Kapitel 17

Shawn blieb tatsächlich während meiner gesamten Übungsstunde, allerding schnappte er sich irgendwann meinen Text und verschwand damit aus dem Musikzimmer. Sam bemerkte schmunzelnd, dass er sich sicherlich an sein elektrisches Piano im Wohnzimmer gesetzt habe um sofort mit dem Songschreiben anzufangen.
Und so war es auch. Als meine Stunde schließlich beendet war und ich mit einem neuen Song als Hausaufgabe aus dem Musikzimmer trat, sahen Sam und ich Shawn mit Kopfhörern vor einem Keyboard sitzen und wie wild in die Tasten hauen. Man hörte lediglich das gedämpfte Klappern der Tasten und ab und zu Shawns leises Summen oder auch Wortfetzen von meinem Text. Ein Stapel Notenblätter lag neben ihm und immer wieder hielt er inne um sich das gerade Gespielte aufzuschreiben.
Sam tippte ihm schließlich auf die Schulter, was Shawn zusammenzucken lies.
„Wir sind dann soweit fertig. Möchtest du dich von Robin noch verabschieden?“
„Oh, das ging aber schnell,“ lächelte Shawn, streifte die Kopfhörer ab und erhob sich. „Ich komme mit. Ich bin Sam lange genug auf die Nerven gegangen.“
„Wegen mir könntest du gerne noch bleiben,“ lächelte Sam „allerdings wird meine nächste Schülerin darüber nicht sehr begeistert sein.“
„Keine Sorge. Ich bin schon weg.“
Er schnappte sich seine Jacke, faltete mein Gedicht und die Notenblätter und verstaute sie in seiner Innentasche.
Wir verabschiedeten uns von Sam und stiegen dann langsam nebeneinander die Stufen im Treppenhaus hinunter.
„Du schreibst also?“ fragte Shawn, während er mir die Tür aufhielt und wir hinaus in einen strahlenden Nachmittag traten.
„Ja, ich bin Autorin. Allerdings ist es in letzter Zeit nicht so besonders gut gelaufen.“
„Dafür ist aber ein wundervoller Text heraus gekommen. Es schaffen nicht viele etwas so mächtiges wie die Liebe in so kurzen und prägnanten Worten zu verpacken.“
„Danke. Du machst mich ja ganz verlegen,“ lächelte ich und betrachtete interessiert meine Schuhspitzen.
„Ach was,“ winkte er ab, während er zu einem der Fahrräder hinüber ging und ein riesiges Fahrradschloss aufschloss. „Ehre wem Ehre gebührt.“
„Nun ja, dann nochmals Danke.“
„Gern geschehen.“ Er verstaute das Schloss auf dem Gepäckträger und trat wieder auf mich zu. „Dann sehen wir uns nächste Woche?“
„Ja. Ich kann es kaum erwarten.“
„Ich auch nicht,“ grinste er, dann trat er noch einen Schritt auf mich zu und bevor ich etwas dagegen tun konnte, hatte er mich umarmt. „Bis nächste Woche also,“ sagte er verschmitzt grinsend, dann schwang er sich auf sein Fahrrad und fuhr davon.

„ ... und dann hat er sich meinen Text geschnappt und ist damit auf und davon gefahren,“ beendete ich meine Erzählung und konnte mir ein strahlendes Grinsen nicht verkneifen.
Lucie hatte mir aufmerksam zugehört, immer wieder an ihrem Prosecco genippt und mich kein einziges Mal unterbrochen.
Wir hatten uns in einem Cafe in der Stadt verabredet, das sich „Green Tree“ nannte. Ein Baum, der genau in der Mitte des Lokals aus dem Boden wuchs und dessen Blätterdach auch noch die nächsten Tische überragte, hatte diesem Ort seinen Namen gegeben.
„Oh Mann, das ist ja aufregend,“ sagte Lucie schließlich mit glühenden Wangen.
„Wem sagst du das. Stell dir nur vor, ich singe AJ ein richtiges Liebeslied. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben.“
„Er wird Rotz und Wasser heulen, das ist dir hoffentlich klar, oder?“ grinste Lucie.
„Wenn nicht, bin ich sicherlich enttäuscht,“ lachte ich und nahm einen Schluck von meinem Tee.
„Und dieser Shawn, wie ist der so? Ich meine ...,“ mit einem verschwörerischen Lächeln beugte sie sich ein Stück über den Tisch zu mir hinüber „ ... sieht er gut aus?“
„Ja, ich würde sagen, er sieht sehr gut aus,“ grinste ich. „Und was noch viel wichtiger ist, er wirkt so erwachsen. Er ... ich weiß auch nicht ... er scheint genau zu wissen, was er will. Alleine schon dieser Enthusiasmus, mit dem er sich an den Song gemacht hat ... ehrlich, der Junge hat es drauf.“
„Höre ich da eine gewisse Begeisterung in deiner Stimme?“ grinste Lucie.
„Ja, er ist schon toll,“ lächelte ich.
„Toller als AJ?“
„Lucie!“ ich war empört. „AJ ist mein ein und alles. Da kommt doch niemand mit.“
„Ich meine ja nur. Im Moment siehst du AJ ja wohl nicht sehr oft. Es würde mich nicht wundern, wenn dich so ein Jüngelchen beeindrucken könnte.“
„Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun,“ gab ich mit missbilligend gerunzelter Stirn zurück. Das was Lucie sagte war ausgemachter Schwachsinn.
„Gut. Das wollte ich nur hören,“ entgegnete sie mit einem breiten Grinsen und ich schüttelte den Kopf. „Also wirklich Lucie, manchmal kommst du auf Ideen ... ,“
„Ach, ich weiß doch wie es ist, wenn man die ganze Zeit alleine zu Hause hockt. Irgendwann sehnt man sich eben nach ein bißchen Zärtlichkeit und Anerkennung.“
„Wie meinst du das? Ist mit dir und Malcom alles in Ordnung?“
„Ja, sicher. Er kommt morgen nach Hause. Gott sei Dank! Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber es wird langsam Zeit. Ich vermisse ihn wie wahnsinnig, das ist mir noch nie passiert.“
„Dass du jemanden vermisst?“ fragte ich überrascht.
„Ja. Meine bisherigen Männer haben mir nie die Gelegenheit gegeben sie zu vermissen. Das empfand ich irgendwann als ziemlich anstrengend. Für mich gehört wohl das Vermissen zu einer guten Beziehung dazu.“
Ich dachte einen Moment über ihre Wort nach. Ich hätte auf das „Vermissen“ durchaus verzichten können. Seit AJ wieder angefangen hatte zu arbeiten, fehlte er mir eigentlich ständig.
„Ich wünschte, bei mir würde es auch so lange dauern, bis ich AJ wirklich vermisse. Ich werde ja schon kribblig, wenn wir ein paar Stunden getrennt sind. Und jetzt? Jetzt ist er eigentlich nur noch weg.“
„Das belastete dich, hm?“
„Ja, ziemlich. Aber das ist nunmal sein Job. Und es wird noch schlimmer werden, wenn sie dann erst einmal wieder auf Tour sind. Davor habe ich wirklich Angst. Es ist schon seltsam. Tammy hatte damals ähnliche Probleme und ich habe ihr immer versucht begreiflich zu machen, dass das eben sein Job und sein Leben ist. Entweder sie kann es akzeptieren oder ... nun ja ... es hat keine Zukunft. Und im Moment ... im Moment mache ich genau die gleichen Fehler wie sie. Ich werfe ihm vor, dass er zu wenig Zeit mir mir verbringt, dass er mit einer anderen unterwegs ist und ich ihm egal zu sein scheine.“
Ich hielt inne und fühlte zu meinem Entsetzen, wie diese Erkenntnis, die ich gerade eben erst in Worte gefasst hatte, mein Herz mit kalter Faust umschloss. War ich dabei ihn von mir fort zu treiben? In Tammys Arme? So hatte ich das noch nie gesehen.
„Ich denke, dass es nie verkehrt ist seinem Partner mitzuteilen was man denkt und fühlt,“ sagte Lucie in meine Gedanken hinein. „Er soll ruhig wissen, dass du ihn vermisst und du ein Problem damit hast, dass er so viel Zeit mit Tammy verbringt. Ich glaube wichtig ist nur, dass du dich auch darauf besinnst, was euch verbindet. Es gibt wohl niemanden, der auf Dauer mit einer Latte an Vorwürfen konfroniert werden möchte, ohne dabei ein Gegengewicht zu haben.“
„Da hast du recht,“ nickte ich, während ich meinem Kopf bereits nach solchen Momenten suchte. Es fiel mir schwer mich daran zurück zu erinnern, wann wir das letzte Mal wirklich Zeit miteinander verbracht hatten. Zeit, die nicht von Tammys Anwesenheit überschattet wurde. „Ich glaube, ich sollte langsam anfangen, AJ etwas mehr Verständnis entgegen zu bringen,“ sagte ich gedankenverloren.
„Ach Kleines,“ schmunzelte Lucie und tätschelte meine Hand. „Mach dir doch nicht so viele Gedanken. Er liebt dich und du liebst ihn. Das ist das Wichtigste. Er weiß, dass du für ihn da bist. Glaub mir, wenn er diese Sache mit Tammy bei mir abgezogen hätte, hätte ich ihm seine Koffer zusammen mit ihren vor die Tür gestellt.“
„Wirklich? Du bist aber hart.“
„Vielleicht. Sagen wir ... ich habe gelernt mich zu schützen, bevor es richtig weh tut.“
„Das ist aber auch eine gefährliche Strategie,“ gab ich zu bedenken.
„Ich weiß. Malcom ist irgendwie anders. Warum auch immer hat er Verständnis für mich und meine ... Wutausbrüche und ... keine Ahnung. Er gibt mir die Freiräume, ist aber immer da, wenn ich ihn brauche. Es ist seltsam ... er ist der erste, der mich wirklich versteht. Ich meine ... nicht nur das was ich sage sondern auch das, was ich denke.“
„Das ist doch schön. So sollte es sein,“ lächelte ich.
„Ja. Aber ... es verwirrt mich immer wieder.“ Sie schwieg einen Moment, während sie gedankenverloren in ihr Glas starrte.
„Du und AJ ... ich meine ... ,“ ich traute mich nicht weiter zu sprechen, vielleicht weil ich Angst vor der Antwort hatte.
„Was ist mir mir und AJ?“ fragte sie nach.
„Ich meine .. war da mal was zwischen euch? Du scheinst ihn jedenfalls ziemlich gut zu kennen.“
„Und wenn dem so wäre, was dann? Würdest du aufspringen, mich anbrüllen und davon stürmen?“
„Nein,“ ich schüttelte den Kopf. „Das ist Vergangenheit.“
„Hm,“ Lucie senkte den Blick und betrachtete äußerst interessiert ihre Fingernägel.
„Was?“ fragte ich, nun doch etwas alarmiert.
„Nichts. Lassen wir das einfach. Möchtest du noch einen Tee?“
„Hey, jetzt lenk nicht ab,“ entgegnete ich.
„Glaub mir Robin, du willst es nicht wissen.“
„Oh doch, ich muß es jetzt wissen, nachdem du so geheimnisvoll tust.“
Lucie seufzte. „Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Mir wurde flau bei ihren Worten. Was konnte so schlimm sein, dass sie es mir nicht sagen wollte?
„AJ und ich hatten für kurze Zeit ein Verhältnis,“ sagte sie schließlich leise. „Er war der Grund, dass ich mich von meinem zweiten Mann scheiden lies.“
„Tatsächlich? Oh Mann, das wußte ich nicht.“ Auf eine schwer zu beschreibende Art war ich erleichtert. Ich hatte mit wesentlich Schlimmerem gerechnet, auch wenn ich nicht sagen konnte, wie das hätte aussehen sollen. Doch Lucie gab mir gleich darauf eine ungefähre Vorstellung davon.
„Zu der Zeit ... zu der Zeit war er mit Tam zusammen.“
„Was?“ stieß ich hervor und hatte das Gefühl, das mir jemand einen ordentlichen Schlag in die Magengrube verpasst hatte.
Lucie seufzte erneut, richtete sich auf und sah mir fest in die Augen. Scheinbar hatte sie beschlossen, sich voll und ganz dieser Situation zu stellen und tief in mir bewunderte ich sie dafür.
„Ich kenne AJ für meine Verhältnisse schon Ewigkeiten. Vielleicht ... uhm ... fünf Jahre? Ich habe ein paar seiner Beziehungen miterlebt und in keiner war er wirklich rundum glücklich. Was das betrifft waren wir uns ziemlich ähnlich und vielleicht war das auch der Grund, warum wir uns so gut verstanden. Wir wußten beide nicht wirklich, was wir suchten, aber uns war beiden klar, dass wir nicht wirklich ... wie soll ich das sagen ... nicht wirklich zufrieden mit unserem Leben waren.“
„Das kennen ich,“ nickte ich.
„Nun ja. Dann traf er Tam und am Anfang sah es tatsächlich so aus, als ... als hätte er endlich gefunden, was er suchte. Allerdings ... nun ja ... wie wir beide wissen hielt dieses Gefühl nicht sehr lange an. Tam ist, um es mal diplomatisch auszudrücken, ziemlich schwierig. Und dann war da ja auch noch Tammys Schwester, die es ihm irgendwie angetan hatte,“ grinste sie.
„Ja, nur leider hat sie das erst ziemlich spät erkannt,“ lächelte ich. Bis jetzt klang das ja alles noch ganz nett. Vielleicht hatte ich sie irgendwie falsch verstanden?
„Tja, und dann waren wir eines Abends zusammen aus. AJ war gerade von Tam zurück gekommen. Er hatte deinen Geburtstag organisiert und er wirkte ... verändert ... irgendwie.“
„Mein Geburtstag?“ Die Poolhall tauchte vor meinem geistigen Auge auf, der Sternenhimmel, den AJ und Lenny irgendwie an die Decke gezaubert hatten und ein dunkler, kalter Hinterhof. AJs Lippen auf meinen. Unser erster Kuß. Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Er rief mich an, als er wieder zu Hause war, sagte, er müsse mit mir reden. Er war total durch den Wind. Und ... nun ja ... da ist es irgendwie passiert. Wir wollten das beide nicht, konnten uns aber auch nicht dagegen wehren. Ich ... ich muß gestehen, dass ich ziemlich verknallt in ihn war. Ich meine ... sieh ihn dir an, er ist einfach zum anbeißen.“
Ich konnte nur nicken, weil sich ein Kloß von der Größe eines Fußballs in meinem Hals gebildet hatte.
„Das Ganze dauerte keine zwei Wochen, dann wurde uns beiden klar, dass es so nicht weiter gehen konnte. Wir sahen uns eine Weile nicht. Ich trennte mich von meinem Mann und er versuchte die Sache mit Tam und dir irgendwie auf die Reihe zu bekommen.“
Sie musterte mich eine Weile, während ich noch versuchte, das eben gehörte irgendwie in einen Zusammenhang zu bringen. Er hatte mir nie davon erzählt. Warum?
„Ich hoffe ... ich meine ... ich wollte es dir eigentlich nicht erzählen, da er das scheinbar auch nicht getan hat. Glaub mir, im Nachhinein hatte das wirklich nichts zu bedeuten. Wir fühlten uns wohl beide einfach nicht besonders wohl zu dieser Zeit. Aber jetzt ... jetzt ist alles anders. Er liebt dich, das weiß ich. Er liebt dich so sehr, dass er nicht nach rechts und links schaut. Er hat nur Augen für dich und das hat noch keine bei ihm geschafft.“
„Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt gerade darüber freuen kann,“ sagte ich leise und wagte es nicht, Lucie anzusehen.
„Das verstehe ich. Robin wirklich, ich hoffe, das ändert nichts zwischen uns. Ich habe dich gern. Wirklich gern. Ich finde, AJ hätte keine bessere Frau finden können.“
Nun hob ich doch langsam den Blick. Lucie saß mir gegenüber und ihr ganzer Körper schien unter Spannung zu stehen. Der Blick aus ihren Augen war klar, ernst und fest. Sie schämte sich nicht für das, was sie getan hatte, aber er machte mir klar, dass diese Zeit entgültig und schon lange vorbei war.
„In Ordnung,“ nickte ich.
„Was ... was heißt das?“ fragte sie nach.
„Das heißt, dass es in Ordnung ist und wir einfach nicht mehr darüber reden werden, okay?“
„Okay,“ sie nickte und ganz langsam erschien ein warmes Lächeln auf ihrem Gesicht. „Du bist wirklich außergewöhnlich Robin.“
„Nein, das bin ich nicht,“ widersprach ich. „Ich habe dich nur auch ziemlich gern und ... nun ja ... die Sache ist lange vorbei.“
Lucie nickte. „Eine Runde Champagner?“ fragte sie dann.
Ich mußte grinsen. „Wenn das nicht der perfekte Anlass dafür ist, weiß ich aber auch nicht.“
Sie lachte und winkte den Kellner heran. Schon wieder hatte sich ein Teil meines bisherigen Lebens verändert. Vielleicht nicht so gravierend, dass es bis in die Gegenwart reichte, aber ich fragte mich unbehaglich, wieviele Seiten ich ebenfalls noch nicht an meinem zukünftigen Mann kannte.

Kapitel 18