Kapitel 16

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Ich telefonierte täglich mit Amanda um die letzten Einzelheiten zu klären, zwischendurch übte ich immer wieder das Lied, das Sam mir beigebracht hatte und ich versuchte mich weiterhin am Schreiben, wenn auch nicht wirklich etwas Vernünftiges dabei heraus kam.
Ich schaffte es sogar, mir den Entwurf für die Einladungen zur Hochzeit von AJ absegnen zu lassen. Die Druckerei hatte Ewigkeiten gebraucht und es war wohl nur Amandas mehrmaligem und sicherlich sehr bestimmten Nachfragen zu verdanken, dass sie noch vor der Hochzeit fertig wurden.
In der ganzen Zeit sah ich weder AJ noch Tammy länger als ein, zwei Stunden. Sie waren meist schon aus dem Haus, wenn ich morgens aufstand und kamen erst zurück, wenn ich schon im Bett lag.
Ich versuchte mir einzureden, dass mich das nicht störte, dass ich es genoss mit Lenny so viel Zeit zu verbringen, doch im Endeffekt versuchte ich mir selbst etwas vorzumachen. Wenn ich nachts alleine wach lag und die Zifferblätter des Weckers anstarrte wurde mir immer wieder bewußt, dass ich es hasste. Ich war immer noch wütend auf Tam, dass sie sich so einfach in AJs Leben zurück geschlichen hatte und ich war wütend auf ihn, dass er dies so bereitwillig zuließ.
Doch seit jener Nacht, als ich mich das letzte Mal mit AJ über Tam und ihre Arbeit unterhalten hatte, hielt ich den Mund. Zum einen natürlich, weil ich AJ kaum zu Gesicht bekam, zum anderen aber auch, weil ich wußte, dass Diskussionen dieser Art nichts brachten. Rein sachlich betrachtet, konnte ich keinem wirklich etwas vorwerfen, doch emotional sah das ganz anders aus. Doch dafür konnten weder AJ noch Tammy etwas. Ich mußte lernen AJ zu vertrauen, sonst war unsere Beziehung von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
Also versuchte ich mich in einem Leben ohne AJ zurecht zu finden und war von daher froh, als es endlich Donnerstag wurde und ich zu einer weiteren Gesangsstunde in die Stadt fahren konnte. Dies war etwas, das nur mir gehörte, etwas, das ich ohne AJ auf die Beine gestellt hatte und etwas, das ihn hoffentlich umhauen würde, wenn er das Ergebnis auf unserer Hochzeit zu hören bekam.
Sam erwartete mich auch diesmal am Treppenabsatz im vierten Stock. Er trug ausgebeulte Kordhosen, ein graues Hemd und einen grünen Pullunder darüber. Aus seiner Wohnung drangen die melancholischen Klänge eines Klaviers und ich war nicht wenig überrascht, als ich das Musikzimmer betrat und einen jungen Mann erblickte, der mit geschlossenen Augen und vollkommener Hingabe diese Töne hervorbrachte.
Sam zog mir schweigend einen Stuhl heran, ich setzte mich neben ihn und hörte dem Mann fasziniert bei seinem Spiel zu.
Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, seine hellbraunen Haare standen ihm wirr in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab und seine schlanke Gestallt steckte ihn Jeans und einem blauen T-Shirt, auf dem der Klavierspieler des neusten i-Pod Werbespots abgebildet war.
Je länger ich ihm zuhörte um so mehr entspannte ich mich. All meine Probleme, die Sorgen um AJ, die ganze Hektik der vergangenen Tage schien von mir abzufallen und in mir machte sich eine angenehme Leere breit.
Schließlich öffnete der junge Mann die Augen, blinzelte kurz und brach dann unvermittelt sein Spiel ab, als er mich erblickte.
„Hi,“ sagte er mit einer ungewöhnlich tiefen Stimme und dieses eine Wort machte mich auf der Stelle unglaublich verlegen.
„Hi,“ gab ich ebenfalls zurück.
„Robin, darf ich ihnen meinen besten Schüler vorstellen?“ sagte Sam lächelnd und stand auf. „Das ist Shawn Sellinger,“ während er das sagte, legte er Shawn die Hände auf die Schultern. „Merken sie sich diesen Namen. Er wird ganz sicher in naher Zukunft über uns allen erstrahlen.“
„Ach Sam,“ winkte Shawn verlegen ab und stand auf. „Glaub ihm kein Wort. Er übertreibt manchmal ganz gern,“ grinste er und reichte mir die Hand.
„Eigentlich hatte ich immer den Eindruck, dass Sam ganz genau weiß, was er sagt,“ gab ich lächelnd zurück, während ich ebenfalls aufstand und seinen angenehm festen Händedruck erwiderte.
Shawn lachte leise und ich konnte gar nicht anders, als mit einzufallen.
„Sie haben mir doch erzählt, dass sie auf ihrer Hochzeit singen möchten,“ meldete sich Sam zu Wort.
„Uhm, ja?“ Ich erwartete jetzt eigentlich, dass Sam mir sagte, dass er es sich anders überlegt hätte und ich doch nicht gut genug dafür war, doch er nickte in Shawns Richtung.
„Vielleicht könnte Shawn sie auf dem Klavier begleiten? Was meinen sie?“
„Das ... das wäre ... toll,“ sagte ich überrascht. „Aber ... meinen sie nicht, dass dann noch mehr auffällt, dass ich eigentlich gar nicht singen kann?“
Bei der Vorstellung, wie Shawn neben mir am Klavier saß und diese wundervollen Töne hervorbrachte, während ich versuchte wenigstens eine der komplizierten Klangfolgen zu treffen, wurde mir ganz schlecht.
„Ach was,“ winkte Sam ab. „Bis dahin sind sie so gut, dass alle wie gebannt an ihren Lippen hängen werden.“
„Und wenn Sam das sagt, dann stimmt das auch,“ pflichtete Shawn ihm bei.
„Hast du nicht gerade gesagt, dass er gerne mal übertreibt?“ gab ich grinsend zu bedenken.
„Uhm ... in meinem Fall vielleicht,“ versuchte er sich heraus zu reden und kicherte dabei leise.
„Wie weit sind sie denn mit dem Stück, das ich ihnen als Hausaufgabe gegeben habe?“ fragte Sam und lies sich auf seinen Klavierhocker sinken.
„Ich komme voran, aber ... nun ja ... je nach Tagesform bewegt sich das zwischen leidlich schlecht und katastrophal,“ gab ich ehrlich zu.
„Na, das wollen wir aber jetzt hören,“ sagte Shawn und lies sich wie selbstverständlich auf einen der Stühle sinken.
„Du willst zuhören?“ fragte ich erschrocken.
„Na klar. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten,“ grinste er.
„Ich halte das für keine so gute Idee, ich ... ,“
„Ich denke, das ist gar nicht so verkehrt,“ unterbrach Sam mich. „Sie sollten sich möglichst früh daran gewöhnen vor Publikum aufzutreten.“
„Eigentlich waren sie mir als Publikum bisher genug,“ gab ich zu bedenken.
Sam lachte. „Keine Sorge. Shawn wird sie nicht fressen.“
Damit war das Thema abgeschlossen. Wir begannen mit den Atemübungen, sangen dann wieder Tonleitern um meine Stimme aufzuwärmen, was seltsamer Weise wesentlich besser klappte als in meiner ersten Stunde, und schließlich konnte ich mich nicht länger drücken.
Ich kramte in meiner Tasche, zog die Notenblätter hervor, die Sam mir mitgegeben hatte und stellte mich in Position. Sam spielte die ersten Töne und auf eine schwer zu erklärende Art klangen sie plötzlich vertraut und so, als wären sie schon mein ganzes Leben in meinem Kopf gewesen.
Ich versuchte alle negativen Gedanken auszusperren, wandte Shawn den Rücken zu, verbannte AJ und alles andere aus meinem Kopf und begann zu singen. Sam unterbrach mich kein einziges Mal und als schließlich der letzte Ton verklungen war, nahm er die Hände von den Tasten, verschränkte sie in seinem Schoß und lächelte zu mir auf.
„Ich wußte doch, dass sie das können.“
„Sie fanden es also ... nun ja ... nicht ganz so schlecht wie das letzte Mal?“
„Es war viel besser als das letzte Mal. Sicherlich, hier und da könnte man noch feilen, aber für den Anfang haben sie das hervorragend gemacht.“
Ich wuchs gefühlte zwei Meter und war unglaublich stolz auf mich. Solch ein Kompliment aus Sams Mund war für mich beinahe wie ein Ritterschlag.
„Das war wirklich gar nicht so schlecht,“ meldete sich Shawn hinter mir zu Wort und erst jetzt traute ich mich, mich zu ihm herum zu drehen.
„Danke,“ lächelte ich.
„Gerne geschehen. Und auch wenn es jetzt so aussieht, als hätte ich herumgeschnüffelt, aber was ist das hier?“
Er hielt mir ein Blatt entgegen und entsetzt stellte ich fest, dass es sich dabei um das Gedicht handelte, das ich für AJ geschrieben hatte. Ich hatte es heute morgen in aller Hektik noch eingesteckt, weil ich es Lucie am Nachmittag zeigen wollte.
„Wo hast du das her?“ fragte ich mit glühenden Wangen und riss ihm das Blatt aus den Händen.
„Das ist dir aus der Tasche gefallen, als du die Noten hervor gezogen hast. Ist das von dir?“ fragte Shawn ganz ruhig.
„Ja, ist es, aber ... also ... das ist eigentlich nicht für alle Augen bestimmt.“
„Entschuldige.“ Shawn wirkte etwas verlegen. „Es ist nur ... also ... wenn es von dir ist und wenn es ... nun ja ... für deinen Mann gedacht ist ... ich meine ... ich könnte dir dazu eine Melodie schreiben.“
Ich muß ihn angesehen haben wie eine göttliche Erscheinung, nicht in der Lage mich zu bewegen oder auch nur einen entsprechenden Kommentar darauf zu geben. Wie meinte er das er könne eine Melodie dazu schreiben?
„Darf ich mal sehen?“ fragte Sam.
Ich zögerte kurz, doch dann gab ich ihm das Blatt. Er setzte seine Brille auf und begann zu lesen.
„Wirklich, das ist gut,“ sagte Shawn noch einmal. „Wäre es nicht cool, wenn du genau das zur Hochzeit singen würdest?“
„Ich ... darüber habe ich nie nachgedacht. Es ist eigentlich nur ... nun ja ... ein Versuch wieder etwas mit Inhalt und Sinn zu schreiben,“ entgegnete ich.
„Das ergibt auf jeden Fall sehr viel Sinn,“ meldete sich Sam zu Wort. „Und die Idee von Shawn finde ich hervorragend.“
„Ich ... ähm ... ja klar ... das ist toll, aber ... ich ... also ... ,“ stammelte ich, weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Der Vorschlag war perfekt, aber ich zweifelte stark, dass ich in der Lage sein würde, das umzusetzen.
„Keine Sorge, ich mache es nicht zu kompliziert,“ lächelte Shawn, als hätte er meine Gedanken erraten. Er stand auf und bat Sam, ihn ans Klavier zu lassen. Dann legte er die Hände auf die Tasten, schloss die Augen und schien einen Moment in sich hinein zu hören. Dann begann er mit einer Hand eine sanfte, eingängige Melodie zu spielen. Sam lauschte einen Moment, dann zog er mein Gedicht zu sich heran und begann leise zu Shawns Melodie zu singen.

Baby I love you, you are my life
My happiest moments weren’t complete if you weren’t by my side

Es fühlte sich seltsam an meine Worte aus Sams Mund zu hören und noch seltsamer war, dass die Worte perfekt zur Melodie zu passen schienen. Shawn brach schließlich ab und lächelte verzückt.
„Wie findest du es?“
„Das ist der absolute Wahnsinn,“ grinste ich und spürte, wie mein Herz vor Glück schneller zu schlagen begann.
„Also abgemacht? Ich nehme mir deinen Text mit nach Hause und bis zu deiner nächsten Stunde habe ich dir einen anständigen Song daraus gebastelt.“
„Wie ... wie du möchtest. Ich kann ... das ist großartig. Wirklich! Vielen, vielen Dank!“
„Das mache ich doch gerne. Im Übrigen ist das nicht der erste Song, den ich schreibe, also keine Sorge. Ich glaube, dein Mann wird es mögen.“
„Das hoffe ich,“ nickte ich und konnte nichts dagegen tun, dass ein dämliches Grinsen auf meinem Gesicht erschien, als ich an AJ dachte. Ja, das hier war das perfekte Geschenk. So wohl für AJ, als auch für mich.

Kapitel 17