Kapitel 21
Die sich anbrüllenden Stimmen vor der Schlafzimmertür wurden langsam leiser, doch das registrierte ich nur am Rande. Ich lag auf dem Boden, die angezogenen Knie fest an meinen zitternden Körper gepresst und versuchte den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. Dunkle Nebelschwaden schoben sich immer wieder vor mein Bewußtsein und ließen mich davon schweben in einen schwarzen, kalten Raum des Schmerzes.
Wie hatte ich nur so die Beherrschung verlieren können? Warum hatte ich Tammy das mit Lucie und AJ erzählt?
Die Antwort darauf war zwar einfach, aber um so schwerer für mich zu akzeptieren: Ich hatte Tammy weh tun wollen, so wie sie es die ganze Zeit mit mir tat und dabei hatte ich keine Rücksicht auf andere genommen. Ich hatte AJ verraten, obwohl gerade er das nicht verdiente und ich hatte Lucies Vertrauen in mich mit Füßen getreten.
Ich war ein schlechter Mensch. Ein Nichts. Ein Niemand. So wie Tammy es gesagt hatte und jetzt würde ich dafür bezahlen, dass ich bisher das Leben einer anderen gelebt hatte.
Ich hörte, wie irgendwo im Haus krachend eine Tür zugeschlagen wurde, dann undefinierbares Gemurmel vor der Schlafzimmertür, die sich gleich darauf öffnete. Schritte näherten sich und hielten dann knapp vor meinem Gesicht inne.
Das war das gemeinste, was du jemals getan hast Robin, sagte AJ leise und ich hörte die unterdrückte Wut in seiner Stimme.
Ich war nicht in der Lage zu antworten, ich konnte mich nicht einmal bewegen, also blieb ich wo ich war und versuchte mich innerlich gegen das zu wappnen was sicherlich gleich kommen würde. Er würde mir sagen, dass er mich unter diesen Umständen nicht mehr heiraten konnte, dass ich ein Miststück war und es nicht besser verdient hatte, doch nichts von dem geschah.
Stattdessen hörte ich, wie er an mir vorbei ging, sein Bettzeug zusammraffte und dann wieder an mir vorbei zur Tür ging. Dort angekommen, wandte er sich noch einmal an mich.
Wir reden morgen. Im Moment ... , er seufzte und öffnete die Tür. Versuch zu schlafen, sagte er noch, dann schloss sich die Tür hinter ihm und ich war der Meinung, auf der Stelle sterben zu müssen.
Es dauerte keine zwei Sekunden, da wurde die Tür wieder aufgeschoben. Ich hörte überdeutlich AJs Schritte auf den Treppenstufen, auf dem Weg ins Wohnzimmer und der Couch, wo er wohl endlich Ruhe finden würde vor diesen zwei verrückt gewordenen Weibsbildern, die so urplötzlich sein Leben auf den Kopf gestellt hatten.
Lenny ging neben mir in die Knie und strich mir über das Haar.
Hey Prinzessin, sagte er und der Klang seiner weichen Stimme lies mich leise Schluchzen.
Ich bin so ... gemein und ... Meine Stimme versagte und ich begann erneut am ganzen Körper zu zittern.
Was hältst du davon, erst mal vom Boden aufzustehen? fragte er.
Ich schwieg. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ewig hier liegen bleiben können. Das war noch die geringste Strafe für das, was ich getan hatte.
Lenny fasste mich bei den Schultern und richtete mich langsam auf. Meine Haare hinge mir wirr ins Gesicht und er strich sie sanft zur Seite.
Das was du getan hast, war sicherlich nicht die feine Art und dass AJ nun sauer auf dich, ist wohl mehr als gerechtfertigt. Trotzdem solltest du aufstehen, bevor du dir noch ne Lungenentzündung holst.
Widerwillig lies ich mir von ihm aufhelfen und ins Bett verfrachten. Fürsorglich deckte er mich bis unter das Kinn zu, bevor er sich zu mir auf die Bettkante setzte und mich in dem diffusen Mondlicht musterte.
Was ist da eben passiert? fragte er leise.
Ich weiß es nicht, gab ich ebenso leise zurück. Sie hat ... ich konnte nicht ... ich wollte ... , ich seufzte, weil ich scheinbar im Moment nicht in der Lage war einen ganzen Satz vernünftig heraus zu bringen.
Sie hat dich angegriffen, nehme ich an. Kam er mir zuhilfe.
Ich nickte. Das geht die ganze Zeit schon so Lenny. Ich wußte mir einfach nicht mehr zu helfen. Die Worte waren schneller heraus, als ich sie zurück halten konnte und jetzt ... jetzt habe ich alles kaputt gemacht.
Na, na, sagte Lenny beschwichtigend, als mir schon wieder Tränen über das Gesicht liefen. Wollen wir doch eins mal ganz klar stellen: Nicht du hast Tammy betrogen, sondern AJ. Wie die ganze Sache jetzt ans Tageslicht getkommen ist, war vielleicht nicht die beste aller Möglichkeiten, aber er hat einen Fehler gemacht und hat nicht dazu gestanden.
Das ist doch ganz egal Lenny. Diese Geschichte war doch schon längst vorbei. Und ... , ich biss mir auf die Lippen, bevor ich beinahe flüstern weitersprach ... er wußte nicht, dass ich es weiß. Er hat es mir nie erzählt. Lucie hat ... heute Mittag erst. Ich ... ich dachte ... ich könnte damit gut leben. Immerhin hat es mich ja nicht wirklich betroffen. Aber ... ich frage mich ... ich meine ... wenn er Tam betrogen hat ... erst mit Lucie, dann mit mir ... wer gibt mir die Gewissheit, dass er das bei mir nicht auch macht?
Lenny seufzte und strich mir über die Wange. Darüber solltest du nicht nachdenken. Er liebt dich und du liebst ihn. Ihr vertraut einander. Du kannst Tam nicht mit dir vergleichen.
Das alles ändert aber nichts Lenny. Nicht für mich. Mal abgesehen davon, dass AJ jetzt sowieso nichts mehr mit mir zutun haben will.
Wie kommst du denn darauf? fragte Lenny nachsichtig.
Er schläft auf der Couch. Das ist doch Beweis genug. Wir haben uns immer ausgesprochen, sind nie im Streit auseinander gegangen. Seit Tam hier ist, streiten wir uns dauernd und jetzt ... jetzt ist das Fass wohl übergelaufen. Er hat für sowas im Moment keinen Kopf. Er hat so viel zu tun und dann auch noch zwei Furien am Rockzipfel, die an ihm hängen und jeweils in eine andere Richtung zerren. An seiner Stelle hätte ich schon lange genug davon.
Weißt du, was er zu Tam da draußen gesagt hat?
Ich schüttelte den Kopf.
Er hat dich verteidigt. Er hat Tam gesagt, dass sie dich in Ruhe lassen und erst einmal ihre eigenen Probleme in den Griff bekommen soll, bevor sie bei anderen welche in die Welt setzt. Er hat ihr gesagt, wie sehr er dich liebt. Glaub mir, er schläft heute Nacht auf der Couch, weil er sich erst einmal beruhigen muß. Morgen könnt ihr in Ruhe über alles reden und alles wird wieder gut.
Nicht, so lange sie hier ist, sagte ich leise. Lennys Worte hätten mich wohl beruhigen sollen, doch das taten sie nicht. AJ war nicht bei mir, schlief in einem anderen Teil des Hauses. Das war noch nie vorgekommen und zeugte nicht wirklich davon, dass er mich so sehr liebte, wie Lenny mir versuchte einzureden.
Scheinbar ist es egal was ich dir sage, hm? fragte er leicht enttäuscht.
Tut mir leid Lenny. Ich weiß, du meinst es nur gut, aber im Moment ... ist alles etwas kompliziert und verfahren und ... und ich wäre jetzt wohl lieber alleine.
Er sah noch einen Moment auf mich hinunter, dann nickte er. In Ordnung. Du weißt ja, wo mein Zimmer ist.
Er erhob sich und ging zur Tür.
Wirst du nach Tam sehen? frage ich ihn.
Er nickte, ohne mich anzusehen.
Kannst du ihr ... sagen, dass es mir leid tut?
Er drehte sich zu mir herum und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Das solltest du wohl selbst tun.
Ich habe befüchtet, dass du sowas sagst.
Sein Lächeln konnte ich mehr erahnen, als das ich es sah.
Bis morgen dann, sagte er und öffnete nun endgültig die Tür.
Ja, bis morgen, hauchte ich, dann war ich wieder allein.