Kapitel 8
Der Ball scheint ein voller Erfolg zu sein. Zumindest was Trish und Alex angeht. Trish ist seit einer ganzen Weile auf der Tanzfläche verschollen. Alleinstehende Damen scheinen hier sehr beliebt zu sein, was ich an der hohen Zahl von Abfuhren messe, die ich bereits verteilt habe. Mindestens zehn Männer sind bereits an meinen Tisch gekommen um mich zum Tanzen aufzufordern und immer wieder habe ich höflich aber bestimmt abgelehnt.
Trish hingegen hat sich sofort strahlend erhoben, als ein junger Kerl von vielleicht gerade mal achtzehn Jahren an unseren Tisch kam und ihr lächelnd die Hand entgegen streckte. Am Anfang habe ich ihre Reise noch verfolgt, habe dabei zugesehen, wie sie von einem Tanzpartner zum nächsten gereicht wurde und mich innerlich irgendwie für sie gefreut.
Doch inzwischen ist mir sterbenslangweilig. Alex ist die ganze Zeit von einer riesigen Menschentraube umgeben und zum Tanzen ist er scheinbar auch noch nicht gekommen, aber wenn mich meine Augen nicht trügen, hat er bereits eine beträchtliche Anzahl an Schecks in die Innentasche seines Jacketts gesteckt. Ich hoffe nur, die Summen darauf entsprechen wenigstens den Preisen der exklusiven und eleganten Garderoben der Spender.
Gelangweilt sehe ich mich um. Alex ist verschwunden, Trish tanzt immer noch mit geschlossenen Augen und einem feinen Lächeln auf dem Gesicht mit einem gutaussehenden Hünen und ich brauche dringend einen Drink.
Also erhebe ich mich, schiebe mich möglichst unauffällig durch die herumstehenden Gäste, die sich, soweit ich das mit einem Ohr mitbekomme, gegenseitig dabei überbieten, wofür sie zuletzt am meisten Geld ausgegeben haben.
Ich verlasse den Ballsaal, wende mich nach links, durchquere die Hotellobby, in der leise Jazzmusik von der Decke rieselt und finde nach einigem Suchen die Bar, die gähnend leer und damit für mich mehr als einladend wirkt.
Ein junger Mann in weißem Hemd, schwarzer Fliege und hinreißend blauen Augen steht hinter der Theke und lächelt mir freundlich zu, als ich mich auf einen der Barhocker gleiten lasse.
Wodka on the Rocks, sage ich und hoffe, dass ihm mein abweisender Gesichtsausdruck signalisiert, dass ich diesen gedenke ohne dämliches Geplauder zu mir zu nehmen.
Kommt sofort, entgegnet er und verschwindet unter dem Tresen. Gleich darauf taucht er mit einer Flasche eisgekühltem Wodka in der Hand wieder auf.
Das Klirren, mit dem die Eiswürfel in das Glas fallen, macht mir bereits den Mund wässerig und ich stelle leicht beschämt fest, dass ich mir über die Lippen lecke, während er die glasklare Flüssigkeit eingießt.
Gleich darauf steht das Glas auf einer kleinen, weißen Papierserviette vor mir und ich nicke dem Barkeeper dankend zu. Scheinbar hat er ein gutes Gespür für die Stimmungen von Menschen, denn er zieht sich in die hinterste Ecke seiner Bar zurück und überlässt mich meinen trüben Gedanken und dem Drink.
Während der erste, kühle Schluck meine Kehle hinab rinnt und in meinem Magen ein angenehmes Brennen hinterlässt, frage ich mich, wie ich nur hier landen konnte. Ich hätte Trish gleich sagen sollen, dass ich für solche Empfänge nicht gemacht bin. Ich hasse diese Art von Leuten, die nur an sich denken, rücksichtslos ihre Ziele verfolgen und dabei so tun, als wären sie die geborenen Wohltäter. Diese Menschen sind so falsch wie Trishs Fingernägel und verursachen ein flaues Gefühl in meiner Magengegend.
Meine Gedanken kehren damit unweigerlich zurück zu Alex, der nicht so recht in diese Welt zu passen scheint, und seiner kühlen Begrüßung. Ich schüttele innerlich über mich selbst den Kopf. Was, bitte schön, habe ich denn erwartet, nachdem ich ihm so unmissverständlich klar gemacht habe, dass ich ihn nicht besonders gut leiden kann? Pech ist nur, dass dies nicht wirklich der Wahrheit entspricht und dass ich bis jetzt zu feige war, mir dies selbst einzugestehen.
Ein Eiswasser bitte, ertönt es plötzlich neben mir und als ich aufblicke, bleibt mir beinahe das Herz stehen. Verfolgt er mich? Will er mich absichtlich quälen? Und warum sieht er in diesem Anzug und dem Hut so unglaublich sexy aus, dass ich mich am liebsten sofort an seine breite Brust werfen und um Vergebung betteln möchte?
Hi, quetsche ich hervor und bin mir nicht sicher, ob er mir antworten wird.
Doch er lehnt sich gemütlich auf den Tresen, mustert mich freundlich aus dunklen Augen und entgegnet auch Hi.
Tolle Party.
Ja.
Wir schweigen. Was soll ich denn auch sagen? Eine Entschuldigung meinerseits kommt zum einen nicht in Frage und würde er mir zum Anderen auch nicht abnehmen.
Ich habe übrigens deinen Auftritt heute Abend gesehen, sagt er und ich denke, dass das eigentlich mein Text sein sollte. Von welchem Auftritt redet er? Er sieht meinem Gesicht wohl die Verwirrung an, denn er schmunzelt und fügt erklärend hinzu. Die Sache mit der Sonnenbrille und dem Schal um deinen Kopf. Sehr geheimnisvoll.
Verdammter Mist. Warum immer ich?
Darf ich dich etwas fragen? sagt er und nippt dann an seinem Wasser.
Ich zucke mit den Schultern. Fragen kann er ja, aber ob er eine Antwort erhält kann ich nicht versprechen.
Hast du das getan, um möglichst unauffällig und unerkannt hier herein zu kommen?
Ich nicke langsam. Leugnen wäre wahrscheinlich auch ziemlich albern.
Nun, dann muß ich dir leider sagen, dass du damit genau das Gegenteil erreicht hast.
Ich erschrecke so sehr über seine Worte, dass ich zusammen zucke und dabei einen Teil meines kostbaren Wodkas auf die Papierserviette verschütte. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Alex überrascht eine Augenbraue in die Höhe zieht, doch er sagt nichts.
Wie meinst du das? frage ich also und ärgere mich über das Zittern in meiner Stimme.
Uhm ... wie erkläre ich dir das am besten ... , sagt er, runzelt die Stirn und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Stell dir vor, du wärst Fotograf oder Reporter. Du stehst da neben dem roten Teppich und hoffst, nicht nur schöne, bekannte Gesichter, sondern auch eine möglichst gute Geschichte für dein Käseblatt zu ergattern.
Ich nicke langsam, während mich ein leichter Schwindel erfasst.
Dann stell dir weiterhin vor, fährt er ungerührt fort. Du stehst da also schon seit gefühlten zehn Stunden, schießt ein langweiliges Bild nach dem anderen, siehst dann gewohnheitsmäßig auf und den langen Teppich hinunter und der nächsten Limousine entsteigt ... nun ja ... eine Frau mit verspiegelter Sonnenbrille und einem Schal um den Kopf.
Ich weigere mich, ihm meine Schlußfolgerung mitzuteilen, doch das brauche ich gar nicht. Das nimmt er mir ab.
Da kommt also das Highlight des Abends auf dich zu. Ein Mensch, der ganz offensichtlich unerkannt bleiben will. Du schießt jede Menge Fotos aus jeder möglichen Perspektive und wirst dann den Rest der Nacht damit verbringen, mit deinen Kollegen darüber zu diskutieren, welche geheimnisvolle Fremde sich da so auffällig wie nur möglich an dir vorbei gedrückt hat.
Du kennst dich ja bestens aus, schnaube ich leicht gereizt.
Das könnte man so sagen, nickt er, ohne eine Spur von Ironie und mir wird bewußt, daß dies tatsächlich der Wahrheit entspricht.
Mein Herz schlägt schnell und heftig und ich habe plötzlich überhaupt keine Lust mehr auf meinen Wodka. Was habe ich mir nur dabei gedacht, hier her zu kommen? Warum mußte ich unbedingt Cinderella spielen?
Ich bin nicht nur leichtsinnig sondern auch noch äußerst dämlich und mir das ausgerechnet von ihm vor Augen führen zu lassen, macht es nur noch schlimmer.
Du bist etwas blaß um die Nase, sagt Alex in diesem Moment und wenn ich es nicht für ausgeschlossen halten würde, könnte ich meinen, er klingt besorgt.
Geht schon, wiegle ich ab und nehme nun doch einen Schluck von meinem Getränk, nur um etwas anderes zu tun als davon zu laufen und mich in irgendeiner dunklen Ecke zu verkriechen.
Hm, entgegnet er und ich werfe einen flüchtigen Blick zu ihm hinüber.
Er hat die Stirn gerunzelt und mustert mich so konzentriert aus seinen dunklen Augen, daß mein Schwindelgefühl augenblicklich zunimmt.
Schließlich seufzt er und winkt den Barkeeper zu sich heran.
Hätten Sie etwas zu schreiben für mich? fragt er.
Gleich darauf liegen ein kleiner Block und ein Kugelschreiber vor ihm und ich frage mich, was er damit wohl vorhat. Doch scheinbar weiß er genau was er tut, denn er kritzelt mit Schwung und ohne eine Sekunde inne zu halten etwas darauf, reißt das obere Blatt ab und faltet es feinsäuberlich in der Mitte. Dann schiebt er den Block und den Stift zur Seite und macht einen Schritt auf mich zu.
Ich widerstehe dem Drang vor ihm zurückzuweichen, während der irrationale Gedanke durch meinen Kopf schießt, daß er mich nun schlagen wird.
Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, sagt er leise, doch alles was ich tun kann, ist schweigend den Kopf zu schütteln. Ich weiß selbst nicht genau, was ich ihm damit sagen will. Vielleicht bleib mir vom Leib oder laß mich in Ruhe oder auch komm her und küß mich.
Er bleibt neben mir stehen und ich bin froh über den leeren Barhocker, der uns voneinander trennt. Wenn ich das mit dem Sicherheitsabstand nicht selbst gebacken kriege, übernimmt das wenigstens ein lebloses Stück Metall für mich.
Hör zu, sagt er und die Eindringlichkeit in seiner Stimme veranlaßt mich dazu, zu ihm aufzusehen und in seinen ernsten Augen zu versinken. Ich weiß, daß du mit mir eigentlich nichts zu tun haben willst. Das hast du mir schließlich mehr als deutlich am Telefon klar gemacht.
Stimmt, quetsche ich hervor.
Nun ..., er beißt sich kurz auf die Unterlippe und blickt auf den Zettel in seiner Hand hinunter. Seit heute Abend ist meine Überzeugung, daß ich in deinen Augen scheinbar ein unausstehlicher, widerlicher Mistkerl bin, ein klein wenig ins wanken geraten. Deshalb ... nun ja ... möchte ich dir ein Angebot machen.
Oh nein McLean. Du hast doch hoffentlich keine Summe auf diesen beschissenen, kleinen Zettel geschrieben, oder? Du wirst jetzt nicht irgend etwas davon faseln, daß du weißt, was Frauen wollen und du mir genau das geben kannst und, wenn das noch nicht reichen sollte, du heute Abend so viele Schecks eingesammelt hast, daß einer davon durchaus an mich gehen könnte, oder? Oder?
Ich glaube nicht, daß ich auf Angebote irgendwelcher Art besonders scharf bin, sage ich also und meine Stimme klingt dabei eiskalt.
Wenn du deinen Dickkopf und deine messerscharfen Krallen einfach für fünf Minuten einziehen könntest, würde ich sehr gerne mein Angebot unterbreiten, bevor du mich in Stücke reißt, okay?
Er wirkt gereizt. Was auch sonst? Ich schweige und füge mich damit in das Unvermeidliche. Er zögert gerade lange genug um bei mir den Eindruck zu hinterlassen, daß er sich gerade selbst nicht mehr sicher ist, was er eigentlich tut, doch seine Worte wirken dann doch sicher und wohlüberlegt.
Wenn du mit mir ausgehst, verspreche ich dir, daß uns niemand zusammen sehen wird, sagt er und ich starre ihn an wie ein Auto.
Das ist dein Angebot? frage ich, während meine Augenbrauen überrascht in die Höhe schießen.
Ja, das ist mein Angebot, nickt er, stützt seinen Ellenbogen auf die Theke und streckt mir den Zettel entgegen, den er zwischen Zeigefinger und Mittelfinger geklemmt hat.
Meine Hand zuckt ganz automatisch in die Höhe, doch er zieht in letzter Sekunde das Stück Papier außerhalb meiner Reichweite.
Das hier, sagt er und hält den Zettel kurz in die Höhe. ist meine Adresse. Ich weiß zwar, daß du schon mal da warst, aber ich will sichergehen, daß du es auch wiederfindest und keine Ausrede parat hast. Wenn du diesen Zettel also annimmst, wirst du am Samstagabend pünktlich um acht zum Essen bei mir erscheinen.
Und wenn nicht? Legst du mich dann übers Knie? frage ich mit einem leisen Grinsen.
Durchaus möglich, grinst er zurück.
Sein Arm senkt sich erneut herab und streckt mir den Zettel entgegen. Für einen Moment starre ich darauf und versuche zu entscheiden, was ich tun soll. Mal abgesehen davon, daß das hier sicherlich die seltsamste Verabredung ist, die ich jemals hatte, und was das betrifft kenne ich mich ja nun wirklich aus, finde ich es irgendwie unglaublich anziehend, wie er sich bemüht.
Auf der anderen Seite werde ich tatsächlich zu ihm fahren müssen, wenn ich den Zettel annehme. Das bedeutet, daß er damit einen weiteren Schritt in meine Zelle hinein macht und ich habe keine Ahnung, ob ich dies verantworten kann. Er ist ein Popstar, Herrgottnochmal! Schlimmer geht es kaum.
Also? fragt er schließlich, weil ich immer noch wie hypnotisiert auf das Stück Papier starre und mich nicht entscheiden kann.
Vielleicht solltest du lieber noch einmal darüber nachdenken, ob du hier das richtige tust, gebe ich zu bedenken. Mit mir auszugehen könnte ziemlich ... nun ja ... anstrengend werden.
Ich glaube, ich bin bereit dieses Risiko einzugehen, schmunzelt er. Bist du es auch?
Diese Frage beinhaltet so viel mehr als diese einfachen vier Worte und als ich zu ihm aufblicke sehe ich, daß er das auch weiß.
Ja, nicke ich, hebe die Hand und ziehe vorsichtig den Zettel zwischen seinen Fingern hervor.
Wenn du nicht kommst, sagt er und läßt mich dabei keine Sekunde aus den Augen werde ich nie wieder ein Wort mit dir reden.
Das ist fair, nicke ich und fühle mich plötzlich leichter als Luft. Was auch immer ich hier gerade tue, es fühlt sich wundervoll an.