Kapitel 18

Ich war bereits auf dem Heimweg als mein Handy klingelte. Ich drückte den Knopf für die Freisprechanlage und meldete mich.
„Hallo?“
„Hey Baby, ich bin’s.“
„Hallo Fremder,“ grinste ich und fühlte, wie mich sofort eine angenehme Wärme überschwemmte.
„Wo bist du?“ hörte ich AJs leicht verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher.
„Auf dem Weg nach Hause. Ich war mit Lucie noch was trinken.“
„Und, war es schön?“
„Ja,“ sagte ich, während sich ein unangenehmes Kribbeln in meiner Magengegend ausbreitete. Ich dachte daran, was sie mir erzählt hatte, dass sie mit AJ geschlafen hatte und das alles hinter Tammys Rücken.
„Das freut mich für dich. Dann sehen wir uns ja gleich.“
„Wie meinst du das?“
Ich hörte ihn lachen. „Ich bin bereits zu Hause. Wir haben beschlossen, heute mal etwas früher Schluß zu machen.“
„Wirklich? Das ist toll!“ Ich trat das Gaspedal etwas weiter durch und schlängelte mich mit Nachdruck durch den abendlichen Verkehr. Ich mußte nach Hause. Jetzt sofort.
„Ja, deswegen rufe ich auch an. Ich vermisse dich. Komm’ schnell.“
„Ich bin sogut wie da,“ strahlte ich.
„Beeil dich,“ hauchte er.
Wir legten auf und ich hatte wohl unverschämtes Glück, dass ich keiner Polizeistreife begegenete, während ich sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen ignorierte um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Als ich das Haus betrat drangen Stimmen aus dem Wohnzimmer. Ich hörte Tammy lachen und gleich darauf einen undeutlichen Kommentar von Lenny. Ich ging durch den Flur, machte mir dabei nicht die Mühe meine Jacke, Tasche oder Schuhe abzulegen und trat dann durch den Rundbogen ins Wohnzimmer.
Ich erblickte Tammy und AJ, die nebeneinander auf dem Sofa saßen, ihnen gegenüber Lenny, der mich als erster entdeckte.
„Hey Prinzessin, da bist du ja,“ lächelte er.
AJ fuhr herum und ein Lächeln erstrahlte auf seinem Gesicht, als er mich entdeckte. Sofort stand er auf und kam zu mir herüber.
„Hey,“ sagte er und zog mich an sich.
„Hallo,“ murmelte ich, während ich das Gefühl seiner Arme um mich genoss und mein Herz wie wild zu schlagen begann.
Als hätten wir uns monatelang nicht gesehen schoss es mir durch den Kopf.
„Wir war dein Tag?“ fragte er dicht an meinem Ohr.
„Schön. Aber das hier ist auf jeden Fall die größte Überraschung. Ich bin so froh, dass du da bist.“
„Ich auch,“ nickte er und sein Bart kitzelte mich dabei an der Wange.
„Das neue Album wird auf jeden Fall etwas ganz besonderes,“ hörte ich Tammy zu Lenny sagen und alleine der Umstand, dass sie von etwas berichtete, was zum einen mit AJ zusammen hing und zum anderen mir noch nicht bekannt war, ließ meine Magenwände unangenehm flattern.
Reiss dich zusammen schimpfte ich mich in Gedanken. AJ ist jetzt hier, das ist alles was zählt.
„Ich werde mich erst einmal meiner Jacke entledigen,“ sagte ich, während ich mich von ihm löste. Er folgte mir zurück in den Flur und nachdem ich meine Jacke und Schuhe ausgezogen hatte, wandte ich mich in Richtung Küche. Ich wollte mit AJ alleine sein. Wenigstens zehn Minuten.
„Erzähl mal,“ sagte er, während er mich wieder an sich zog, gerade so als könne er es nicht ertragen mit mir in einem Raum zu sein, ohne mich zu berühren. „Was hast du heute so gemacht?“
„Ich war in der Stadt, ein paar Besorgungen machen,“ erklärte ich und schmiegte mich an ihn. Dabei fiel mir der Nachmittag bei Sam ein und der Song, den Shawn für mich schreiben wollte. Es fiel mir schwer nicht sofort mit diesem Geheimnis heraus zu platzen, schließlich erzählte ich AJ sonst auch jede Kleinigkeit. Doch in diesem Fall wäre das wohl nicht sehr klug gewesen.
„Und was noch?“ hakte er nach.
„Danach habe ich mich mit Lucie getroffen, aber das weißt du ja schon.“
„Aha.“ Er richtete sich auf und sah auf mich hinunter. Seinen Blick konnte ich nicht so recht deuten. Er musterte mich, als wolle er in meinen Kopf hinein sehen und zwischen seinen Augenbrauen war eine kleine Falte erschienen.
„Was?“ fragte ich deshalb nach.
„Nichts,“ er schüttele den Kopf, lies mich los und trat einen Schritt zurück.
Sämtliche Alarmglocken begannen in meinem Hirn zu schrillen, wenn ich auch nicht sagen konnte, was genau mich so in Aufregung versetzte.
„Ich kenne dich doch McLean. Irgendetwas geht in deinem Kopf vor,“ sagte ich deshalb.
„Es ist wirklich nichts,“ sagte er noch einmal. „Tam hat nur ... ,“ er verstummte wieder und ich ballte die Hände zu Fäusten.
„Tammy hat was?“
„Sie ... sagt ... sie ... hat dich gesehen, wie du irgendso einen Typen umarmt hast.“
Ein Lachen krabbelte meine Kehle hinauf. Das war ja nun sowas von abwegig. Ich und ein anderer ... Moment. Shawn! Aber das konnte doch nicht sein, oder? Wieso trieb sich Tam in dieser Gegend herum?
„Und du glaubst ihr das?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf „natürlich nicht. Was solltest du auch in dieser Gegend machen? Da gibt es keine Geschäfte, nur heruntergekommene Wohnhäuser.“
„Was macht denn Tam in so einer Gegend?“
„Unser Studio liegt dort in der Nähe.“
Ach du Schande. Das hatte mir ja gerade noch gefehlt. In Zukunft mußte ich mich also drei Mal herum drehen bevor ich zu Sam ging um zu vermeiden, dass AJ mich dabei entdeckte.
„Und was genau hat sie gesagt?“
„Wir waren gerade auf dem Rückweg vom Mittagessen und plötzlich sagt sie „War das da drüben eben Robin?“, aber als ich mich herum drehte, habe ich nichts mehr gesehen. Sie meinte, sie hätte dich gesehen, wie du einen Mann umarmst. Groß, dunkelblond ...,“ er zuckte mit den Schultern.
„Das war ich nicht,“ log ich und fühlte mich dabei nur ein bißchen schlecht. Immerhin ging es hier um sein Hochzeitsgeschenk und das sollte schließlich eine Überraschung sein. Außerdem war ja nun wirklich nichts passiert. Shawn hatte sich lediglich von mir verabschiedet.
„Du würdest es mir doch sagen, oder?“ fragte AJ leise.
„Wie meinst du das?“ Mein Herz begann augenblicklich schneller zu schlagen.
„Naja, wenn ... wenn du das gewesen wärst, würdest du es mir doch sagen, oder?“
„Natürlich!“ Entgegnete ich voller Überzeugung in der Stimme und fühlte mich jetzt wirklich schlecht.
„Gut,“ er nickte und lächelte bereits wieder. „Dann lass uns überlegen, was wir mit diesem gemeinsamen Abend anfangen, ja?“
Bevor ich allerdings etwas sagen konnte, betrat Tammy die Küche.
„Und, hast du sie gefragt?“ sagte sie zu AJ als wäre ich gar nicht da, während sie den Kühlschrank öffnete und eine Flasche Cola hervor holte.
„Ja, habe ich und wie ich dir heute Mittag schon gesagt habe, ist sie es nicht gewesen,“ antwortete AJ.
„Tatsächlich?“ Tammy hob die Augenbrauen und musterte mich überrascht. „Also ich hätte schwören können, dass du das bist. Das Mädchen hatte sogar die gleichen Klamotten an,“ dabei deutete sie auf mein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck der Red Hot Chilli Peppers darauf.
„Du mußt dich wohl geirrt haben. Ich war heute Mittag in der Stadt und danach mit Lucie unterwegs. Nicht, dass ich es nötig hätte mich vor dir zu rechtfertigen, aber ... ,“
„ ... du tust es trotzdem,“ vollendete sie meinen Satz und ein süffisantes Lächeln legte sich um ihre Mundwinkel.
„Wie auch immer. Das geht dich so oder so gar nichts an,“ schnaubte ich ärgerlich. Sie wußte doch, dass ich beim Gesangsunterricht gewesen war. Wenn sie mir die Überrschung verderben wollte, konnte sie es AJ doch direkt erzählen. Doch dann ging mir auf, dass sie scheinbar einen viel perfideren Plan verfolgte. Sie wollte AJ einreden, dass ich ein Verhältnis hatte und sie begann gerade damit, den Grundstein für sein Misstrauen zu legen.
Ich wandte mich wieder AJ zu. „Lass uns heute Abend ausgehen, nur wir beide. Wir könnten zu Raoul gehen, was meinst du?“ fragte ich und der Gedanke, Tammy eine Zeit lang von AJ zu trennen gefiel mir ausgesprochen gut.
„Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt bin ich ganz schön müde und froh, mal einen Abend zu Hause verbringen zu können,“ entgegnete er, trat auf mich zu und zog mich wieder an sich.
„Aber hier sind wir nicht allein,“ sagte ich leise und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Tammy sich an die Küchenzeile lehnte und interessiert unserem Gespräch lauschte.
„Kannst du dich nicht einfach in Luft auflösen,“ fuhr ich sie deshalb ärgerlich an.
Sie zuckte mit den Schultern, stieß sich von der Arbeitsplatte ab und schlenderte langsam aus der Küche.
„Mußte das sein?“ fragte AJ sanft.
„Ja, das mußte sein. Sie hat dich den ganzen Tag für sich, da kann sie mir wenigstens den Abend gönnen. Oder vermisst du sie?“ fügte ich spitz hinzu.
Er seufzte statt einer Antwort und schüttelte den Kopf. „Lass uns jetzt nicht schon wieder darüber streiten, ja?“
„Nicht ich habe damit angefangen, sondern sie,“ verteidigte ich mich.
„In Ordnung. Lass uns zu Raoul gehen,“ entgegnete er, als hätte das gerade eben Gesagte nie stattgefunden.
Ich unterdrückte den Impuls zu widersprechen, weiter über Tammy herzuziehen oder ihn daran zu erinnern, dass er vor nicht einmal einer Minute noch hier bleiben wollte, sondern nickte stattdessen. Wenn wir erst einmal aus diesem Irrenhaus heraus waren, ging es uns sicherlich besser.

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