Kapitel 19
Raoul war der Besitzer eines kleinen, spanischen Restaurants, das etwas außerhalb LAs versteckt in einer Seitenstraße lag. Wir landeten hier eigentlich immer, wenn wir besondere Gelegenheiten zu feiern hatten, uns mit leckeren Tapas verwöhnen lassen oder einfach nur unserer Ruhe wollten. Hier hatten wir den Einzug in unser neues Heim gefeiert, hatten auf unsere Hochzeit angestoßen und gemeinsam mit Raouls halber Familie seinen Geburtstag lautstark und mit viel Musik gefeiert.
Raoul war ein kleiner, drahtiger Spanier von mitte Dreißig mit glühenden, schwarzen Augen und einem schmalen, sauber gestutzten Schnurrbart. Als er uns entdeckte kam er uns freudestrahlend und mit ausgestreckten Armen durch das halbe Lokal entgegen.
AJ! Robin! Wie schön sie wieder einmal hier zu sehen, sagte er und schüttelte mit Hingabe unserer Hände. Ihr Tisch ist frei und wartet auf sie, lächelte er und bedeutete uns, ihm zu folgen.
Wir durchquerten das Lokal mit den hohen Decken, an denen sich riesige Ventilatoren träge drehten, gingen vorbei an kleinen Nieschen, in denen zumeist junge Paare im Kerzenschein saßen und vertraulich die Köpfe zusammen steckten und umrundeten die lange, dunkel getäfelte Theke, hinter der Raouls Schwager Rodney stand und geschickt die köstlichsten Cocktails weit und breit mixte.
Im hinteren Teil des Lokals, abgetrennt durch ein riesiges Aquarium, aus dem man sich sein Hauptgericht noch lebend aussuchen konnte, standen einige wenige Tische, die für besondere Gäste reserviert waren. Der Geräuschpegel war hier wesentlich niedriger, wenn auch die wenigen Tische fast bis zum letzten Platz besetzt waren.
Raoul führte uns bis ans Ende, wo große Sprossentüren in einen kleinen, kunstvoll angelegten Garten hinaus führten. Die Türen standen weit offen und ließen die samtige Nachtluft herein. Die Kerzen auf den Tischen flackerten leicht und vermittelten mir damit wie immer ein Gefühl der Behaglichkeit.
Wir setzten uns und bestellten bei Raoul erst einmal eine Flache Cidre. Während wir in der Karte blätterten, schenkte er uns das sprudelnde Getränk in zwei langstielige Sektgläser ein und zog sich dann mit unserer Bestellung diskret zurück.
Ganz langsam fiel der Stress und das Unbehagen der letzten Tage von mir ab. In mir breitete sich eine angenehme Ruhe aus und ich war glücklich AJ endlich wieder einmal ganz für mich alleine zu haben.
Auf uns, lächelte AJ schließlich und hob sein Glas.
Auf uns, das Album und die Hochzeit, entgegnete ich und stieß mit ihm an.
Der Cidre schmeckte köstlich und lief prickelnd und angenehm süß und bitter zugleich meine Kehle hinunter. Auch wenn sich in diesem Getränk kein bißchen Alkohol befand so hatte ich doch das Gefühl, edlen Champagner zu trinken.
Gott, es ist eindeutig viel zu lange her, das wir hier waren, sagte AJ, zündete sich genüsslich eine Zigarette an und fasste dann nach meiner Hand auf dem Tisch. Er drückte sie leicht und lächelte mich an. Seine Augen funkelten im warmen Kerzenschein und das gedämpfte Licht verlieh seinen Gesichtszügen etwas unglaublich weiches.
Wem sagst du das, nickte ich.
Ich vermisse dich, sagte er leise, beugte sich zu mir hinüber, rieb kurz seine Nase an meiner Wange und hauchte mir dann einen Kuß darauf.
Ich vermisse dich auch, gab ich ebenso leise zurück und küsste sanft seine weichen Lippen. Ein angenehmes Prickeln durchlief meinen Körper und ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so glücklich und vollkommen gefühlt hatte.
Hm, schnurrte er mit geschlossenen Augen und ich mußte lachen.
Scheint, als hättest du das genau so sehr vermisst wie ich.
Davon kannst du ausgehen, nickte er.
Manchmal habe ich Angst, dass ... nun ja ... dass du so beschäftigt bist, dass du mich ganz vergisst, sagte ich leise und ohne Vorwurf in der Stimme.
Ich weiß Hexlein. Aber sieh es mal so, hätten wir die letzten Wochen pausenlos miteinander verbracht, wüssten wir diesen Moment hier gar nicht wirklich zu schätzen.
Das ist natürlich auch eine Theorie, grinste ich.
Ich weiß auch nicht, er zog gedankenverloren an der Zigarette und begann mit seinem Daumen kleine Kreise auf meinem Handrücken zu malen. Es ist wirklich schön wieder zu arbeiten, etwas sinnvolles zu tun. Das erfüllt mich auf eine gewisse Art und Weise.
Aber der Gedanke, dass ich nach getaner Arbeit nach Hause komme und weiß, dass du in unserem Bett liegst, einfach da bist, ist ... wie soll ich das sagen ... das ist die Grundlage für alles. Der Grund, dass ich mich bei der Arbeit entspannen kann, weil ich weiß, egal wie das alles ausgeht, du bist immer für mich da. Der Grund dafür, dass ich nicht mehr immer mit dem Kopf durch die Wand will, wenn die Jungs wieder einen ihrer seltsamen Vorschläge machen, weil ich weiß, dass vieles von dem nicht mehr wirklich wichtig ist, weil ich in dir den Sinn meines Lebens gefunden habe. Er blinzelte kurz und auf seinem Gesicht erschien dieses warme, breite Lächeln, das ich so sehr an ihm liebte. Ergibt das irgendeinen Sinn für dich?
Das ergibt sehr viel Sinn, schmunzelte ich und fühlte, wie sich eine angenehme Wärme in meinem Magen ausbreitete, sich durch meine Adern zu meinem Herzen hinauf arbeitete und es dadurch veranlasste, einige Takte schneller zu schlagen.
Hast du manchmal den Eindruck, dass ich dich einenge? fragte ich und nippte an meinem Glas.
Einengen? Inwiefern? fragte er mit gerunzelter Stirn.
Naja ... ich habe mich heute mittag mit Lucie unterhalten und dabei ... ähm ... habe ich dann doch einige Parallelen zwischen Tammy und mir entdeckt. Das ... nun ja ... hat mich dann doch ziemlich erschreckt.
Ihr seid Schwestern, es wäre also wohl ziemlich ungewöhnlich, wenn es keine Parallelen gäbe, gab er zurück und ich wußte nicht genau, ob ich mich über diese Bemerkung freuen sollte.
Nein, ich meine ... ihr habt euch damals auch oft über deinen Job, die Band und was weiß ich noch alles gestritten. Ich habe Angst, den selben Fehler zu machen. Irgendwann wirst du vielleicht feststellen, dass du vom Regen in die Traufe gekommen bist.
Er schüttelte nachsichtig den Kopf und lächelte mich an. Du solltest aufhören dich mit ihr zu vergleichen. Ihr seid zwar miteinander verwandt, aber doch eigenständige Personen. Ich glaube, es ist ganz normal, dass es ab und zu mal Ärger wegen meinem Job gibt, auch wenn ich gut und gerne darauf verzichten könnte. Aber weiß ich, wie es umgekehrt wäre? Ich finde, du hast duchaus das Recht mit dieser Situation ab und zu unzufrieden zu sein.
Aber Tam und Du ... ihr seid in euren Wesen schon komplett verschieden. Das, was bei dir warm, weich und herzlich ist, ist bei ihr hart und unnachgibig. Tam streitet sich manchmal nur, um recht zu bekommen und um zu zeigen, wer in der Beziehung die Hosen an hat. Sie meint, sie müsse immer stark sein und das auch immer wieder unter Beweis stellen. Das führt meistens zu nichts.
Du hingegen ... du sprichst solche Dinge nicht an um einen Streit vom Zaun zu brechen, sondern weil es dich beschäftigt. Und ich glaube, wenn du das nicht mehr tust, würde ich mir wirklich Gedanken machen. Das würde nämlich bedeuten, dass für dich die Beziehung und damit natürlich auch meine Person so unwichtig geworden sind, dass du dich schon gar nicht mehr darüber aufregst.
Ich seufzte. Womit habe ich dich eigentlich verdient?
AJ lachte leise. Irgendetwas scheinst du in der Vergangenheit richtig gemacht zu haben.
Scheint so.
Er beugte sich zu mir hinüber und küsste mich zärtlich, danach lehnte er sich entspannt zurück. Erzähl mir doch mal von den Hochzeitsvorbereitungen. Ich habe das Gefühl, dass ich dich einfach ganz alleine damit gelassen habe und ... nun ja ... ein bißchen ein schlechtes Gewissen, er biss sich leicht verlegen auf die Unterlippe und sah damit aus, wie ein fünfjähiges Kind, dass man gerade dabei ertappt hatte, wie es verbotene Süßigkeiten gegessen hatte.
Ich gebe zu, dass es mir lieber gewesen wäre, dass wir das gemeinsam machen, aber ich kann auch verstehen, dass du dafür im Moment keinen Kopf hast. Im Grunde sind und waren wir uns ja einige, wie und was wir wollen. Also mach dir keine Gedanken.
Ich werde sie mir trotzdem machen, grinste er aber ich möchte dann doch gerne wissen, wie es bisher läuft. Was macht dein Kleid? Verrätst du mir, wie es aussieht?
Vergiss es, grinste ich. Das wirst du erst sehen, wenn ich mit meinem Hochzeitsstrauß in der Hand auf dich zuschreite.
Ooooch. Er schob gespielt schmollend die Unterlippe vor und brachte mich damit zum Lachen.
Keine Chance. Und wenn du noch so sehr deinen Hundeblick aufsetzt.
Sicher? Keine Chance? Ich habe da so meine Methoden ... , grinste er schelmisch, beugte sich erneut zu mir hinüber, fuhr mit seinen Lippen aufreizend langsam über meine, knabberte sanft an meiner Unterlippe und lies seine Zunge federlicht in meinen Mund gleiten. Meine Hand auf dem Tisch krampfte sich verzückt um seine und mit einem leisen Kichern löste er sich von mir. Wirklich sicher? Keinen Ton? neckte er mich.
Ganz sicher, nickte ich, legte meine Hand in seinen Nacken und zog ihn wieder zu mir heran. Aber küssen darfst du mich trotzdem.
Beide kichernd küssten wir uns erneut, bis uns ein leises Räuspern von Raoul in die Wirklichkeit zurück holte. Das Essen duftete einfach köstlich und wie zwei Verhungernde machten wir uns augenblicklich darüber her.
Wir hatten unser Essen längst verzehrt und das Lokal begann sich merklich zu leeren. In unseren Gläsern prickelte das letzte Glas Cidre und ich fühlte mich angenehm matt und entspannt. Wir hatten sämtliche Details der Hochzeit besprochen, einige Dinge abgeklärt, AJ hatte mir von seiner Arbeit mit den Jungs berichtet und irgendwie hatten wir es geschafft, Tammy für eine ganze Zeit aus unserer Welt auszuschließen.
Doch nun zerrte AJ sie wieder unnachgiebig zurück ans Tageslicht. Ich mache mir Sorgen um Tam, sagte er unvermittelt und ich fühlte, wie sich in meinem Magen ein winziger Kieselstein festsetzte.
Inwiefern? fragte ich wider besseren Wissens nach.
Er schüttelte den Kopf. Es ist schwer zu erklären. Sie ist ... seltsam. Manchmal ist sie so aufgedreht, dass sie wie ein verrückt gewordener Gummiball herum hüpft und dann wieder so ruhig und in sich kehrt, dass man sie kaum wahr nimmt. Ich frage mich, warum das so ist.
Der Kielstein wuchs augenblicklich zu einem harten, festen Backstein an.
Was vermutest du?
Ich bin mir nicht sicher, aber ... ich habe schon so einige Menschen getroffen, die auf irgendwelchen Pillen oder Koks oder ähnlichem waren.
Dieser Satz lies mein Herz erschrocken in meiner Brust hüpfen. Und du meinst ... also ... Tam ... ich kann mir das gar nicht vorstellen.
Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, aber wundern würde es mich nicht.
Hast du sie schon mal darauf angesprochen?
Nunja ... nicht direkt. Ich habe es irgendwie hintenrum versucht, aber ohne großen Erfolg.
Vielleicht solltest du sie einmal direkt fragen.
Eigentlich hatte ich gehofft, dass du das übernehmen könntest, sagte er und sah mich dabei direkt an.
Ich? Nie im Leben! gab ich erschrocken zurück.
Mal ehrlich Robin, ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie. Inzwischen bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob sie wirklich zurück gekommen ist, um mich zurück zu bekommen. Sie scheint auf so einer Art ... hm ... Selbstzerstörungstrip zu sein und das schließt dich und mich mit ein. Ich finde, du als ihre Schwester solltest dringend mal mit ihr reden.
Ich glaube nicht, dass ich das kann. Ich bin immer noch so wütend auf sie. Dabei kann doch nichts gutes heraus kommen.
Ich vestehe dich ja, aber vielleicht hilft es ihr, wenn du einen Schritt auf sie zumachst. Ist dir aufgefallen, dass sie dir ganz bewußt aus dem Weg geht?
Nun, das beruht wohl auf Gegenseitigkeit, entgegnete ich und fühlte ein aufgebrachtes Grummeln in meiner Magengegend.
Ich weiß. Er schüttelte erneut den Kopf. Ich weiß nur nicht, ob ich so geeignet dafür bin, mit ihr zu reden.
Wenn nicht du, wer sonst? Sie betet dich doch an. Auf mich würde sie doch im Leben nicht hören.
Ich glaube, dass ihr deine Meinung wichtiger ist, als sie zugibt. Trotz allem tut es ihr weh immer noch mit dir im Streit zu liegen.
Das hat sie sich selbst zuzuschreiben, gab ich unnachgiebig zurück.
Was wollte er überhaupt? Sie hatte mir den Kampf angesagt und nicht umgekehrt. Ich war zu allem bereit gewesen. Ich wollte sie wieder bei mir haben. Ich liebte sie. Ich hatte sie in unserem Haus willkommen geheißen und ihr versucht klar zu machen, dass wir jederzeit für sie da waren.
Aber sie hatte dieses entgegen gebrachte Vertrauen mit Füßen getreten. Sie war diejenige, die versuchte einen Keil zwischen mich und AJ zu treiben. Sie war diejenige, die Intrigen spann und hoffte, die Hochzeit damit zu verhindern.
Und jetzt verlangte AJ von mir, dass ich über dies alles hinwegsah und auf sie zuging? Niemals.
Denk doch wenigstens mal darüber nach. Ich glaube, sie wartet irgendwie darauf.
Sie wartet darauf? Wenn dem so sein sollte hat sie aber eine seltsame Art das zu zeigen.
Ich weiß. Und ich weiß auch, wie schwer dir das fällt, aber stell dir mal vor, es passiert irgendetwas. Du würdest dir bis ans Ende deines Lebens Vorwürfe machen.
Was sollte denn passieren? Das nervöse Kribbeln in meinem Magen hatte sich zu einem Orkan gesteigert. Ich konnte es vielleicht AJ gegenüber nicht zugeben, aber tief in mir hatte mich eine ungeheure Angst um Tam erfasst.
Ich weiß nicht ... , er zuckte hilflos mit den Schultern. Du weißt, wie ich damals drauf war. Irgendwann ist dir einfach alles egal. Es ist nicht mehr wichtig, was mit dir selbst, deinen Freunden und deiner Familie passiert. Wichtig ist nur der nächste Schluck Jackie, die nächste Pille, die nächste Line Koks. Du glaubst, dass dieses Zeug die Lösung für all deine Probleme ist. Das eine lässt dich schlafen, das andere dich wie der Größte fühlen und das letzte lässt deine Probleme zu einer unwichtigen Kleinigkeit zusammen schrumpfen. Leider gaukeln dir diese Drogen eine perfekte Welt vor, obwohl sie das ganz und gar nicht ist und wenn du das erkennst, strengst du dich nur noch mehr an, diese Welt zu zerstören.
Glaubst du wirklich, dass Tam Drogen nimmt? fragte ich leise.
Er schwieg eine ganze Weile, in der er in sein Glas starrte und das Für und Wieder abzuwägen schien. Schließlich blickte er auf und die Gewissheit in seinem Blick lies mich frösteln. Ich bin mir ziemlich sicher, ja. nickte er.
Ich wandte den Kopf ab, damit er die Tränen in meinen Augen nicht sah. Alles in mir krampfte sich zusammen und fröstelnd schlang ich die Arme um mich.
Hey, AJ zog seinen Stuhl näher an mich heran und legte mir einen Arm um die Schulter. Nicht. Ich ... ich wollte dich nicht ... ich dachte nur ... , er verstummte und zog mich an sich. Es tut mir leid. Ich war nur der Meinung, du solltest es wissen.
Ist schon gut, würgte ich hervor und konnte das Zittern nicht aufhalten, das ganz langsam meinen gesamten Körper erfasste. Verdammt, sie sollte mir egal sein, oder etwa nicht? Aber was, wenn AJ recht hatte?