mr. Iro und grinst breit.
„Darf ich eure Ausweise sehen?“
„Ham wir gerade nich dabei,“ sagt Mr. Pickeldie und sein Grinsen wird breiter.
„Tja, dann wohl doch eher ne Limo,“ sage ich achselzuckend.
„Komm’ schon Schätzchen,“ sagt Mr. Iro und greift tatsächlich nach meinem Arm.
„Wenn du mich nicht sofort losläßt, breche ich dir sämtliche Finger,“ sage ich ruhig.
„Wie willst du das denn anstellen?“ fragt Mr. Pickeldie und schnappt sich meinen anderen Arm, während sich Mr. Iros Finger auf meinem Hintern selbstständig machen. Sofort steigt Übelkeit in mir auf und alle meine Sinne schreien „weg von hier“. Doch leider sind diese beiden Kotzbrocken genau so stark wie uneinsichtig.
„Na komm’ schon,“ lacht Mr. Iro „zier dich doch nicht so.“
Eine Welle aus Angst schlägt über mir zusammen, mein Mund wird trocken und meine Knie fangen an zu zittern. Bevor ich allerdings entsprechend reagieren kann, steht Alex an unserem Tisch, packt Mr. Iro am Kragen und zerrt ihn in die Höhe.
„Schon mal was davon gehört, daß man eine Lady auch wie eine behandelt?“ fragt er grimmig.
Mr. Pickeldie springt von seinem Sitz auf und hat plötzlich ein Messer in der Hand. .„Hey Alter. Du solltest dich hier besser nicht einmischen.“
Mir stockt der Atem und ich habe das Gefühl, daß sich meine Eingeweide verflüssigen.
„Leg das Ding weg und hau ab,“ knurrt Alex und sieht so was von wütend aus, daß selbst ich vor ihm Angst bekomme.
In diesem Moment fliegt Mr. Pickeldies Baseballkappe in hohem Bogen durch den Raum, gleichzeitig gibt er ein gequältes „Aua“ von sich und will herum fahren, doch Lucius hat bereits seinen Arm gepackt und verdreht ihn so auf seinem Rücken, daß das Messer klirrend zu Boden fällt. Gleich darauf landet er mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch.
Mr. Iro hat wohl beschlossen, sich gegen Alex zur Wehr zu setzen, doch der hebelt ihn so geschickt aus, daß er gleich darauf neben seinem Kumpel mit dem Gesicht auf der Tischplatte liegt.
Alex und Lucius grinsen sich für einen Moment an, dann sagt Alex mit dunkler, fester Stimme „und jetzt entschuldigt ihr euch bei der Lady. Aber ganz plötzlich.“
Ich weiß gar nicht wie mir geschieht. Die beiden murmeln eine knappe Entschuldigung, dann werden sie von Lucius und Alex in die Höhe gerissen und mit einem kräftigen Stoß durch die Tür hinaus befördert.
Sie warten bis sie sicher sein können, daß die beiden sich getrollt haben, dann heben sie wie auf Kommando die Hand und schlagen ein.
„Gut gemacht Bruder,“ sagt Lucius und ich glaube mich verhört zu haben. Hat er vorhin nicht noch etwas von einem Pfannenwender erzählt?
„Gleichfalls,“ entgegnet Alex, dann wendet er sich mir zu. „Alles in Ordnung?“ fragt er und kommt mit besorgter Miene auf mich zu.
„Danke. Alles bestens. Mit denen wäre ich auch alleine fertig geworden.“
„Schon klar,“ höre ich Lucius schnauben, bevor er wieder in seiner Küche verschwindet.
„Du siehst etwas blaß aus,“ sagt Alex und erst jetzt merke ich, wie sehr meine Knie zittern. Erschöpft lasse ich mich auf die Bank sinken, auf der gerade noch Mr. Pickeldie gesessen hat und atme ein paar Mal tief ein und wieder aus.
„Sie sind weg. Du brauchst keine Angst mehr zu haben“ höre ich Alex sagen und plötzlich taucht sein Gesicht vor mir auf. Er ist vor mir in die Hocke gegangen und umfaßt nun meine eiskalten Hände.
„Geht schon. Wirklich. So etwas erleben wir hier jeden Tag.“
Nun ja ... so ganz stimmt das natürlich nicht. Normaler Weise pöbeln sie herum, hinterlassen eine Schweinerei sondersgleichen und gehen dann wieder. Mit einem Messer bin ich jedenfalls noch nie bedroht worden.
Alex schweigt und starrt mich weiterhin an, als versuche er in meinen Kopf hinein zu sehen.
„Trotzdem danke,“ quetsche ich hervor.
„Jederzeit,“ lächelt er und ich kann gar nicht anders, als es zu erwidern.
„Dein Burger wird kalt,“ erinnere ich ihn und stehe mit noch etwas wackligen Beinen auf.
„Ach, das ist nicht so wichtig,“ winkt er ab, folgt mir aber anstandslos zu seinem Platz zurück.
Ich lasse ihn kurz alleine und werfe einen Blick durch die Durchreiche in die Küche hinein.
„Hey Rambo,“ grinse ich.
„Was ist?“ Lucius scheint schlecht gelaunt zu sein.
„Vielen Dank. Ich werde dich für den Held des Monats vorschlagen.“
Ein leises Lächeln zuckt um seine Mundwinkel. „Keine Ursache. Ich wünschte, sie hätten sich ein bißchen mehr gewehrt, dann hätte ich ... ,“
„Erspar’s mir,“ unterbreche ich ihn schnell.
Er kommt hinter seinem Grill hervor und stellt sich direkt vor mich. Lediglich das schmale Sims der Durchreiche trennt uns voneinander und ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir uns schon jemals absichtlich so nahe waren.
„Darf ich dir einen Rat geben?“ fragt er leise und ich zucke mit den Schultern. „AJ ist ein feiner Kerl.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich arbeite jetzt schon zehn Jahre in diesem Laden und ich habe jede Menge Leute kommen und gehen sehen. Glaub mir, ich kenne mich aus. Und AJ gehört zu der Sorte, die man besser festhält, wenn sie vor einem stehen.“
Ich werfe einen kurzen Blick zurück. Alex ist voll und ganz mit seinem Burger beschäftigt, von dem nicht mehr viel übrig ist. Zwischendurch schiebt er sich immer wieder eine Pommes zwischen die Lippen, was mein Herz schneller schlagen läßt. Gott, so weit ist es mit mir schon gekommen: Ich finde einen Mann nur weil er Pommes verzehrt erotisch! Vielleicht sind das aber auch die Nachwirkungen des Überfalls. Immer noch scheint sich in meinem Kopf alles zu drehen und ich kann das Gleißen der Stahlklinge nicht vergessen, die für einen Moment gefährlich nahe an mir vorbei geschwebt ist.
„Ich weiß nicht Lucius. Das ist alles ... so kompliziert.“
Ich sehe wieder zu ihm auf und bemerke den weichen Ausdruck in seinen Augen, der mir noch nie vorher aufgefallen ist.
„Vielleicht ist es das,“ gibt er unumwunden zu „aber vielleicht ist er es wert. Schon mal darüber nachgedacht?“
Ich nicke widerstrebend.
„Hör auf mich. Gib ihm eine Chance. Spätestens jetzt hat er sie sich doch verdient, findest du nicht?“
„Und was ist mit Lorain?“ Ich kann gar nicht glauben, daß ich dieses Gespräch ausgerechnet mit Lucius führe. Nicht genug damit, daß ich meinen Kollegen die kurze Episode in Trishs Boutique in allen Einzelheiten geschildert habe, einfach weil ich der Meinung war, mir so darüber klar zu werden, was an diesem Nachmittag mit mir passiert ist, jetzt breite ich auch noch vor Lucius mehr oder weniger mein Seelenleben aus. Einem Koch mit Lippenpiercing, derbem Humor und schlechten Angewohnheiten.
„Vergiss Lorain,“ sagt er in meine Gedanken hinein. „Du bist tausend Mal mehr wert. Du mußt AJ nur die Chance geben, das zu erkennen.“
Ich seufze. Hat Lucius recht? Seit ich Alex mit Schneewitchen in Trishs Boutique gesehen habe, scheint sich in mir alles verändert zu haben. Plötzlich kommt mir meine Wohnung leer vor, obwohl ich immer genau das sehr genossen habe. Ich ertappe mich dabei, wie ich romantischen Tagträumen nachhänge und mich Menschen öffne, die selten zwei zusammenhängende Sätze von mir gehört haben.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich es satt immer alleine zu sein. Ich will endlich auch wieder so etwas wie Glück spüren, mich verlieben ohne an Konsequenzen zu denken. Ich möchte nicht mehr, daß meine Wohnung so etwas wie ein Mausoleum für meine Erinnerungen ist. Ich möchte leben. Frei sein.
Mein Blick schweift erneut zu Alex hinüber. Er hat sein Mahl beendet und schaut nun abwartend zu mir hinüber.
Er kann unmöglich der Richtige sein. Warum kann ich mich nicht in einen Börsenmakler oder Versicherungsagenten verlieben? Die stehen nicht jeden Tag in der Zeitung, die würden niemals mit dem Vorschlag kommen, Bilder für einen Kalender zu machen. Und genau deshalb bin ich wohl noch nicht mit einem Börsenmakler oder einem Versicherungsagenten zusammen. Langweilen kann ich mich nämlich auch alleine.
Langsam gehe ich auf Alex zu, mir nicht sicher, welche Worte als nächstes über meine Lippen kommen werden.
„Hat es geschmeckt?“ frage ich, während ich den Teller zu mir heranziehe.
„Fantastisch,“ nickt er, dann legt sich seine Hand auf meinen Arm. „Bitte. Überleg dir das noch mal mit dem Kalender. Es würde mir sehr viel bedeuten.“
Ich starre ihn für einen Moment an, versuche in meinem Kopf irgendeinen klaren Gedanken zu finden, doch alles was ich wahrnehme, sind seine dunklen, faszinierenden Augen.
Dann nicke ich langsam. „Wenn es dir so wichtig ist ... ,“
Er ist so verblüfft, daß er meinen Arm losläßt und mich verwundert anstarrt. „Was ... was heißt das jetzt genau?“
„Das heißt, ich mache mit. Aber bitte ... keine Namen, kein großes Publikum. Schnell rein, Fotos machen und wieder raus.“
Er nickt eifrig. „Gar kein Problem. Wirklich! Oh Mann ... ich glaube es ja nicht. Das ist großartig. Wirklich großartig!“
Er strahlt über das ganze Gesicht und meine Magenwände flattern in einem unsichtbaren Gefühlssturm. Ich mache gerade einen riesigen, nicht wieder gutzumachenden Fehler. Eindeutig. Und es fühlt sich noch dazu wahnsinnig gut an. Ich bin verrückt.

Kapitel 13