Kapitel 1

Nervös klopft mein Fuß einen unregelmäßigen Takt auf den Boden, während ich in dem kleinen, muffig riechenden Büro sitze und auf Buchanen warte. Mein Gesicht spiegelt sich in der Fensterscheibe, die sich hinter seinem Schreibtisch befindet und den Blick auf eine graue Betonmauer gewährt.
Dunkels, rotes Haar, leicht schräg stehende, große Augen, ein etwas schmallippiger Mund und ein blasser Taint, der im Moment aber eher von der Aufregung herrührt.
Ich weiß inzwischen nicht mehr, wie oft ich hier schon gesessen und gewartet habe, aber heute ist es das letzte Mal, soviel ist sicher.
Und genau deshalb bin ich nervös, traurig, aufgewühlt und ängstlich. Ich habe das Gefühl, einmal in meinem Leben das Richtige getan zu haben, aber wie das nun mal so ist wenn man aufrichtig, gut und selbstlos ist – die Konsequenzen sind meist sehr schmerzhaft.
In diesem Moment geht die Tür auf und Buchanen tritt mit einem Lächeln, das wohl aufmunternd wirken soll, ein. Er trägt wie immer einen schlecht sitzenden, dunklen Anzug, seine Krawatte hängt etwas schief und sein dünnes Haar sieht aus, als wäre gerade ein Wirbelsturm hindurch gefahren.
Seine hellen, wässrigen Augen weichen meinem durchdringenden Blick aus, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzt und meine Akte zu sich heran zieht.
„Tja Sandra, nun ist es wohl soweit,“ sagt er und sein Lächeln wird breiter, auch wenn ich finde, dass es dafür keinen Grund gibt. Also nicke ich lediglich und wünsche mir eine Zigarette, an der ich mich festhalten könnte. Aber hier ist das Rauchen verboten. Was auch sonst.
„Die Formalitäten sind soweit erledigt. Wir haben hier ... ,“ er öffnet den Aktendeckel und zieht meinen neuen Ausweis hervor. Mir wird mulmig und ich schlucke ein paar Mal heftig weil ich hoffe, so die Übelkeit loszuwerden, die sich in meinem Inneren breit macht. Hilft leider nichts.
„ ... ihren neuen Pass,“ vollendet er seinen Satz, während er das Dokument zu mir herüber schiebt.
Ich traue mich nicht, es anzufassen. Wenn Buchanen mich zu einer Brunhilde oder Wanda gemacht hat, springe ich ihm sicherlich über den Tisch und würge ihn, bis er blau anläuft. Da das allerdings in einem Gebäude des Federal Bureau of Investigation nicht sehr ratsam wäre, bleibe ich einfach sitzen und presse die Handflächen in meinem Schoß fest aneinander.
„Möchten sie gar nicht hinein sehen?“ fragt er auch noch und ich schüttele langsam den Kopf.
„Das was da drin steht ist sowieso nicht mehr zu ändern, oder?“ frage ich und meine Stimme klingt etwas dünn.
„Da haben sie allerdings recht,“ nickt er und fährt nach einer kurzen Pause in der Aufzählung meiner neuen, persönlichen Papiere fort. „Sozialversicherungsausweis, Führerschein, Geburtsurkunde ...“
Jetzt werde ich allerdings doch neugierig. Nicht nur meine Identität wird heute nämlich ersetzt, sondern auch die meiner Eltern. Natürlich ist das bei ihnen noch etwas anderes, denn sie werden schließlich nicht einfach so von der Festplatte des Lebens gelöscht. Ich erhalte lediglich ein Paar neue Erzeuger zu meinen bisherigen hinzu und trotzdem ...
Ich ziehe die Geburtsurkunde also zu mir heran, während ich dabei überlege, ob ich meine richtige eigentlich jemals zu Gesicht bekommen habe. Doch dieser Gedanke verflüchtig sich, als sich meine Augen auf meinen neuen Namen heften.
„Avery?“ frage ich entsetzt und hole einmal tief Luft.
„Ja, wir dachten sie mögen es ganz gerne außergewöhnlich,“ grinst Buchanen.
„Wir oder Sie?“ frage ich zurück, nur um zu erfahren, wem ich für dieses Verbrechen den Hals herum drehen muß.
„Nun ja ... also ... eigentlich war das meine Idee,“ sagt er voller Stolz.
„Und da dachte ich bis eben, nur ich hätte einen Sprung in der Schüssel.“
„Was ist an Avery auszusetzen? Avery Hamilton, das klingt doch gut, oder etwa nicht?“
„Ich wußte bis eben nicht einmal, dass dieser Vorname überhaupt existiert,“ entgegne ich trocken. „Und meine Eltern heißen Giselle und Bruno? Mein Gott Buchanen, wie lange haben sie gebraucht um sich diese Greultaten einfallen zu lassen?“
Er wirkt etwas gekränkt. „Meine Nichte heißt Avery und ich finde den Namen sehr ansprechend.“
Na wunderbar. Nicht nur, dass ich ab heute einen Vornamen trage, den kein Mensch kennt, jetzt reihe ich mich indirekt auch noch in Buchanens Verwandtschaft ein.
Scheinbar sieht er sich veranlasst, sich zu verteidigen. „Sie haben keine Angaben zu ihren Wünschen gemacht. Dann müssen sie jetzt auch mit den Konsequenzen leben.“
„Ja, ja, ja,“ winke ich ab, da nun ganz offensichtlich nichts mehr daran zu ändern ist.
Avery Hamilton. Ich habe plötzlich das Gefühl, dass ich mich niemals an diesen Namen gewöhnen kann. Bleibt die Frage, ob mir das mit einem anderen Namen gelungen wäre. Schließlich trage ich meinen bisherigen Vornamen jetzt schon über 22 Jahre und der Mensch ist nunmal ein Gewohnheitstier.
„Was sagen sie denn zu dem Urteil?“ sagt Buchanen und versucht die Frage beiläufig klingen zu lassen, doch mir zieht sich bei seinen Worten augenblicklich der Magen zusammen.
Das Urteil. Der Grund, warum ich jetzt hier sitze, eine neue Identität verpasst bekomme und ich gleich meiner Familie und meiner besten Freundin Lebewohl sagen muß.
„Ich wünschte, sie hätten ihn zum Tode verurteilt,“ grummele ich.
„Die Todesstrafe gibt es bei uns nicht mehr,“ sagte Buchanen milde. „Aber lebenslänglich ist doch auch schon ganz gut, oder?“
Ganz gut? Also ich weiß nicht. Rudolf Steiner hätte wesentlich mehr verdient. Zuhälter, Drogendealer, Mörder, Vergewaltiger und zudem noch ein mehr als unsympathischer Mensch. Rechtfertigt das heutzutage nicht mehr die Todesstrafe?
Ich habe als Kronzeugin gegen ihn ausgesagt. Im Gegenzug hat mir die Anklagevertretung zugesichert, die Anklagepunkte gegen mich fallen zu lassen, mich in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen und mir den Start in ein neues Leben zu finanzieren. Um ehrlich zu sein, habe ich mir bis zum heutigen Tag relativ wenig Gedanken darüber gemacht, was das alles bedeutet. Mir war nur wichtig, dass Steiner das bekommt, was er verdient.
Doch jetzt ... nun ja ... auch wenn das, was ich zurück lasse weder rühmlich noch sonderlich begehrenswert ist, so war es trotzdem mein Leben. Jetzt gebe ich es für das einer fiktiven Person auf. Für Avery Hamilton, die ab heute mit dem schlimmsten Namen seit Menschengedenken herum laufen muß. Na prima!
Abschließend schiebt mir Buchanen einen prallgefüllten Umschlag über den Tisch.
„Und hier sind ihre zehntausendsechshundertzweiundsiebzig Dollar,“ sagt er leicht konsterniert und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich habe mit der Staatsanwaltschaft ungefähr drei Stunden über diese Summe verhandelt. Wir haben uns grob in der Mitte getroffen und der krumme Betrag befriedigt mich auf eine schwer zu erklärende Art.
„Das wäre dann alles?“ frage ich nach, obwohl ich es bereits weiß.
„Ja, das wäre dann alles,“ nickt Buchanen.
„Gut.“
Ich stehe auf, verstaue die Papiere, meinen Ausweis und das Geld in meiner Umhängetasche und wische mir dann die Hände an der Hose ab. Diesem Bedürfnis gebe ich immer nach, wenn ich jemandem die Hand schütteln muß. Buchanen scheint es entweder nicht zu registrieren, oder es ist ihm egal. Sein Händedruck ist trocken und fest, was man bei seiner Gestalt nicht wirklich vermuten würde und in mir keimt bereits jetzt so etwas wie Heimweh auf. Irgendwie hatte ich mich an den kautzigen Kerl gewöhnt.
„Dann ... alles Gute,“ sagt er. Sein Lächeln fällt etwas schief aus.
„Danke gleichfalls. Vielleicht hört man sich ja mal?“
„Hoffen sie das besser nicht,“ entgegnet er. „Wenn sie das nächste Mal meine Stimme hören bedeutet das nämlich, dass sie in Schwierigkeiten stecken und ich denke nicht, dass sie darauf besonders erpicht sind.“
„Nein, ganz bestimmt nicht,“ beeile ich mich zu sagen.
Er macht eine auffordernde Geste in Richtung Tür und mit festem Schritt trete ich hinaus in den Flur. Jetzt kommt das aller Schlimmste. Ich muß mich von den Menschen verabschieden, die mir wirklich wichtig sind. Und auch wenn es davon nicht sehr viele gibt, so macht es diesen Schritt nicht wirklich leichter.
Buchanen geht mir voraus den langen Gang hinunter, biegt um ein paar Ecken, nickt hier und da jemandem zu und öffnet dann eine Tür zu einem Besprechungsraum.
„Zehn Minuten,“ sagt er und ich könnte schwören, dass er mich dabei mitleidig ansieht.
Und dann stehe ich ihnen allen gegenüber. Der Raum ist nicht sehr groß und so drängen sich die wenigen Menschen eng zusammen. Meine beste Freundin Flicka hat bis eben an der Wand gelehnt und richtet sich nun aprubt auf. Mom und Dad haben an einem winzigen, zerkratzten Tisch gesessen und erheben sich. Meine Schwester Debbie und ihr Mann Linus wenden sich mir ebenfalls zu. Auf Debbies Arm sitzt ihre zweijährige Tochter Gwen und drückt müde ihren Stoffhasen Mister Bunny an sich, den ich ihr zu ihrem ersten Geburtstag geschenkt habe. Wahrscheinlich ist sie die einzige, die nicht versteht, was hier gerade passiert.
Tränen steigen in meiner Kehle auf und arbeiten sich hartnäckig bis zu meinen Augenwinkeln vor, aber ich werde nicht heulen. Sie sollen mich nicht als tränenüberströmtes Etwas in Erinnerung behalten, sondern als die strahlende Sandra Brown. Nun ja ... strahlend war ich eigentlich nie, aber ... ach, trotzdem.
Zu erst zieht mich Mom an sich.
„Das ging jetzt alles so schnell,“ sagt sie voller Unverständnis und schnieft leise.
„Ich weiß Mom. Tut mir leid. Buchanen hat mir nur zehn Minunten gegeben.“
„Pass auf dich auf mein Mädchen, ja?“ sagt sie dicht an meinem Ohr und ich kann nur nicken, weil meine Kehle wie zugeschnürt ist.
Als nächstes kommt Dad. Er umarmt mich ebenfalls, was er seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr getan hat.
„Ich liebe dich,“ sagt er dann auch noch und damit brechen endgültig alle Dämme.
„Ich lieb dich auch,“ schluchze ich und habe das Gefühl, dass mir gerade mein Herz heraus gerissen wird.
Debbie und Linus ziehen mich zusammen mit Gwen in eine Gruppenumarmung.
„Machs gut Kleine,“ sagt Debbie, während ihre Tränen ihr Make-Up ruinieren.
Und dann ist da nur noch Flicka, die vor mir steht und scheinbar nicht weiß, was sie sagen soll.
„Komm her,“ flüstere ich und ziehe sie an mich.
Wir heulen beide wie die Schlosshunde und in diesem Moment wird mir endlich klar, was ich eigentlich alles dafür aufgebe, dass Steiner nun für immer in irgendeinem Gefängnis verrottet. Für einen klitzekleinen Moment frage ich mich, ob es das tatsächlich wert ist, aber dann sehe ich das grün und blau geprügelte Gesicht von Manu vor mir und ich weiß, dass ich das Richtige tue. Doch deshalb tut es nicht weniger weh.
„Ich werde dich ... ganz ... schrecklich ... vermissen,“ schluchzt Flicka und ich fühle, wie ihre Tränen mein T-Shirt durchnässen.
„Ich dich auch Süße. Ich dich auch.“
Dann stehe ich schließlich an der Tür und werfe einen letzten Blick zurück auf die geröteten und verweinten Gesichter, sehe Mom noch einmal kurz winken und Flicka, die die Arme um sich geschlungen hat, als müsse sie sich selbst festhalten.
Dann trete ich hinaus in ein neues Leben, von dem ich in diesem Moment noch nicht weiß, wo es mich hinführt und was mich dort erwartet.

Kapitel 2