Kapitel 5

Endlich Feierabend! Todmüde stecke ich den Schlüssel ins Schloß und schließe meine Wohnungstür auf. Mit schlafwandlerischer Sicherheit finden meine Finger den Lichtschalter neben der Tür und gleich darauf tauchen einige wohlplazierte Strahler den riesigen Raum vor mir in sanftes Licht.
Das hier ist der einzige Teil meiner früheren Welt, den ich in die Gegenwart gerettet habe. Hier habe ich vertraute Gegenstände um mich herum. Und natürlich meine Bilder.
Finanziert ist die Eigentumswohnung von meiner Familie. Sie waren damals der Meinung, wenn sie mich schon nicht den Rest meines Lebens begleiten können, dann wollen sie mir wenigstens meine Zukunft sichern. Irgendwie fühle ich mich ihnen hier in diesen vier Wänden nahe. Die große Bodenvase habe ich nur gekauft, weil Mom so eine ähnliche hat und in dem decken hohen Regal, an dem eine Leiter mit Rollen lehnt, stehen eine ganze Menge Bücher die ich nur gekauft habe, weil meine Schwester die gleichen zu Hause hat. Dies hier ist meine Erinnerungskammer, mein Rückzugsort, der so sicher ist wie Fort Knox.
Als ich nach dem Prozeß nach LA kam, wohnte ich für einige Zeit in einem heruntergekommenen Hotel, in dem sich die Tapete von der Wand wölbte und Ungeziefer durch das Badezimmer huschte. Als ich dann das erste Mal meinen Fuß über die Schwelle dieser Wohnung setzte, wußte ich sofort, dass die Suche nach einem neuen zu Hause beendet ist.
Sie besteht aus einem großen, hohen Wohnraum von den Ausmaßen einer kleinen Turnhalle, einem geräumigen Badezimmer und einem Kabuff in der hintersten, linken Ecke, in dem sich die Dunkelkammer befindet. Zwischen dieser und der gegenüberliegenden Wand ist eine Wäscheleine gespannt, auf der meine aktuellen Fotografien zum Trocken hängen. Meine eigene, kleine Galerie, wenn man so will. Zu meiner Rechten, in einer Nische, ist die Küche, die durch eine Theke vom restlichen Raum abgegrenzt ist. Dahinter führt eine Wendeltreppe hinauf auf eine Empore in mein Schlafzimmer.
An den Wänden hängen meine Lieblingsbilder. Alle auf einen Meter mal zwei Meter vergrößert und auf robuste Holzrahmen gespannt. Trotz ihrer Größe wirken sie an den geräumigen Wänden beinahe winzig und ich werde nicht müde, sie mir immer wieder ganz genau anzusehen.
Doch heute habe ich dafür keinen Blick. Noch während ich den Raum durchquere streife ich mir die Schuhe von den Füßen und trete an das Regal mit der Schallplattensammlung heran. Mit geübtem Griff ziehe ich eine Scheibe hervor und plaziere sie auf dem altertümlichen Plattenspieler. Mit einem leisen Kratzen setzt die Nadel auf und gleich darauf hallt das hohe Ping eines Echolots durch den Raum. Pink Floyd sind einfach die besten.
Ich hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und lasse mich gleich darauf auf das überdimensionierte, bequeme Sofa fallen, stopfe mir eines von den voluminösen, dunkelroten Cordkissen in den Rücken und lege seufzend die Füße auf den Tisch.
Ja, das tut gut und der erste, kühle Schluck Bier auch. Ich merke, wie ich mich langsam entspanne. Kurz bevor ich die Augen allerdings schließen kann um mich ganz der wundervollen Musik hinzugeben, taucht zu meinem Leidwesen Alex’ Lächeln vor mir auf und alles in mir zieht sich erschrocken zusammen.
Er hat meine Telefonnummer! Dieser Gedanke macht mich richtig fertig. Abgesehen von meinen Kollegen, die mich ab und an anrufen weil ich ihre Schicht übernehmen soll und natürlich Trish, die sie mir in einem unaufmerksamen Moment aus dem Kreuz geleiert hat, kennt die niemand.
Früher, als ich noch Sandra Brown war, war meine Telefonnummer über den gesamten Erdball verteilt. Zum einen hatte dies berufliche Gründe, zum anderen war ich mit meiner Nummer schon immer sorglos umgegangen. Mir gefiel der Gedanke, dass so viele Menschen einen Eintrag auf ihrem Display lesen konnten, der mit meinem Namen begann. Natürlich habe ich so auch einige unangenehmen Erfahrungen gemacht, aber das hat mich nie dazu veranlasst, etwas an meinem Verhalten zu ändern. Heute ist das ganz anders.
Vor meinem geistigen Auge tauchen wahllos Bilder aus der Vergangenheit auf und seltsamer Weise nur die schlechten. Ich war damals weit davon entfernt ein glückliches Leben zu führen. Ich hatte zwar jede Menge Geld, aber keinen Stolz und nur sehr wenige, echte Freunde.
Wenn ich heute darüber nachdenke wie sich mein Leben so zielsicher in die falsche Richtung entwickelt hat, kann ich manchmal nur den Kopf darüber schütteln.
Angefangen hat alles mit der normalen Rebellion eines Teenagers. Ich hasste meine Eltern und meine Schwester, weil sie in meinen Augen keine Ahnung davon hatten, was in mir vorging und habe dementsprechend die meiste Zeit außer Haus verbracht.
Ich lernte im Zuge dessen Menschen kennen, die ich lieber niemals getroffen hätte und bewegte mich in Kreisen, die nicht gut für jemanden sind, der nach seinem eigenen Weg in den Wirrungen des Lebens sucht.
Um es kurz zu machen, irgendwann fand ich mich auf dem Rücken in einem Bett liegend vor, über mir ein schwitzender, schnaufender Mann mit kahlem Kopf und Bierbauch, der mir hinterher Geld auf den Nachtisch legte, von dem ich die Hälfte an einen grobschlächtigen, finsteren Typen namens Eddy abgeben mußte. Aber dreißig Dollar für zwanzig Minuten Augen zusammen kneifen und zu versuchen nicht daran zu denken, was der Typ da über mir gerade mit mir und meinem Körper anstellt, kam mir damals wie die genialste Sache der Welt vor. Schnell verdientes Geld.
Ich fühlte mich sogar geschmeichelt als klar wurde, dass mein Körper zum einen so ansehnlich und jung war, dass ich bald zu Eddys bestem Pferd im Stall avancierte und sich zum anderen so prächtig entwickelte, dass den Männern schon bei meinem bloßen Anblick das Wasser im Mund zusammen lief. Ich hatte also jede Menge Geld, die schicksten Klamotten und einen Zuhälter, der vorgab mich zu verstehen und mich darin bestärkte, dass meine Eltern die hassenswertesten Menschen auf diesem Planeten waren.
Als Rudolf Steiner in mein Leben trat, war ich bereits von zu Hause ausgerissen und bewohnte zusammen mit Flicka, die bis dahin einen ähnlichen Lebensweg hinter sich hatte, eine kleine Wohnung über einer Tabledance Bar. Ich war damals siebzehn, fühlte mich manchmal allerdings wie siebzig und begann langsam aber sicher mein Jugendzimmer mit den Plüschtieren im Regal und den Postern an den Wänden zu vermissen.
Doch bevor die Zweifel an meiner Tätigkeit zu groß werden konnten, hatte Steiner mich und Flicka bereits unter seine Fittiche genommen. Ich weiß bis heute nicht genau, wie er Eddy das klar gemacht hat. Fakt ist nur, dass Eddy eine ganze Weile in einem Krankenhaus verbrachte und der Name Steiner danach nie wieder in seinem Wortschatz vorgekommen ist. Zumindest ist mir darüber nichts bekannt.
Flicka und ich zogen aus dem winzigen Wohnklo aus und wurden in einer Limousine ans andere Ende der Stadt verfrachtet. Wir fühlten uns unglaublich glamourös und als etwas besonderes und als wir auch noch die Wohnung sahen, die Steiner in einem der besten Wohnviertel der Stadt für uns gemietet hatte, waren wir vollkommen davon überzeugt, das große Los gezogen zu haben.
Ab diesem Zeitpunkt mußten wir uns nicht mehr mit stinkenden, häßlichen Männern von der Straße abgeben, sondern wurden per Telefon gebucht und dann mit einer schwarzen Limousine zu unserem Einsatzort gebracht. Wir lernten die Reichen und Schönen dieser Welt kennen ... nun ja ... sagen wir, wir wußten zumindest, wie sie unter ihren teuren Klamotten aussahen und von welchen abartigen Fantasien sie angetrieben wurden. Doch das Gefühl, wenn sich jemand deines Körpers bemächtigt, ohne dass du das wirklich willst, bleibt das gleiche. So etwas nagt an dir. Es frißt dich langsam aber sicher von innen heraus auf und um diese Lücken zu füllen, greifst du nach jedem Strohhalm der sich dir bietet, egal wie kurz er ist.
In Flickas Fall waren es unzählige Männer, die sie neben ihrem Job mit nach Hause brachte, weil sie der Meinung war, wenn sie sich ihren Sexualpartner selbst aussucht, dann würde sie etwas von ihrer Würde zurückgewinnen. In meinem Fall waren es zumeist weiße Substanzen in jeder Konsistenz. Ob Pillen, Pulver oder manchmal auch flüssig, Hauptsache ich war so zugedröhnt, dass ich kaum etwas mitbekam. Und Steiner unterstützte meine Sucht wo es nur ging. Es ging sogar soweit, dass ich mir mit den Drogen ein zweites Standbein aufbaute. Am Ende war ich nicht nur eine exorbitant gut verdienende Nutte, sondern auch eine recht erfolgreiche Drogendealerin. Ein kometenhafter Aufstieg in die tiefsten Abgründe.
Ich schüttele den Kopf um mich von den ungeliebten Bildern zu befreien. Ich will nicht mehr daran denken. Die Zeiten sind lange vorbei und auch wenn ich ihre Auswirkungen bis heute spüre, so kontrollieren sie zumindest nicht mehr mein Leben. Ich habe dies alles mit Sandra Brown hinter mir gelassen. Die Drogen und auch die Männer. Seit fünf Jahren lebe ich nun, als hätte es Sandra Brown nie gegeben und bin bemüht, Avery Hamilton so gut wie möglich von diesem ehemaligen Leben fernzuhalten. Das schließt auch die Bekanntschaften zu Männern ein. Wenn mich einer anspricht, sehe ich sofort vor mir, wie er sich nach dem Akt wieder anzieht und ein Bündel Dollarnoten aus seiner Hosentasche hervorkramt. Dann bleibe ich doch lieber allein und erspare mir diese Demütigung.
Tja, und jetzt ist dieser seltsame Mensch in mein Leben geschneit und mal ganz abgesehen davon, dass er trotz meiner Abneigung zu Männern pausenlos in meinem Kopf herumspukt, macht ihn zudem sein Job mehr als gefährlich für mich. Er ist eben kein gewöhnlicher Müller-Meier-Schulze-Typ, sondern AJ McLean von den Backstreet Boys.
Von Trish habe ich so einige pikante Details erfahren, wirklich in meinem Hirn hängen geblieben ist allerdings, dass er täglich mehrmals fotografiert oder sogar gefilmt wird, sein Leben in epischer Breite vor einem Millionenpublikum ausgebreitet da liegt und daß sich das leider nicht nur auf ihn beschränkt, sondern auch auf alle Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung. Ich kann es mir einfach nicht leisten, auf irgendwelchen Titelseiten zu erscheinen oder auch nur als Begleitperson von AJ McLean im Internet herumzuschwirren.
Denn auch wenn Steiner hinter Gittern sitzt, gibt es da noch genug Menschen, die es mir mehr als übel nehmen, dass ich dafür verantwortlich bin. Ich mache mir keine Illusionen: Sie suchen nach wie vor nach mir. Vielleicht nicht mehr wirklich aktiv, aber irgend jemand wird schon die Augen offen halten, da bin ich mir sicher. Und wenn sie mich finden, wird ihre Rache fürchterlich sein, so viel ist klar.
Ich seufze. Bisher habe ich mich doch so gut in meinem neuen Leben zurechtgefunden. Ich habe einen Job der mir Spaß macht, kenne ein paar sehr nette Leute und kann sie mir auch ziemlich gut vom Leib halten. Und kaum taucht so ein Typ mit großen, braunen Kulleraugen auf, ist alles im Eimer. Damit nicht genug, hat er jetzt auch noch meine Telefonnummer um mich in Zukunft häufiger zu belästigen und mein Leben damit auf den Kopf zu stellen. Wirklich prima.
Wie zur Bestätigung klingelt in diesem Moment das Telefon. Ich will nicht ran gehen. Nein, nein, nein. Ich werde hier sitzen bleiben, noch ein bißchen Pink Floyds „The Meddle“ lauschen und so tun, als wäre ich für alle anderen Geräusche taub.
Meine Güte, muß er es denn so lange klingeln lassen? Das nervt. Ah, er hat aufgelegt. Gut.
Oh, scheinbar hat er Wahlwiederholung, denn es klingelt schon wieder. Nein, ich werde nicht ran gehen. Ich ... gehe jetzt in die Küche und mache mir was zum Abendessen. Vielleicht einen Salat und dazu Tiefkühlpizza, oder ...
Herr Gott im Himmel! Wie kann man so hartnäckig sein? Ich werde ihm jetzt mal klar und deutlich sagen, was ich von so einer Art von Telefonterror halte.
Mit ungewohnter Heftigkeit reiße ich den Hörer aus der Wandhalterung in der Küche und belle in den Hörer. „Hast du nicht auch noch ne andere Nummer, die du wählen kannst?“
Ich höre sein leises Lachen am anderen Ende der Leitung und ärgere mich über mein Herz, das plötzlich ein paar Takte schneller klopft. Wie konnte ich auch nur so blöd sein und tatsächlich den Hörer abnehmen?
„Ich war mir ja im Klaren darüber, dass du nicht sehr freundlich auf meinen ersten Anruf reagieren würdest, aber damit habe ich nicht gerechnet.“ Sagt er.
„Mir egal. Laß mich einfach in Ruhe.“
„Warum gibst du mir nicht wenigstens eine klitzekleine Chance, hm?“
„Reicht ein „ich kann dich nicht besonders gut leiden“?“
„Uhm ... nein.“
„Komm’ schon. Hast du denn gar keinen Stolz?“
„Doch. Und genau der verbietet es mir, so schnell aufzugeben.“
„Alex. Ich verstehe immer noch nicht, was das Ganze soll. Ich bin nur halb so interessant wie du dir das vielleicht vorstellst, ich habe schlechte Tischmanieren, bin immer unpünktlich und wenig diplomatisch.“
Erneut lacht er und ich kann nicht umhin, dies mit einem Lächeln zu quittieren. Warum mir seine Hartnäckigkeit so gefällt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich mich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt habe.
„Es ist doch ganz einfach,“ sagt er und ich bezweifle, dass ich seine Meinung teilen werde. „Geh mit mir aus, damit ich mich persönlich davon überzeugen kann wie langweilig und unmöglich du bist, dann bist du mich für immer los.“
„Das klingt unlogisch. Ich will ja gar nicht, dass du mich kennen lernst.“ Widerspreche ich, sehe uns dabei aber bereits in einem netten Lokal beisammen sitzen und bei romantischem Kerzenschein Händchenhalten. Ich bin verrückt. Eindeutig.
„Wer hat gesagt, dass meine Beweggründe logisch sind?“ fragt er und mir fällt auf die Schnelle nichts Passendes darauf ein. „Komm schon. Ein einziges, kleines Date. Wir ... gehen was essen. In einem gut besuchten Restaurant. Dort werde ich ganz bestimmt nicht über dich herfallen und tanzen brauchst du da auch nicht.“
Denkt er etwa ich habe Angst vor ihm? Wie lächerlich.
„Nur zu deiner Information: Meinetwegen können wir auch in eine einsame, abgelegene Gegend fahren,“ höre ich mich sagen.
„Das heißt also, dass du mit mir ausgehst?“
„NEIN!“
Er seufzt. Gut, die ersten Anzeichen von Resignation sind zu spüren. Das macht es leichter. Nur noch ein bißchen weiter sticheln, dann legt er auf und ich habe meine Ruhe.
„Erstens kenne ich dich überhaupt nicht, zweitens interessierst du mich nicht die Bohne und drittens gehe ich nie mit Männern aus, die diese beiden Eigenschaften miteinander verbinden.“
Erneut seufzt er. Na, habe ich dich endlich kleingekriegt McLean?
„Gut. Ich denke, ich habe es kapiert. Schade. Kann man wohl nichts machen. Ich wünsche dir noch ein schönes Leben.“
Das gleichmäßige Tuten des Freizeichens dröhnt plötzlich in meinem Ohr und augenblicklich bedauere ich jedes einzelne Wort, das ich zu ihm gesagt habe. Verdammtes Leben.

Kapitel 6