Kapitel 20
Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Immer wieder ging ich unser Gespräch im Kopf durch. Konnte es wirklich sein, dass Tammy Drogen nahm? Warum war sie dann hier? Wäre es nicht einfacher für sie gewesen, sich weiterhin zu Hause zu verstecken? Hier mußte sie doch damit rechnen, dass ihr Geheimnis entdeckt wurde. Immerhin hatte AJ selbst einige schmerzhafte Erfahrungen damit gemacht.
AJ schnarchte leise neben mir. Er hatte mich noch lange im Arm gehalten und versucht, wieder etwas Wärme in meinen Körper zurück zu bringen, doch so wirklich war ihm das nicht gelungen. Irgendwann waren seine Atemzüge regelmäßiger geworden und seit dem lag ich nun hier und starrte an die Decke.
Schließlich gab ich frustiert auf in dieser Nacht auch nur für eine Minute die Augen zu zu machen, stand auf, zog mir meinen Morgenmantel über und verließ lautlos das Schlafzimmer.
Ich tapste hinunter in die Küche, knipste das Licht unter der Dunstabzugshaube an und holte aus dem Kühlschrank den Kanister mit der Milch hervor. Ein heißer Kakao war immer noch die beste Medizin gegen Sorgen und Schlafmangel.
Als ich gerade vier gut gehäufte Esslöffel Kakaopulver in meine dampfende Tasse rieseln lies, hörte ich plötzlich Schritte auf der Treppe, die auf der Hälfte der Strecke unvermittelt inne hielten.
Ich wartete mit angehaltenem Atem, während ich weiterhin geräuschvoll in meiner Tasse rührte. Was, wenn das tatsächlich Tammy war? Was sollte ich dann tun?
Die Antwort bekam ich keine Sekunde später. Tammy trat, nur mit einem T-Shirt der RedSox bekleidet, in die Küche.
Hey, sagte sie und ich würgte ein Hi hervor.
Mom hat uns auch immer heißen Kakao gemacht, wenn wir nicht schlafen konnte, weißt du noch? stellte sie fest, während sie sich auf einen der Küchenstühle fallen lies.
Möchtest du auch einen? fragte ich und sie nickte. Gerne.
Ich holte eine weitere Tasse hervor, goss heiße Milch hinein und stellte sie zusammen mit dem Kakaopulver und einem großen Löffel vor sie hin.
Ich vermisse sie, sagte sie leise, während sie ebenfalls vier Löffel Kakaopulver in ihre Milch gab.
Mir fehlt sie auch, gab ich zu, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte mich zu ihr. Irgendwie erschien mir diese Szene extrem unwirklich. Es war mitten in der Nacht, eigentlich war ich tot müde und das letzt was ich jetzt gebrauchen konnte, war ein Gespräch mit meiner Schwester. Doch das Schicksal hatte für heute Nacht wohl etwas anderes vorgesehen und ohne mir dessen bewußt zu sein akzeptierte ich dies so und schob sämtliche negativen Gedanken und Gefühle, die ich in der letzten Zeit für sie entwickelt hatte beiseite.
Diese Nacht und dieses Zimmer waren für mich wie ein luftleerer Raum, abgeschnitten von der Realität. In diesem Moment schienen nur wir beide zu existieren und mir wurde schmerzlich bewußt, wie wenig ich im Moment davon wußte, was in ihr vorging.
Mom hat immer gewußt, wie wir uns gerade fühlten und was bei uns los war, sagte Tammy, als hätte sie meine Gedanken mit angehört und leckte ihren Löffel ab.
Was glaubst du, würde sie jetzt zu uns sagen?
Ein schwaches Lächeln erschien auf Tammys Lippen. Sie würde sagen, ihre Stimme wurde etwas dunkler und erinnerte mich so schmerzhaft an die meiner Mutter, dass ich heftig schlucken mußte. Kinder, jetzt reißt euch doch mal zusammen. Setzt euch zusammen an einen Tisch, legt die Waffen beiseite und versucht euch friedlich zu einigen.
Ja, nickte ich und dann hätte sie uns einen heißen Kakao gemacht, vielleicht noch eine Schüssel Vanilleeis mit heißer Schokoladensoße dazu gestellt und hätte uns zugehört.
Ja, Tam nickte gedankenverloren.
Was würdest du ihr jetzt sagen, wenn du könntest? fragte ich leise.
Sie zuckte mit den Schultern und presste die Lippen fest aufeinander. Ich schwieg, weil ich ihr die Gelegenheit geben wollte, ihre Gedanken zu ordnen. Doch nachdem sie nach einiger Zeit immer noch nichts gesagt hatte, sondern weiterhin in ihren Kakao starrte, ergriff ich wieder das Wort.
Ich glaube, ich würde ihr von AJ erzählen. Wie sehr ich ihn liebe. Ich würde mir Tipps für die Hochzeit bei ihr holen und ... und ... und würde ihr sagen, dass ich mir große Sorgen um dich mache. Die letzten Worte waren nur noch ein leises Flüstern und Tammy ließ nicht erkennen, ob sie mich überhaupt gehört hatte.
Ich überlegte gerade, ob es wirklich Sinn machte hier zu sitzen und mich mit mir selbst zu unterhalten, als Tammy unvermittelt anfing zu sprechen.
Ich würde sie fragen, ob das Leben immer so hart und ungerecht ist, sagte sie leise.
Und sie würde dir antworten, dass das auf die Betrachtungsweise ankommt, gab ich genau so leise zurück.
Betrachtungsweise, Bullshit, gab sie schaubend zurück. Du hast gut reden mit deinem perfekten Heim, dem perfekten Mann, guten Freunden, einem Job der dich ausfüllt ... Betrachtungsweise, das ich nicht lache.
Aber du hast doch auch Freunde und einen Job, der dich ausfüllt, gab ich zu bedenken.
So, habe ich das? fragte sie und richtete ihre klaren, blauen Augen auf mich. Sie wirkten eiskalt und als wollten sie mich durchbohren.
Etwa nicht?
Du hast keine Ahnung Robin. Nicht die geringste.
Dann sag es mir, forderte ich.
Das hat doch sowieso keinen Sinn, schnaubte sie.
Warum sitzen wir dann hier? Warum streiten wir uns die ganze Zeit? Warum bist du hergekommen?
Du weißt, warum ich hier bin, sagte sie und in ihre Stimme hatte sich eine gewisse Schärfe geschlichen.
Glaubst du wirklich, dass AJ die Lösung für all deine Probleme ist?
Nicht für alle, aber er ist der Anfang.
Der Anfang von was?
Der Anfang von einem schönen Leben. Der Anfang von ... Geborgenheit ... Liebe ... von einem Sinn in diesem ganzen Chaos.
Ein anderer kann dir diese Sicherheit nicht geben, widersprach ich. Das kannst nur du allein. Du mußt dich und dein Leben lieben, damit dich jemand anderer lieben kann.
Hört, hört. Du glaubst, es ist alles immer ganz einfach im Leben, was? Sie hatte sich aufgerichtet und funkelte mich nun über den Tisch hinweg an. Auch wenn ich mich wiederhole, aber du hast keine Ahnung vom wirklichen Leben Robin. Du lebst hier in dieser Vollkommenheit und bist der Meinung, dass das ganz selbstverständlich ist. Aber das ist es nicht. Die meisten Menschen habe nicht einmal halb so viel von dem, was du hast.
Und sollte ich mich jetzt dafür schämen? gab ich heftiger als beabsichtigt zurück.
Nein, nicht schämen. Aber du solltest nicht davon ausgehen, dass das normal ist und auf andere herab schauen, die das alles nicht haben.
Denkst du, ich schaue auf dich herab? fragte ich überrascht.
Sie gab ein abfälliges Schnauben von sich. Du stehst so arrogant über allem, dass es mich ganz krank macht.
Du bist nur eifersüchtig auf das was ich habe, was ich mir aufgebaut habe. Du solltest vielleicht einfach mal anfangen, dein eigenes Leben zu leben und dir nicht einfach das von anderen einzverleiben.
Das sagst ausgerechnet du! fuhr sie auf. Wer hat sich hier denn zuerst das Leben von jemand anderem einverleibt, hm? Korrigere mich wenn ich falsch liege, aber du warst es doch, die mir AJ weggenommen hat, die jetzt mit dem Mann lebt, mit dem ich glücklich war. Du hast absichtlich und vorsätzlich einen Teil meiner Welt zerstört und ganz langsam bröckelt auch der Rest davon. Und jetzt sitzt du hier so selbstgefällig und quatschst dummes Zeug davon, dass man sich selbst lieben soll. Ich könnte kotzen!
Tam, ich verstehe, dass du wütend auf mich bist und ich verstehe auch, dass du traurig bist. Das was mit AJ und mir passiert ist, war in keinster Weise fair, aber wir konnten nichts dagegen tun!
Warum bist du damals nicht einfach in diesem Hotel geblieben, hm? Warum mußtest du zurück kommen und die Heilige spielen?
Ich war in diesem Hotel bei Molly, weil ich versucht habe, mir die Gefühle für AJ auszureden, gab ich zurück. Und ich mußte ja wohl irgendwann zurück kommen. Ich liebte dich. Du warst und bist meine Familie.
Familie, schnaubte Tammy. Dir liegt gar nichts an Familie oder so etwas wie Vertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühl. Du nimmst dir einfach was du willst. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Wenn du das so siehst, kann ich dir leider auch nicht helfen.
Wer sagt, dass ich Hilfe brauche? entgegnete Tammy spitz.
AJ zum Beispiel. Im selben Moment, in denen die Worte meinen Mund verließen, bis ich mir auf die Zunge. Das hatte ich gar nicht sagen wollen.
Er macht sich sorgen um mich? Warum? Sie wirkte nicht überrascht, sondern außerordentlich interessiert. Als wittere sie eine Chance, doch noch an ihr Ziel zu gelangen.
Ich überlegte, wie ich AJs Bedenken in Worte fassen konnte, ohne dass Tammy mir gleich ins Gesicht sprang. Da mir nichts besseres einfiel, versuchte ich es mit der Wahrheit und das ziemlich direkt.
Er glaubt, dass du Dorgen nimmst.
Tammys Löffel fiel klirrend auf den Tisch, sie wurde augenblicklich totenblass und ihre Augen schienen aus den Höhlen zu quellen. Wie kommt er denn bitteschön darauf? fragte sie aufgebraucht. Nur weil er eine ganze Zeit lang nicht ohne das Zeug leben konnte heißt das noch lange nicht, dass ich auch so bin!
Zum einen ist er dadurch kein schlechterer Mensch und zum anderen denke ich, dass er genau weiß, nach welchen Anzeichen er suchen muß. Er ist der Meinung, er hätte sie bei dir gefunden.
Das ist lächerlich, schnaubte sie und sprang so schnell auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und krachend auf dem Boden aufschlug.
Warum regst du dich dann so auf? fragte ich sanft.
Entschuldige mal. Aber ist es noch nicht genug, dass ihr mein Glück zerstört habt? Jetzt hängt ihr mir auch noch irgendeine Drogengeschichte an. Das ist sowas von ... daneben. Gott Robin, das ist so erbärmlich. Du hast doch schon alles, was du immer wolltest. Bist du erst zufrieden, wenn du alles zerstört hast, was mir mal etwas bedeutete?
Ich verstehe nicht so genau ... ,
Oh doch, du verstehst mich sehr wohl, brüllte sie. Spätestens jetzt war der Rest des Hauses wohl auch wach. Hör auf dich in mein Leben einzumischen und Lügen über mich zu verbreiten. Ich nehme keine Drogen. Das habe ich überhaupt nicht nötig! Im Gegensatz zu dir habe ich nämlich durchaus eine Aufgabe und Beschäftigung in meinem Leben. Ich sitze nicht Tag ein und aus in diesem Haus, warte darauf, dass mein zukünftiger Mann endlich nach Hause kommt um ihm dann wie so ein kleines Frauchen das Essen vor die Nase zu setzen. Ich habe einen Job, der mich ausfüllt. Ich erlebe etwas in meinem Leben. Ich komme voran und trete nicht auf der Stelle, so wie du. Hast du in der letzten Zeit mal in den Spiegel gesehen? Du bist ein Nichts. Ein Niemand. Und ... ,
HEY! Lennys Schrei lies Tammy erschrocken zusammen zucken. Sagt mal, habt ihr sie noch alle? Was soll das hier mitten in der Nacht?
Ach, da ist ja auch der Ritter ohne Fehl und Tadel, schnaubte Tammy aufgebracht, während ich noch dabei war, irgendwie meine Tränen herunter zu schlucken und wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Am liebsten hätte ich mich in eine Ecke verkrochen und einfach drauflos geheult. Irgendetwas in dem was sie mir entgegengeschleudert hatte, hatte einen Nerv in mir getroffen. Ich fühlte mich plötzlich klein und unwichtig.
Was soll das Tam? sagte Lenny und trat einen Schritt auf sie zu.
Ach komm schon. Ihr steckt doch alle gemeinsam unter einer Decke.
Was ist denn hier los? AJ kam verschlafen blinzelnd in die Küche. Scheinbar versuchte er noch die Szene vor sich zu erfassen. Lenny und Tammy, die sich auf der einen Seite der Küche böse anfunkelnden und ich auf der anderen, wie versteinert auf meinem Stuhl hockend, während ganz langsam meine Tränen auf die Tischplatte tropften.
Frag doch deine zukünftige Frau. Sie erzählt nämlich nur Schwachsinn, giftete Tammy, dann schob sie sich an Lenny und AJ vorbei und rauschte die Treppe hinauf.
AJs Blick heftete sich auf mich und bestürzt kam er um den Tisch herum.
Hey Baby, was ist denn los?
I-Ich habe nur ... deinen Rat ... befolgt, schluchzte ich.
Wie ... , setzte er an, doch ich unterbrach ihn.
Tolle Idee, ich solle mit ihr reden. Wirklich super, presste ich hervor und stand schwankend auf. Plötzlich drehte sich alles um mich herum und mein Magen begann zu rebelieren.
Alles in Ordnung? fragte AJ besorgt und auch Lenny kam um den Tisch herum auf mich zu.
Alles bestens ... , würgte ich hervor, während ich mich krampfhaft an der Tischplatte festhielt. Ich mußte hier dringend raus. Ich bekam keine Luft mehr in diesem engen Raum, der sich langsam um mich herum zusammen zu ziehen schien und unter dem überaus besorgten Blick von AJ, der meinen Arm umklammert hielt.
Ich glaube, du solltest dich erst mal setzen Prinzessin, sagte Lenny.
Ich will mich aber nicht setzen, fuhr ich ihn an, entwandt mich aus AJs Umklammerung und drückte mich an den beiden vorbei. Schwankend erreichte ich die Treppe und nur unter Aufbietung meiner gesamten Kräfte schaffte ich es, aufrecht gehend und nicht auf allen vieren krabbelnd nach oben zu gehen.
Und als wäre das Chaos nicht schon groß genug, erwartete mich Tammy am oberen Treppenabsatz.
Das wirst du noch bereuen, zischte sie, so dass AJ und Lenny, die nun ebenfalls die Küche verließen und sich der Treppe näherten, sie nicht hören konnten.
Ich habe dir gar nichts ... , setzte ich an, doch sie unterbrach mich.
AJ wird noch erkennen, welches Flittchen er sich da angelacht hat und dann wird er reumütig zu mir zurück kommen. Besser du vergisst das niemals.
Wenigstens hat er mich nicht dauernd betrogen, schleuderte ich ihr entgegen. Was zuviel war, war zuviel!
Du bist eine schlechte Lügnerin, gab sie abfällig zurück.
Dann frag doch mal Lucie, gab ich mit einem süffisanten Grinsen zurück, schob sie dann einfach beiseite und rettete mich in mein Schlafzimmer, gerade in dem Moment, als AJ die oberste Treppenstufe erreicht hatte. Von drinnen hörte ich, wie Tammy augenblicklich auf ihn losging
Ist das wahr? fuhr sie ihn an.
Was soll wahr sein Tam? fragte er zurück und klang dabei unglaublich müde.
Dass du mich mit Lucie betrogen hast!
In diesem Moment versagten meine Beine endgültig ihren Dienst. Ich sank auf den weichen Teppich und verbarg mein Gesicht in den Händen. Was hatte ich nur getan?