Kapitel 13
Ich saß neben Lucie in ihrem BMW Cabriolet und genoss den Wind, der mir das Haar um den Kopf wirbelte, die Sonne auf meinem Gesicht und Lucies Geplapper, die ohne Punkt und Komma zu reden schien. Es fühlte sich seltsam an neben jemandem zu sitzen, den ich eigentlich noch nicht lange kannte, der mir aber auf eine schwer zu erklärende, angenehme Art vertraut war.
Lucie war das genaue Gegenteil von mir: Selbstbewußt, zielgerichtet und energiegeladen. Eigentlich hätte ich mich neben ihr wie eine graue Maus fühlen müssen. Zumindest im Moment schien mein Leben meine Persönlichkeit wieder zu spiegeln: Konfus, ohne jedes Ziel und so überdeutlich auf AJ abgestellt, dass es mich immer wieder selbst überraschte, wie ich so leicht die Kontrolle hatte verlieren können.
Doch anstatt mich von Lucie abzuwenden, zog sie mich an wie das Licht die Motte. Es war ein wenig so, als ginge etwas von ihrer Energie und ihrem Selbstvertrauen auf mich über wenn ich mit ihr zusammen war und ich hegte die Hoffnung, dass ich mein eigenes Leben irgendwann wieder so in den Griff bekommen konnte, dass auch ich mich darin wieder wohlfühlte.
Ihr müsst auf jeden Fall im Winter mit nach Aspen kommen, sagte Lucie gerade, während sie an einer roten Ampel hielt und den Rückspiegel zu sich drehte um ihr Makeup zu überprüfen. Es ist einfach himmlisch da. Malcom hat dort eine kleine Skihütte ... , Bei Malcom handelte es sich um Lucies Ehemann, der immer noch in Dubai irgendwelche Geschäft mit den Schaichs abwickelte und den ich deshalb noch nicht kennen gelernt hatte. Auf jeden Fall war ich wahnsinnig gespannt auf den Mann, der es tatsächlich geschafft hatte, die überschäumende Lucie länger als zwei Jahre in ein und der selben Beziehung zu halten.
Ich lauschte weiterhin Lucies Beschreibungen der Skihütte, die wohl für gut zwanzig Personen ausgelegt war, während ich meinen Blick über die Cafes am Straßenrand schweifen lies. Junge, gutaussehende und braungebrannte Kalifornia saßen an Tischen alleine oder in Grüppchen zusammen und ließen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Wann war ich das letzte Mal so unbeschwert gewesen?
Ich weiß nicht warum ich Tammy zu erst sah, bevor mir AJ an ihrer Seite auffiel. Normaler Weise heftete sich mein Blick in einer größeren Menge ganz automatisch auf ihn, so als hätte ich tief in mir ein verstecktes Radar, das ihn auch noch auf große Entfernungen zeilsicher orten konnte. Doch heute sah ich zu erst ihre Lockenmähne, die sich verführerisch über ein knappes Tanktop ergoss und ihr Lächeln, mit dem sie gerade Nick bedachte, der zu ihrer Linken saß und mit ausholenden Gesten etwas erzählte. Eine Eiseskälte erfasste mich bei diesem Anblick und etwas, das sich anfühlte wie ein glühender Dolch bohrte sich in mein Herz.
Außer den dreien saßen noch Brian und Kevin mit am Tisch und alle Blicke waren auf Nick gerichtet. Nur AJ schien sich nicht im Geringsten für Nicks Ausführungen zu interessieren. Sein Blick ruhte auf Tammys Gesicht, die neben ihm saß und ihn garnicht wahrzunehmen schien.
... gibt es sogar einen Whirlpool und eine Sauna. Lucies Stimme drang wieder zu mir durch, vielleicht, weil die Ampel in diesem Moment auf Grün sprang und sich der Wagen wieder in Bewegung setzte. Die Gruppe mit Tammy und AJ blieb hinter uns zurück, doch ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht vergessen. Diese absolute Versunkenheit in ihre Gesichtszüge, so als sehe er sie das erste Mal wirklich an.
Wir waren bereits beim Dessert angekommen, als Lucie die Ellenbogen auf den Tisch stützte, die Hände unter dem Kinn faltete und sagte und jetzt raus damit. Was ist los?
Was soll denn los sein? fragte ich die Unschuldige spielend und konzentrierte mich auf mein Zitronensorbet, das wie das restliche Mittagessen nach nichts zu schmecken schien.
Nun ... seit einer guten Stunde zerpflückst du dein Essen in tausend kleine Stücke, isst aber nichts. Du redest kaum einen zusammenhängenden Satz mit mir und mit den Gedanken bist du sowieso ganz weit weg. Und bevor ich hier noch weiter die Alleinunterhalterin spiele, möchte ich jetzt gerne wissen, was in deinem hübschen Köpfchen vor sich geht.
Ich seufzte. Ist das so offensichtlich?
Oh, das ist mehr als offensichtlich. Ich wollte dir nur Gelegenheit geben, es mir von dir aus zu erzählen, aber da ich darauf wohl Ewigkeiten warten kann, muß es jetzt eben heraus.
Ich brachte so etwas wie ein Lächeln zustande. Ich habe vorhin AJ und Tammy gesehen, sagte ich leise.
Wo?
In einem Cafe, als wir an der Ampel gehalten haben.
Warum hast du nichts gesagt? Wir hätten uns zu ihnen setzen können. Lucie grinste bei diesem Gedanken. Er schien ihr zu gefallen, mir drehte sich allerdings alleine bei dem Gedanken daran der Magen um.
Ich ... es ging alles viel zu schnell. Außerdem ... wie sehe das denn aus? Als ob ich ihnen hinter spioniere.
Dazu fallen mir jetzt gleich mehrere, passende Kommentare ein, aber ich spare sie mir, weil ich den Verdacht habe, dass da noch mehr kommt, entgegnete Lucie und schob sich einen Löffel Vanilleeis in den Mund.
Ach, es war gar nicht so spektakulär, versuchte ich ihre Erwartungen herunter zu schrauben. Sie saßen mit einem Teil der Jungs zusammen und haben sicherlich dort zu Mittag gegessen oder so.
Hm ... gut. Was ist dann so schlimm daran?
Zum einen, dass er genau weiß, dass ich die Wände hoch gehen könnte wenn er mit ihr zusammen ist und er sie trotzdem heute morgen einfach so mit ins Studio genommen hat und außerdem ... ich weiß auch nicht ... Ich versuchte mich noch einmal an die Szene in diesem Cafe zu erinnern. Hatte ich vielleicht nicht richtig hingesehen? Oder etwas komplett falsch interpretiert? Hatte er sie wirklich angestarrt oder doch nur zufällig einen kurzen Blick zu ihr hinüber geworfen?
Und außerdem? hakte Lucie nach, nachdem ich immer noch stumm auf die kläglichen, zerfetzten Reste meines Mittagessens starrte.
Außerdem glaube ich, dass er sie angestarrt hat. So, nun war es heraus, aber es klang jetzt noch falscher, als es sich so schon in meinem Kopf angefühlt hatte.
Uhm ... er hat sie also angestarrt. Wie genau? Ich meine ... hatte sie nen Soßenfleck am Kinn oder hat sie irgendetwas getan, geredet, auf dem Tisch getanzt, dass er sie unbedingt ansehen mußte?
Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht so genau, gestand ich. Also ... auf dem Tisch hat sie jedenfalls nicht getanzt, fügte ich schnell hinzu, als ich in Lucies zweifelnd zusammengenkniffene Augen hinüber sah.
Wie kam es dir denn vor?
Ich weiß nicht. Also ob ... als ob ... er sie zum ersten Mal sieht, verstehst du? So ... interessiert und vollkommen ... es schien keinen wirklich Grund dafür zu geben. Gott, versteht man das?
Lucie lächelte. Ich denke, ich verstehe das sehr gut. Es ist nie verkehrt auf sein Bauchgefühl zu vertrauen und dein Bauch hat dir gerade eine Warnung zukommen lassen.
Um ehrlich zu sein war das nicht das, was ich hören wollte, gab ich mit einem gequälten Lächeln zu.
Ich weiß. Du möchtest von mir hören, dass du dir das alles nur einbildest und du dir keine Gedanken machen sollst. Aber so bin ich nun mal nicht. Ich sage dir, was ich wirklich denke. Und in diesem ganz speziellen Fall denke ich, dass du auf der Hut sein solltest, ob das in dem Cafe nun völlig harmlos war oder auch nicht, das spielt keine Rolle.
Ich nickte langsam. Sie hatte recht, auch wenn mir das nicht wirklich passte.
Was wirst du tun? Wirst du AJ darauf ansprechen?
Ich weiß nicht. Sollte ich?
Ich denke ... , in diesem Moment wurden wir von einer hochgewachsenen, jungen Frau unterbrochen, die an unseren Tisch trat und uns strahlend begrüßte.
Lucie Allister, ist es denn zu fassen. Schön sie wieder zu sehen! Und sie müssen Robin Duncan sein, richtig? Amanda Fields, angenehm, sie streckte mir die Hand entgegen und ich schüttelte sie, während ich aufstand.
Miss Fields, es freut mich, dass das mit dem Termin so schnell geklappt hat, lächelte ich und versuchte die Gedanken an Tammy und AJ in den hintersten Winkel meines Gehirns zu verbannen.
Amanda hatte dunkelblondes Haar, das sie mit einer Spange im Nacken zusammen gefasst hatte, eine kleine Stupsnase und große, mandelförmige, braune Augen. Sie trug keinen Schmuck und wirkte alles in allem so, als sei sie sich ihrer natürlichen Schönheit in keinster Weise bewußt.
Also als erstes, sagte sie, während sie sich auf einen Stuhl nieder lies, ihre langen Beine, die in einem schokoladenbraunen Hosenanzug steckten, übereinander schlug und aus einer Aktentasche einen kleinen Pager hervorzog nennen sie mich doch bitte Amanda und zweitens rätselt die halbe Stadt bereits darüber, wer sich wohl die McLean Hochzeit an Land gezogen hat. Ich war äußerst überrascht, dass sie das wirklich alles selbst organisieren wollen und somit mehr als erfreut, dass sie mich angerufen haben.
Robin hat noch nicht so viel Erfahrungen mit Hochzeiten, grinste Lucie. Ihr ist erst hinterher klar geworden, wieviel Arbeit sie sich damit aufgehalst hat.
So stimmt das ja nicht ganz, versuchte sich mich zu rechtfertigen.
Wie auch immer, lächelte Amanda. Jetzt bin ich hier und ich verspreche ihnen, dass sie diesen großen Tag niemals vergessen werden. Ich habe ihnen bereits einige großartige Adressen heraus gesucht, wo die Feier stattfinden könnte. Ich weiß nicht genau, ob wir überall so kurzfristig noch unterkommen können, aber ... ,
Oh, zumindest das habe ich bereits organisiert, lächelte ich. Wir haben das Weingut in den Uper-Hills gemietet.
Wundervoll! Amanda schien wirklich aus dem Häuschen. Ich habe dort vor zwei Jahren die Hochzeit von Melissa und Eric Hartworth ausgerichtet. Absolut fantastisch da oben und so romantisch.
Ich hatte zwar keine Ahnung, wer die Hartworth waren, aber ich lächelte trotzdem. Ja, das dachten wir uns auch.
Wie sieht es mit Tisch- und Blumenschmuck aus? Die Einladungen? Den Kleidern für die Braut, den Bräutigam, die Brautjungfern? Wo soll die Trauung abgehalten werden? Direkt dort oder ...,
Moment, Moment, bremste ich Amandas Redefluß mit erhobenen Händen. Können wir das alles etwas langsamer durchgehen. Ich werde ja schon ganz schwindelig, lachte ich.
Entschuldigen sie bitte, grinste Amanda. Ich bin manchmal etwas übereifrig wenn ich noch keinen Kaffee bekommen habe. Und damit winkte sie einen der Kellner heran und bestellte sich ein großes Schinkensandwich und einen doppelten Espresso dazu.