Kapitel 9

Seit geschlagenen zehn Minuten sitze ich nun im Auto vor Alex’ Haus und kann mich nicht entscheiden, ob ich aussteigen oder wieder fahren soll.
Seit er mir vor einer Woche den Zettel mit seiner Adresse in die Hand gedrückt hat, scheint sich mein gesamtes Denken nur noch um diesen Augenblick hier gedreht zu haben. Weiter zu denken erschien mir unmöglich.
Ich habe mir ein neues Outfit gekauft, dabei allerdings um Trishs Boutique einen großen Bogen gemacht, weil sie mir wahrscheinlich an der Nasenspitze angesehen hätte, was in mir vorgeht. Ich habe meine Augenbrauen gezupft, meine Beine enthaart, den Frisörbesuch nur auf Grund von Zeitmangel gestrichen und ganze drei Stunden damit verbracht, mich so herzurichten dass ich zwar gut aussehe, man mir aber den Zeitaufwand nicht ansieht.
Jetzt sitze ich also hier. Gut riechend, lässig in meine neue Jeans und das rote Top gekleidet und kann meine Hände nicht dazu bringen, mit dem Zittern aufzuhören.
Wenn ich jetzt zu ihm hinauf gehe, steht er mitten drin in meiner ach so geheiligten Isolationszelle. Wenn ich wieder fahre, werde ich nie wieder seine Stimme hören, wird er mich nie wieder so mit seinen dunklen Augen ansehen und werde ich nie erfahren, ob mir vielleicht der Mann meines Lebens durch die Lappen gegangen ist.
Moment. Mann meines Lebens? Was denke ich da? Es gibt für mich keinen Mann fürs Leben. Nicht für Avery Hamilton. Weil sie keine Vergangenheit hat und ihre Zukunft davon beeinflusst wird.
Sandra Brown hätte vielleicht eine Chance gehabt, wenn sie rechtzeitig weggelaufen und den ganzen Mist hinter sich gelassen hätte. Uhm … habe ich nicht genau das getan? Gott, es ist zum Verzweifeln!
Ein lautes Klopfen neben mir an der Scheibe lässt mich mit einem kleinen Schreckenslaut zusammen zucken und meine Hand trifft unbeabsichtigt die Hupe, was meinem Herzen einen weiteren Adrenalinstoß versetzt.
Als ich aufsehe, steht Alex grinsend neben dem Wagen und winkt. So wie es aussieht, hat er mir also die Entscheidung abgenommen.
Ich ziehe endlich den Zündschlüssel ab, krame meine Handtasche vom Beifahrersitz und öffne die Tür.
„Das waren rekordverdächtige zwölfeinhalb Minuten,“ grinst er.
„Ich brauche manchmal etwas länger,“ gebe ich zurück und bin froh, dass ich mich im Moment noch damit beschäftigen kann, das Auto vorschriftsmäßig abzuschließen und ihm damit den Rücken zuzukehren.
„Jedenfalls kann ich nichts dafür, dass das Essen langsam kalt wird,“ sagt er und als ich mich notgedrungen wieder zu ihm herumdrehe, lächelt er dieses warme, ansteckende Lächeln, das ganz langsam wieder so etwas wie Leben in meine vor Angst eingefrorenen Glieder bringt.
„Du hast gekocht?“ sage ich mit skeptisch in die Höhe gezogenen Augenbrauen.
„Sagen wir … ,“ setzt er an und bedeutet mir ihm voraus zu gehen „ich habe kochen lassen. Aber das ziemlich gut.“
Wir steigen hintereinander die Treppe zur Eingangstür hinauf und ich frage mich, ob er mir dabei auf meinen Hintern in der hautengen Jeans starrt. Soll er nur. Immerhin habe ich 70 Dollar für das Teil ausgegeben.
In seiner Wohnung empfängt mich der köstliche Duft nach Essen und seinem männlichen Aftershave und mein Magen knurrt unüberhörbar.
„Wenigstens hast du Hunger,“ stellt er fest, während er mir voraus in das Esszimmer geht.
Ich versuche, mich diesmal gesitteter zu benehmen, aber beim Anblick des festlichen gedeckten Esstisches, der Kerzen, die brennen obwohl es draußen noch hell ist, dem weißen Porzellangeschirr und dem Silberbesteck halte ich dann doch einen Moment ehrfürchtig inne. Das ist wirklich richtig schön.
„Möchtest du dich setzen?“ fragt er und zieht einen Stuhl an der Längsseite des Tisches zurück.
„Uhm … ja, ich denke schon,“ nicke ich und versuche nicht daran zu denken wie nahe er mir ist während ich mich setze und er mir den Stuhl galant unter meinen Allerwertesten schiebt.
„Was möchtest du trinken?“ fragt er weiter.
„Ähm … ,“ mein Kopf ist wie leergefegt. „W-Wasser,“ bringe ich dann doch noch heraus und mit einem amüsierten Grinsen nickt er und verschwindet in der Küche.
Wie soll ich bitte schön diesen Abend heil überstehen?

Irgendwie habe ich es geschafft vernünftig zu essen, dabei ab und zu so zu tun als würde ich tatsächlich eine Konversation mit ihm führen, obwohl wir die meiste Zeit schweigen und den exzellenten Kaffe hinterher zu trinken, ohne ihn zu verschütten oder mir die Zunge daran zu verbrennen.
Inzwischen sind wir ins Wohnzimmer umgezogen, unsere benutzten Teller stehen immer noch drüben auf dem Esstisch und ich will lieber nicht wissen, wie die Küche aussieht. Doch ich fühle mich satt und irgendwie zufrieden.
Das einzige Problem stellt im Moment meine Jeans da. Ich hätte vielleicht beim Kauf daran denken sollen, dass noch ein bisschen Platz für zu mir genommene Speisen bleibt.
Da es überhaupt nicht in Frage kommt, dass ich einen Knopf öffne oder auch nur noch eine Sekunde länger auf dem Sofa sitzen bleibe und mich dabei frage, wann die Nähte nachgeben, schnappe ich mir kurzerhand ein Kissen, werfe es auf den Boden und bette gleich darauf meinen Kopf darauf. Ja, schon viel besser.
Alex sagt keinen Ton, während er sich zu mir gesellt, unsere Gläser zwischen uns abstellt und sich dann ebenfalls ein Kissen heran zieht.
„Ich mag es lieber erdverbunden,“ sage ich, obwohl ich besser meine Klappe halten sollte.
„Sowas habe ich mir schon gedacht,“ grinst er, streckt sich aus und stützt seinen Kopf in die Hand.
Okay. Irgendwie ist er mir viel zu nahe.
Unauffällig versuche ich ein Stück von ihm abzurücken. Natürlich muß auch mein Kissen mit umziehen und nachdem ich wieder ruhig da liege ist auch dem größten Idioten klar, was ich hier und warum tue.
Egal. Nur nicht zu viel nachdenken.
„Hast du Lust auf Musik?“ fragt er.
„Ja, Musik wäre toll,“ entgegne ich und drehe den Kopf um ihn ansehen zu können.
„Was hätte denn die Lady gerne?“ fragt er und hat sich dabei schon halb aufgerichtet.
„Uhm … ,“ ich denke kurz darüber nach. „Anthony Hamilton … oder … John Legend. Hast du John Legend? Den finde ich toll.“
Er schmunzelt, erhebt sich und hantiert eine Weile außerhalb meines Blickfeldes herum. Als er sich wieder neben mich sinken lässt, erfüllen die ersten sanften Soulklänge das Zimmer. Ja, er hat John Legend und ja, das sagt einiges über ihn aus.
„Zufrieden?“ fragt Alex und ich finde, dass seine Stimme irgendwie rauher klingt. Liegt aber vielleicht auch an John Legends wundervoller Musik.
„Ja. Rundum glücklich,“ nicke ich lächelnd.
„Das wäre etwas neues,“ grinst Alex.
„Ich bin sehr wohl glücklich. Nur … sieht das eben niemand,“ verteidige ich mich.
„Hm. Den Eindruck hatte ich, ehrlich gesagt, nicht so wirklich.“
„Kommt vielleicht darauf an, wie man Glück definiert.“
„Das ist möglich,“ nickt er, lässt sich noch etwas tiefer auf sein Kissen sinken und stütz erneut den Kopf in die Hand. Seine Augen mustern mich aufmerksam und ich fühle mich unter diesem Blick beinahe durchsichtig. Was sieht er?
„Wie definierst du denn Glück?“ War ja so was von klar, dass diese Frage jetzt kommt.
„Musik macht mich glücklich. Meine Wohnung. Meine Arbeit. Meine Bilder,“ ich zucke die Schultern und wende meinen Blick Richtung Decke. Ich suche vergeblich in mir nach diesem Gefühl. Glück. Wann war ich das letzte Mal wirklich glücklich?
„Wann warst du das letzte Mal wirklich glücklich?“ fragt er. Oh Gott. Jetzt wird er mir unheimlich.
„Ich weiß nicht. Ich glaube … gestern oder vorgestern,“ scherze ich.
„Hey, ich meine das ernst. Ich glaube nämlich nicht, dass dir diese wenigen Dinge wirklich ausreichen, um rundum glücklich zu sein. Wirklich glücklich ist man selten. Vielleicht verspürt man eher so … hm … eine Art von Zufriedenheit. Aber Glück … Glück ist etwas ganz anderes.“
„Wie definierst du denn Glück?“ frage ich und sehe ihn dabei wieder an.
Er überlegt kurz. „Wenn ich richtig glücklich bin, dann habe ich Herzklopfen. Dann möchte ich die ganze Welt umarmen, Luftsprünge machen, tanzen, lachen und herumspringen und das möglichst alles gleichzeitig.“
„Wow,“ gebe ich beeindruckt von mir. „Und jetzt sag mir noch, dass du diesen Zustand täglich erlebst und ich muß dich fragen, wo du die Drogen versteckt hast.“
Es sollte ein Scherz sein, doch er sieht mich an, als hätte ich etwas ganz schlimmes gesagt.
„Was?“ frage ich also.
„Drogen gaukeln dir Glück nur vor. Sie bringen dein Herz dazu schneller zu schlagen, sie können dich sogar zum tanzen, lachen und herumspringen animieren, aber dabei … fühlst du kein Glück.“
„Das stimmt,“ nicke ich und sehe mich selbst, wie ich mit Flicka auf einem Tisch tanze – halbnackt. Um uns herum gut situierte Männer mit Halbglatze und Dollarnoten in den Händen. Ich höre das laute Klatschen, mit dem sie uns auf den Hinter hauen, fühle, wie ihre dicken Finger unter den Bund meines Tangas schlüpfen, um die Scheine dort hinein zu schieben. Trotzdem haben wir gelacht, getanzt und gesungen und uns dabei eingeredet, wir hätten tatsächlich etwas erreicht.
„Das stimmt,“ wiederhole ich leise und sehne mich unvermittelt nach zu Hause. „Wenn man es so betrachtet, war ich das letzte Mal wohl als Kind wirklich richtig glücklich,“ füge ich noch hinzu.
„Erzähl mir davon,“ höre ich seine Stimme wie durch Watte, weil meine Gedanken bereits in der Küche meines Elternhauses weilen. Die Sonne scheint durch die großen Fenster und taucht den Raum in warmes Licht. Mein Dad sitzt am Tisch und liest Zeitung, meine Mom steht am Herd und kocht das Mittagessen und ich sitze mit Debbie auf dem Boden und spiele mit Barbiepuppen.
Plötzlich klingelt es an der Tür …
„Ich glaube, für ein Kind ist ein eigenes Fahrrad mindestens genau so wichtig wie für einen Teenager das erste Auto. Es bedeutet Unabhängigkeit, selbst in dem beschränkten Kosmos einer sechsjährigen. Ich weiß noch, wie mein Großvater uns an einem Sonntagnachmittag besuchen kam. Meine Schwester und ich vergötterten ihn, aber … nun ja … er hat mir immer gesagt, ich wäre seine Lieblingsenkelin und ich war darauf so was von stolz.“ Ich fühle ein Lächeln auf meinem Gesicht, spüre wieder die warme Mittagssonne, als ich die Tür öffne und Grandpa vor der Tür stehen sehe.
„Es war ein Bonanzarad, weißt du was das ist?“ Ich drehe ihm den Kopf zu und bemerke dabei seinen eigentümlichen Gesichtsausdruck. Ich kann nicht genau sagen was er denkt und fühlt, aber er wirkt so, als stünde er mit mir vor der Tür und sehe zu Grandpa auf.
Alex nickt langsam. „Das coolste, was ein Mensch besitzen kann.“
„Oh ja,“ grinse ich und er erwidert es. „Er hatte es im Kofferraum seines Wagens. In pink.“ Ich muß lachen, als ich Alex’ gequältes Gesicht sehe. “Hey, ich bin ein Mädchen, schon vergessen?”
“Ich weiß nicht, ob das ein pinkfarbenes Bonanzarad rechtfertigt,” gibt er schmunzelnd zu bedenken.
„Und ob!“ lache ich. Dann werde ich wieder ernst. „Damals, war ich wirklich rundum glücklich.“ Ich richte meinen Blick wieder an die Decke und schwelge noch einmal kurz in diesem Gefühl. Mein Herzschlag beschleunigt sich etwas und es fehlt nicht viel und ich fange an zu kichern wie ein kleines Kind.
Unser Schwiegen zieht sich in die Länge, doch das stört mich diesmal nicht. Ich möchte noch ein bisschen zu Hause bleiben und mir einreden, dass es vielleicht irgendwann wieder so werden könnte. Unkompliziert, sicher und sorglos.
„Ich glaube, das erste Mal seit wir uns kennen bist du wirklich entspannt,“ höre ich Alex sagen und falle damit schmerzhaft in die Gegenwart zurück. Was habe ich ihm nur erzählt? Warum habe ich …? Wie konnte ich nur …? Ich hätte besser …?
„Schade,“ höre ich ihn erneut. „Schon vorbei.“
Ich seufze verhalten.
„Es ist nicht so einfach,“ höre ich mich leise sagen.
„Ich weiß,“ gibt er zurück.
Als ich wieder zu ihm herüber sehe, ist sein Gesichtsausdruck sehr ernst und ich habe Angst davor, was er als nächstes sagen könnte. Also komme ich ihm zuvor. Mit dem erstbesten, das mir einfällt.
„Bist du ein guter Sänger?“ Gott, ich bin so was von mies.
Alex gibt ein Grunzen von sich, das ein unterdrücktes Lachen sein könnte und entgegnet. „Ich denke schon.“
„Sing mir etwas vor,“ fordere ich und erwarte, daß er sich zieren und winden wird, natürlich nur, damit ich ihn noch ein bißchen mehr anbettle. Doch anstatt etwas zu sagen streckt er sich, angelt unter dem Couchtisch nach einer Fernbedienung und gleich darauf erstirbt John Legends samtige Stimme.
Alex setzt sich auf, schlägt die Beine unter und scheint sich für einen Moment innerlich wie äußerlich zu sortieren. Dann holt er tief Luft und fängt ohne ein weiteres Wort zu verlieren an zu singen.
Oh. Mein. Gott. Und da dachte ich bis eben, daß wenigstens eines meiner Vorurteile gegenüber Sängern einer Boyband gerechtfertigt wäre.
Seine Stimme ist rau und klar, sanft und zwingend, ausdrucksstark und akzentuiert. Er ist einfach und verdammt nochmal abartig gut!

Brothers fighting brothers
Lovers fighting lovers
People barely caring anymore
Nations hating nations
Love is lost in the equation
Wondering why there is still so many wars

It's like this whole world's caught in
Some crazy storm

We could use some divine intervention
God, if you're listening, won't you help us
Find a solution to all this confusion

Lives in desperation
A world of devestation
No one knowing where it's gonna go
We got too many too hungry
It's time to stop this suffering
And I don't think we can do it on our own

And right now we need something
To save our souls

We could use some divine intervention
God, if you're listening, won't you help us
Find a solution to all this confusion (we sure could use some)

Show us that our change is gonna come
Help us to replace the hate with love
Overflow our hearts with kindness
Help us lift the clouds out of our way

We could use some divine intervention
God, if you're listening, won't you help us (yes, God are you listening)
Find a solution to all this confusion

Gotta find a wa)

God, if you're listening, won't you help us?
(Divine Intervention – Backstreet Boys)

Seine Stimme ist verstummt und die plötzliche Stille um uns herum hat beinahe Substanz. Ich starre ihn an. Ich kann gar nicht anders. Mein Mund ist ausgetrocknet, meine Augen schwimmen dafür in Tränen der Rührung und mein Herz will sich gar nicht mehr beruhigen. Wie kann es sein, daß er so gut ist und ich das bisher nicht wußte?
„Hat es dir die Sprache verschlagen? Und wenn ja, ist das ein gutes Zeichen?“ fragt er und versucht das kurze Aufflammen von Unsicherheit in seinen Augen mit einem Schluck aus seinem Glas zu kaschieren.
„Ich,“ setze ich an, doch meine Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Also räuspere ich mich und setze noch einmal neu an. „Ich ... bin ... beeindruckt. Wirklich! Du bist ... ,“ mir fehlen die Worte, also schüttele ich den Kopf und zucke mit den Schultern.
„Ich bin ... ?“ hakt er noch einmal nach.
„Großartig,“ ist alles, was mir dazu einfällt.
„Großartig ist gut,“ nickt er und ein Lächeln erstrahlt auf seinem Gesicht.
Ein Gedanke schießt durch meinen Kopf und bevor ich ihn aufhalten kann, hat er sich bereits einen Weg zu meinem Mund gebahnt und sprudelt über meine Lippen. „Möchtest du gerne wissen, was ich gut kann?“
Er ist überrascht, das sehe ich daran, daß er für ein zwei Sekunden bewegungsunfähig vor mir sitzt und mich anstarrt.
„Es kommt darauf an, was das genau ist,“ sagt er schließlich vorsichtig.
Verdammt. Verdammt. Verdammt. Wie komme ich aus der Nummer wieder heraus? Ich kann ihn doch unmöglich mit nach Hause nehmen und ihm meine Bilder zeigen! Auch wenn ich zugeben muß, daß die Versuchung unglaublich groß ist. Ich möchte ihm so gerne zeigen, daß ich auch etwas anderes kann als mich unmöglich zu benehmen und merkwürdige Halbsätze von mir zu geben.
„Wir müßten dazu allerdings ... zu mir ... nach Hause fahren,“ sage ich langsam und kann nicht glauben, daß ich das jetzt tatsächlich gesagt habe.
Sein Gesicht verschließt sich und ich weiß nicht genau, was ich jetzt schon wieder falsch gemacht habe.
„Und was machen wir dann da?“ fragt er grob. „Ein Bett habe ich auch hier.“
Mein Herz macht einen erschrockenen Satz in meiner Brust und obwohl ich mir sicher bin, daß ich keinerlei sexistische Andeutungen gemacht habe, gehe ich im Kopf noch einmal schnell durch, was ich gesagt habe. Nein, ich habe nicht ... ich wollte doch nur ... oder sieht man mir etwa an, daß ich im Bett noch mit jedem fertig geworden bin?
„Also?“ fragt er. „Ich meine ... falls dir eben erst aufgegangen sein sollte, daß ich tatsächlich so etwas wie ein „Popstar“ bin,“ er malt die Anführungszeichen mit abgehackten Bewegungen in die Luft „verschwendest du deine Zeit wenn du denkst, mich mit Sex halten zu können.“
Mein Mund klappt auf und wieder zu. „Ich habe doch gar nicht ... ich meine ... ,“ Okay. Was zu viel ist zu viel.
„Tut mir leid, mein Fehler,“ sage ich, springe auf und habe in Null Komma Nichts das Wohnzimmer durchquert.
„Wo willst du hin?“ ruft er mir hinterher und ich höre, wie er mir durch den Flur folgt.
„Nach Hause. Ohne dich. Keine Sorge.“
Ich habe den Türgriff bereits in der Hand, als er mich am Arm packt.
„Hey! So nicht mein Fräulein.“
„Was willst du von mir Arschloch?“ fauche ich ihn an. „Ich wollte dir lediglich meine Bilder zeigen, aber wenn du dich für so unwiderstehlich hältst, daß du denkst jede Frau will sofort mit dir ins Bett steigen, wenn sie deine Stimme hört, muß ich dich leider enttäuschen.“
Ich versuche mich loszureißen, doch er hält mich unnachgiebig fest.
„Deine Bilder?“ fragt er und klingt dabei vollkommen überrascht.
„Ja. Aber das kannst du jetzt ja wohl vergessen. Danke für das gute Essen und die weniger nette Gesellschaft. Und jetzt laß mich verdammt noch mal los!“
Es entsteht ein kleines Gerangel, während ich versuche die Tür zu öffnen und mich gleichzeitig von ihm zu befreien, doch mir gelingt weder das eine noch das andere.
„Es tut mir leid. Bitte,“ sagt er und drückt mich schließlich kurzerhand mit dem Rücken gegen die Tür und seinen Brustkorb gegen mich. „So war das nicht gemeint. Ich ... du ... du mußt mir glauben. Das ist mir echt peinlich. Ich dachte ... ich wollte ... ,“
„Was?“ gifte ich ihn an und mache dann den Fehler zu ihm auf und in seine Augen zu sehen. Verdammt, warum hat ihn Mutter Natur nur mit diesen Augen ausgestattet? Ohne diese wäre ich schon längst hier raus. Ach was, ich wäre gar nicht erst hier her gekommen.
„Es tut mir wirklich leid,“ wiederholt er, diesmal wesentlich ruhiger. Erst jetzt werde ich mir seiner überwältigenden Nähe bewußt. Ich kann seine Brust durch das dünne T-Shirt fühlen. Sie hebt und senkt sich in schnellem Rhythmus, seine Hände umklammern immer noch meine Handgelenke und alles in allem ist er mir viel zu nahe.
„Könntest du mich bitte loslassen,“ presse ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Wenn du mir versprichst nicht einfach davon zu laufen?“
„Warum sollte ich auch nur eine Sekunde länger hier bleiben, hm?“
„Vielleicht, weil ... weil ... du nicht die einzige bist, die ihre Probleme mit der Vergangenheitsbewältigung hat?“
Ich starre ihn absolut verblüfft an und vergesse sogar, daß ich von hier weg will. Da ist plötzlich ein tiefer Schmerz in seinem Blick aufgetaucht. Eine Verletzlichkeit, die ich so bei ihm nicht erwartet habe. Wollte ich nicht eigentlich wütend auf ihn sein?
„Bitte,“ sagt er beinahe flüsternd. „Gib mir noch eine Chance. Ich verspreche, daß ich mich in Zukunft benehmen werde.“
„Ich dachte eigentlich, das wäre mein Part,“ sage ich und das kurze Zucken um seine Mundwinkel beruhigt mich ein bißchen.
„Scheint, als hätten wir die Rollen getauscht, was?“ sagt er, läßt mich endlich los und tritt einen Schritt zurück.
Endlich habe ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Leider weiß ich jetzt noch weniger, was ich tun soll.
„Ich würde mir sehr gerne deine Bilder ansehen,“ sagt er leise und traut sich dabei nicht, mich anzusehen. Dadurch wirkt er wie ein kleiner Schuljunge, dem irgend etwas furchtbar peinlich ist und mein Widerstand schmilzt dahin wie Butter in der Sonne.
Wenn man es recht bedenkt ... so unmöglich, wie ich mich in der Vergangenheit ihm gegenüber verhalten habe ... da hat er wohl mehr als einen schlechten Moment bei mir gut.
„Aber wir fahren mit getrennten Fahrzeugen,“ informiere ich ihn. „Und du wirst gehen, wenn ich es sage. Ist das klar?“
„Glasklar,“ nickt er und sieht mich dann endlich wieder an. „Kann es sein, daß wir beide irgendwie ... seltsam sind?“
„Du vielleicht,“ grinse ich und entlocke ihm damit ein leises Lachen.
„Ja, du hast recht. Laß uns gehen, bevor ich mich noch weiter in die Scheiße reinreite.“
„Wahre Worte gelassen ausgesprochen,“ entgegne ich kichernd und öffne nun endlich die Tür. Vielleicht kann ich mir morgen darüber klar werden, was wir beide hier eigentlich veranstalten, aber im Moment bin ich einfach nur froh, daß ich nicht der einzige Freak in dieser ... nun ja ... Beziehung - oder wie auch immer man das nennen mag – bin.

Kapitel 10