Kapitel 14

Es war mitten in der Nacht und ich lag mit offenen Augen im Bett und wartete auf AJ. Den ganzen Tag hatte ich recht erfolglos versucht die Bilder in meinem Kopf zu verdrängen, die mir einreden wollten, dass AJ sich mit Tammy wunderbar vergnügte, während ich mit Amanda die Details für die Hochzeit klärte, mich danach von Lucie zurück zu meinem Wagen bringen lies, noch einige Besorgungen machte und dann mit Lenny zusammen zu Abend ass.
Ich hatte versucht AJ auf seinem Handy zu erreichen um zu erfahren, ob er wohl zum Abendessen zu Hause sein würde, doch jedes Mal sprang nur seine Mailbox an und schließlich gab ich frustriert auf.
Dann hatte ich mir mit Lenny noch einen Film im Fernsehen angesehen, von dem ich nicht mehr sagen konnte, um was es eigentlich darin gegangen war und hatte mich danach mit dem Hinweis, dass ich müde sei in mein Bett verzogen. Weder AJ noch Tammy waren bis dahin aufgetaucht und ich hatte auch nicht die Ruhe gefunden, um mich wieder ans Schreiben zu machen.
Seit Stunden starrte ich nun schon auf den Radiowecker und zählte Minuten und Stunden, döste dazwischen immer mal wieder ein und schreckte gleich darauf mit klopfendem Herzen wieder in die Höhe.
Als ich schließlich Schritte auf der Treppe hörte und gleich darauf die Tür zum Schlafzimmer aufgeschoben wurde, schloss ich reflexartig die Augen und versuchte so gleichmäßig wie möglich zu atmen. Er sollte nicht denken, ich hätte die ganze Zeit nichts anderes getan als auf ihn zu warten, auch wenn das leider der Wahrheit entsprach.
Ich hörte, wie er durchs Zimmer schlich und gleich darauf im Bad verschwand. Die Dusche rauschte und Szenen aus Filmen wie „Eine verhängnisvolle Affäre“ fielen mir ein. Versuchte er gerade die Spuren und den Geruch von Tammy von seinem Körper abzuwaschen? Warum war er den ganzen Abend nicht an sein Handy gegangen? Warum kam er so spät nach Hause, ohne mir bescheid zu sagen?
Die Badezimmertür öffnete sich und ich hörte, wie AJ heraus trat. Er knippste das Licht aus und krabbelte ins Bett. Die Laken raschelten, während er sich auf meine Seite des Bettes herüber schob. Gleich darauf fühlte ich einen warmen, noch leicht feuchten Arm, der sich um meine Taille legte.
„Hey Baby. Schläfst du schon?“ flüsterte er nahe an meinem Ohr.
„Hm,“ bestätigte ich und wagte es nicht mich zu bewegen.
AJ lachte leise. „Du redest also im Schlaf?“
„Klar, mache ich schon immer so. Noch nicht gewußt?“ gab ich missmutig zurück und drehte ihm weiterhin den Rücken zu.
„Nein, ist mir neu,“ entgegnete er und ich konnte sein breites Grinsen förmlich vor mir sehen.
„Wie war dein Tag?“ fragte er, während er sich tiefer in die Kissen kuschelte und mich an sich zog.
„Lang. Anstrengend. Einsam,“ murmelte ich.
Ich hörte, wie er leise seufzte. „Es tut mir leid, dass es so spät geworden ist, aber ... ich weiß auch nicht. Im Studio verfliegt die Zeit unheimlich schnell. Eben war es noch drei Uhr nachmittags und schwups ist es mitten in der Nacht.“
„Hm,“ schnaubte ich.
„Wir sind richtig gut voran gekommen und das am zweiten Tag. Wirklich unglaublich. Ich meine ... die ersten drei Stunden haben wir ununterborchen geredet,“ er kicherte leise. „Aber dann ... ,“ ich spürte, wie er hinter mir den Kopf schüttelte. „Es lief irgendwie wie von selbst. Wir hatten schon ein bißchen Material und wir haben daran herumgefeilt und ... unseren Spaß gehabt. Es ist einfach ... ich hatte gar nicht gewußt, wie sehr mir die Jungs und das alles gefehlt haben.“
Ich schwieg, während ich mich darüber ärgerte, dass ich mich nicht für ihn freuen konnte, weil Tammy irgendwo zwischen seinen Worten saß und mich triumphierend angrinste.
„Hey, bist du wirklich sicher, dass du wach bist?“ hörte ich AJ fragen, dann richtete er sich neben mir auf und drückte seine Lippen in meine Halsbeuge. „Ich meine ... so richtig wach und aufnahmefähig?“ Und ich fühlte, wie sich seine Lippen an meinem Hals zu einem Grinsen verzogen, während seine Hand begann, kleine Kreise auf meinem Bauch zu malen.
„Ich denke schon,“ sagte ich leise.
„Alles in Ordnung?“ fragte er weiter, während seine Hand höher wanderte und sanft meine Brust umschloss.
„Alles bestens. AJ bitte, ich ... ich bin müde,“ sagte ich und schob seine Hand wieder hinunter auf meinen Bauch.
„Oh, wirklich?“ fragte er und klang dabei so, als würde er mir kein Wort glauben. Seine Hand wanderte nun nach unten, fuhr in aufreizender Langsamkeit meine Oberschenkeln entlang und ertastete sich dann langsam ihren Weg zu meinem Schoß.
„Hallo?“ fragte ich empört, während ich ihn unsanft von mir stieß und mich aufsetzte. „Ich bin müde. Warum lässt du mich nicht einfach schlafen?“
Irritiert blickte er zu mir auf. „Was ist denn mit dir los?“ fragte er zurück.
„Mit mir? Garnichts. Ich möchte einfach nur schlafen. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte: Es ist mitten in der Nacht. Den ganzen Tag habe ich von dir keinen Pieps gehört und jetzt kriechst du hier ins Bett und denkst, es ist alles in bester Ordnung.“
„Oh, das ist es also,“ sagte er und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Was soll das heißen das ist es also?“ fragte ich zurück und fühlte, wie die Wut in mir zu brodeln begann. Was tat ich hier eigentlich? Warum geriet ich in letzter Zeit so schnell außer Kontrolle? Warum sagte ich Dinge, die ich gar nicht sagen wollte und verschwieg die Sachen, die mir wirklich wichtig waren? Dass ich ihn liebte zum Beispiel und dass ich wahnsinnige Angst hatte ihn zu verlieren, weil er heute mittag in diesem Cafe Tammy angestarrt hatte als wäre sie eine göttliche Erscheinung. Und weil er es den ganzen Tag nicht ein Mal für nötig befunden hatte, mich anzurufen.
„Du bist sauer, weil ich dich nicht angerufen habe?“
„Ich bin sauer, weil ... weil ...,“ ich sah hinunter in seine braunen Augen, die mich aufmerksam musterten, auf seine dunklen Haare, die noch leicht feucht vom Duschen waren und seine nackte Brust, die sich langsam hob und senkte.
„Weil?“ hakte er nach.
„Das weißt du ganz genau,“ gab ich zurück und lies mich neben ihn zurück in die Kissen fallen.
„Wegen Tam,“ vermutete er.
„Ja, wegen Tam.“
„Sie hat mich gefragt, ob sie den Jungs Hallo sagen kann. Hätte ich nein sagen sollen?“
„Ja, das wäre doch mal eine Maßnahme gewesen.“
Er seufzte laut und vernehmlich. „Robin,“ er drehte sich auf die Seite und sah mich durchdringend an. „Da ist nichts zwischen Tam und mir. Sie hat sich einfach gefreut die Jungs zu sehen und ein bißchen mit uns im Studio abzuhängen. Das hat sie früher auch oft getan.“
„Eben. Früher. Aber jetzt ist nicht mehr früher. Meinetwegen hätte sie mitgehen, den Jungs Hallo sagen und danach wieder verschwinden können, aber so wie es aussieht, war sie den ganzen Tag mit euch zusammen, stimmts?“
„Stimmt,“ nickte er und wirkte dabei leicht zerknirscht.
„Und ich sitze hier und warte. Ich meine ... ich freue mich wirklich für dich, dass es so gut läuft und du weißt, dass ich nicht wie eine Klette an deinem Rockzipfel hängen möchte, aber ... ,“ Ich schwieg, weil ich nicht mehr wußte, was ich sagen wollte.
„Ich glaube, du machst dir ein ganz falsches Bild davon, wie unsere Arbeit so abläuft,“ sagte AJ und begann sanft meinen Arm zu streicheln.
„Das mag ja sein, aber ... ,“ ich schüttelte den Kopf. „Kannst du nicht verstehen, dass es mich wahnsinnig macht zu wissen, dass sie bei dir ist und ... und ... ich meine ... ich weiß, was sie will, verstehst du? Sie will dich zurück. Sie ist pausenlos in deiner Nähe. Das ... das ist nicht richtig.“
AJ schwieg eine Weile, während er es vermied mir in die Augen zu sehen. Irgendetwas passierte hier und ich hatte keine Ahnung was da gleich auf mich zukam, aber sicher war, dass es mir nicht gefallen würde.
„Es ist vielleicht jetzt der falsche Zeitpunkt, aber ... ,“ er biss sich auf die Unterlippe und starrte auf einen Punkt irgendwo hinter mir.
„Aber?“ hakte ich nach.
„Aber ... Tam wird in nächster Zeit wohl ... also ...,“ er räusperte sich und ich rechnete mit dem Schlimmsten. „Sie möchte eine Reportage für ihr Magazin machen. Also ... wie ein Album entsteht, wie der ganze Prozess so abläuft und ... nun ja ... sie möchte uns bei unserer Arbeit begleiten.“
Für eine Moment war ich sprachlos. Das war also ihr Plan? „Und ... uhm ... es hatte niemand etwas dagegen?“ fragte ich.
„Wir haben mit Johnny und der Plattenfirma gesprochen. Sie sind alle entzückt, um es mal gelinde auszudrücken. Eine bessere Puplicity können wir uns gar nicht wünschen.“
„Na, das ist doch prima,“ sagte ich sarkastisch.
„Robin bitte. Das ist ... meine Arbeit. Mein Leben. Ich ... ich weiß, dass es für dich schwierig ist, aber ... ,“
„Aber es ist dir egal,“ nickte ich und schlug die Decke zurück.
„Nein, ist es mir nicht,“ sagte er und fasste nach meinem Arm. „Bitte bleib hier. Es bringt doch nichts immer davon zu rennen wenn es ernst wird.“
Ich schüttelte den Kopf. „AJ, es ist doch total egal, was ich zu sagen habe. Du und Tam, ihr macht sowieso was ihr wollt. Also was soll ich noch hier? Dir das Händchen halten?“
„Du könntest hinter mir stehen. Dich darüber freuen, dass es mit dem Album so gut klappt. Stattdessen denkst du nur an Tam und unterstellst mir die ganze Zeit, dass ich etwas mit ihr anfangen könnte. Das ist auch nicht gerade fair.“
Ich blickte auf ihn hinunter. Immernoch hielt er mich am Arm fest und sah mich dabei ernst an.
„Ich liebe dich,“ sagte er. „Und daran wird sich nichts ändern nur weil Tam jetzt eine Reportage über unsere Arbeit macht.“
„Aber kannst du auch verstehen, dass mir das weh tut? Dass ich mich damit nicht besonders wohl fühle?“
„Ja, das kann ich. Aber das hatte ich nicht alleine zu entscheiden, verstehst du? Das was sie tut, ist für das neue Album wirklich sehr wichtig. Für uns als Band. Das hat nichts mit dir zu tun.“
Eine Weile starrten wir uns noch an und ich war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch einfach aufzustehen und wegzulaufen und mich in seine Arme fallen zu lassen.
„Bitte bleib hier,“ sagte er beinahe flüsternd und zog etwas an meinem Arm. Widerwillig gab ich nach und lies mich von ihm in eine feste Umarmung ziehen. Mein Kopf ruhte auf seiner Brust und ich versuchte mich zu entspannen.
Die Sache mit der Reportage war nicht der Weltuntergang. Vielleicht sollte ich sogar dankbar dafür sein, dass sie sich mehr oder weniger „offiziell“ trafen und sich nicht heimlich in irgendwelche Kneipen schlichen.
„Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe,“ hörte ich ihn sagen. „Ich war so ... so ...,“ er schüttelte den Kopf, weil er scheinbar nicht erklären konnte was in ihm vorging, wenn er sich auf seine Musik konzentrierte.
„Du warst einfach eine Weile nicht wirklich anwesend auf diesem Planeten,“ vollendete ich seinen Satz.
„Ja, so könnte man es ausdrücken,“ hörte ich ihn schmunzeln.
„Ich freue mich ja wirklich für dich. Es ist schön, dich glücklich zu sehen. Ich kann nur nicht ... ,“ ich verstummte. Manche Themen sollte man ab einem bestimmten Punkt wohl einfach ruhen lassen. Es brachte nichts, noch weiter über Tammy zu diskutieren. Im Endeffekt machte ich damit nur die wenige Zeit kaputt, die ich im Moment mit AJ hatte.
„Ich weiß,“ sagte er leise und streichelte mein Haar.
Ich zog ihn etwas näher zu mir heran und drückte mein Gesicht an seine Brust. Er hatte mir gefehlt. Es gab so viel zu erzählen: Von Lucie, Amanda Fields, den Vorbereitungen für die Hochzeit. Doch ich verspürte im Moment nicht die geringste Lust mit ihm darüber zu reden.
Also schwiegen wir, kuschelten uns aneinander und schliefen schließen engumschlungen ein.

Kapitel 15