Kapitel 4

Lolas Diner liegt etwas außerhalb der City, eingezwängt zwischen einer Wäscherei und einem Buchladen. Die durchgehende Fensterfront bietet einen Blick auf die viel befahrene Straße und den breiten Bürgersteig davor.
Ich weiß nicht ob Lola tatsächlich existiert, aber wenn, dann hat sie auf jeden Fall bei der Inneneinrichtung Geschmack bewiesen. Die hellen, quadratischen Tische werden von Stühlen mit bunt gemusterten Polstern umstanden, Lampen mit roten Schirmen hängen über jedem der Tische und vermitteln Behaglichkeit.
Das Herzstück ist aber der lange Tresen, vor dem mit schwarzem Leder bezogene Barhocker stehen. Dahinter schließt sich die Küche an, die mit ihrer großen Durchreiche offen für jeden einzusehen ist.
Das ist mein Arbeitsplatz und der Ort, an dem ich mich nach meiner Wohnung am häufigsten aufhalte.
Ich habe heute die Tagschicht, was ich sehr begrüße. Nachts ist hier zum einen nicht sehr viel los und zum anderen verirren sich regelmäßig irgendwelche Spinner hier her, bei denen man nie so genau weiß, ob sie als nächstes etwas zu essen bestellen oder die Einrichtung verwüsten wollen.
Es ist elf Uhr, die Frühstückszeit neigt sich dem Ende zu und für mich kommt der erste, ruhige Moment des Tages. Ich stelle mich an das Ende des Tresens, zünde mir eine Zigarette an und schlage die Tageszeitung auf.
Camilla, die wir alle nur Millie nennen, gesellt sich zu mir und wirft einen interessierten Blick über meine Schulter in die Zeitung.
„Sie sollten Bush mit Schimpf und Schande aus dem Weißen Haus jagen,“ sagt sie, während sie meine Hand mit der Zigarette an sich zieht und einen Zug davon nimmt. Sie ist einen guten Kopf größer als ich, hat blondes Haar, das sie während der Arbeit immer im Nacken zusammenbindet und große, blaue Augen. Sie ist die jüngste von uns allen und die einzige, die im Moment in festen Händen ist.
„Ich würde sogar dabei helfen,“ grinse ich, während ich die neusten Berichte aus dem Irak überfliege und mich dann erfreulicheren Dingen zuwende.
„Das würde ich gerne sehen,“ lacht sie und geht dann einem Gast Kaffe nachschenken.
Lucius streckt seinen dunklen Haarschopf durch die Durchreiche und verschränkt die Arme darauf.
„Ich würde dir zu gerne dabei zusehen, wie du George W. jr. gehörig in den Hintern trittst,“ sagt er.
„Ich weiß Lucius. Was deinen Hang zum Voyourismus betrifft sind wir ja alle perfekt im Bilde,“ entgegne ich abwesend, während ich auf die nächste Seite blättere.
„Komm schon Ave. Was kann ich denn dafür, dass meine Nachbarin sich immer vor dem geöffneten Fenster auszieht?“
„Oh, nicht DAS macht mich nervös, sondern das Fernglas, das griffbereit auf dem Fensterbrett liegt,“ gebe ich trocken zurück, was Millie ein leises Lachen entlockt.
Mit einem leisen Klingeln geht in diesem Moment die Tür auf und ich blicke gewohnheitsmäßig auf. Nein! Alles, nur das nicht.
Aus den Augenwinkeln sehe ich wie sich Gloria, die bisher an einem Tisch gestanden hat um sich mit einem junge Pärchen zu unterhalten, strafft, kurz durch ihr dunkles, langes Haar streicht und dann direkt auf den Neuankömmling zu geht. Sie steht auf alles was auch nur ansatzweise nach Mann aussieht und dieser Gast ist, was das betrifft, ein Musterexemplar.
„Hi,“ begrüßt sie Alex mit einem breiten Lächeln und einem sexy Augenaufschlag und ich verdrehe die Augen. Das unheimlichste an ihr ist, dass ihre Masche des weidwunden Rehs tatsächlich immer funktioniert. Die Männer liegen ihr reihenweise zu Füßen und ganz sicher ist sie für mindestens die Hälfte unseres Umsatzes verantwortlich.
Doch diesmal scheinen ihre großen, braunen Augen und ihre vollen Lippen nicht zu wirken. Alex schenkt ihr ein freundliches Lächeln und ein „Hallo“, dann wendet er sich von ihr ab und steuert zielstrebig auf mich zu.
Mist verdammter.
Er trägt Jeans und ein weißes T-Shirt, das seine Tatoos richtig schön zur Geltung bringt, der Schirm seiner Baseballkappe lässt sein Gesicht halb im Schatten verschwinden und an seinen Handgelenken reihen sich Unmengen von Lederbändern aneinander.
„Hallo Avery,“ begrüßt er mich lächelnd, während er sich auf einem der Barhocker nieder lässt.
„Hallo Alex,“ gebe ich zurück und widerstehe dem Drang, mich wieder in meine Zeitung zu vertiefen.
Ich rede mir ein, dass er ein Gast wie jeder andere ist und ich in ihm neulich Abend lediglich den Wunsch nach einem leckeren Lola-Burger geweckt habe. Allerdings ist es dafür wohl noch etwas zu früh.
„Kaffe?“ frage ich also.
„Ja, Kaffe wäre für den Anfang nicht schlecht,“ nickt er.
Ich gehe an Millie vorbei, die versucht den neuen Gast möglichst unauffällig anzustarren, was ihr leider nicht wirklich gelingt, schnappe mir die Kaffeekanne und stelle gleich darauf eine Tasse vor ihn auf die Theke.
„Darf es sonst noch etwas sein?“ frage ich dann und er nickt langsam
„Yep.“
„Hm ... für einen Burger ist es noch ein bißchen früh, findest du nicht?“ frage ich mit einem Grinsen.
„Für einen guten Burger ist es niemals zu früh,“ gibt er mit einem belustigten Funkeln in seinen Augen zurück.
„Gut, dann also ein Lola-Burger mit allem?“ frage ich und zücke bereits meinen Bestellblock.
„Heute nicht,“ entgegnet er, nimmt seine Kappe ab und streicht sich ein paar Mal mit gespreizten Fingern durch sein, an der Stirn schon langsam zurückweichendes, dunkles Haar, bevor er die Kopfbedeckung in seinem Schoß verschwinden lässt. Ob er eine Ahnung hat, wie sexy er aussieht?
Er holt bereits Luft um etwas zu sagen, als Gloria plötzlich wie aus dem Boden gewachsen neben ihm steht.
„Hallo Fremder. Schön, hier mal ein neues Gesicht zu sehen.“
„Hallo ... uhm ... ,“ er beugt sich etwas vor um ihr Namensschild lesen zu können „Gloria.“
„Und mit wem habe ich das Vergnügen,“ gurrt sie und klimpert dabei ziemlich affig mit ihren Augenlidern. Wenn er darauf anspringt ist er für mich gestorben, so viel ist sicher.
„AJ,“ sagt er und streckt ihr die Hand entgegen.
„Angenehm,“ flötet sie und hält seine Hand etwas länger als nötig fest.
Ich beschließe in dieses Drama einzugreifen und räuspere mich vernehmlich.
„Was wolltest du sagen? Alex.“ Ich fühle mich nur ein bißchen schlecht, weil ich ihn mit seinem „richtigen“ Namen ansprechen kann und nicht diese abgeschmackte Abkürzung benutze.
„Oh ja ... ,“ sagt er und wendet sich mir wieder zu.
Gloria schenkt mir einen überraschten Blick, dann klingelt Lucian nach ihr, weil ihre nächste Bestellung fertig ist und ich atme innerlich erleichtert auf.
„Du bist neulich so schnell verschwunden,“ stellt er fest, während er etwas Zucker in seinen Kaffe gibt.
„Ja. Trish wollte nach Hause und ... na ja ... ,“ ich zucke mit den Schultern, weil ich nicht weiß, was ich noch dazu sagen soll. Unsere Verabschiedung bestand aus einem kurzen Winken und ich weiß noch, dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich froh oder enttäuscht sein sollte, dass dieser Abend schon zu Ende ging.
„Du hast mir damit gar keine Gelegenheit gegeben, dich nach deiner Telefonnummer zu fragen,“ grinst er und rührt seelenruhig in seinem Kaffe.
„Uhm ...“ Was sage ich jetzt nur?
Du hättest sie sowieso nicht gekriegt?
Das war Absicht?
Tja, Pech?

„Ähm ...“ Nicht wirklich besser.
„Also habe ich mir gedacht, ich hole das heute nach,“ sagt er, immer noch mit diesem komischen Grinsen im Gesicht.
„Tut mir leid, aber ... ich rücke meine Telefonnummer nicht so einfach heraus,“ entgegne ich und fühle, wie meine Hände ganz leicht anfangen zu zittern. Was will der Typ bloß von mir?
„Und was muß ich dafür tun um sie zu bekommen?“ fragt er.
„Nichts. Ich ... meine Privatsphäre ist mir heilig.“
„Aha,“ sagt er und seine dunklen Augen scheinen mich zu durchbohren. „Ist das eine freundliche aber wenig einfallsreiche Abfuhr?“
„Ähm ... nein ... eigentlich ... oder ... doch ... vielleicht ... ,“ ich schließe meinen Mund und atme einmal tief durch die Nase. „Ich fühle mich so, wie mein Leben im Moment ist, sehr wohl. Ich möchte das ungern verkomplizieren.“ Ja, das klingt doch schon viel besser.
„Wie genau ist denn dein Leben momentan?“ fragt er interessiert.
„Unkompliziert,“ entgegne ich wie aus der Pistole geschossen.
„Hm, verstehe,“ nickt er.
Gut. Gerade noch mal die Kurve gekriegt. Er wird jetzt seinen Kaffe austrinken, bezahlen und dann endlich aus meinem Leben verschwinden.
„Und was, wenn ich dir sage, dass ich ab jetzt jeden Tag hier her komme, bis du mir deine Nummer gibst?“
„Ha, ha. Guter Witz,“ schnaube ich, doch seine ernste Miene macht mich nervös.
„Das ist mein voller Ernst,“ sagt er.
„Aber warum?“
„Weil ich dich gerne etwas näher kennen lernen möchte. Ist das so schlimm?“
Ja, das ist schlimm, aber wie soll ich ihm das nur begreiflich machen?
„Vielleicht solltest du das doch als freundliche Abfuhr verstehen und wieder gehen,“ sage ich.
„Das wäre natürlich eine Möglichkeit,“ nickt er und ich wage zu hoffen. „Doch ich glaube nicht, dass das für mich jetzt noch in Frage kommt.“
„Wie bitte?“
Er seufzt und schüttelt dann den Kopf. „Ich habe ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung, warum ich mich hier vor dir zum Idioten mache, aber ich möchte dich wirklich gerne näher kennen lernen. Und wenn ich dafür die nächste Zeit öfter hier vorbei schauen muß, soll mir das recht sein.“
„Was willst du nur von mir?“ sage ich etwas heftiger als beabsichtigt.
„Lediglich deine Telefonnummer,“ grinst er.
Meine Gesichtszüge entwickeln plötzlich ein Eigenleben und grinsen zurück.
„Na komm schon. Gib dir einen Ruck,“ bettelt er und garniert seine sowieso schon unwiderstehliche Reibeisenstimme mit einem zum schmelzen schönen Hundeblick.
„Alex ... ich ...“
„Biiiiiiiiiitte!“
Er lehnt sich etwas weiter über den Tresen, faltet die Hände unter dem Kinn und sieht von unten zu mir auf.
„Ich glaube nicht ... ,“
Eine Hand klatscht plötzlich neben mir auf die Theke und zu tode erschrocken und mit einer Hand auf meinem wummernden Herzen fahre ich zu Lucius herum.
„Hier,“ sagt er und schiebt Alex einen kleinen, weißen Zettel zu. „Das ist ihre Nummer und wenn sie sich weigert ran zu gehen sag mir bescheid. Ich regle das schon.“
„Lucius Christian Paulsen. Ich glaube es ja nicht!“ fahre ich ihn an und grabsche hektisch nach dem Stück Papier. Doch Alex ist schneller.
„Danke Mann,“ nickt er lächelnd und steckt den Zettel seelenruhig in seine Hosentasche.
„Das ist ... ich ... das ... ,“ stottere ich und kann mich dabei nicht entscheiden, ob ich erst Lucius verdreschen oder Alex irgendwie meine Telefonnummer wieder abluchsen soll.
„Der Kaffe war wirklich gut,“ sagt dieser in diesem Moment, erhebt sich von seinem Barhocker und legt fünf Dollar auf den Tresen. „Bis bald.“
Dann winkt er ein letztes Mal und verschwindet durch die Tür. Vollkommen geschockt sehe ich ihm nach, bis er am Ende der Fensterfront verschwindet.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ fauche ich Lucius im selben Moment an.
„Ich habe deinem Glück nur ein bißchen nachgeholfen,“ verteidigt er sich und weicht meinem stechenden Blick dabei keine Sekunde aus. „Irgendwann wirst du mir dafür dankbar sein.“
„Das ist mein Leben, Lucius. Darin hast weder du noch Alex irgend etwas zu suchen.“
„Aber er ist niedlich,“ mischt sich Gloria ungefragt in unser Streitgespräch ein.
„Das ist mir scheißegal!“ gifte ich sie an. „Niemand von euch hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten einzumischen.“
„Jetzt beruhig dich doch erst einmal,“ gibt jetzt auch noch Millie ihren Senf dazu. „Wenn er tatsächlich anruft, kannst du ihm immer noch ruhig aber bestimmt sagen, dass er sich zum Teufel scheren soll.“
„Das hat sie hier nicht geschafft und das wird sie auch am Telefon nicht hinkriegen,“ prophezeit Gloria, bevor sie sich wohlweißlich aus meiner Reichweite bringt. Auch Lucius zieht sich in die Sicherheit seiner Küche zurück und ich habe das Gefühl, gleich explodieren zu müssen. Was habe ich nur getan, um solche Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung ertragen zu müssen?

Kapitel 5