Kapitel 7

Ich kann mich nicht erinnern, jemals auf einem Wohltätigkeitsball gewesen zu sein. Früher habe ich da wohl nicht wirklich hinein gepaßt und heute erst recht nicht. Trotzdem freue ich mich wie ein Kind an Weihnachten auf diesen Abend. Natürlich ist da auch eine gehörige Portion Angst dabei, aber gerade das macht es doch so spannend. Wird das, was ich mir schon so lange wünsche bei meinen Geschenken unter dem Weihnachtsbaum liegen, oder gibt es doch nur wieder selbstgestrickte Socken von Tante Erna?
Trish hat mich in einer schwarzen Mercedes-Limousine mit eigenem Fahrer vor dem Diner abgeholt, im Gepäck einen ganzen Berg Accessoires, die das hinreißende Satinkleid ergänzen sollten.
Die Hälfte davon habe ich dankend abgelehnt – wer will schon mit einem diamantbesetzten Diadem im Haar herum rennen? – aber der blaue Seidenschal, die kleinen Diamantohrringe und das Collie sind einfach zu schön um sie nicht zu tragen.
Ich fühle mich also wie Cinderella vor dem großen Maskenball, während ich neben Trish sitze, abwesend ihrem unermüdlichen Geplapper lausche und dabei beobachte, wie die Straßenzüge L.A.s an der Seitenscheibe vorbei ziehen.
Immer wieder habe ich mir versucht einzureden, daß es zum einen eine absolute Schnapsidee ist, Alex wieder gegenüber zu treten und mich damit in die Gefahr zu begeben, hinterher lichterloh zu brennen und zum anderen es gut möglich ist, daß er gar nicht da ist, mich nicht bemerkt oder noch schlimmer, mich einfach ignoriert. Ich würde das zumindest tun, nachdem ich eine so klare Abfuhr kassiert habe.
Der Wagen wird in diesem Moment merklich langsamer und gespannt richte ich mich in meinem Sitz auf.
„Jetzt beginnt das Warten,“ seufzt Trish neben mir, klappt einen kleinen, in der Decke eingelassenen Spiegel herunter und überprüft noch einmal ihr Make-Up und die Frisur. Sie trägt ein schwarzes, enganliegendes Kleid von Versace, ihr blondes Haar liegt in fließenden Wellen um ihr Gesicht und alles in allem wirkt sie so, als würde sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes tun, als Wohltätigkeitsbälle zu besuchen.
„Wieso warten?“ frage ich etwas naiv.
„Siehst du das?“ sie zeigt nach vorne, während ihr Blick immer noch an ihrem Spiegelbild klebt.
Ich versuche durch die getönte Scheibe auf die Straße zu sehen, doch alles was ich erkennen kann sind eine unglaubliche Anzahl an Rücklichtern, die sich im Schrittempo dem hellerleuchteten Eingang eines Hotels nähern.
„Stau,“ stelle ich fest.
„Ja,“ Trish seufzt erneut. „Ich hasse das. Als wäre man ein hundsgewöhnlicher Bittsteller und kein Gast, der alleine für die Eintrittskarte 150 Dollar ausgegeben hat.“
„Hundertfünfzig Dollar?“ stoße ich erschrocken hervor.
„Plus Essen, Getränke und natürlich einer ordentlichen Spende für den Gastgeber,“ nickt Trish, die scheinbar mit ihrem Äußeren nun zufrieden ist, denn sie klappt den Spiegel wieder ein und lehnt sich in die bequemen Polster zurück.
„Und wer ist unser Gastgeber?“ frage ich eher automatisch als interessiert.
Ein breites Grinsen erscheint auf ihrem Gesicht.
„Schon mal von der Johnny No Name Foundation gehört?“
Ich schüttele den Kopf und Trish nickt, als hätte sie nichts anderes erwartet.
„Sie sammeln Spenden für Kinder. Also ... eigentlich für Instrumente und geschultes Lehrpersonal in den Schulen.“
„Kinder ziehen immer,“ stelle ich fest.
„So ist es nicht,“ widerspricht Trish. „Sie liegen ihm sehr am Herzen. Und die Musik sowieso. Ich finde es großartig, was er tut.“
„Was wer tut?“
„AJ natürlich.“
Ach du Scheiße. Das hat mir ja gerade noch gefehlt. Nicht nur, daß er reich und berühmt ist, nein, er muß auch noch einen auf Wohltäter für Kinder machen. Was für diesen Abend bedeutet, daß sämtliche Augen auf ihn gerichtet sein werden.
„Ich möchte bitte aussteigen,“ sage ich und meine Hand zuckt bereits nach der Türverriegelung.
„Mooooment meine Liebe,“ sagt Trish, greift nach meinen eiskalten Fingern und hält sie fest. „Ich habe sehr viel Geld für diesen Abend ausgegeben, nur damit du deinen Traumprinzen wiedersehen kannst. Du wirst jetzt also gefälligst nicht kneifen, sondern wie eine erwachsene Frau gleich aus diesem Wagen aussteigen und den Abend genießen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Du verstehst das nicht ... ,“ setze ich an.
„Oh doch, ich verstehe sehr gut. Aus irgendeinem Grund hast du Angst. Vor ihm, der Welt und der Aufmerksamkeit, die diese dir entgegenbringt. Ich habe keine Ahnung warum das so ist, aber irgendwann muß damit Schluß sein.“
Ich hole tief Luft, um irgend etwas darauf zu erwidern, doch in diesem Moment hält der Wagen vor dem Eingang des Hotels. Mir wird übel als ich die Menschenmassen sehe, die sich rechts und links neben dem roten Teppich hinter einer Absperrung postiert haben. Blitzlichter von unzähligen Kameras flammen immer wieder auf, um die vor uns eingetroffenen Gäste für ihre Klatschspalten ins richtige Licht zu rücken und erst jetzt begreife ich wirklich, worauf ich mich hier eingelassen habe.
Panik steigt in mir auf. Ich muß hier raus. Und das ganz schnell. Aber sobald ich den schützenden Innenraum des Wagens verlasse, bin ich für die ganze Welt sichtbar. Alles, was ich in den letzten fünf Jahren unternommen habe um möglichst unerkannt ein friedliches Leben führen zu können, gerät mit einem Mal ins Wanken. Eiskalte Angst greift nach meinem Herz, läßt meine Hände zittern und meinen Mund ganz trocken werden.
„Showtime Süße,“ grinst Trish plötzlich neben mir und ich höre, wie unser Fahrer die Wagentür öffnet und aussteigt.
„Warte. Bitte! Ich muß ... ,“
Der Fahrer ist mittlerweile um die Motorhaube herum und nähert sich der hinteren Tür. Keine Frage, ich werde aussteigen müssen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Okay, keine Panik. Tarnen und Täuschen. Das kann ich.
Hektisch beuge ich mich vor und werfe einen genaueren Blick auf die Ablage zwischen den vorderen Sitzen. Auf Anhieb finde ich, wonach ich suche und meine kalten Finger schließen sich zitternd um die verspiegelte Sonnenbrille. Sie verdeckt gerade rechtzeitig meine Augen, bevor die Tür geöffnet wird und der Lärm von draußen auf einen unerträglichen Pegel anschwillt.
Während Trish nach der Hand des Fahrers greift, ziehe ich den Schal von meinen Schultern und schlinge ihn mir elegant um den Kopf. Ich kann nicht mehr überprüfen ob die Verkleidung einigermaßen gut gelungen ist, ich kann nur hoffen, daß es reichen wird.
Trish ist inzwischen ausgestiegen, lächelt kurz in die Kameras und wendet sich dann mir zu.
„Na komm’ schon,“ sagt sie und lächelt aufmunternd.
Langsam schiebe ich mich auf die Tür zu, ignoriere die Hand des Fahrers, der mir beim Aussteigen behilflich sein will und trete dann hinaus unter den ungeschützten Nachthimmel.
Augenblicklich fühle ich mich nackt. Ich bin mir sicher, daß jeder sofort erkennt wer ich bin, was ich getan habe und wovor ich mich verstecke.
Mit gesenktem Kopf und ohne auch nur einmal nach rechts oder links zu sehen, strebe ich dem Eingang zu und versuche dabei, nicht einfach loszurennen. Ich kann die beiden Flügeltüren bereits sehen, die für mich Sicherheit und Anonymität bedeuten, tauche ein in eine große Menschentraube, die davor steht und auf Einlaß wartet und fühle mich, wie nach einem Marathonlauf: Ausgepowert, zittrig und außer Atem.
Ich höre Gelächter und Gesprächsfetzen, seltsam losgelöst von Allem, was hier um mich herum vorgeht. Gut. Nur noch ein paar Schritte, dann habe ich es geschafft.
Kurz nachdem ich über die Schwelle getreten bin, hat Trish mich wieder eingeholt.
„So jemanden wie dich habe ich noch nie getroffen,“ schmunzelt sie, während sie ihr Kleid glattstreicht, ihrer Frisur noch einmal mit ein paar gezielten Zupfern und Tätschlern den richtigen Schwung verpaßt und sich dann bei mir unterhakt. „L.A. ist eindeutig nicht deine Stadt Süße. Soviel ist sicher.“
Ich kann dem inzwischen nicht mehr widersprechen, also lasse ich mich anstandslos von ihr ins Innere des Hotels führen. Während ich die peinliche Sonnebrille abnehme, sie in meiner Handtasche verstaue und mir den Schal wieder um die Schultern lege hoffe ich, daß der restliche Abend besser verlaufen wird, als er angefangen hat.

Die Veranstaltung findet in einem riesigen Ballsaal statt und ich werde nicht müde, sämtliche Details fasziniert in mich aufzusagen. Große, runde Tische an denen mindestens zehn Personen Platz finden, füllen zwei Drittel des Saales. Riesige, schimmernde Kristallkronleuchter hängen von der Decke. Die schweren, weißen Damasttischdecken, das Silberbesteck, die Blumengebinde auf den Tischen und die elegant gekleideten Gäste, die auf der Suche nach ihren Plätzen sind, vermitteln den Eindruck von Gediegenheit und ich fühle mich einigermaßen sicher.
Trish schiebt mich durch den nicht enden wollenden Strom von Menschen, schüttelt hier Hände, verteilt dort Küßchen, stellt mich jedem vor und plaudert, als befände sie sich in ihrer Boutique und kenne jeden anwesenden Gast persönlich. Mittlerweile schließe ich selbst das nicht mehr aus.
Ich brauche eine Weile bis mir auffällt, daß meine Augen unruhig hin und her huschen. Sie sind, ohne daß ich dies bewußt gewollt hätte, auf der Suche. Auf der Suche nach einem Paar großer, brauner Augen, die zu einem Popstar gehören, der für dies alles hier verantwortlich ist.
Als wir unsere Plätze endlich finden, habe ich ihn immer noch nicht entdeckt. Wir sitzen in der ersten Reihe, vor uns erstreckt sich das Parkett, daß sicherlich später als Tanzfläche herhalten wird und am Ende erhebt sich eine Bühne, auf der im Moment lediglich verlassen wirkende Instrumente und ein Mikrofon stehen.
Trishs Stimme dringt langsam wieder zu mir durch.
„ ... großartiges auf die Beine gestellt. Seine Mutter ist wohl ebenfalls sehr engagiert. Aber ich habe gehört, sie wäre heute nicht hier. Schade eigentlich. Du mußt sie kennen lernen. Wirklich eine sehr nette Frau. So bodenständig, verstehst du?“
Was auch immer Trish mir damit sagen will, ich nicke und versuche, interessiert zu wirken.
Ein Kellner erscheint an unserem Tisch und nimmt die Getränkebestellung entgegen. Mir ist nach Wodka, am besten gleich eine ganze Flasche, aber ich halte mich zurück und bestelle statt dessen einen Weißwein.
Die Gäste an unserem Tisch scheinen bunt gemischt. Da ist ein älterer Herr mit Vollbart und einem maßgeschneiderten Anzug über seinem voluminösen Bauch, daneben sitzt seine Tochter. Oder seine blutjunge Freundin, das weiß man ja heutzutage nie so genau. Dann sind da noch drei ältere Damen, die versuchen jung zu wirken und auch wenn ihre Gesichter keinen Tag älter als 35 scheinen, so verraten doch die Falten an ihrem Hals daß sie sicherlich bereits auf die sechzig zu gehen. Neben ihnen sitzt ein schwules Pärchen, die immer wieder verstolen unter dem Tisch Händchenhalten und mir noch wie die normalsten unter all diesen Neurotikern vorkommen. Ich befürchte, ich passe hier besser hinein, als ich mir das vorgestellt habe und dieser Gedanke ängstigt mich.
Unsere Bestellung ist noch nicht angekommen, da werden im gesamten Saal die Lichter gedimmt, alles hastet schnellstens zu seinen Plätzen und auf die Mitte der Bühne wird ein gleißend heller Strahler gerichtet. Jetzt scheint es also loszugehen.
Noch bevor ich irgend etwas sehen kann, wallt um mich herum Applaus auf und während meine Hände in den Takt mit einfallen, betritt plötzlich Alex die Bühne.
Meine Hände verharren augenblicklich wie festgefroren vor meinem Körper, meine Augen werden groß und mein Herz setzt zu einem wilden Galopp an. Mein Gott. Wie kann ein einzelner Mensch in einem schwarzen Anzug nur so gut aussehen? Er trägt dazu ein lila Hemd und eine schwarze Krawatte, auf seinem Kopf sitzt ein schwarzer Filzhut und seine dicken Ringe funkeln im Licht, als er jetzt nach dem Mikrofon greift, es aus der Halterung zieht und noch ein paar Schritte an den Rand der Bühne macht.
„Ich kann Sie gar nicht sehen,“ sagt er und schirmt seine Augen mit der Hand vor dem gleißenden Licht des Spotlights ab.
Verhaltenes Gelächter antwortet ihm.
„Aber ich kann Sie hören,“ bemerkt er, während ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erscheint und das Gelächter im Saal lauter wird.
„Herzlich Willkommen meine Freunde und Wohltäter. Es ist mir wirklich eine Ehre, sie heute Abend hier alle begrüßen zu dürfen.“
Lauter Applaus antwortet ihm. Er hebt beschwichtigend eine Hand und wartet, bis sich der Aufruhr im Saal wieder etwas gelegt hat.
„Über die ganze Pracht, den Luxus und das gute Essen sollten wir allerdings nicht vergessen, warum wir alle heute Abend hier sind. Ich weiß nicht, ob ich mich als leuchtendes Beispiel für den heutigen Musikunterricht an unseren Schulen betrachten sollte, denn ich hatte das Glück, von fähigen Lehrern mit ausreichendem Lehrmaterial unterrichtet worden zu sein.
In vielen Einrichtungen ist dies leider noch nicht der Fall. Lehrermangel, veraltete Instrumente und fehlende Schulbücher und Notenhefte sind an der Tagesordnung und die JNN Foundation hat sich auf die Fahnen geschrieben, dagegen anzugehen.
Deshalb sind Sie heute Abend hier,“ er macht eine kurze Pause, in der verhaltener Applaus aufsteigt und mit einem Grinsen bemerkt Alex. „Ah, scheinbar wußten dies noch nicht alle.“
Erneutes Gelächter und etwas kräftiger Applaus quittiert diese Bemerkung.
„Ich ... ,“ setzt er an, dann bohren sich seine Augen in meine und ich vergesse vor Schreck zu atmen. Er wirkt etwas überrascht, doch dieser Moment dauert höchstens zwei Wimpernschläge, dann hat er sich wieder voll im Griff.
„Ich wünsche Ihnen viel Spaß heute Abend. Genießen Sie die köstlichen Speisen, kosten Sie von dem vorzüglichen Wein und denken Sie an die Kinder, wenn Sie ihre Schecks ausstellen.“
Ohrenbetäubender Applaus brandet auf, Alex verbeugt sich knapp, steckt das Mikrophon wieder zurück in die Halterung und springt mit einem eleganten Satz von der Bühne.
Während er mit langen Schritten direkt auf uns zukommt, entsteht auf der Bühne erneut Bewegung. Eine achtköpfige Band stellt sich hinter ihren Instrumenten auf und beginnt gleich darauf mit einer sanften Soulnummer.
„Trish!“ ruft er schon von weitem und strahlt über das ganze Gesicht.
„Guten Abend AJ,“ flötet sie, erhebt sich und nimmt dann doch tatsächlich würdevoll einen Handkuß von ihm entgegen. Ich glaube, ich bin im falschen Film.
„Schön dich zu sehen,“ sagt Alex und ignoriert mich dabei komplett. Dafür begrüßt er nacheinander die anderen Gäste an unserem Tisch und ich komme mir mehr als dämlich vor.
„Das hier konnte ich mir doch nicht entgehen lassen,“ lächelt Trish, während sie ihr Haar mit einer fließenden Bewegung über die Schulter wirft. „AJ, der Wohltäter. Etwas ganz neues, wenn du mich fragst.“
„Findest du? Eigentlich gefällt mir die Rolle am besten,“ grinst er.
Jetzt endlich fällt sein Blick auch auf mich. Ich sitze immer noch wie festgewachsen auf meinen Platz und starre wie ein verschrecktes Kaninchen zu ihm auf. Was soll ich nur sagen? Soll ich aufstehen? Oder lieber sitzen bleiben? So tun, als würden wir uns nicht kennen? Aufspringen und weglaufen?
„Hallo Avery,“ sagt Alex in diesem Moment und streckt mir die Hand entgegen. Mist, eine Flucht ist damit ausgeschlossen.
„Alex,“ nicke ich knapp, während ich seine Hand ergreife und versuche, bei dieser kurzen Berührung nicht einfach dahin zu schmelzen.
Scheinbar bin ich nun wieder unwichtig geworden, denn er wendet sich wieder Trish zu und berührt sie sanft am Arm. „Ich muß leider weiter. Wir sehen uns sicherlich später.“
„Natürlich. Ich will dich ja nicht von deiner Mission abhalten,“ lächelt sie.
„Ja, ja. AJ McLean, der Retter der Unterdrückten und Schwachen,“ grinst er.
„So weit würde ich vielleicht nicht gehen,“ lacht Trish, klopft ihm noch einmal auf die Schulter und läßt sich dann wieder neben mich auf ihren Stuhl sinken, während Alex ohne einen weiteren Blick zurück in der Menge verschwindet.
Ich habe also mein Weihnachtsgeschenk unter dem Baum vorgefunden nur um dann festzustellen, daß es nicht für mich bestimmt ist. Warum wundert mich das eigentlich noch?

Kapitel 8