Kapitel 3
Mal ehrlich, was erwartet man, wenn man von einer seltsamen Freundin eingeladen wird, mit auf eine Party im Hause eines Popstars zu gehen? Richtig: Sex, Drugs and Rockn Roll. Oder so ähnlich zumindest.
Was ich allerdings vorfinde, als wir drei aus dem Haus hinaus auf die Terrasse treten, sind etwa zehn nette Menschen, die sich zu einem gemütlichen Barbeque zusammen gefunden habe. Sie sitzen um einen großen Gartentisch herum, scherzen, lachen und erzählen, während leise Reggea Klänge aus dem Wohnzimmer herüber wehen.
Und ich lasse mich mitten unter ihnen nieder. Ich fühle mich dabei ein wenig, als würde ich zu Hause vor dem Fernseher sitzen: Seltsam distanziert aber entspannt. Ich ziehe die Füße gemütlich an, nippe an meiner Limonade und höre den Geschichten und netten Frotzeleien zu, die am Tisch hin und her geworfen werden.
Es erinnert mich ein wenig an alte Zeiten. Vielleicht waren wir nicht ganz so zivilisiert und unsere Gesprächsthemen waren andere, aber da war das gleiche Gefühl von Verbundenheit. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich das alles vermisse ... trotz allem.
Ich sehe Flicka vor mir, die in einem unanständig kurzen Rock auf einer Theke tanzt, während die Männer versuchen, einen Blick unter eben dieses Kleidungsstücks zu werfen.
Und Manu. Süße 18 und dabei so hübsch, dass die Männer Schlange stehen. Wir drei gegen den Rest der Welt.
Doch jetzt scheint es fast so, als hätte mich der Rest der Welt verschluckt. Ich bin hier seltsam isoliert. Damals haben wir uns in unserer Welt bewegt, waren ihren Gesetzen gefolgt und fühlten uns dort zu Hause. Jeder Winkel, sämtliche Rituale waren uns vertraut.
Heute bin ich gezwungen in einer Welt zu leben, deren Gesetzte und Regeln ich nicht wirklich verstehe und die mir fremd ist. Und zu allem Überfluss ist es mir unmöglich, jemanden in meine selbstauferlegte Isolationszelle hinein zu lassen. Das ist zu gefährlich.
Ich seufze leise. Es gibt keinen Weg zurück, also sollte ich mich damit endlich abfinden und aufhören zu jammern.
Irgendjemand ruft in diesem Moment mach das mal lauter, Stühle werden gerückt, die Musik wird um einige Phone aufgedreht und die ersten finden sich auf der improvisierten Tanzfläche zusammen. Leichte Übelkeit steigt in mir auf. Schöne Menschen an einem herrlichen Abend tanzen zu Aaliyahs More than a woman. Gibt es etwas schlimmeres?
Darf ich bitten?
Eine Hand schiebt sich in mein Blickfeld. Ich sehe auf und sehe Alex, der unergründlich lächelnd vor mir steht. Ja, es gibt etwas schlimmeres.
Tut mir leid, ich kann nicht tanzen, versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen.
Warum sagen das eigentlich 90 Prozent der Frauen, wenn man sie auffordert? fragt er und stemmt empört die Hände in die Hüften.
Vielleicht weil es der Wahrheit entspricht? gebe ich vorsichtig zu bedenken.
Das glaube ich nicht, sagt er und ehe ich mich versehe, hat er sich meine Hand geschnappt und zieht mich auf die Füße.
Bitte Alex, versuche ich es im Guten, doch er hört mich wohl absichtlich nicht.
Schon legt er mir eine Hand in den Rücken, hält mit der anderen immer noch meinen Arm fest und fängt an, sich zu der Musik zu bewegen, während ich stocksteif vor ihm stehe.
Okay, ich kann auch stur sein.
Während er immer weiter tanzt, stehe ich da wie eine Parodie der Freiheitsstatur. Mein Arm ist halb in die Luft gereckt und Alex wird auch nicht müde, ihn weiterhin in die Höhe zu halten. Mein Kopf ist leicht aufwärts gerichtet, weil ich ihm immer noch unnachgibig in die Augen sehe und meine Füße wirken wie festzementiert.
Es ist ganz leicht, sagt er.
Das ist mir egal, gebe ich zurück.
Komm schon. Tus für mich.
Nein.
Selbst mit einem Hundeblick aus diesen ... Augen ... kann er mich nicht umstimmen. Schließlich zuckt er mit den Schultern und lässt mich los.
Einen Versuch war es wert.
Ich nicke gnädig und ziehe mich dann wieder auf meinen Beobachtungsstuhl zurück. Eigentlich denke ich, ich bin ihn jetzt los, doch stattdessen lässt er sich neben mich in einen der Sessel fallen und nimmt sich dann einfach eine Zigarette aus meiner Schachtel.
Erzähl mal, sagt er, während er kleine Rauchwölkchen in die Luft bläst. Wo kommst du her?
Kein Kommentar, gebe ich zurück. Ich bin es mittlerweile einfach leid, mir irgendeine Geschichte auszudenken oder irgendwie diplomatisch darauf hinzuweisen, dass ich nicht über mich reden will.
Aha, sagt er, runzelt die Stirn und nimmt einen neuen Anlauf. Wie hast du denn Trish kennengelernt?
Ich lehne mich etwas entspannter zurück. Das ist ungefährliches Terrain.
Ich wollte in ihrem Laden einkaufen und nachdem sie mir in nur einer halben Stunde ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt und mir dabei so ganz nebenbei noch zwei Paar Jeans aufgeschwatzt hat, habe ich beschlossen, sie zu behalten, grinse ich.
Alex lacht leise. Ja, entweder man liebt oder man hasst sie, gibt er zu und wir werfen beide einen versonnen Blick auf Trish, die in der Mitte der Tanzfläche völlig entrückt vor sich hin tanzt. Ihre Schuhe hat sie wohl irgendwann ausgezogen und auch die Spange ist aus ihrem blonden Haar verschwunden. Plötzlich kommt sie mir wie ein ganz normaler Mensch vor.
Manchmal mag ich sie tatsächlich, sage ich leise und mit einem versonnen Lächeln.
Ja, nickt Alex und wir grinsen uns wie zwei Verschwörer an.
Ich fische mir nun ebenfalls eine Zigarette aus der Packung und bevor ich den Filter richtig zwischen den Lippen habe, flammt bereits Alex Feuerzeug unter meiner Nase auf.
Hm, ein Mann mit Marnieren. Sehr selten, grinse ich, während er den Deckel des Zippos elegant mit einer Hand schließt.
Ja, ich weiß. Ich bin der perfekte Schwiegersohn-Typ. Hat man mir schon oft gesagt.
Ich denke an meine Mutter und ihr entsetztes Gesicht, wenn ich ihr diesen tätowierten Mann mit den zerrissenen Jeans mit nach Hause gebracht hätte und muß leise kichern. Schon klar.
Wo leben deine Eltern? fragt er.
Ich antworte, in dem ich lediglich den Rauch meiner Zigarette hoch über unsere Köpfe blase.
Okayyyy, sagt er gedehnt und nippt an seinem Glas.
Wo leben deine Eltern? frage ich zurück.
Meine Mom in Florida. Sie hat vor zwei Jahren wieder geheiratet. Mein Dad lebt in Chicago.
Siehst du sie oft?
Meine Mom leider zu selten und meinen Dad Gott sei Dank gar nicht, sagt er und wirkt weder peinlich berührt noch verbittert.
Verstehe, nicke ich.
Hast du Geschwister? Er gibt scheinbar niemals auf.
Hast du welche?
Nein.
Wir schweigen.
Das ist mein Problem. Entweder ich gerate an Menschen, die den ganzen Tag nichts anderes tun als über sich selbst zu reden, oder ich schweige gemeinsam mit den anderen. Leider würde ich mich mit denen viel besser verstehen, aber sie bleiben erfahrungsgemäß nicht sehr lange.
Also du tanzt nicht und machst keine Angaben zu deiner Person, stellt Alex schließlich fest.
Ich glaube, niemand hat das bisher so prägnant zusammen gefasst, bemerke ich schnaubend.
Was machst du sonst so? fragt er mit einem Grinsen. Oder ist das auch ein Geheimnis?
Nun, wenn du wissen möchtest wo ich arbeite: In Lolas Diner.
Lolas Diner? Das ist an der Baker Street, richtig?
Yep, ich nicke und warte auf einen abfälligen Kommentar oder die nette Variante ein ist bestimmt auch ein toller Job.
Die machen die besten Burger der westlichen Hemispähre, strahlt er.
Uhm ... ich habe nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten, aber ja, sie sind ziemlich gut, entgegne ich etwas überrascht.
Ich war schon lange nicht mehr da, sagt Alex und klingt dabei etwas wehmütig. Ist dieser Koch noch dort? Der mit dem Vollbart und dem Lippenpiercing?
Lucius? Ja, der ist noch da, nicke ich und finde es eigenartig, mit Alex über meine Kollegen zu sprechen. Als ob man im Urlaub jemanden aus der Heimat trifft.
Und wenn du nicht dort arbeitest, was machst du dann? fragt er weiter.
Ich ... fotografiere, sage ich und habe das Gefühl, dass ich mich damit auf dünnes Eis begebe. Ich kann es schlecht beschreiben. Es fühlt sich an, als wäre dies der berüchtigte Schritt zu weit - ein Schritt zu weit in meine Isolationszelle. Am liebsten würde ich den Satz sofort zurück nehmen, doch Alex Interesse ist ganz eindeutig geweckt.
So richtig professionell?
Was heißt professionell? Ich habe eine einigermaßen gute Kamera, ein paar Objektive und eine eigene Dunkelkammer. Wenn das professionell ist ... , ich zucke mit den Schultern.
Und hast du deine Arbeiten schonmal ausgestellt?
Ähm ... nein.
Warum nicht?
Weil es nicht gut wäre, wenn andere Menschen auf Avery Hamilton aufmerksam werden.
Dafür sind sie nicht gut genug.
Immer schön lächeln und zusehen, dass das Gespräch schnellstens beendet wird.
Ich hole mir noch etwas zu trinken, möchtest du auch etwas? frage ich also schnell und stehe dabei schon vor ihm. Nichts wie weg.
Nein danke.
Ich frage mich, ob er mich durchschaut hat, aber eigentlich sieht er nicht so aus. Ich umrunde den Tisch und suche eine Flasche Wasser. Ich weiß, warum ich normaler Weise Partys und größere Menschenansammlungen meide. Es gibt immer irgendeinen der hinter die Fassade blicken will und es ist so überaus anstrengend, ihn davon fernzuhalten.