Kapitel 6
Zwei Wochen sind seit diesem unsäglichen Telefongespräch vergangen und immer noch läßt es mich nicht los. Wahrscheinlich ärgere ich mich am meisten darüber, daß ich mich über mich selbst ärgere. Im Grunde habe ich doch genau das erreicht was ich wollte: Ich bin Alex endlich los und muß keine Angst mehr haben, daß er mir zu nahe kommt.
Aber genau das macht mich traurig. Ich ertappe mich immer wieder dabei, daß ich aufblicke wenn im Diner das kleine Glöckchen über der Tür anschlägt weil ich hoffe, daß Alex plötzlich hereinspaziert kommt und wir dort weiter machen können, wo wir aufgehört haben.
Ich möchte ihm beweisen, daß ich vielleicht doch gar nicht so unmöglich bin, wie er sich das im Moment wahrscheinlich denkt und weiß doch, daß ich genau das nicht kann.
Dieser Widerspruch macht mich beinahe wahnsinnig und führt dazu, daß ich mehr als unausgeglichen bin. Heute ist mein freier Tag und ich bin mir ziemlich sicher, daß meine Kollegen ganz tief durchatmen, weil sie mich nicht ertragen müssen.
Ich bin in die City gefahren und versuche mir, während ich auf Trishs Boutique zusteuere einzureden, daß ich nur hier bin, weil ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Aber tief in mir weiß ich es natürlich besser.
Für kalifornische Verhältnisse ist es angenehm warm, die drückende Hitze der letzten Tage legt eine Pause ein und so steht die Tür der Boutique weit offen um die leichte Brise in den kleinen Verkaufsraum hinein zu lassen. Deshalb bemerkt mich Trish auch nicht gleich als ich eintrete.
Wie immer umfängt mich direkt hinter der Tür der Geruch nach teurem Parfüm und Rosenblättern, die strategisch in kleinen Schalen im Raum verteilt sind.
Der Verkaufsraum selbst ist übersichtlich eingerichtet, so daß man ihn immer komplett im Auge behalten kann. Kleine Strahler sind im Boden und versteckt hinter den Regalen eingelassen und verbreiten ein angenehmes, indirektes Licht. Zu meiner rechten steht eine kleine Sitzgruppe aus roten Ledersofas und einem niedrigen, schwarz lackierten Holztisch. Vor mir erstrecken sich Regale und Kleiderständer, die alles enthalten was gut und teuer ist. Große schwarzweiß Fotografien von nackten Menschen hängen dazwischen und wie jedes Mal schießt mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich diese Körper sicherlich besser in Szene gesetzt hätte.
Trish steht hinter einem schmalen Tisch und starrt mit gerunzelter Stirn auf einen Stapel Papiere hinunter. Sie haßt die Abrechnung, das weiß ich und wie aus dem Nichts überkommt mich eine warme Zuneigung für diese verrückte Frau, die eigentlich überhaupt nicht zu mir paßt.
Schwierigkeiten? frage ich also, als ich direkt vor ihr stehe und erschrocken zuckt sie zusammen. Dabei fegt sie ein paar Blätter auf den Boden und wir bücken uns gleichzeitig, um sie aufzuheben.
Sie seufzt, klaubt die Seiten vom Boden auf und antwortet erst, als sie alles in einem unordentlichen Haufen wieder auf den Tisch zurückgelegt hat. Keine Schwierigkeiten, sagt sie und schüttelt den Kopf. Ich habe alles im Griff. Ein Lächeln erhellt dabei ihre feinen Gesichtszüge und innerlich bewundere ich sie für diese grandiose, schauspielerische Leistung.
Na dann ist ja gut, entgegne ich.
Ist schön, daß du mal wieder vorbei schaust, sagt Trish und kommt um den Tisch herum.
Ja. Ich dachte auch, daß es schon viel zu lange her ist. Was gibt es denn neues?
Das erzähle ich dir, während ich dir die neue Kollektion vorführe, grinst sie und schiebt mich vor sich her in den hinteren Teil des Ladens.
Okay, ich habe also die Wahl zwischen einer schnellen Flucht um mein Konto vor Trish in Sicherheit zu bringen, oder ich bleibe hier, lasse mich zum Kauf von mindestens zwei neuen Kleidungsstücken überreden, überziehe damit mein Konto, erfahre dabei aber hoffentlich, was Alex im Moment so macht.
Meine Beine entscheiden sich für den Kaufrausch und so stehe ich wenig später vor einer langen Reihe von Kleidungsstücken, die scheinbar wahllos auf einer Kleiderstange hängen, die sich an der gesamten Rückwand entlang zieht.
Ist das hier nicht fantastisch? fragt sie und zieht ein Oberteil hervor. Es ist lindgrün, mit tiefem Ausschnitt und dem goldenem Aufdruck einer E-Gitarre.
Sieht gut aus, nicke ich und brenne dabei innerlich vor Neugier.
Weitere Sachen folgen, bis sich auf Trishs Arm irgendwann ein bunter Berg der verschiedensten Kleidungsstücke türmt. Damit begeben wir uns nun zu den Umkleidekabinen. Während ich hinter den Schwingtüren aus Holz verschwinde, ordnet Trish die Sachen und reicht mir das erste Stück in die Kabine.
Hast du schön gehört? sagt sie dabei und ich spitze die Ohren. Ashley hat sich von Marc getrennt. Eine Tragödie, wenn du mich fragst. Meiner Meinung nach haben die beiden hervorragend zusammen gepaßt.
Hast du nicht mal erwähnt, daß Marc ein untreuer Spinner ist und Ashley gar nicht verdient hat? gebe ich zu bedenken, während ich mich im Spiegel mustere. Ja, das Shirt gefällt mir.
Ach was, winkt Trish ab, während ihr Gesicht über der Tür auftaucht. Sie mustert mich ausgiebig und nickt dabei bestätigend. Eigentlich ist er ein ganz Lieber. Das steht dir übrigens sehr gut. Vielleicht nicht ganz deine Farbe. Ich glaube, das haben wir noch in Rot da. Und damit verschwindet ihr Kopf und ich sehe, wie sich ihre schwarzen Pumps entfernen.
Und warum hat Ashley dann mit ihm Schluß gemacht? rufe ich hier hinterher, während ich das T-Shirt wieder ausziehe.
Angeblich wollte Ashley, daß Marc bei ihr einzieht, aber er hat sich wohl geweigert, dringt Trishs Stimme zu mir.
Und das reicht heutzutage schon um sich zu trennen? frage ich leicht irritiert zurück. Ich wäre froh darüber, wenn mir mein Lebensabschnittsgefährte den Freiraum ließe, den ich brauche.
Na hör mal! entrüstet sich Trish, während sie mir das T-Shirt tatsächlich in rot über die Tür reicht. Das ist doch wie ein Schlag ins Gesicht. Entweder man ist zusammen und liebt sich, oder man führt nur eine Beziehung um seinen Hormonhaushalt ab und an auszugleichen. Marc kann mir doch nicht erzählen, daß er sie wirklich liebt, wenn er nicht mit ihr zusammen ziehen will.
Aha, gebe ich zurück. Besser nicht auf irgendwelche Diskussionen einlassen. Bei Trish ziehe ich da für gewöhnlich den Kürzeren.
Das sieht schon besser aus, sagt sie in diesem Moment. Ich kann nur ihre Augen sehen, die über den Rand der Tür linsen. Und jetzt den Rock dazu. Sie reicht mir einen schwarzen Rock, der unanständig kurz geraten scheint.
Ich glaube nicht, daß ... ,
Erst anprobieren, dann meckern, unterbricht sie mich und ich kann ihren Augen ansehen, daß sie grinst.
Ich füge mich also in mein Schicksal und ziehe meine Jeans aus. Und was gibt es sonst noch so zu berichten? frage ich weiter.
Sag mal, du bist doch sonst nicht an Klatsch und Tratsch interessiert, sagt Trish und neben ihren Augen tauchen plötzlich ihre Finger auf, während sie diese um die Oberkante der Tür schließt. Keine Frage, sie weiß ganz genau was in meinem Kopf vorgeht und mir ist dies mehr als peinlich.
Och ... , entgegne ich schulterzuckend und tue so, als ob ich mich vollkommen in meinem Spiegelbild verlieren würde. In Wahrheit sehe ich mich gar nicht. Meine sämtlichen Sinne sind auf Trish ausgerichtet und ich warte mit klopfendem Herzen auf Neuigkeiten von Alex. Gott, wie kann man nur so schwach sein?
Ist dir eigentlich klar, daß du ihn ganz schön verwirrt hast?
Auch wenn ich weiß, daß es eigentlich unnötig ist tue ich so, als hätte ich keine Ahnung von was sie eigentlich spricht. Wer ist verwirrt?
Das weißt du ganz genau! Alex erzählt noch heute von dem seltsamen Telefonat, das er mit dir geführt hat.
Er erzählt davon?? Mein Herz ist mir unter dem Rock hervor in die Kniekehlen gerutscht und ich kann nicht verhindern, daß ich erschrocken zu Trish herum fahre.
Na klar. Hallo? Ich glaube, er hat in seinem ganzen Leben noch keine so deutliche Abfuhr kassiert. Meine Güte. Wenn AJ McLean mich auf Knien bitten würde mit ihm auszugehen, würde ich alles stehen und liegen lassen. Du mußt vollkommen verrückt sein.
Merkst du das jetzt erst? frage ich lahm und verschränke die Arme vor der Brust.
Trish drückt die Schwingtüren auseinander und bedeutet mir, aus der Kabine zu treten. Es widerstrebt mir zwar mich aus der trügerischen Sicherheit der engen Wände hinaus in den offenen Verkaufsraum zu begeben, aber ich tue es trotzdem. Für einen Moment mustert sie mich aufmerksam von oben bis unten.
Also schöne Beine hast du ja, sagt sie mit Kennerblick. Nur an deiner Oberweite solltest du vielleicht bei Gelegenheit was machen lassen.
Trish! fahre ich entsetzt auf.
Na hör mal. Das da, sie deutete auf meinen Busen, der vielleicht nicht wirklich riesig, aber immerhin vorhanden ist lockt heutzutage doch keinen Mann mehr hinter dem Ofen hervor. Tut mir leid Süße wenn ich so offen bin, aber es ist doch wirklich nichts mehr dabei, sich ein paar Silikonkissen implantieren zu lassen. Das macht doch wirklich jeder.
Erstens bin ich nicht jeder, gebe ich heftig zurück. Zweitens wird niemand irgendwelche Fremdkörper in meinen Körper implantieren und drittens möchte ich solche Bemerkungen nie wieder hören.
Trish zuckt mit den Achseln, faßt mich dann an den Schultern und dreht mich zu meinem Spiegelbild herum.
Schau es dir doch an. Bis hierhin, sie hält eine Hand in die Nähe meiner Achselhöhle ist alles bestens. Darüber ... nun ja ... ,
Trish ... , warne ich sie und sie hebt abwehrend die Hände.
Ist ja in Ordnung. Ich bin schon ruhig.
Sie schiebt mich wieder in die Umkleidekabine und reicht mir eine Jeans, deren Gesäßtaschen und Hosenbeine kunstvoll mit Blüten bestickt und mit glitzernden Strasssteinen besetzt sind. Nicht wirklich mein Geschmack, aber ich schinde erst einmal Zeit, damit sie mir mehr von Alex erzählen kann.
So, wo war ich? Ach ja, dein Gespräch mit Alex, sagt Trish, die sich wohlweißlich hinter die Schwingtüren zurückgezogen hat. Ich verstehe nicht, warum du dich so gegen ihn wehrst. Er sieht super aus, hat ein ansprechendes Bankkonto und ist noch dazu berühmt.
Das alles ist mir nicht wichtig, entgegne ich ehrlich und strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus, weil die Jeans wirklich häßlich an mir aussieht.
Da wärst du die erste, stellt Trish fest. Nein. Die Hose ist nichts für dich. Probier das hier mal.
Mittlerweile ist mir unglaublich warm, aber ich nehme anstandslos das Kleid entgegen, das Trish mir über die Tür reicht.
Du sollst ihn doch auch nicht gleich heiraten. Es ging doch lediglich um ein Date. Wie kann man sich nur so anstellen?
Ich habe eben keine Lust mit ihm auszugehen, ist das so schwer zu verstehen?
Ja, ja, schon klar, aber jetzt stehst du hier und hängst förmlich an meinen Lippen.
Mist. Ich bin durchschaut.
Mach dir nichts draus, sagt sie, während sie sich erneut auf die Zehenspitzen stellt und einen ausgiebigen Blick zu mir herein wirft. Dein Geheimnis ist bei mir sicher.
Welches Geheimnis? frage ich zutiefst erschrocken und meine Stimme klingt dabei ein paar Nuancen zu hoch.
Na, das du noch nicht so viel Erfahrungen mit Männern hast und ihn deshalb hast abblitzen lassen. Etwas anderes kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.
In mir steigt ein erleichtertes Kichern auf. Wenn Trish wüßte, daß sie hier eine ehemalige Prostituierte vor sich hat, würde sei ... Nein, so viel Fantasie habe ich nicht, um mir ihre Reaktion vorzustellen. Aber wahrscheinlich, würde sie tot umfallen.
Bevor ich ihre Feststellung also entkräften kann, plappert Trish schon munter weiter. Ich meine ... er ist ja nun auch ein bißchen angsteinflößend, finde ich zumindest. Er wirkt so ... erfahren und weltoffen. Das kann uns Mädels vom Lande schon ganz schön mitnehmen, was? Aber ich verspreche dir, daß das nur der erste Eindruck ist. Er ist wirklich ein Mann mit Manieren, witzig, zuvorkommend ... einfach hinreißend, wenn du mich fragst.
Und warum gehst du dann nicht mit ihm aus? frage ich mißmutig während ich versuche hinter das Geheimnis dieses Kleides zu kommen. Wo ist da bitte schön oben und unten?
Anders herum, kommt mir Trish zu Hilfe. Und, um deine Frage zu beantworten, ich gehe nicht mit ihm aus, weil er nicht mich sondern dich gefragt hat.
Das klingt logisch. Trotzdem macht es das Ganze nicht wirklich besser.
Inzwischen wird er die Enttäuschung verkraftet und sich ein neues Opfer gesucht haben, oder? frage ich, während ich in das Kleid hinein steige.
Nicht so direkt. Er war wohl mit Samantha was Trinken, aber das war kein Date im eigentlichen Sinne.
Warum?
Weil sie einfach nur gute Freunde sind.
Und das glaubst du? Also wirklich. So jemand wie Alex hat doch keine weiblichen Freunde.
Du würdest dich wundern, sagt sie und ich kann ihr Grinsen förmlich vor mir sehen.
Ich trete freiwillig aus der Kabine und drehe Trish den Rücken zu, damit sie mir das Kleid schließen kann. Sie fummelt eine ganze Weile an mir herum, zupft da noch eine Falte zurecht und glättet hier noch mal den Stoff, dann tritt sie hinter mich und wir betrachten gemeinsam mein Spiegelbild.
Das soll ich sein? Wow!
Das Kleid schmiegt sich wie eine zweite Haut an meinen Körper und ist aus hellblauem, schimmernden Satein. Der Saum endet knapp oberhalb des Knies und ein langer Schlitz an der Seite zeigt mehr von meinem Bein, als schicklich ist. Der tiefe Ausschnitt läuft spitz zu und ist am Ende gerafft, so daß meine kleine Brust größer wirkt.
Peeeeerfekt, gurrt Trish und ihr breites Grinsen macht mir Angst. Jetzt kommt irgendwas, davon bin ich überzeugt.
Perfekt für mich?
Perfekt für morgen Abend.
Was ...? ich fahre zu ihr herum und starre sie mit großen Augen an. Irgendetwas geht da buchstäblich hinter meinem Rücken vor und das gefällt mir ganz und gar nicht.
Ganz ruhig Süße. Keine Panik. Morgen Abend ist dieser Wohltätigkeitsball von dem ich dir erzählt habe, erinnerst du dich?
Dunkel, gebe ich immer noch angespannt zurück.
Ich dachte mir, du hättest vielleicht Lust mich zu begleiten.
Warum sollte ich das tun? Du weißt doch, daß ich so etwas ... , setzte ich an, doch sie unterbricht mich.
Alex wird auch dort sein.
Die nächsten Worte bleiben mir buchstäblich im Halse stecken und ich schäme mich, daß plötzlich eine Welle von Vorfreude über mir zusammen schlägt. Ich bin so was von armselig.
Wußte ich doch, daß dir das gefallen wird, grinst sie und ich wende mich schnellstens von ihr ab. Zum einen, damit sie meine leuchtenden Wangen nicht so genau sieht und zum anderen, um einen weiteren Blick in den Spiegel zu werfen.
Die Haare würde ich hochstecken, sagt Trish, faßt die dicken Locken in meinem Nacken zusammen und hebt sie in die Höhe. Das bringt deinen schlanken Schwanenhals besser zur Geltung. Du brauchst natürlich ordentlichen Schmuck, aber da kann ich dir aushelfen.
Ich glaube nicht, daß ich mitgehen sollte, murmle ich mehr zu mir selbst, doch im Grunde ist das nur ein letzter Versuch, das Unausweichliche zu leugnen. Ich will ihn wieder sehen. So einfach ist das. Und damit auch so kompliziert.